Eine Bühne, spärlich möbliert. Ein Tisch, auf dem zwei Flaschen Wasser und ein Glas stehen. Daneben drei Stühle, Notenpulte und Musikinstrumente. Langsam hüllt sich der Zuschauersaal in Dunkelheit. Der Autor und seine Musiker betreten die Bühne und nehmen Platz. Eine Melodie beginnt durch den Raum zu schweben. Sie stimmt uns ein auf eine Lesung mit Ilja Trojanow, dem bulgarischen Romancier, der heute in Wien lebt.
„Eistau“ heißt sein neuer Roman, erschienen im deutschen Hanser Verlag. Trojanow sitzt lässig, die Beine übereinandergeschlagen und sich mit dem linken Arm auf dem Tisch aufstützend. Seine sympathische Stimme erfüllt den großen Saal des Berliner Festspielhauses. Wir haben uns vorher schlau gemacht, der Roman handelt von einem Glaziologen, der seinen Gletscher verliert. Doch zunächst rezitiert der Autor, frei sprechend, Passagen von einer Schiffsfahrt, phillipinischen Seeleuten und in ihren Kenntnissen gefangenen Wissenschaftlern. Er berichtet mehr, als dass er liest, läßt so sein Publikum an den Erlebnissen seines Protagonisten teilhaben. Unterbrochen wird er immer wieder von Musik, die sich harmonisch in die Gesamtperformance einfügt. Er steht auf, läuft nur wenige Schritte auf der Bühne, blickt dabei auf seine drei Musiker und danach wieder ins Publikum. Dieses erlebt einen alten Mann in seiner Kneipe, der verbittert konstatiert, dass er sein ganzes Leben an einem Ort verbracht hat.
Die intensivste und ergreifendste Passage der Lesung kommt nun. Der Protagonist wird von seinem österrrichischen Wirt am Bahnhof abgeholt und zum Gletscher gefahren. Dieser ist, nein, nicht verschwunden, er ist massiv zurückgegangen, geschmolzen, in einzelne, versprengt in der Bergwelt liegende kleine Einzelstücke zerfallen. Es ist die bildgewaltige Sprache Trojanows, die an dieser Stelle fesselt. Der Glaziologe will allein sein, er schickt den Wirt davon, verfällt in eine stille Zwiesprache mit seinem Gletscher. Er hat ihn vermessen, hat alles statistisch erfasst und muss erkennen, dass die gesamte Arbeit der letzten Jahre nutzlos war. Still liegt er neben einem der kleinen verbliebenen Reststücke und hat die Augen geschlossen.Ein Wanderer kommt vorbei und erkundigt sich nach seinem Befinden, heute sei ein so herrlicher Spätsommertag. Der Glaziologe wird wütend, sieht der Wanderer die Katastrophe nicht? Mit barschen Worten schickt er den Wanderer davon. Dieser versteht den Glaziologen nicht, findet keinen Zugang in dessen Welt.
Es ist diese unaufgeregt aufgebaute Spannung, die hier fasziniert.
Was am Ende der Lesung folgt, ist mehr eine kleine Episode. Sie handelt wieder auf dem Kreuzfahrtschiff, dass Trojanows Helden immer wieder in den Süden fährt. Detailreich erzählt der Autor von einer älteren Frau, die das Ei eines Pinguins aus den Krallen eines diebischen Vogels rettet und dem Pinguin zurück bringen möchte. Aus dieser gut gemeinten, spontanen Reaktion entwickelt sich eine mittlere Katastrophe, an deren Ende ein toter Pingiun, eine aufgeregte ganze Kolonie dieser Tiere und eine an der Hand gebissene Frau zurück bleiben.
Ein Wermutstropfen waren die zwei längeren Toncollagen, die eingestreut waren. Sie unterbrachen unnötig den harmonischen Fluss der Erzählung und der Musik.
Es war ein gelungener Auftakt des Internationalen Literaturfestivals Berlin, eine fesselnde Lesung, die durch die Persönlichkeit von Ilja Trojanow geprägt wurde.
Und sie weckte die Neugier auf das Buch.