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Berlin gilt als „arm, aber sexy“. Ein offizieller Slogan wirbt „Be Berlin“. Eine Fassade, die nicht glänzt, wird eben zugepostet. Aber dies währt nicht mehr lange. Bald wird es wohl heißen „In Berlin sein heißt wachsam sein“ (oder so ähnlich). Die kriminelle Verrohung breitet sich aus und wird zunehmend thematisiert:
www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/anwohner-verpruegeln-kindergaertner/4317416.html
www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/jugendliche-zu-haft-verurteilt-die-opfer-leiden-lebenslang/4318280.html (beides am 23.06.2011)
www.tagesspiegel.de/meinung/die-schleichende-entgrenzung-der-gewalt/4318026.html (24.06.2011).
So abscheulich auch die einzelnen Taten sind (nur die Spitze eines Eisbergs), so wenig wird doch der allgemeine moralische Zustand der Gesellschaft – konkret: Berlin – hinterfragt. Das Wort „Moral“ hat mit Gewohnheiten zu tun (lat.: mores), aber auch mit Aufforderungen i.S.v. Sollsätzen: Du sollst dies und jenes tun bzw. nicht tun. Moral ist die Gesamtheit der Verhaltensweisen und Normen, die die Individuen im gesellschaftlichen Kontakt als gültig anerkennen.*
Kriminelles Verhalten ist natürlich unmoralisch und wird über die Durchsetzung von Rechtsnormen (Strafen) sanktioniert. Wie ist es mit dem moralischen Verhalten unterhalb der Schwelle des Strafrechts bestellt?
Berlin hat seit langem ein Vandalismus- und Vermüllungsproblem (Müll, Hundekot, zerkratzte und beschmierte Fenster in S-, U- und Straßenbahn). Gegenwehr der Berliner gegen diese Regelverletzungen – weitgehend Null. Zur Moral (s.o.) gehört mittlerweile das Wegsehen. Es gibt keine reale moralische Ächtung.
So wird auf falsche Erziehung der Eltern – zur Erziehung gehört eben die Vermittlung von Soll-Sätzen – oder schlechte Arbeit der Schulen (Ethik-Unterricht) verwiesen. Aber immer lauter wird der Ruf nach härteren Gesetzen. Je weniger Eltern, Pädagogen, Nachbarn – kurz: wir alle – moralische Regeln durchsetzen, desto mehr geben wir Verantwortung ab in Richtung Justiz und Politik.
Bis wir irgendwann begreifen, dass wir in einer „rechtsstaatlichen“ – um gegenüber der DDR abzugrenzen – Diktatur gelandet sind.
* Fernando Savater: Ethik für Erwachsene von morgen
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Man kann nicht nur, man muss es als (gern pathologisch bedingte), abscheuliche Einzelfälle deklarieren; in toto!
Die Frage nach dem "allgemeinen moralischen Zustand der Gesellschaft" ist tabu, weil wir doch in der besten aller alternativloser Sachzwanggesellschaften leben. In Ostdeutschland sozialisiert - und das ist nicht als Vorwurf zu verstehen - mag diese Entwicklung hierzulande und jenseits vom damaligen Blick auf Einbauküche, Mallorca-Urlaub und Blechkarosse einige blinde Flecken haben; entgegengesetzt sicher ebenso. Der Wegfall der Konkurrenz der Systeme bedeutet nun, dass eben diese blinden Flecken als sachbezwangter "Einzelfall" wahrgenommen werden (müssen). Die Segregation der Gesellschaft - und sarrazinesker Migrationshintergrund ist dabei absolut zweitrangig - läuft auf die "gated communities", für Wenige und "open range" für Viele hinaus; wie es "drüben" zunehmend der Normalfall wird bzw. bereits ist. Dies zu konstatieren fällt schwer, hat nicht zuletzt etwas von Zynismus; egal, auf welcher Seite der Barrikade man (real, gefühlt etc.) aktuell steht. Btw. Das Buch gibt es gebraucht noch zu kaufen, und warum sollte die Entwicklung hier anders verlaufen? Und es ist in den Jahrzehnten nicht besser geworden, im Gegenteil und bei mittlerweile weit über 40 Millionen Beziehern von Lebensmittelmarken. www.silkes-ecke.de/Silkes_Buecher-Ecke/html/kinder_nicht_mehr.html Wer viel hat, hat viel zu verlieren - zunehmend vice versa... |
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@ebertus 20.21
Die Kriminalfälle mögen Einzelfälle sein; wobei ich der Polizeistatistik nicht glaube in punkto Rückgang. Mir kam es aber vor allem darauf an, zu zeigen, dass unsere Gewohnheiten - damit unser moralisches Verhalten - diktiert sind von einem falsch ausgelegten "Laisser-faire". Und da bin ich mir nicht sicher, dass der Wegfall der Systeme die Ursache ist. |
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@Nietzsche 2011
Ich habe nicht gesagt, dass der Wegfall der Systeme (deren Konkurenz) die "Ursache" ist, sondern sprach von der nunmehrigen Wahrnehmung. Man mag es (zum Zwecke der Selbstberuhigung) als individuelles Fehlverhalten konstatieren oder eben - mein Eindruck und nicht zuletzt nach vielen Aufenthalten in Nordamerika - als die dem System innewohnende, zwangsläufige Konklusion. |
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Hat nen lamentierenden Ton, oder? Die Zeiten warn mal anders, ja. Gar nicht so lange her, da nannte sich der Staat selbstbewusst Wohlfahrtsstaat, verfügte über Steuereinnahmen (Vermögenssteuer und und) und über wasmanso Volkseigentum nennt (Bahn, Post mit sicheren Arbeitsplätzen).
Der Wind hat sich gedreht bzw. ist gedreht worden. Politik und Behörden sind heute kaum in der Lage, eine zuverlässige, geordnete Infrastruktur zu gewährleisten: Bildung, Gesundheit, Grundversorgung Energie/Wasser/Nahrung/Bahn. Von den Auswirkungen der Deregulierung der Finanzmärkte mal ganz zu schweigen. Das ist der Hintergrund, vor dem wir uns dann gern auch über Hundekot echauffieren dürfen und der hilfreich ist, wenn wir uns beispielsweise die Verrohung der Umgangsformen erklären wollen. Mit dem Wissen um diesen Hintergrund kann man dann darüber reden, wie dem gegenwärtigen Elend beizukommen ist. |
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@Dreizehn um 20.55
Ich habe bewusst die Entwicklung unseres Staatswesens ausgeblendet. Zu schnell ist man bereit, jedes Fehlverhalten auf den Staat zu schieben; den ich keineswegs entlasten will. Wichtiger ist doch, dass auch der Einzelne über sein moralisches Verhalten Verantwortung für das Staatswesen trägt. Den Rest schenke ich mir und verweise auf meinen Eintrag zu ebertus. PS. Ob lamentieren oder nicht - ist es sachlich richtig, so kann es auch kritisiert werden. |
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ich bin echt am grübeln...
wenn ich jetzt mein kind öfter mal haue (ganz pädagogisch versteht sich, nur damit es weiß, wie sich gewalt anfühlt) - dann kacken die hunde weniger? |
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Hauen Sie Ihr Kind bitte nicht - ich bin sicher, es ist jetzt schon intelligenter als Sie.
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das will ich doch hoffen!
wo es doch mein kind ist. aber ... es war ein langer weg bis dahin. |
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"Hauen Sie Ihr Kind bitte nicht - ich bin sicher, es ist jetzt schon intelligenter als Sie."
Nicht schlecht. :-)) Entschuldigung Rahab, aber für eine gute Pointe...:-)) |
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.... auch vor unsrer Zeit waren die Sitten etwas aus den Fugen, wie man sieht: youtu.be/Bmpe-dQb0FM
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Danke für den Clip!
Vielleicht ist mit Humor dem moralischen Verfall - so zumindest meine Sicht, denn Gleichgültigkeit gegenüber Regelverletzungen ist der Weg dahin - beizukommen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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