rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

23.09.2011 | 21:54

Von Profisport, kranker Psyche und einer nur scheinbaren Absurdität

Wer kann sich noch an Trappatonis Wutrede vor dem versammelten Bayern-Kader und das zur Legende gewordene Zitat „ Was erlauben Strunz “ erinnern? Der italienische Startrainer hat damals für sich ein Ventil  geöffnet und die hochbezahlten Profis ordentlich zusammengestaucht. Er hat seine Emotionen heraus gelassen und keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Spieler genommen.  

Sebastian Deisler hat keinen anderen Weg mehr gesehen, als seine Depressionen behandeln zu lassen, Robert Enke hat den Freitod gewählt  und einer seiner Nachfolger, Reservetorwart Miller , lässt sich gegenwärtig in einer bayerischen Klinik behandeln.  Alle, außer Trappatoni, sind durch den Stress des Profifußballs in psychische Probleme geraten, die sie allein nicht mehr lösen konnten.  Wutausbrüche sind im Übrigen auch von anderen Trainern wie der Handball-Legende Heiner Brand oder dem als Alpen - Vulkan bezeichneten Eishockeytrainer Hans Zach bekannt.

Nun hat einer der bekanntesten deutschen Fußballtrainer sein Burnout öffentlich bekannt.  Schalkes Mannschaftsarzt spricht bei Ralf Rangnick von einem vegetativen Erschöpfungssyndrom, das den Trainer daran hindert, weiter zu arbeiten.  Rangnick wird Hochachtung für seine Entscheidung ausgesprochen, die eigene Gesundheit mehr als den  Fußball zu achten. Schalke verkündet, zu seinem Trainer halten wollen.

Doch was ist es, was Spieler und Trainer psychisch ruiniert? Profifußball ist heute ein knallhartes Geschäft und setzt pro Jahr mehr als die gesamte deutsche Textilindustrie um. Es gilt neben dem sportlichen immer auch der wirtschaftliche Erfolg. Je sportlich erfolgreicher ein Verein ist, desto potentere Sponsoren kann er gewinnen. Dass der FC Bayern mit der Deutschen Telekom über einen namhaften Großsponsor verfügt, während der FC Augsburg nur von einem regional bekannten Unternehmen finanzielle Zuwendungen erhält, demonstriert dies deutlich. Der Erwartungsdruck, der auf den Spielern und Trainern lastet, ist enorm. Einen Höllenjob habe Rangnick in Hoffenheim  gehabt, bevor er zu Schalke zurück kehrte, heißt es. Aus dieser Zeit bei  der TSG sind heftige Auseinandersetzungen des Trainers mit dem Manager und dem Vorstand in der Öffentlichkeit bekannt geworden. Man könnte auch sagen, Rangnick wurde zerrieben wie andere vor ihm.

Fußballvereine sind Unternehmen, sie sind dem Erfolg verpflichtet. Nur im Gegensatz zu  Firmen in der Wirtschaft stehen sie im Fokus und unter dem Druck der Fans, von Journalisten und potentiellen Geldgebern. Es ist kein Zufall, dass ein langfristiges Arbeiten in kaum einem Verein möglich ist, wenn dies zunächst untere Tabellenplätze oder gar den Abstieg bedeutet. Selbst ein ausgewiesener Fachmann wie Klinsmann hatte mit seinem langfristig angelegten Konzept bei den Bayern keine Chance, weil die Bayern –Chefs nur den kurzfristigen Erfolg gesehen haben.

Dass Fußballer und mit Rangnick nun der auch der erste Trainer öffentlich erklären, dass sie für eine gewisse Zeit dieser Belastung nicht mehr gewachsen sind, ist nur zu begrüßen. Sie dokumentieren damit auch, dass die Kommerzialisierung des Profisports den eigentlichen Sinn sportlicher Betätigung in das Gegenteil verkehrt. Es wirkt auf nur den ersten Blick absurd. Anstatt die Gesundheit zu fördern, führt der Profisport in die Krankheit.

So lange Hochleistungssport als ein gewinnorientiertes Geschäft betrieben wird, bleibt es auch dabei, dass die Akteure mit ihrer Gesundheit dafür zahlen. Dass es Männer wie Rangnick gibt, die für sich die Reißleine ziehen und eine Auszeit nehmen, wird daran nichts ändern.

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 23.09.2011 um 22:31
Der Sport ist das Brennglas dieser unserer Leistungsgesellschaft. Sport ist Wettbewerb. Und Wettbewerb ist der archimedische Punkt der freien Marktwirtschaft. Wer unterliegt, wird ausgespuckt. Der Trainer hat sich selbst vom Markt genommen. Jedoch hat er einen enormen Vorteil: Seine bisherigen Leistungen haben ihm so viel Moos eingebracht, dass er gar nicht mehr in die Fußball-Mühle zurückkehren muss. Er kann sich jede Sonneninsel aussuchen und dort zusammen mit seinem Therapeuten chinesische Glückskekse genießen oder ayurvedanische Trockenübungen machen.
Angelia schrieb am 24.09.2011 um 08:12
Ich habe gerade Robert Enke - ein allzu kurzes Leben gelesen.
Mein Eindruck ist, dass neben dem Druck von außen eben auch Faktoren eine Rolle spielen, die in der Persönlichkeit des Sportlers liegen.
Im Profisport geht es ja in erster Linie um Leistung, Sieg und Niederlage. Mit Gesundheitsförderung hat das nicht viel zu tun.
Das Problem scheint wie überall der Zwang zur Steigerung der Produktivität des Einzelnen zu sein. Wir haben es mit einer allgemeinen Verdinglichung des Menschen zum Zweck zu tun.
Menschen sind nicht mehr Zweck an sich selbst. Diese Entwicklung ist nicht nur krank ,sondern macht krank. Mit Spaß und sportlich fairem Wettkampf hat auch das alles nichts mehr zu tun.
poor on ruhr schrieb am 24.09.2011 um 12:05
Es ist eine Leistungsgesellschaft, die krank macht und Menschen, die da nicht mithalten können oft auch in die Armut und Hartz IV treibt.
Die Diskussion um Rangnick begrüße ich auch. Mehr Offenheit ist da gut.
Mir fällt aber auf, dass die jenigen die sich die Diskussion darüber leisten können, mindenstens zu gehobenen Mittelschicht gehören. (Diverse Spiegeltitel und so.)
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