Nietzsche 2011

Der ostdeutsche Mohikaner

05.05.2011 | 00:02

Karl Marx – „Kolossalfigur des 19. Jahrhunderts“ (N. Elias)

 

Am heutigen Tage jährt sich zum 190. Male der Geburtstag von Karl Marx. Nun sind im Laufe der letzten Jahrzehnte viele – gute und schlechte – Biografien über ihn verfasst worden, so dass ich mir selbiges ersparen kann.
Vielmehr nutze ich diesen Anlass, um meinen persönlichen Zugang – vor allem als Ostdeutscher – zu Marx zu skizzieren. Ich werde mich in drei Abschnitten der Person, dem Werk und der Nachwirkung (dem Marxismus) zuwenden.

a) Mein frühes Bild von Marx hat das Buch „Mohr und die Raben von London“ (Vilmos und Ilse Korn) maßgeblich geprägt; wurde später auch verfilmt. Hier ist Marx der liebevolle Familienmensch, der sich nicht nur Zeit für seine Familie, sondern auch für fremde Proletarierkinder nimmt. Wie ich heute (!) weiß – ideologisches Schmalzgebäck. Als Student hab ich mir dann Mehrings Biografie „Karl Marx. Geschichte seines Lebens“ gekauft. Die war insofern interessant, weil Mehring durchaus nicht alle „Gegenspieler“ von Marx  (z. B. Lassalle) verteufelte. Nur nebenbei: Als sich Marx 1861 in Berlin aufhielt, wohnte er bei Lassalle.

b) In meiner Schulzeit wurde ein gleißendes Bild des Revolutionärs und Theoretikers vermittelt, ohne dass ich die tatsächliche Leistung von Marx begriff. Mit dem Studium wurde dies anders. Hier interessierte mich besonders seine wissenschaftliche Frühphase – die Zeit als Philosoph, die mit dem „Manifest“ 1848 weitgehend beendet war. Das „Kapital“ hab ich widerstrebend gelesen; stattdessen die „Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie“ vorgezogen. In den 80ern – ich war inzwischen als Assistent an einer Hochschule gelandet – versuchten wir jungen Leute, mit Hilfe der Entfremdungstheorie („Ökonomisch-philosophische Manuskripte“) unsere Unzufriedenheit zu analysieren. Was von den Älteren argwöhnisch beäugt wurde. Das Problem der „Entfremdung“ gab es offiziell in der DDR nicht. Dass aus meiner Sicht nicht alles verstaubt ist, soll ein kurzes Zitat belegen: „Also betrachtet in dem Verhältnis der entfremdeten Arbeit jeder Mensch den andren nach dem Maßstab und dem Verhältnis, in welchem er selbst als Arbeiter sich befindet“. Damit trifft er den Kern der Debatte, warum wir Menschen vorrangig nach ihrer Berufsarbeit bewerten.

c) Marx hat ja nach eigenem Bekunden für die Arbeiterschaft geschrieben. Dass sich sein Hauptwerk „Das Kapital“ erst kurz vor seinem Tode (1883) durchzusetzen begann, dürfte auch an der Schwerverständlichkeit – zumindest für Arbeiter – gelegen haben. Aber seine Theorie sollte ja der aufkommenden Arbeiterbewegung – international (I. Internationale) wie national (SDAP) – Handlungsanleitung sein. Insofern wurden von den Parteiführern die Marxschen Erkenntnisse an- und aufgenommen, aber auch im weiteren Verlaufe ihren parteipolitischen Zielen angepasst. Sätze wie „Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft, aber der Kommunismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung . . .“ (Ökonomisch-philosophische Manuskripte) wurden „umformuliert“. Aus eigenem Erleben weiß ich, dass zwar im sog. Dialektischen und Historischen Materialismus marxistische Philosophie gelehrt werden sollte, aber vornehmlich Parteiliteratur studiert wurde.

Kurz – die Marxsche Theorie wurde missbraucht; allerdings hat Marx selbst die Weichen dafür gestellt.

Dennoch, mit all seinen Verdiensten und auch Schwächen gehört Marx zu Deutschlands Geistesriesen. In diesem Sinne – Happy Birthday!

 
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Kommentare
Magda schrieb am 05.05.2011 um 09:43
Ich kenne auch "Mohr und die Raben von London", aber nur den Titel. Da war ich zu DDR-Zeiten schon satt. Diese Heiligenstrickerei.

"Aus eigenem Erleben weiß ich, dass zwar im sog. Dialektischen und Historischen Materialismus marxistische Philosophie gelehrt werden sollte, aber vornehmlich Parteiliteratur studiert wurde."

Das war auch in meiner Generation so. In den 60er Jahren. Und - über Entfremdung haben wir auch debattiert. Und über Gleichheit, weil wir fanden, dass der Gleichheitsbegriff auf einmal zu einem Zwang wurde.

Ansonsten - ich habe viel mehr Sekundärliteratur als Marx selbst...

Und mir fällt noch diese mich sehr berührende Stelle in Stephan Hermlins "Abendlicht" ein. Da zitiert er diese Stelle aus dem Kommunistischen Manifest: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

Und stellt fest, dass er diesen berühmten Satz immer genau umgekehrt gelesen hat.
Nietzsche 2011 schrieb am 05.05.2011 um 10:03
Zunächst eine Korrektur: Es ist natürlich der 193. Geburtstag - Kopfrechnen um Mitternacht ist wohl nicht meine Stärke.

Neben den Feuerbach-Thesen ist das Kommunistische Manifest wohl auch eines der prägnantesten und verständlichsten Schriften von Marx. Sollte jeder gelesen haben.
Und auch wenn Norbert Blüm "Marx ist tot, Jesus lebt" orakelte - in jedem seriösen Soziologielehrbuch des "Westens" findet sich die Marxsche Lehre.
goedzak schrieb am 05.05.2011 um 19:09
""Mohr und die Raben von London" ist ein cooles Kinderbuch, fanden jedenfalls auch meine Töchter, deren Lesehunger in den 90ern ich (kommentarlos) auch mit diesem Buch zu stillen versuchte, genauso, wie der Roman "Schau auf die Erde" (Baumert) ein spannendes Jugendbuch um einen jungen Wilden namens Friedrich Engels ist.
Man darf sowas bloß nicht als authentische Biografie verkaufen wollen.

Ein Auszug aus "Mohr..." ist übrigens als Märchen der etwas anderen Art mit Rolf Hoppe verfilmt worden.
Nietzsche 2011 schrieb am 05.05.2011 um 22:04
In jungen Jahren fand ich es ja auch cool. Desto größer war die Enttäuschung, als ich die Fakten kannte.
Übrigens ist mir Engels - als Person - sympathischer. Nur Randnotiz: Als Engels 1. Frau starb, "schaffte" es Marx nicht mal zum Kondolenztelegramm. Soviel zur Freundschaft.
goedzak schrieb am 06.05.2011 um 20:19
Die Fakten über diese Episode kann man in dem wie auch "Mohr und die Raben von London" in der DDR erschienenen Buch "Friedrich Engels. Dokumente seines Lebens" (Reclam Leipzig 1977, Seite 403 bis 405) nachlesen. Es ist der Briefwechsel zwischen den beiden vom 8. bis 26. Januar 1863 (Mary Burns starb am 7. Januar). In seinem Brief vom 8. Januar hatte Marx sein Bedauern über Marys Tod ausgedrückt, ging dann aber gleich zu anderen Themen über, was Engels in seinem Antwortbrief enttäuscht als "frostige Auffassung" und traurig-ironisch als Beispiel "Deiner kühlen Denkungsart" bezeichnete. In seinem nächsten Brief entschuldigte Marx sich bei Engels und dieser antwortete am 26. Januar u.a. "Ich sage Dir, der Brief lag mir eine Woche lang im Kopf, ich konnte ihn nicht vergessen. Never mind, Dein letzter Brief macht ihn wett, und ich bin froh, daß ich nicht auch mit der Mary gleichzeitig meinen ältesten und besten Freund verloren habe."

Übrigens, Engels gelegentliche Freude an Freudenhausbesuchen ist (zumindest als kurze Episode in dem o.g. Roman über seine Jugend- und Studentenzeit) auch schon zu DDR-Zeit thematisiert worden.
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