Frau Kopf

Blog von Frau Kopf

30.08.2011 | 17:18

Sommerloch

Er ist schön, beweglich, hat volles und dunkles Haar und seine Haut die milde Farbe der Brötchen, die in großen Körben hinter der Theke liegen, dann geht er im Walzerschritt zur Kasse. Ein Tag, an dem morgens der Bäcker tanzt, wird gut. Woche für Woche gehörte er zum Laden wie das Regal oder der Ofen, an diesem Morgen aber tritt er heraus wie ein Glas, das aus dem Schrank auf den Tisch gestellt wird, denn er fragt nicht wie sonst Was darf es sein, sondern Wie immer – ein harmloser Versprecher, unmöglich lenken Worte ewiger Wiederkehr ein Verkaufsgespräch auf unbekannte Bahnen. Alles wird seinen gewohnten Gang nehmen, Bitte, Danke, Schönen Tag, stattdessen sehe ich ihn unscharf vor meinem Gesicht winken, Träume nicht Dein Leben, sagt er.

Ich schließe die Tür, die sich auch von allein geschlossen hätte, erinnere mich, warum ich in den Laden gegangen bin, greife die Brötchentüte, die knistert, dann in mein Haar: Es ist nass vom Schwimmen wie meine Badelatschen, die mit jedem Schritt schmatzen.

Der Mann in meiner Küche hat Kaffee gekocht, liest Zeitung am Frühstückstisch und lächelt wie jeden Tag vor der Arbeit, die ihm mehr Spaß macht, als mit mir vor warmen Brötchen zu sitzen. Er beißt ab, steht auf, und ich wische die Krümel weg, die wir auf dem Tisch hinterlassen haben. Ich tue das langsamer als sonst, um meine Gedanken auf Abstand zu halten. Träume nicht Dein Leben. Der Satz folgt mir durch den Supermarkt, vorbei an Paprika und Salatköpfen, ich versuche ihn abzuschütteln, nur ist er noch da, als ich die Paprika am Nachmittag in Stücke hacke, und als der Mann in meiner Küche am Abend sagt Bin wieder da, habe ich keinen Hunger.

Ich winde mich im Bett und kann nicht schlafen neben dem Mann, der schläft und schnarcht. Träume nicht Dein Leben. Ich flüstere den Satz. Er würde unschuldig klingen, hätte er gesagt Träume nicht Dein Leben lang. Das Wort Lang hätte den Satz so gewöhnlich gemacht wie: Du bist eine Träumerin, aber so – das Zimmer, der Mann, sein Schnarchen sind nur ein Traum, wie alles außerhalb von mir, sogar ich selbst, und solange ich lebe, werde ich nicht aufwachen, hat der Bäcker mit seinem dahingetanzten Satz gesagt.

Der Mann sitzt am nächsten Morgen wieder in meiner Küche am Frühstückstisch, steht auf und geht zur Arbeit, und mir schmecken die Brötchen nicht. Ich gehe einkaufen. Sonne scheint auf hängende Schultern, auf Tüten tragende Arme, von billigen Röcken umspielte Knie. Krawatten werden gelockert, hier und dort schleckt jemand ein Eis oder bohrt in der Nase, und ich denke: Wenn er nun recht hat. Das Leben ist ein Traum und endet erst dann, wenn Du stirbst, sage ich dem Uniformierten, der kein Beamter ist und vor einer Glastür wartet. Beim Stirbst zuckt er kurz und grinst dann, als hätte er einen Witz gehört. Ich gehe weiter. Das Wissen über die Entwicklung menschlichen Lebens ist nur Teil eines großen Traums und betrifft uns nicht, flüstere ich den gestressten Müttern zu. Sie schieben ihre Kinderwagen durch die Fußgängerzone, als wäre nichts gewesen. Entschuldigung, merken Sie nichts, frage ich eine Verkäuferin, und sie: Was denn, da habe ich die Antwort schon zur nächsten und weiter getragen und weiter und so fort, denn keiner soll sich von der Wiederholung des Bekannten täuschen lassen, gerade im Alltag ist Vorsicht geboten. Ich spreche diese Warnung nicht klar aus, sie ist jedoch Buchstabe für Buchstabe in meinen Fragen zu hören. Niemand aber lässt sich auf die Bahn bringen, auf die der Bäcker mich in schlüpfrigen Badelatschen geführt hat.

Wie war Dein Tag, fragt der Mann, als er am Abend die Einkaufstüten auf dem Bett liegen sieht – ich weiß, seine andeutenden Worte sagen das, was die deutlichen nicht sagen können. Ich verhalte mich unauffällig, atme, esse, trinke, wache morgens auf, gehe schwimmen und Brötchen kaufen und küsse dem Mann die Stirn. Ich verbringe so die warmen Tage, und in den Nächten schlafe ich fest und träume vom Bäcker. Dann wache ich auf.

Du hast im Schlaf gesprochen, sagt der Mann, er sitzt in der Küche und erinnert mich an einen alten Pullover, den ich vor Wochen über die Lehne gehängt und vergessen habe. Er sagt den Namen des Bäckers – und während wir nun alle zusammen sind, der Mann, der in Wirklichkeit nur geträumt wird, ich, die nur geträumt werde, und der Bäcker, von dem ich träume, beginne ich seit Wochen das erste Mal an ihm zu zweifeln. Nicht weil ich ausgerechnet von ihm träume, sondern allgemein. Denn die Frage, mit deren Antwort mein Selbst steht oder fällt, ist: ob ein Traum träumen kann.

 

 
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