3
]
Die hektische Berichterstattung über Börsenkurse soll uns weismachen, dass aller Wohl und Wehe einzig vom Kursverlauf der Aktien abhänge. Letztlich nur ein Manöver, um von den wirklichen Ursachen der Finanzkrise abzulenken.
Vergleichsweise wohltuend empfand ich dagegen das Buch „Sprengstoff Kapital“ von Edgar Most. Most ist ein ausgewiesener Kenner der Finanzwelt – als Staats-Banker der DDR wurde er nach der „Wende“ in den Vorstand der Deutschen Bank übernommen (und hat sich nicht verbiegen lassen). Auf einige ausgewählte Passagen des Buches sei an dieser Stelle aufmerksam gemacht.
Im Kontrast zu den gepushten Schlagzeilen über die Schuldenländer weist er auf die jahrelang praktizierte und bekannte (!) Zahlenmanipulation hin: „. . . Zumal – auch das ist mittlerweile eine geschichtliche Wahrheit – schon Mitte der neunziger Jahre, keiner der Euro-Kandidaten wirklich solide Staatsfinanzen präsentieren konnte, von Luxemburg und Irland mal abgesehen“. (S. 61) Und an anderer Stelle: „Als die europäischen Regierungschefs im Mai 1998 auf dem Sondergipfel in Brüssel die Einführung der neuen Währung beschlossen hatten, war ja Griechenland der einzige EU-Kandidat, dem man die Mitgliedschaft verweigert hatte. Dieser Demütigung folgte eine bis heute einzigartige Bilanzkosmetik, die unter dem Begriff Greek Statistics inzwischen in Brüssel zum geflügelten Wort geworden ist“. (S. 63)
(Im Januar 2001 hatte Griechenland plötzlich nur noch eine Neuverschuldung von 1,6% des BSP – und durfte der Euro-Zone beitreten)-
Dass deutsche Firmen (insbesondere Banken) – und Angela Merkel ist ja deren Sachwalter – ein besonderes Interesse an einer „deutschen“ Lösung der Finanzkrise haben, ergibt sich aus der Tatsache, dass deutsche Firmen „. . . nach Berechnungen von Wirtschaftsforschern zwischen 2003 und 2009 fast eine Billion Euro an Vermögen in ausländische Finanztitel investiert“ haben. (S. 28) Allein die großen deutschen Banken „sind mit weit über 300 Milliarden Euro in Griechenland, Irland, Portugal und Spanien engagiert“. (S. 102) Sind diese Länder nicht gerade im Finanz-Fokus?
Ursache der derzeitigen (?) Krise ist für Most – andere Wirtschaftsfachleute bestätigen dies – die Entkopplung zwischen Finanz- und Realwirtschaft: „Inzwischen ist das Handelsvolumen an den Finanzmärkten mit 4400 Billionen Dollar siebzigmal so groß wie die jährliche weltweite Wirtschaftsleistung“. (S. 36) Für ihn ist klar: „Wenn die Politik, statt vorrangig nur Krisensymptome zu bekämpfen, jetzt nicht endlich anfängt, die Fehler des Systems zu beseitigen, dann schafft sich der Kapitalismus über kurz oder lang selbst ab“. (S. 38)
Aber auch die Individualschuld lässt Most – volle Zustimmung von mir – nicht außer Acht: „. . . , es ist nicht nur die Gier der Investmentbanker, sondern eben auch unser aller Gier, die mit dazu beigetragen hat, dass wir in die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten gerieten“. (S. 40)
Für mich als Wirtschaftslaien ein hochinteressantes Buch; auch wegen der Hintergründe der DDR-Ökonomik – aber hierüber sollten sich Interessierte selbst informieren.
Edgar Most, Steffen Uhlmann (Hrsg.)
Sprengstoff Kapital. Verschwiegene Wahrheiten zum Aufschwung
256 Seiten
|
|
Das ist mir zu pauschal. Zunächst ist Finanzkapital nichts anderes als der zur Investition zurückbehaltene Anteil des Gewinns aus Wirtschaftstätigkeit bzw. der das aus Vermögen den Banken überlassene potentielle Kreditvolumen. Ich hoffe dass der Autor zunächst diesen realwirtschaftlichen Sockel des Finanzmarktes beschrieben hat, bevor er sich dem Teil des Finanzmarkts zuwendet, in dem er den Sprengstofffaktor ausmacht. Man könnte es auch so sehen, die jetzige Krise ist der Beginn einer Periode, die zu einer realwirtschaftlichen Wiederankopplung des Finanzmarktes führen kann. In Finnland hat man Anfang der 90er Jahre die Finanzblase erlebt und die Folgen innerhalb von fünf Jahren bewältigt. Es war für dieses kleine Land eine schlimme (Anstieg der Arbeitslosigkeit von 2 auf 20 % innerhalb weniger Monate), aber auch heilsame Periode. Wie der ziemlich reißerische Titel und vor allem der Untertitel "Verschwiegene Wahrheiten zum Aufschwung" zu verstehen ist, erschließt sich mir nicht, hoffentlich ist da kein Sarrazinkopist am Werkeln (in die eigene Tasche wie jener ja auch). Kaufen würde ich das jedenfalls nicht.
|
|
|
Wie lange aber wird es noch dauern, bis dieser aus den Rudern laufende Kapitalismus sich von selbst beseitigt haben wird, mit wieviel mehr Schmerzen wird dieser Prozeß verbunden sein? Denkt man diese Frage bis zu Ende durch, so könnte man eigentlich nur feststellen, daß je bälder da geschieht, was unweigerlich bei diesen völlig verfahrenen Prämissen unseres Weltwirtschaftsgefüges mit mathematischer Wahrscheinlichkeit eintreten wird (nachrechenbar mit Hilfe ebenjener fettgedruckten, wohl richtigen These von oben im Artikel), desto besser es ist.
Was nicht mehr zu retten ist, nur noch mehr Schäden anrichten wird, als eh schon geschehen — gehörte so etwas nicht etwa zielbewußt und zwar so schnell wie möglich abgestellt, anstatt eine so marode, klappernde Kiste, in der man doch selber mit drinsitzt - mit drinzusitzen hat -, ewig im Dreck weiterlaufen zu lassen?? Denn zu entschärfen ist auf die lange Sicht diese Bombe ja wohl nicht mehr. Sie wird irgendwann mit Sicherheit mit einer üblen Gewalt hochgehen, wird sie nicht jetzt bald beiseitegebracht und schadlos gemacht, zerstört. Es geht hier wohlgemerkt um die gesamte Geldwirtschaft. In Berlin fliegen einem doch jetzt schon die Autos um die Ohren. Das sind — wenn auch nicht in den Augen der kriminellen Zündler, so doch, wenn von einem höheren Willen der Götter aus betrachtet, mittels welchem man für letztlich alles Geschehen auf Erden noch einen übergeordneten Sinn sucht, und finden kann — nach meiner Sichtweise die ersten Vorzünder für den großen Knall, der kommen wird. Die Menschen sollten ernsthaft beginnen, sich jetzt langsam Gedanken darüber zu machen, wie die Welt sich so ganz ohne Geld gestalten ließe. Das müßte doch irgendwie hinzukriegen sein! Wie lange gedenken die Weltstaaten von heute in diesem kranken Ausbeutungssystem noch fortfahren zu können, um wieviel höher wollten sie noch weiter sich verschulden — bis die Summen dereinst im Trillionen-$-, im Quadrillionen-£- zu stehen kommen — im Jahre 2300 im Quintillionen-€-Bereich dann? ;) Nee, da würde ich eher dafür plädieren: jetzt langsam daran gehen, alles dieses Geld einfach abzustellen, abzuschaffen. Dann gäb's auch keine Schulden mehr. Auch keine Verbrechen mehr wegen Geld. Wie aber sollte das alles ablaufen - so ganz ohne Geld? Ohne in eine steinzeitliche Primitivhandelswirtschaft zurückzufallen? Man wird sich doch da, um Himmels willen, was einfallen lassen können! Wie das Geld verflixtnochmal zu überwinden ginge! Grundversorgung aller Bürger (also Grundgehalt in Form von Naturalien) + die ganze Gesellschaft sich aufgliedernd in sich selbstverwaltende Nachbarschafts-, Kiezverbände + überall Nachbarschaftspools für die benötigten Verkehrsmittel für den Individual- und Massentransport + Verteilung, z.B. durch Verlosung, von begehrten Spitzenprodukten als Volksunterhaltung + florierende Tauschmärkte zwischen dem Einzelnen und den Gruppen (ein Steinzeit-Überbleibsel) + vereinheitlichende weltweite Standardisierung aller Industrie- und Elektronik-Normen + sinnstiftende Beschäftigung und Selbstrealisierung als einzige Motivation zur Arbeit der Menschen, kein Denken mehr in Geldwerten, da alle Waren frei sind, wenn auch nicht alle in gleicherweise überall zu jeder Zeit verfügbar, was dem Leben und der Jagd nach den Dingen einen ganz neuen, erfrischenden Anstrich geben dürfte — +... + usw. Aber noch redet leider kein Mensch vom Geldabschaffen. Letztlich wird die Menschheit jedoch nicht umhin können, genau dies zu tun. Da bin ich überzeugt davon. Wahrscheinlich muß es aber erst noch richtig explodieren und das ganze System von innen ganz zusammenkrachen, bevor man sich zum Brainstorming für Ideen aufrafft, wie die Welt ohne Geld einzurichten geht. Tausendmal leichter wäre der Umschwung, wenn er aus freien Stücken heraus und rechtzeitig, in aller Bedachtsamkeit vorgenommen würde. Also jetzt dann bald einmal. Ehrlich: wie lange will man noch damit warten?! |
|
|
@Erovid 3.49 Uhr
Wir stimmen weitgehend überein. "Wie lange aber wird es noch dauern, bis dieser aus den Rudern laufende Kapitalismus sich von selbst beseitigt haben wird, mit wieviel mehr Schmerzen wird dieser Prozeß verbunden sein? " Im Prinzip völlig richtig – nur die Mehrheit aller Menschen ist nicht an einer totalen Umwälzung unseres Gesellschaftsmodells interessiert. Das betrifft nicht nur die Verfechter der ungezügelten Marktwirtschaft – „der Markt wird’s schon richten“ – sondern auch „Otto Normalverbraucher“ – in Ostdeutschland zur Wende: „Keine Experimente“. "Die Menschen sollten ernsthaft beginnen, sich jetzt langsam Gedanken darüber zu machen, wie die Welt sich so ganz ohne Geld gestalten ließe." Das scheint mir aber ein Problem zu sein – ich erinnere nur an die Kommunismusdebatte von Gesine Lötzsch. "jetzt langsam daran gehen, alles dieses Geld einfach abzustellen, abzuschaffen." Ich glaube, man sollte sich von der Vorstellung verabschieden, dass die Menschen von sich genügsam sind. Solange es noch einen Menschen gibt, dem es besser als allen anderen geht, wird es Neid und daraus resultierende Handlungen geben. Und für Besitzstandswahrung ist ohnehin jedes Mittel Recht. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen