rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

11.08.2011 | 12:04

Wie ein Wahlplakat zu für uns Deutsche unangenehmen Fragen führt...

 

Wer jetzt in Berlin unterwegs ist, kann sie nicht übersehen, die unzähligen Wahlplakate zur Abgeordnetenhauswahl. Für ausländische Touristen bedeuten sie aber auch eine Beschäftigung mit uns Deutschen und unserer Geschichte.

Es war gestern Abend, als mir ein 20jähriger mexikanischer Tourist ein Handyfoto mit der Frage zeigte, was er da aufgenommen habe. Das Bild zeigte ein bereits in vergangenen Wahlkämpfen verwendetes, aber immer noch hochaktuelles Plakat der Linkspartei, „ Nazis raus – aus den Köpfen“.

Zunächst erklärte ich dem jungen Mann, dass Deutschland wie Mexiko aus Bundesländern mit jeweils eigenen Parlamenten besteht und die Berliner im September ihr Parlament neu wählen. Als ich ihn danach fragte, ob er den Begriff „Nazi“ kenne, antwortetete er sofort. Ja, Hitler war Nazi.

Wie erstaunt war er, als ich ihm sagen musste, dass es in Deutschland heute noch Nazis gibt. Nach einer kurzen Denkpause blickte er mich fragend an. Die seien doch schon alle tot, so lange wie das her sei, gab er mir zur Antwort.

Noch erstaunter war er, als ich ihm erklärte, dass in Deutschland bereits die dritte Generation an Nazis existiert, neue Nazis, junge Männer und Frauen  wie er. Dass es in Deutschland immer noch Menschen gibt, die den Holocaust leugnen und Hitler für einen guten Mann halten, war ihm völlig unverständlich.

Nach einer etwas längeren Denkpause fragte er mich sehr ernsthaft, warum wir Deutschen so etwas zulassen. Danach drehte er sich um, ging, und ließ mich mit dieser unbeantworteten Frage ratlos zurück.

Ja, warum lassen wir es zu, dass in der Mitte unserer Gesellschaft eine menschenverachtende, rassistische und ausländerfeindliche Ideologie immer noch ihren Platz behaupten kann?

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
poor on ruhr schrieb am 11.08.2011 um 13:44
"Nach einer etwas längeren Denkpause fragte er mich sehr ernsthaft, warum wir Deutschen so etwas zulassen. Danach drehte er sich um, ging, und ließ mich mit dieser unbeantworteten Frage ratlos zurück.

Ja, warum lassen wir es zu, dass in der Mitte unserer Gesellschaft eine menschenverachtende, rassistische und ausländerfeindliche Ideologie immer noch ihren Platz behaupten kann?"

Sehr eindrucksvolle und vollkommen richtige Frage!

Danke.
claudia schrieb am 11.08.2011 um 14:25
Ich versuche mal eine Antwort.

Deutsche Regierungen haben ja eine deutlich faschistoide Tendenz.
Zum Beispiel Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, als notorisch faul, irgendwie angeboren "sozialschwach" usw. zu diffamieren: Eine Kaste von Minderwertlingen, die man für fast kein Einkommen zur Arbeit zwingen müsse.

Oder: Jede bekanntwerdende kriminelle Tat wird benützt, um dem Volk den totalen Überwachungsstaat schmackhaft zu machen.

Bei den zwei Beispielen will ich es mal belassen.

Um den alltäglichen Faschismus aus dem Bewusstsein zu verdrängen, brauchen wir die Superfaschos: "Nur echt mit dem Hakenkreuz"
GEBE schrieb am 11.08.2011 um 15:11
Ich stimme Ihnen - wie so oft -, aber diesmal endlich auch schriftlich zu.

Manchmal tut ja ein Feedback auch mal gut, gelt?

:-)
claudia schrieb am 11.08.2011 um 17:13
danke für die Zustimmung, GEBE :-)
Richard der Hayek schrieb am 11.08.2011 um 14:43
Haben Sie sehr gut gemacht. Bewundernswert.
Die Sache ist nur die, daß es in sehr vielen westlichen Ländern Nazis gibt, auch in den USA, in Norwegen war vor kurzem ein gutes Beispiel.
Das liegt ganz einfach daran, daß in Zeiten zunehmender Not radikale Gruppen Zulauf haben. Das ist aber auf der ganzen Welt so.

Die Frage: warum wir das zulassen ? ist auch leicht zu benantworten: weil es sehr aufwendig bis unmöglich ist, das abzustellen.
Man könnte den Besuch aus Mexiko ja fragen, wieso es dort "zugelassen" wird, daß Drogenkartelle faktisch die Macht im Lande ist und Tausende den Bandenkriegen zum Opfer fallen.

Man könnte in den islamischen Ländern fragen, wieso dort diese Selbstmordattentate "zugelassen" werden: die meisten kriegen wir gar nicht mit, weil die innerhalb der großen Glaubensrichtungen dort geschehen.

Es geht mir nciht um aufrechnen, das wäre blöd. Einfach, wie es funktioniert.
Aber der kritische, schuldbewußte Deutsche: sehr gut.

Wenn man sich so anschaut, was weltweit so alles "zugelassen" wird, da ruft man ja nach dem Zuhälter.
GEBE schrieb am 11.08.2011 um 15:14
@ Richard der Hayek:

"Die Sache ist nur die, daß es in sehr vielen westlichen Ländern ..."

Nicht wahr, der eigene schief gelatschte Absatz wird nicht gerader dadurch, daß ich bei meinem Nachbarn auch schief gelatschte Absätze konstatiere.
Richard der Hayek schrieb am 11.08.2011 um 16:11
Behauptet auch keiner.
Ich bin keiner, NICHTS sozusagen.
h.yuren schrieb am 12.08.2011 um 09:53
@ richarddh
"Die Frage: warum wir das zulassen ? ist auch leicht zu benantworten: weil es sehr aufwendig bis unmöglich ist, das abzustellen."

und warum ist es unmöglich, das neonazigewese abzustellen?
wo ein wille wäre, da wäre auch ein weg.
vergleiche mit anderen ländern können manchmal erhellend und hilfreich sein, in der nazifrage hat es aber im nachfolgestaat der naziherrschaft seine besondere bewandtnis. hier hilft es überhaupt nicht, auf andere zu zeigen. (siehe GEBEs beispiel) hier ist die politische aufgabe klar.
wenn die neonazis die einzigen vertreter der rückwärtsrepublik wären, ließe sich der einzelne schmutzfleck mit einem wisch erledigen. klar?
manstruator schrieb am 17.08.2011 um 11:28
eine gut formulierte anekdote aus dem alltag, die zum nachdenken anregt
rolf netzmann
life is illusion, adventure, challenge...but not a dream
Ort:
berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 10 Wochen
Zuletzt aktiv:
24.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 322
Kommentare: 841
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
15:06
FKritik hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:01
luddisback hat gerade einen Kommentar geschrieben.
14:57
Hakan Civelek hat gerade einen Kommentar geschrieben.
14:51
FKritik hat gerade einen Kommentar geschrieben.
14:48
Calvani hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG