Nietzsche 2011

Der ostdeutsche Mohikaner

20.04.2011 | 14:23

Absurdistan

Vorwarnung: Dieser Text ist nur zu verstehen, wenn man sich von jeglicher Ideologie befreit und zugleich Vorstellungskraft entwickelt.

1. Mai in Berlin-Kreuzberg. Mehrere Organisationen haben zu revolutionären 1. Mai-Demonstrationen aufgerufen. Auf den Plakaten und Spruchbändern werden die Abschaffung aller sozialen Disparitäten, die Abschaffung der Kernenergie sowie der Rücktritt der Regierung gefordert. Der Zuspruch ist groß, ist doch die Unzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung in den letzten Monaten stark angestiegen. Am Abend kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Demonstrantengruppen und der Polizei. Was aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre heraus nichts Neues ist. Neu ist, dass sich schnell ein revolutionäres Lagezentrum bildet, was zum Widerstand gegen das totalitäre Regime der Bundesrepublik Deutschland aufruft. In Kreuzberg und Friedrichshain werden Barrikaden errichtet; die Widerständler rüsten sich mit Eisenstangen, Steinen und Molotowcocktails auf. Anwesende Journalisten – gefragt sind besonders die Boulevardmedien sowie linke Zeitungen – werden mit Facebook-Bildern versorgt, welche die gewaltsamen Übergriffe der Polizei eindeutig dokumentieren. Eine provisorische Pressekonferenz erklärt den Medienvertretern, dass die Ziele dieses Aufstandes von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werden und sich auch zahlreiche muslimische Verbände mit den Revolutionären solidarisiert haben.

Während der Nacht eskalieren die Straßenschlachten. Polizeiwachen werden gestürmt, Autos und Geschäfte angezündet. Der Senat von Berlin bittet die Bundeswehr um Hilfe.

In den nächsten Tagen verstärken sich auf beiden Seiten die Aktionen. Während Touristen zum Verlassen des revolutionären Zentrums genötigt werden, sind Revolutionäre aus aller Welt – auch aus pakistanischen Ausbildungsstätten – willkommen. Facebook hat inzwischen die Welt informiert. Stephane Hessel und seine Schüler verfassen ein Manifest. Mehrere Staaten mahnen die Bundesrepublik zur Einhaltung der Menschenrechte, insbesondere nicht mit Waffengewalt gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen. Sowohl arabische wie auch lateinamerikanische Staaten beantragen eine Sondersitzung des Weltsicherheitsrates, in dem Deutschland (nichtständiges) Mitglied ist.

Inzwischen ist der Aufstand der Mairevolutionäre fast niedergeschlagen. Um das Gesicht zu wahren, wird Al Kaida um militärische Unterstützung gebeten. Viele Staaten bestellen den deutschen Botschafter ein und verlangen den sofortigen Stopp des Blutvergießens. Die internationalen Medien sind Dauergast in Kreuzberg und Friedrichshain. Hier besuchen sie die Krankenhäuser und werden vom revolutionären Stab mit Informationen über die Gewalt des deutschen Staates versorgt. Entsetzen breitet sich bei allen friedliebenden Menschen der Weltgemeinschaft aus. Für die deutschen Revolutionäre kommen Spenden aus allen Regionen der Erde an.

Diesem Druck kann die deutsche Regierung nicht mehr standhalten. Da die Gesprächsbereitschaft von den Revolutionären nicht angenommen wird, bittet Deutschland die kubanische Regierung um Vermittlung. Die Regierung erklärt ihren Rücktritt als Vorbedingung dieser Gespräche. In zähen Verhandlungen gelingt die Rückkehr zum politischen Zustand vor dem 1. Mai. Die Hoffnung auf einen Volksaufstand habe sich leider nicht erfüllt, aber man habe ein Fanal gesetzt, erklärt das revolutionäre Komitee, welches nunmehr vom Ausland aus Aktionen initiieren will.

Absurd? Man tausche Kreuzberg gegen Bengazi aus. Immer noch absurd? Genau!

 
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Kommentare
Jacob Jung schrieb am 20.04.2011 um 15:47
@Nietzsche 2011: "Dieser Text ist nur zu verstehen, wenn man sich von jeglicher Ideologie befreit und zugleich Vorstellungskraft entwickelt."

Hast Du Dich beim Verfassen des Textes denn auch von jeglicher Ideologie befreit? :D
Nietzsche 2011 schrieb am 20.04.2011 um 18:01
Nach meinem Verständnis - ja. Für mich gibt es keine absolute Wahrheit und ich misstraue Nachrichten, die sich "objektiv" nur auf eine Seite begeben, damit parteilich sind.
Mit meinem Text will ich zeigen, wie leicht Manipulation ist.
Nietzsche 2011
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