Nietzsche 2011

Der ostdeutsche Mohikaner

09.11.2011 | 16:43

Mein 9. November 1989

Medien und Politik zelebrieren heute wieder das Ritual zum Jahrestag der Maueröffnung. Wen nicht Freude überkommt – und es werden lt. Meinungsumfragen immer weniger Menschen -, der soll mit Erinnerungen „wach gerüttelt“ werden.

Meine Erinnerungen an den 9. November 1989 stimmen mich alles andere als freudvoll. Das mag einerseits daran liegen, dass ich keine emotionale Beziehung zur Mauer wie auch zum Mauerfall aufweisen kann. Was man nicht sieht, verdrängt man. Entscheidender ist aber, dass dieses Datum mit Enttäuschung verknüpft ist.

Ein Blick zurück. Am Vortag, dem 8. November 1989, hatte ich – fast konspirativ – mit 10 Studenten der TU Magdeburg die TU-Gruppe Neues Forum gegründet. (Die Initiative war von einem Studenten des 3. Studienjahres ausgegangen.) Für mich verband sich mit dieser Konstituierung die Hoffnung, dass auch in der TU Magdeburg ein frischer Wind der demokratischen Mitgestaltung wehen würde. Hatte ich doch in den Wochen zuvor viele Kollegen getroffen, die sich unzufrieden mit Krenz’ „Wende“ zeigten. Optimistisch klang also der 8. November 1989 aus.

Am Morgen des 9. November 1989 die erste Überraschung: Der Gründungsaufruf unserer TU-Gruppe Neues Forum hing in meiner Sektion aus. Ältere, „klassenbewusste“ Kollegen ignorierten meinen Gruß mit Schweigen oder wandten ihren Blick ab. Auch Jüngere wollten meinen Schritt nicht nachvollziehen geschweige denn der neu gegründeten Gruppe beitreten. Kurz, ich spürte das, was heute unter dem Begriff „Mobbing“ firmiert. Ich war einigermaßen froh, als der  Arbeitstag 9. November (ein Mittwoch) vorüber war. Geduld, sagte ich mir, die Zeit wird uns helfen. Am Abend herrschte Unruhe und Getrappel im Wohnheim. Neugierig geworden erfuhr ich von Schabowskis Gestammel. Für mich war sofort klar, dass alle Hoffnungen als Illusionen geplatzt waren. Jetzt war nicht eine erneuerte DDR das Ziel der meisten, sondern das Ankommen im Westen; als Konsumenten.

Was sich am nächsten Tag zeigte. Der Gründungsaufruf der TU-Gruppe Neues Forum war weitgehend vergessen – damit auch ich aus der Schusslinie. Kollegen schwärmten vom nächtlichen Ausflug über Marienborn in die damalige BRD. Nun waren DM und Autos bzw. Konsumgüter das beherrschende Thema gerade auch derjenigen geworden, welche ich noch tags zuvor als Mitstreiter zu gewinnen hoffte.

Somit verbindet sich für mich mit dem Datum 9. November 1989 der Abschied von der Hoffnung auf eine breite Massenbewegung zur demokratischen Erneuerung der DDR. Was mich nicht gleich zum Ostalgiker macht.

 
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Kommentare
koslowski schrieb am 09.11.2011 um 17:49
Was denken Sie im Rückblick: Wäre "eine breite Massenbewegung zur demokratischen Erneuerung der DDR" eine bessere Lösung als der Beitritt zur BRD gewesen? Realistisch war Ihre Hoffnung wohl nicht, wie Ihr Bericht über die Kollegen zeigt.
Nietzsche 2011 schrieb am 09.11.2011 um 21:04
@koslowski um 17.49
Jede Antwort kann natürlich nur spekulativ sein: Eine breite demokratische Massenbewegung . . . hätte langfristig sicher auch zum Beitritt geführt. Dennoch glaube ich, dass in diesem Fall der DDR-Bürger nicht als bananengeiler Konsument (so ähnlich hat es mal Stefan Heym gesehen) in die politische Landschaft der BRD eingetreten wäre. Bis zum 9. November hatte ich die Hoffnung, dass es einer Mehrheit (!) um demokratische Rechte und Freiheiten gehe. Aber letztlich zog die DM mehr.

Im Übrigen lohnt sich eine Analogie zum Heute: Wie realistisch ist denn die Occupy-Bewegung im Zeitalter des Konsumrausches (sicher nicht nur in Berlin)?
Joachim Petrick schrieb am 09.11.2011 um 19:57
@Nietzsche 2011

"Somit verbindet sich für mich mit dem Datum 9. November 1989 der Abschied von der Hoffnung auf eine breite Massenbewegung zur demokratischen Erneuerung der DDR. Was mich nicht gleich zum Ostalgiker macht."

Wohl wahr!
Am 09.November 89 war ich mit einem Freund zu einer gutbesuchten Veranstaltung im Literaturhaus Hamburg mit Stephan Hermlin, Hans Mayer und ich glaube mit dem Herrn Moritz als Moderator, als plötzlich die Nachricht hereingereicht wurde"Die Berliner Mauer ist auf"

Am 10. November 89 war ich dann schon auf der Bornholmer Straßen Brücke beim Übergang von West- nach Ostberlin, meine Reisepapiere noch wie sonst bereit in der Hand. Mir strömten Massen aus Ostberlin entgegen, meine Reisepapiere waren amtlich nicht mehr gefragt. Der Grenzübergang Bornhoömer Straße war sperrangelweit wie ein Schwarzes Energieloch rätsehaft gespenstisch offen.

Stephan Hermlin schaute n. m. E. ziemlich betoffen, als sei er nur noch DDRerler und nicht Autor, Hans Mayer dagegen wußte gleich Bescheid
"Die Dussel wollen doch nur an die Fleischtöpfe!!",
oder so?

Seitdem bin ich in anschwellendem Maße die Wut nicht mehr losgeworden
"Ja wenn der Mauerfall so einfach per Zettel geht, warum wurde die Mauer denn überhaupt so alternativlos, in Ost wie West letztendlich kommuniziert, als gesellschaftspolitischer Zeitdieb der 67er 68er Kriegskinder Generation gebaut, um uns jetzt durch den Mauerfall (siehe Jugoslawien/Kosovo) als ungeordnetes DDR Insolvenz Kreditereignis weitere Zeit der Alternativen für Europa, die Welt zu klauen?
Joachim Petrick schrieb am 09.11.2011 um 19:58
www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/9november-89-verfallsdatum-deutsch--deutscher-lebensentwuerfe?

09.11.2011 | 01:29
9.November 89, Verfallsdatum deutsch- deutscher Lebensentwürfe?
9november89, 4november89 occupy alexanderplatz heiner_müller fdgb fdj mauerfall schabowski honecker krenz markus_wolf christa_wolf gregor_gysi stefan_heym friedrich_schorlemmer willy_brandt rudolf_bahro bärbel_bohley egon_bahr erich_honecker herbert_wehner gorbatschow glasnost perestroika

Verschwundenes Leben, unterfinanziertes Pfand unbestimmter Freiheit?
Joachim Petrick schrieb am 09.11.2011 um 20:09
www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/der--09november-89-und-die-bizarren--beschaeftigungsberge

07.11.2011 | 17:20
Der "09.November 89" und die bizarren Beschäftigtenberge,
beschäftigungsberge arbeitsmarkt maynard_ keynes deficit_spending revolution nineeleven credit_event club_of_rome abgekupfert&raubkopiert urbi&gorbi gorbatschow helmut_schmidt planwirtschaft marktwirtschaft weltfinanzkrise occupy eu eurokrise glasnost perestroika mauerfall 9november89 wende arbeitsmarktpolitik

statt lokaler und globaler Arbeitsmarktentwicklung?

Beschäftigtenberge am Beschäftigungsberge/Arbeitsmarktpolitik/Deficit Spending
Joachim Petrick schrieb am 09.11.2011 um 20:19
www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/memorial-day-04-november-1989-

04.11.2011 | 18:59
"Memorial Day" 04. November 1989
4novemder89 lexanderplatz heiner_müller fdgb fdj mauerfall schabowski honecker krenz markus_wolf klaus_schlesinger wolf_biermann thomas_brasch christa_wolf gregor_gysi stefan_heym friedrich_schorlemmer

Aus gegebenem Anlass des heutigen 4. November 2011, in Ereinnerung an die Volksmassenversammlung am 04. November 1989 auf dem Ostberliner Alexander- Platz, stelle ich hier einen hochaktuellen wie brisanten Text aus dem Freitag Archiv zur Diskussion:

www.freitag.de/1999/44/99440301.htm

4.NOVEMBER 1989 | 29.10.1999 | Detlev Lücke
Last Exit GDR

Der Berliner Alex ist ein Schrottplatz der Erinnerungen
Nietzsche 2011 schrieb am 09.11.2011 um 21:10
@Joachim Petrick 19.57
"Die Dussel wollen doch nur an die Fleischtöpfe!!",
oder so?

Damals hat man mit Bananen - ich spitze bewusst zu - den Widerstandsgeist ermattet; heute sind es "wohlfeilere" Konsumgüter.
Gib dem Menschen genügend materielle Produkte - vor allem immer die neuesten (Autos, IT etc.) - und er ist wunderbar beschäftigt. Mit sich selbst.
Joachim Petrick schrieb am 09.11.2011 um 21:23
@Nietzsche 2011

"heute sind es "wohlfeilere" Konsumgüter.
Gib dem Menschen genügend materielle Produkte - vor allem immer die neuesten (Autos, IT etc.) - und er ist wunderbar beschäftigt. Mit sich selbst."

Ich sehe Glücksspielhöllen in Hamburger Stadtteilen, wie Pilze aus dem Asphalt schießend sprießend.

....oder mit Bankster Slogans:

"Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten!",

"Geben Sie Ihrem Geld eine Chance,
Ihr Geld hat das verdient!"

.....auf dem Weg zu TV- Formaten wie:
"Wetten das!",
"Wie werde ich Millionär?",

so als ob die Bedrängnisse, Engnisse des Alltags Glückspiele wären
Nietzsche 2011
kritisch denkender Ostdeutscher; zur Wendezeit bürgerbewegt; seitdem "Lebenskünstler"
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