rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

22.11.2010 | 10:47

Happy Birthday, ENGERLING

 

Spricht man von Blues made in GDR, so wird man an einer Band nicht vorbeikommen, die in diesem Jahr ihr 35-jähriges Bühnenjubiläum feiert – Engerling.1975 in Berlin-Ost als Amateurband von dem Sänger, Keyborder und Mundharmonikaspieler Wolfram Boddi Bodag als Amateurband namens Engerling Blues Band gegründet, mischte sie von Anfang an Elemente des Blues mit denen von Rock und Soul und schuf so ihren eigenen Stil.

Neben Monokel, Stefan Diestelmann oder dem Erfurter Jürgen Kerth wurde sie zu einem festen Bestandteil der DDR-Bluesszene und auch bald eine professionelle Gruppe. Wolfram Bodag und der Gitarrist Heiner Witte absolvierten eine Ausbildung an der Musikschule in Berlin-Friedrichshain, alles anderen Bandmitglieder, die Besetzung wechselte mehrfach im Laufe der Jahre, waren Autodidakten.

Nach 1990 wurde die Gruppe auch international bekannt, weil die amerikanische Rocklegende Mitch Ryder auf sie aufmerksam wurde und sie schließlich für Europatourneen als Begleitband engagierte. So traten sie seit 2004 zusammen nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, Österreich, Belgien, Frankreich und Spanien auf und spielten mehrere CD-s zusammen ein. Ryders Song Aint nobody white can sing the blues gehört seit Jahren zum festen Programm der „Engerlinge“.

Ein weiterer Titel, der auf keinem Konzert fehlen darf, ist Mama Wilson, der sich mit dem Tod des amerikanischen Bluesmusikers Alan Wilson beschäftigt, der 1970 ums Leben kam.

Am Samstagabend nun stand Engerling auf der Bühne des Kesselhauses in der Berliner Kulturbrauerei, zusammen mit vielen Gästen. Es war ein geiles Konzert, es bot alles, was Engerling-Fans das Herz höher schlagen lässt. Als Opener begannen sie mit Moll´s Party, einem ihrer Klassiker. Es folgte das die 1989 – er Ereignisse reflektierende Herbstlied, rockig, bissig und mit der unverwechselbaren Stimme von Wolfram Bodag. Boddi war wie immer der Chef auf der Bühne, er dirigierte seine Musiker, gab gewohnt souverän die Kommandos, stellte die Gäste vor und plauderte ein wenig, erzählte Anekdoten und kleine Geschichten.

Ja, Gäste hatten die Engerlinge einige eingeladen. Zwischenzeitlich hieß die Band ja mal „Engerling Salon Orchester“, weil sie einen Geiger in ihren Reihen hatte. So wurden sie in DDR Nobelhotels eingeladen, weil die dort Verantwortlichen von Salonmusik ausgingen. Es legte sich schnell wieder, Engerling gehörte vor Fans mit Kutte und langen Haaren, mit der Bierflasche in der Hand, bis heute. Geigus jedenfalls lebt heute als Zahnarzt in Südafrika und ließ es sich nicht nehmen, beim Berliner Konzert dabei zu sein.

Friedemann Schulz, ein Drummer aus gemeinsamen Produktionen, trommelte zusammen mit dem eigentlichen Engerling-Drummer Hannes Schulze. Spektakulär stimmen die beiden sich ab, ehe sie gemeinsam ihre Schlagzeuge bearbeiten, das Publikum johlt.

Lutz Kerschowski und Hans-Eckhard Wenzel kommen auf die Bühne, sie spielen  einen neuen Titel „Alles Krise“, bissig, ironisch, einfach klasse.Dass Kerschowski, der  seit 1990 als Gitarrist für Rio Reiser spielte,  seit 1996  dessen künstlerischen Nachlass betreut, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Micha Linke von "Monokel" durfte natürlich nicht fehlen, auch er gratulierte mit einem Soloauftritt und verlangte seiner Gitarre alles ab.

Basti Baur von „Knorkator“, Steffi Breiting und Tobias „Tobi“ Hillig, die Bühne füllt sich, streckenweise sind es sechs Gitarristen, die ihre Klampfen bearbeiten.

Als dann auch noch Frank Diez die Bühne betritt, ist die Stimmung im Saal am Kochen. Diez, der für Peter Maffay und Udo Lindenberg spielte, mit Little Richard und Inga Rumpf Songs aufnahm, ist ein Ausnahmemusiker. Der Moderator des Abends, Olaf Leitner, (Ex-RIAS-Treffpunkt), erzählte die Story, wie Frank Diez ein Tape nach Jahren wieder in die Hand nahm, welches Aufnahmen von ihm mit Jimmi Hendrix enthielt. Dieses Tape, eine Kostbarkeit, zerbröselte unter seinen Händen und war nicht wieder herzustellen. Diez rockte zusammen mit den anderen Musikern, hatte seinen Soloauftritt, allen war die Spielfreude, der Spaß, anzumerken.

Überhaupt war der Abend eher von Rockmusik als von Blues geprägt, nur wenn die Engerlinge ihre alten Hits intonierten, kam der Blues auf die Bühne.

Als Wolfram Bodag die ersten Takte des legendären Muschelliedes anstimmte, hätte ich gern ein Feuerzeug angezündet. Schwermütig sang ich mit, die Gitarristen auf der Bühne hatten ihre Soloauftritte, alle Musiker des Abends kamen noch einmal zusammen, es war einfach grandios, nach mehr als drei Stunden.

Die unvermeidbare Zugabe und der Narkose Blues, die Band und ihre Fans vereint, unbeschreiblich. Ein Abend ging zu Ende, der mehr als nur ein Konzert war, es war Musik, die mich seit mehr als 25 Jahren immer wieder begleitet und begeistert. Die Engerlinge auf der Bühne, das bedeutet auch nach 35 Jahren immer noch Improvisieren, der Schluck aus der Bierflasche, die Kommunikation mit dem Publikum, eine gemeinsame Party feiern.

Fast 4 Stunden dauerte diese Party, nach 3 Zugaben war erst Schluss.

HAPPY BIRTHDAY, ENGERLING.

 
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Kommentare
Rapanui schrieb am 22.11.2010 um 11:17
Hallo Rolf Netzmann,

Dank für Ihren Report. Schön die Namen zu lesen und mir die Musik vorzustellen. Schade, dass ich nicht dabei war.

Stefan Diestelmann war sicher nicht eingeladen. Erzählte denn Boddi noch die böse Geschichte von Diestelmann und dem VW hinter der Bühne?

Das Herbstlied von "Engerling" ist mein Lieblingssong zur "Wende". In der Version unten hat das Lied nicht den Drive, wie ich es kenne. Na ja, Boddi ist älter, die Wende lange her und die Aufnahmetechnik mäßig.

rolf netzmann schrieb am 22.11.2010 um 11:23
stimmt, Diestelmann war nicht dabei und wurde auch nicht genannt, alle Gäste habe ich erwähnt und die von Ihnen erwähnte Story wurde nicht berichtet. Die Jubiläumstour geht ja weiter, auf der Homepage der Band sind die nächsten Konzerte aufgelistet, vielleicht spielt sie ja bald in Ihrer Nähe.
Rapanui schrieb am 22.11.2010 um 12:16
Im Booklet der CD Engerling Jubiläumskonzerts von 2000 in der Kulturbrauerei steht:

>>>... tauchte ziemlich nervös unser Haustechniker Hermann auf, im Schlepptau einen Verkehrspolizisten, welcher wild gestikulierte. "Wer ist hier der Verantwortliche? Wem gehört der VW-Golf dort hinten? Das Auto steht direkt im Fluchtweg". "keine Ahnung" bemerkten wir "Handwerker und Schlagersänger kennen wir nicht". "Hören Sie auf, wenn in zwei Minuten nicht der Wagen verschwunden ist, wird dieses Konzert von uns beendet!" Wir sahen uns betreten an. Waren wir doch noch in die Fallstricke dieses Open Air gegangen?Wir stürzten zu Diestelmann. "Eh Stefan, kannst Du nicht mal durchsagen, dass der Besitzer ....den Wagen aus dem Fluchtweg nehmen soll. Die Bullen wollen das Konzert abbrechen." Diestelmann nickte und sagte "Mann das ist doch mein Auto" Er unterbrach kurz sein Konzert. Das Publikum johlte , doch es sah nicht, was für ein Auto der gute Diestelmann aus der sicherheitstechnischen Oberhoheitszone fuhr. Es sahen nur wenige. Seitdem haben wir immer gern auf Diestelmann-Konzerte verzichtet. Engerling dagegen spielte und spielt in der Leipziger Moritzbastei jedes Jahr im Dezember. An einem Dienstag rollte dann früher immer ein klappriger Wolga plus Anhäger an.<<<

So auch diese Jahr wieder am 17.12.2010, 21.00 Uhr in der Moritzbastei. Dank für den Tipp Rolf Netzmann.

Warum ich die Geschichte mit Diestelmann und Engerling noch mal aufschreibe: Sie ist kaum noch verständlich und doch ist sie wahr. Sie soll zeigen, wie sehr sich Leute mit allgemeinen Beurteilungen dieser Zeit zurückhalten sollten, die nicht einmal diese Zeichen lesen können.

Einfach Engerling hören und mal die Klappe halten: "War das nicht' ne herrliche Zeit,
alle war'n zum Aufruhr bereit.
Plötzlich war es allen klar,
dass da was zu wenden war."
rolf netzmann
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