14
]
Es war nur eine kleine Meldung in den gestrigen Radionachrichten, fast wäre sie in der Fülle der täglichen Katastrophenmeldungen untergegangen. Der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde bedauert, dass er nicht das Personal hat, um das Vorgehen der Stasi gegen DDR-Neonazis aufzuarbeiten.
Es ist ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes Statement. Dass es Neonazis in den letzten Jahren der DDR gab, ist bekannt, dass die Stasi gegen diese vorging, auch. Nur wie sah dieses Vorgehen aus? Wurde diese Szene ebenfalls unterwandert und infiltriert, wie die kirchliche Oppositionsbewegung oder die alternative Kunstszene in Berlin-Prenzlauer Berg? Oder wurde hier sofort knallhart durchgegriffen?
Anfang der 90-er erschien ein Buch von Ingo Hasselbach, der 1990 eine der zentralen Figuren der Nazis im Berlin-Lichtenberger Weitlingkiez war. Hasselbach, der später ausstieg und seine detaillierten Kenntnisse offenbarte, beschreibt darin die straffe Organisationsstruktur und die Vernetzung der rechten Gruppen. Diese hatten damals in der Weitlingstrasse auch Häuser besetzt und dort ihre Kommandozentralen eingerichtet. Nur wie die Stasi gegen sie vorging, dazu schreibt er nichts, obwohl er schon in der End-DDR-Zeiten ein Neonazi war.
Nur stellt sich noch eine andere Frage. Wie konnte in der DDR, die für sich immer den Antifaschismus als eine Gründungsdoktrin proklamierte, überhaupt eine solche Szene entstehen? War der Faschismus und die Naziideologie doch nicht, wie immer behauptet, mit Stumpf und Stil ausgerottet worden? Anders als die langhaarigen Kuttenträger, die den Bluesbands quer durch die Republik hinterherfuhren, konnte hier die Musik kein Bindeglied darstellen. Im öffentlichen Erscheinungsbild galt der staatlich verordnete Antifaschismus.
"Früher durften wir es nicht sagen, da hätte uns der Russe wieder geholt", solche und ähnliche Sätze habe ich nach 1990 mehrfach im sächsischen Vogtland gehört. Gesprochen wurden sie von alten Männern, die den Überfall auf die UdSSR als Angehörige der Wehrmacht erlebt hatten und immer noch stolz darauf waren. 40 Jahre DDR haben daran nichts geändert, jetzt, nach deren Zusammenbruch, erhoben sie ihre Köpfe wieder. Nur haben sie 40 Jahre geschwiegen? Wohl kaum, diese Saat der Lüge vom Volk ohne Raum, von der ruhmreichen Wehrmacht lebte im Verborgenen weiter, im Privaten, in den eigenen vier Wänden. Das Beharrungsvermögen war stärker als der staatlich verordnete Antifaschismus. Als die DDR zu erodieren begann, wuchs sie wieder, nistete sich ein in den Köpfen der Jungen, die sie immer wieder im Geheimen erlebt haben.
"Die Kommunisten haben endlich ausgedient", auch ein Satz, der nach 1990 häufig im Vogtland ausgesprochen wurde. Die CDU unter Biedenkopf als quasi Staatspartei, die anderen Parteien marginalisiert und auf der lokalen Ebene auch diese alten Männer als Mandatsträger der DSU, es war ein idealer Nährboden für das Entstehen rechstsextremer Gruppierungen, der von den rechten Funktionären aus dem Westen mit Kusshand aufgenommen wurde.
Nur dieser Nährboden entstand viel früher, dieser Acker wurde Jahre früher schon bestellt. Insofern wäre es schon interessant, was in den Archiven der ehemaligen MfS-Bezirksverwaltungen besonders von Dresden und Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) an Akten schlummert, die die Vorgehensweise der Stasi gegen DDR-Neonazis beleuchten und offenlegen.
|
|
Schön, mal wieder etwas von Ihnen zu lesen, Herr Netzmann.
"Nur stellt sich noch eine andere Frage. Wie konnte in der DDR, die für sich immer den Antifaschismus als eine Gründungsdoktrin proklamierte, überhaupt eine solche Szene entstehen?" Ist es denn nicht so, daß in totalitären Regimen, also in einer auf Totalität angelegten Atmosphäre, eben totalitäre Gedanken entstehen können - und zwar eben grundsätzlich und nicht nur in der Art, wie es vorrangig totalitär gewollt und favorisiert ist? Außerdem kennen Gedanken keine hingezirkelten Staatsgrenzen. Und hinzu kommt wohl auch noch, daß die ehemalige DDR von einer Diktatur in die nächste geraten ist - ohne quasi Verschnaufpause. |
|
|
das ist sicherlich so, ja, nur war es eben auch so, dass es in der DDR immer eine Naziideologie gab, die nur staatlich gedeckelt war und so nie offen zutage treten konnte, erst als der Staat sie nicht mehr deckeln konnte, ab 1988, konnte sie ihre menschenverachtende Fratze immer offener zeigen
|
|
|
Weil das Totalitarismus-Gerede Quatsch mit Soße ist! In der DDR gab es vielfältige Subkulturen, u. a. auch die braune. Konrad Weiß hat ab Mitte der 1980er Jahre zum Entstehen einer neofaschistischen Subkultur in der DDR recherchiert. Ab 1987 kursierten seine Texte in halblegalen Blättchen, dann in den Postillen der Wenderecken, seit der BRD-igung wird nur noch Dummschwatz darüber verbreitet.
|
|
|
"Weil das Totalitarismus-Gerede Quatsch mit Soße ist!"
Mein Güte, @ hadie, wollen Sie ernsthaft erzählen, die sogenannte DDR sei ein weltoffenes Gemeinschaftsgebilde gewesen, mit pluralistischer Struktur und mit "vielfältige Subkulturen", und kein auf ideologische Totalität angelegtes Regime? |
|
|
Also GEBE,
wenn ich mir so Ihre Kommentare durchlese, fühle ich mich nur noch als Schlechtmensch, man schämt sich eigentlich, dass man hier ist, ich meine nicht im Freitag, sondern überhaupt... :-( WEITER SO :-)))))) Lieber Herr Netzmann: "Wohl kaum, diese Saat der Lüge vom Volk ohne Raum, von der ruhmreichen Wehrmacht lebte im Verborgenen weiter, im Privaten, in den eigenen vier Wänden." Si isset wohl, Ost wie West, Aber West hatte mehr Konsum, da ist es ein bisschen abgelenkt worden, aber man hätte die Leute auch austauschen können. Stell dir mal Wehner, Kohl etc. unter Ulbricht vor, GAENSEHAUT :-( |
|
|
@ tlacuache schrieb am 22.01.2012 um 15:33
"Also GEBE, wenn ich mir so Ihre Kommentare durchlese, fühle ich mich nur noch als Schlechtmensch, man schämt sich eigentlich, dass man hier ist, ich meine nicht im Freitag, sondern überhaupt... :-( WEITER SO :-))))))" Ich bin mir sicher, tlacuache, daß das was Sie geschrieben haben, sehr sinnvoll ist. Ich kann damit aber nichts anfangen, weiß nicht, was Sie konkret meinen. Können Sie das für mich deshalb noch einmal etwas umformulieren, damit ich es verstehe? |
|
|
@hadie, diese Subkulturen gab es schon seit Beginn der 70-er im Bereich der Literatur, der Musik, der Malerei, also im künstlerischen Bereich. Erst in der zweiten Hälfte der 80-er entwickelte sich aber eine locker strukturierte Naziszene, weil die innere Überwachung erodierte und der immer vorhandene Nährboden endlich seine Saat sprießen lassen konnte
|
|
|
Gebe,
"Ich bin mir sicher, tlacuache, daß das was Sie geschrieben haben, sehr sinnvoll ist. Ich kann damit aber nichts anfangen, weiß nicht, was Sie konkret meinen. Können Sie das für mich deshalb noch einmal etwas umformulieren, damit ich es verstehe?" Das kommt dann irgendwann, ganz unvermutet, wahrscheinlich wenn ich es selbst am wenigsten erwarte... Wir sind halt nur Menschen... :-)))) Nur Geduld |
|
|
Lieber @GEBE,
nur mal so zum nachdenken :-) leben wir jetzt nicht auch in einer Art "totalitärem" ideologischem System? Oder warum beobachtet der VS die Linke so vehement? Sozialistisches/kommunistisches Denken ist ja auch in diesem System nicht wirklich angesagt. Und die Linken sind wegen dem GG auch nur geduldet. Man kann es doch nennen wie man will....der "Staat" wird immer eine Ideologie in seinem Interesse verfolgen. In der DDR war es der "Mensch", in der BRD ist es das Kapital. Wobei die DDR natürlich auch teilweise die Nazistrukturen übernommen hatte. Man denke nur an arbeitsunwillige und Jugendämter. Was sich heute wieder angeglichen hat. Und ja, ich kann nicht sagen das die DDR kein weltoffenes Gebilde war! Es wurde in der DDR genauso wie in der BRD gegen den Klassenfeind gehetzt. Oder was meinten Sie mit "vielfältiger Subkultur" denn genau? Auch der Westen hat sich erst später nach dem Mauerbau für bestimmte Kulturen (Bsp. Lesben und Schwule) weiter geöffnet. Und auch in der DDR gab es solche Szenen, genauso wie die FKK-Szene, die im Gegensatz zum Westen (der bis heute dies nicht so toleriert) offiziell anerkannt wurde. :-) Auch gab es die offizielle Pflege unterschiedlicher Kulturen (Bsp. Sorben, Russen). In der Religion gab es auch Subkulturen. Wobei die Religion in der DDR eben keine so typische Rolle wie in der BRD gespielt hatte. Die meissten Menschen waren ohne Konfession. Es gab die Langhaarigen Blueser mit typischen Bekleidungsmerkmalen wie "Jesuslatschen" (Römersandalen) und Parker, Punker ebenso. Schausteller waren auch eine Subkultur und wurden offiziell geduldet. Es wurde in der DDR , nur nicht alles in den Medien so zelebriert wie es heutzutage der Fall ist. Es gab aber auch Medien, die das System anprangerten. Bsp. den Eulenspiegel. Es gab das Rotlichtmillieu. Was man nicht duldete waren sogenannte "Zusammenrottungen" in Parks, verbunden mit Alkohol. Die DDR war eben offiziell auch autoritär. Ansonsten war die überwiegende Mehrheit in der DDR genauso spießig wie die BRD. Das hatte sich doch erst alles nach der Wende rasant verändert. Ich kenne aber auch keinen DDR-Bürger mit rechtsextremen Einstellungen. Das es eine Naziszene in der DDR gab, wusste ich nicht bis vor kurzem. Wo ist das eigentlich mit Fakten belegt?! Wobei Sachsen schon in der DDR eine ausergewöhnliche Rolle spielte. Denn in Sachsen, wie ich weiß in Dresden, konnte man eben kein "Westfernsehen" zu DDR-Zeiten empfangen. Da war man dann sehr auf den Staat sauer. Ich glaube nicht, dass dies etwas mit Totalitärem System zu tun hat, sondern mehr mit Teilnahme an der Gesellschaft und Gerechtigkeit. |
|
|
Na das ist ja interessant....in der 2. Hälfte der 80iger entwickelten sich die Nazis.
Na wenn das nicht mal gesteuert wurde, denn die Übernahme der DDR war gut lange vorher geplant! |
|
|
@ KarinL. schrieb am 23.01.2012 um 17:27
Liebe KarinL., “… leben wir jetzt nicht auch in einer Art "totalitärem" ideologischem System?“ Klare Antwort von mir: NEIN! Daß wir jedoch ideologisch indoktriniert werden ist klar. Nur bin ich nicht verpflichtet auf irgendeine Ideologie Lieder absingen oder Eide schwören zu müssen. Und außerdem ist um „uns“ keine Betonmauer gezogen, die mich vor der Freiheit schützen soll. Das war der Hauptaspekt auch in meinem obigen Kommentar bezüglich dessen was ich dort geschrieben habe. Ich zitiere mich mal selbst in diesem Zusammenhang: „… wollen Sie ernsthaft erzählen, die sogenannte DDR sei ein weltoffenes Gemeinschaftsgebilde gewesen, mit pluralistischer Struktur und mit "vielfältige Subkulturen", und kein auf ideologische Totalität angelegtes Regime?“ Daß “die FKK-Szene“ (…) im (…)Westen (der bis heute dies nicht so toleriert) offiziell anerkannt wurde. :-), darüber wollen Sie ja wohl nicht Totalität definieren. Und muß so etwas o f f i z i e l l anerkannt werden? Durch ein Bundesministerium, eine Kommission etwa? Und daß “ Man kann es doch nennen wie man will....der "Staat" wird immer eine Ideologie in seinem Interesse verfolgen.“ - die Zeit von Staaten in die Endphase als Gemeinschaftsformen und –Modelle zuende geht, ist allfällig wahrzunehmen. Da stimme ich Ihnen soweit zu. Es sind heutzutage mehr und vielschichtigere Interessen als soziale und kulturelle Schnittmengen gegeben, als die Identifizierung mit dem Staat – oder eben einer totalitären, omnipotent daherkommenden Ideologie. . Ihre Beispiele „Sorben, Russen“ ect. treffen den Kern nicht als repräsentative Beispiele, die Beispiele ja wenigstens sein sollen. Denn, ich spitze die Beispiele mal zu, um deren „am Ziel vorbei“ zu belegen: Sie ziehen lediglich Geschmacksangelegenheiten herbei. Und quasi erweiterte Geschmacksangelegenheiten sind eben auch tradierte Zusammenhänge. |
|
|
www.freitag.de/kultur/1151-ein-teil-vom-wir
Das ist vor einiger Zeit lang und breit im Freitag-Kultur in einem Beitrag behandelt worden. Da hat hadie auch seine Infos her. |
|
|
Haha, den Artikel fand ich ja damals aus persönlichen gründen auch besonders Interessant: Bei dem Steiner (der Regisseur) habe ich meine jounalistische Fortbildung gemacht und er hat immer Beispiele aus dem Film gebracht um zu sagen, wie man es nicht machen soll, weil er da wohl einen ganzen Sack voll Anfängerfehler gemacht hat. Trotzdem sicher ein sehenswerter Film.
|
|
|
Ich verweise mal auf eine sehr gute Studie dazu (vielleicht in der FC auch bekannt): "Rechtsextremismus und Antifaschismus;
herausgegeben von Klaus Kinner und Rolf Richter". Kann man im Internet downloaden. Sehr zu empfehlen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen