rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

15.11.2011 | 21:53

Ich tauche in den Untergrund ab und keiner merkt es?

 

 

Dass es in Deutschland rechtsextreme Gewalttäter gibt, die auch vor Mord nicht zurückschrecken, ist nun ganz offensichtlich. Eine spannende Frage ist aber, wie es möglich ist, in Deutschland in den Untergrund zu gehen, einfach abzutauchen. Gibt es nicht so viele Bindungen des Bürgers an staatliche Institutionen und ein privates Umfeld? Fällt es nicht irgendwann auf,  wenn ein Bürger durch alle Raster fällt, der Freund oder Kollege plötzlich nicht mehr da ist?

Ich habe mir einmal  Gedanken gemacht, wie es möglich ist, diese Bindungen zu kappen.

Erstens, wenn ich nach einem Auszug aus einer Wohnung, in der polizeilich gemeldet bin, mich einfach nicht mehr woanders melde, umgehe ich schon die erste Bindung. Zugegeben, das ist  ein Gesetzesbruch, ein Verstoß gegen das Melderecht, aber das ist in Kauf zu nehmen.

Zweitens, wenn ich kein Fernsehgerät oder Radio mein eigen nenne, entfällt meine Anmeldung bei der GEZ und auch eine Abmeldung dort ist möglich.

Drittens, besitze ich kein Auto, muss ich es auch nirgendwo anmelden. Ein zum Zeitpunkt des Abtauchens vorhandenes Auto wird ordentlich abgemeldet und das war es.

Viertens, ich kann mein Konto jederzeit auflösen, ohne irgendwo ein neues zu eröffnen. Das Geld, was ich zum Leben brauche, verdiene ich schwarz und erhalte es cash.

Fünftens, Steuern zahlen nicht alle Bürger, viele sind nicht zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet. Gehörte ich vorher schon zu diesem Kreis, ist es noch viel einfacher, abzutauchen. Anderenfalls gebe ich einfach keine Steuererklärung mehr ab, den chronisch überlasteten Finanzämtern fällt dies mit Sicherheit nicht auf.

Sechstens, eine Krankenversicherung umgehe ich, indem ich  bei meiner Krankenkasse kündige und mich bei keiner neuen anmelde.

Siebentens informiere ich aus meinem bisherigen gesellschaftlichen Umfeld keinen Menschen sondern verschwinde einfach von heute auf morgen.

Damit habe ich wesentliche Bindungen an den Staat und mein privates Umfeld gekappt und Vorrausetzungen geschaffen, in den Untergrund zu gehen.

Es bleibt aber die Frage, warum es den Nazimördern möglich war, abzutauchen, warum der Sohn eines Professors sein Abitur abbrechen konnte  und seine Eltern ihn erst Jahre später als vermisst meldeten.

Und es bleibt die Frage, warum die Verfassungsschützer die vorher schon auffälligen Nazis aus den Augen verlieren konnten und es nicht möglich war, oder sein durfte??, sie weiter zu beobachten.

Immerhin waren es keine unbescholtenen Bürger, die einfach alle Verbindungen abbrachen und deren Spuren sich verloren, wie es immer wieder passiert.

               Wie wird eine gewalttätige rechte Szene von denjenigen überwacht, die im Namen ihres Amtes den Schutz des deutschen Grundgesetzes tragen?

Es ist relativ einfach, in Deutschland abzutauchen, wenn ich ein unbescholtener Bürger bin. Dass gewalttätige und den Behörden bekannte Nazis dies so einfach können, glaube ich nicht. Und so stellt sich die Frage, welche Helfer sie hatten in den Reihen des Verfassungsschutzes. 10 Tote rechtfertigen hier auch keinen Geheimnisschutz mehr.

 
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Kommentare
Nietzsche 2011 schrieb am 15.11.2011 um 23:00
Zusatz: Man fälscht seine Daten/Ausweise bzw. benutzt die anderer (vermutlich mit deren Wissen).
SuzieQ schrieb am 15.11.2011 um 23:19
Dafür braucht es keine Unbescholtenheit, aber Helfer, Zielstrebigkeit und Disziplin gepaart mit Unauffälligkeit.

Den Begriff 'Nazimörder' halte ich für unglücklich gewählt.
Achtermann schrieb am 16.11.2011 um 05:59
Zusatz @Rolf Netzmann

Man müsste beim Freitag unter einem Nickname bloggen.
rolf netzmann schrieb am 16.11.2011 um 15:02
@achtermann, warum sich hinter einem synonym verstecken, ich stehe zu dem, was ich schreibe
Achtermann schrieb am 16.11.2011 um 17:47
@ Rolf Netzmann

Der Verfassungsschutz lässt anders untertauchen. Das beste Mittel ist eine neue Identität. Damit bleibt man nach außen hin Teil der Gesellschaft und fällt nicht auf. Da braucht man nicht mal einen Schlapphut.
txxx666 schrieb am 16.11.2011 um 15:12
In Anbetracht der aktuellen Erkenntnisse scheint noch sehr viel mehr als ein NPD-Verbot momentan die Abschaffung des "Verfassungssschutzes" geboten zu sein.
misanthrope.blogger.de/stories/1936943/
apatit schrieb am 16.11.2011 um 16:21
Herr Netzmann, es ist richtig – alles so sagen wie es ist. Eine mordende Terror Verbrecher - Nazibande, rassistisch, völkisch durchgeknallt und nicht wie üblich, die beißen doch nicht, die wollen doch nur spielen. Das ist das Übel in Deutschland leider zu lange. Bei aller Tragik ohne die vielen Toten wäre wie üblich wieder nichts geschehen und zu viele mussten schon sterben!
Maxi Scharfenberg schrieb am 16.11.2011 um 16:41
Die 7 von Ihnen beschriebenen " Tauchvorgänge" können in Deutschland nur sehr theoretisch illegal realisiert werden. Dafür liebt man in diesem Land, was nicht immer schlecht sein muss, zu sehr die Denunziation des Nachbarn, des Verkehrsteilnehmers, des Kollegen oder gern die des Steuerzahlers. Praktisch wird immer ein eifriger Bürger da sein, der bei den Behörden fragt, ob das alles in Ordnung ist, was er sieht und hört. Man kann das in den zahlreichen Fernsehberichten verfolgen, in denen stets und ganz spontan ein Bürger aus der Nachbarschaft allzu eilfertig seine Beobachtungen public macht, warum sollten solch auffällige junge Leute da illegal wohnen können? Lächerlich. Ohne geprüfte Selbstauskunft mieten? Bar zahlen? Die Miete? Den Strom?? Wie ???
Der Verdacht ist nicht auszuschliessen, dass es Aktivitäten von Behörden gab, die den Tatverdächtigen nicht nur zu Willen waren, sondern deren Ziel es war, Unruheherde quasi landschaftspflegerisch zu betreuen, für welche konspirativen Aufgaben auch immer.
Maxi S.
apatit schrieb am 16.11.2011 um 16:54
"Frankfurt - Die Rolle des Verfassungsschutzes bei der Bekämpfung des militanten Rechtsextremismus rückt immer mehr ins Zentrum der Diskussion. Nach StZ-Informationen war ein offizieller Mitarbeiter des Staatsschutzes in Hessen stärker als bisher bekannt in der rechten Szene verhaftet und hat rechtsextremes Gedankengut verbreitet.

In geheimer Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag kamen belastende Hinweise gegen den mittlerweile suspendierten Beamten zur Sprache. So soll dieser in seinem Heimatdorf als bekennender Rechtsradikaler aufgefallen sein - sein Spitzname lautete "der kleine Adolf". Man könne davon ausgehen, dass der Beamte kein Mitläufer, sondern ein Agitator war, der Hitlers rassistische Schrift "Mein Kampf" verbreitete."
E H schrieb am 16.11.2011 um 17:53
Ich glaube, dass es kaum möglich ist, ohne ein Konto, für das man zwingend eine "Identität" braucht, eine Wohnung zu mieten oder die Stromrechnung zu bezahlen. Alles andere ist doch auffällig, weil es einfach heute vollkommen unüblich ist. Beim Telefon usw. mag das ja gehen, aber bei Strom und Miete?

Das ist nur ein Aspekt. Wenn man etwa zeitweise in den späten 90ern einen Helfer hatte und dessen Ausweise etc. gekriegt hat, ist man spätestens nach einigen Jahren mit dem Problem konfrontiert, dass Ausweise ablaufen, Geld- und Kreditkarten auch. Man braucht also auf jeden Fall über lange Zeit Helfer, die einem ihre Identität leihen. Wenn man gefälschte Papiere irgendwo bei Fälschern kauft, braucht man auch Helfer. Wenn man krank wird, braucht man Helfer. Helfer sind auch immer Mitwisser und potentielle Verräter.

Man kann auf jeden Fall in einem dichtbesiedelten und engmaschig kontrollierten Land wie D. kaum auch mal einer Polizeikontrolle entgehen. Es gibt GEZ-Kontrolleure etc.

Mir erscheint die These vom "Verschwinden" eher unplausibel.
h.yuren schrieb am 16.11.2011 um 19:28
lieber rolf, du schreibst selbst, "glaube ich nicht."
die story ist schlicht unglaubwürdig. geheimdienste verdienen kein bisschen vertrauen. warum sind und agieren sie denn geheim?
mit demokratie haben die auch noch nie was im sinn gehabt. aber kein staat will auf die geheimwaffe verzichten. warum wohl?
schon mal was über agents provocateurs gelesen? im staatsauftrag, meist vom geheimdienst in szene gesetzt.
das sind durchsichtige spielchen, bei denen es oft genug um leben und tod geht.
verfassungskonform? realpolitik!
rolf netzmann
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