Nietzsche 2011

Der ostdeutsche Mohikaner

09.10.2011 | 16:10

Was macht unseren Charakter aus? (II)

Im zweiten Teil meiner Gedanken zu obigem Thema – s. dazu www.freitag.de/community/blogs/bildungsbuerger/was-macht-unseren-charakter-aus-I – widme ich mich der „Schlüsselkompetenz“ Vertrauen.

„Vertrauen“ bestimmt Axel Wolf als Bereitschaft, sich selbst zu offenbaren; mit dem Risiko, verletzt zu werden. Als Frage: Wie sehr können wir uns öffnen – und so andere Menschen an uns binden?

Derzeit wird ja viel über „Vertrauen“ räsoniert: „das Vertrauen der Märkte“, „Vertrauen zur europäischen Gemeinschaft“, bla bla bla. Nicht mein Thema.
Mein Text zielt auf Anderes.

Vertrauen basiert grundsätzlich erst mal auf Kommunikation. Benutze ich diese „Brücke“, so stellt sich natürlich die Frage: Mit wem bin ich bereit zu kommunizieren, vielleicht sogar bereit, ihn „ins Vertrauen zu ziehen“? Mein Augenmerk richtet sich hierbei auf die Kriterien, welche einer möglichen Kommunikation die Richtung geben, die im günstigen Fall zum Öffnen des Ich führt. In der Umgangssprache stößt man auf Formulierungen wie beispielsweise „Vertrauen erweckendes Äußeres“. Natürlich, eine offene Ausstrahlung, natürliche Herzlichkeit etc. verführen mich zur Kontaktaufnahme. Lebenserfahrung als auch Selbstbewusstsein (was natürlich im Kontext zu sehen ist) signalisieren mir aber, nicht nur diese Äußerlichkeiten zu sehen. (Dies schreibe ich mit dem Blick des „gereiften“ Mannes; Naivität in jungen Jahren dürfte wohl allen Generationen eigen sein.)* Bevor ich jemandem mein Vertrauen schenke, bereit bin, ihm persönliche Details mitzuteilen, muss ich Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit des Anderen erlebt (!) haben. D.h.. ich muss mit dem Anderen in einer gemeinsamen Aktion Zeit verbracht haben. Vertrauen baut sich somit in Zeitstufen auf. Und – Vertrauen muss immer wieder neu erworben bzw. vergeben werden. Ist doch sowohl der Andere als auch Ich einer Entwicklung unterworfen. Damit ist nicht nur der Erwerb von Erfahrungen – guten wie schlechten -, sondern auch die Widerspiegelung gesellschaftlicher Veränderungen im Verhalten des Einzelnen gemeint. Speziell im eingangs erwähnten Risikoverhalten habe ich bei mir wie auch in meinem Umfeld erhebliche Veränderungen beobachtet.

Das Vorhaben, anderen Menschen Vertrauen zu schenken, gelingt nur, wenn man auch das Risiko der psychischen Verletzung nicht scheut. Sich öffnen heißt zum einen, sein „wahres Gesicht“ (seine Ängste etc.) zu zeigen; aber auch, dass der Andere zuhört, mitempfindet und vor allem – Schweigen gegenüber Dritten bewahrt. Meine Beobachtungen in den letzten Jahren erbrachten allerdings das Ergebnis, dass viele Menschen – unabhängig vom Alter oder territorialer Herkunft – risikoscheu geworden sind. Weniger im kommerziellen Bereich als vielmehr im Bereich der persönlichen Beziehungen. Dies korreliert mit meinem Eindruck wachsender Oberflächlichkeit oder gar Heuchelei im privaten Umgang. Ergebnis dieser Entwicklung ist der Rückzug auf das Ich – Singledasein wird zur dominanten Lebensform in Großstädten; fehlende Kommunikation wird durch „Zwiegespräche“ mit TV und web ersetzt. Es fehlt der Antrieb – Vertrauen aufzubauen außerhalb des Kollegenkreises verlangt Mühe und Zeit. Der Umgang mit Zeit wird allerdings zunehmend weniger beherrscht; was aber ein anderes, eigenständiges Thema wäre.

Abschließend zu diesem Teil sei bemerkt, dass mir die Stufen von Vertrautheit wohl bewusst sind. Eine der höchsten Stufen dieses Vertrauensverhältnisses – Freundschaft – soll in Teil III thematisiert werden.

*. „Blindes Vertrauen“ findet sich nicht nur im privaten Umgang; ideologischer Fanatismus ist in meinen Augen Selbstaufgabe des Ich an eine Ideologie oder Religion.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.10.2011 um 17:00
Ein relevanter Artikel.
Jemand sagte einmal: "Vertrauen verschwindet im Galopp und kommt zu Fuß".

Natürlich kann Ihr Beitrag nicht jeden Aspekt von Vertrauen abdecken, deshalb füge ich hinzu, dass Selbstvertrauen eine Bedingung sein kann, um Vertrauen entwickeln zu können. Weiterhin denke ich, dass es nur auf individueller Ebene aufgebaut werden kann. Wirkliche Freundschaft (Vertrauen) basiert zudem auf Mut und Selbstrespekt. Bin gespannt was in Ihrem Teil III darüber zu lesen sein wird.
Nietzsche 2011 schrieb am 09.10.2011 um 21:23
@ Con Creatio um 17.00
Richtig, Selbstvertrauen/Selbstbewusstsein - seines Ichs bewusst sein - gehört dazu, um dem Anderen sein Vertrauen zu schenken. Und - was ich im nächsten Beitrag stärker hervorheben möchte - auch Umgang in (zumindest annähernder) Augenhöhe.
Jan Fremder schrieb am 09.10.2011 um 18:58
Ich hab da eher an eine, wie soll man sagen, "formalere" Behandlung von Vertrauen gedacht. So ist aber auch ganz gut.

Zur Risikoscheu - die hat m.E. mehr mit Angst als mit Bequemlichkeit zu tun. Und kann ja durchaus begründet sein.

Überlege, ob ich meinen Blog demnächst einstellen oder das lieber im Nachhinein, nach der Diskussion hier, machen sollte.
Nietzsche 2011 schrieb am 09.10.2011 um 21:28
@ Jan Fremder
Na ja, ich wollte es eben nicht formal angehen - dafür kann man ja den Artikel in "Psychologie heute" lesen. Der Entwurf für diesen Beitrag war sogar so persönlich, dass ich ihn wieder verworfen habe. Auch ein Ausdruck von fehlendem Vertrauen zur FC; zumindest zu einigen Personen.

Was Risiokscheu betrifft - ich denke, hier verschiebt sich die Ursache mit zunehmendem Alter von Bequemlichkeit zur Ängstlichkeit.

Ich weiß nicht, ob nach dem geplanten Artikel über "Freundschaft" noch ein weiterer Artikel in dieser Serie erscheinen wird; wenn ja, dann nur noch einer.
Jan Fremder schrieb am 09.10.2011 um 22:06
Ist es dann okay, wenn ich einen Blog zum Thema jetzt parallel einstelle?

Ein paar Punkte überschneiden sich, geht insgesamt schon etwas andere Richtung.
Nietzsche 2011 schrieb am 10.10.2011 um 17:13
@Jan Fremder um 22.06
Grundsätzlich kann hier jeder völlig frei Beiträge einstellen. Insofern ehrt es Sie, wenn Sie bei mir anfragen.
Wie schon angekündigt werde ich diese Woche einen Beitrag zu "Freundschaft" schreiben und event. später noch zu "Zufriedenheit". Und - wie Sie ja bemerkt haben - ich wähle die "persönliche Note" (statt formal heranzugehen).
Jan Fremder schrieb am 10.10.2011 um 18:10
@Nietzsche 2011

Zitat: "Grundsätzlich kann hier jeder völlig frei Beiträge einstellen. Insofern ehrt es Sie, wenn Sie bei mir anfragen."

Dass ich anfrage hat erstlinig eigennützige Gründe :)

Ich fände es bei einigen Gebieten eine gute Idee, wenn Beitragsthemengebiete aufgeteilt werden. Also wenn dann auch koordiniert wird. Spart Arbeit und die Diskussion konzentriert sich an einer Stelle.
Die Frage schon vor einer Weile mit einer anderen Bloggerin diskutiert, also ob ggf. Themen aufteilbar sind.

Habe jetzt aber aus andern Gründen entschieden den Blog lieber nicht einzustellen.
Auch generell nun wenig Zeit fürs Bloggen und bin froh abends mich mit anderen Zeug zu beschäftigen bzw. ins Bett zu fallen.
Ich suche auch weiter eher was relaxendes, aufbauendes, also vom gesamten Umfeld der Community her.
Nietzsche 2011 schrieb am 11.10.2011 um 12:05
@ Jan Fremder um 18.10
Okay. Das Zeitproblem hab ich übrigens auch- bin immer erstaunt, wie einige - Sie wissen schon, wer gemeint ist - es schaffen, mehrere Beiträge täglich zu veröffentlichen.
Vermutungen hab ich natürlich . . .
Jan Fremder schrieb am 15.10.2011 um 16:51
@Nietzsche 2011
Zitat: Okay. Das Zeitproblem hab ich übrigens auch- bin immer erstaunt, wie einige - Sie wissen schon, wer gemeint ist - es schaffen, mehrere Beiträge täglich zu veröffentlichen.
Vermutungen hab ich natürlich . . .


Schnell hintereinander eingestellte Blogs haben ja oft was von Short-Blogging. Das geht eher in Richtung Twitter.
Es gibt auch sehr hochwertige Blogs, gerade bei den Tech-Zeugs.
In den letzten Jahren sieht man dadurch das Potential sehr gut, die Lücke zu füllen, die der "etablierte" Journalismus offen lässt.
Was in den Tageszeitungen steht ist meist ziemlich flach. Eine Sichtweise von nicht-hauptberuflichen Journalisten / Meinungsmachern halte ich für notwendig.
Eben praktischere Berichte. Wo wirklich echtes Interesse dahinter steht.
Nietzsche 2011 schrieb am 18.10.2011 um 13:54
@ Jan Fremder um 16.51 (15.10.)
"Was in den Tageszeitungen steht ist meist ziemlich flach. Eine Sichtweise von nicht-hauptberuflichen Journalisten / Meinungsmachern halte ich für notwendig. "
Zustimmung!

Was mir weniger gefällt ist die Tendenz, Texte zu ersetzen(!) durch youtube-Zusammenschnitte. Auch wenn "Glotzen" der Trend der Zeit ist.
Ullrich Läntzsch schrieb am 10.10.2011 um 18:24
Lieber Nietzsche2011,

@Meine Beobachtungen in den letzten Jahren erbrachten allerdings das Ergebnis, dass viele Menschen – unabhängig vom Alter oder territorialer Herkunft – risikoscheu geworden sind.

Wie schon der Volksmund sagt, gebranntes Kind scheut das Feuer.

Vielleicht sind die Menschen nur etwas vorsichtiger als früher?

Allerbeste
Nietzsche 2011 schrieb am 11.10.2011 um 12:10
@ Ullrich Läntzsch um 18.24
"Wie schon der Volksmund sagt, gebranntes Kind scheut das Feuer."
Jein.
Beispiel 1: Partnerschaft. Scheidungsrate bei ca. 33%. Folgen bekannt. Trotzdem haben Singleagenturen - offline wie online - Hochkonjunktur. Nur - jetzt soll alles perfekt passen; es soll nie wieder (!) schief gehen. Kann hier auf eigene Erfahrungen verweisen :-).
Beispiel 2: Finanzen. Seit 2008 Finanzkrise. Unsicherheit der Geldeinlagen. Dennoch gibt es genügend Menschen, die sofort zur Bank eilen, wenn diese mehr als 2 % Zinsen verspricht.
Verbrennungen welchen Grades helfen?
Ullrich Läntzsch schrieb am 11.10.2011 um 12:37
Wenn es ums private geht, funktionieren unsere emotionalen Schutzschilde mE besser, als wenn die Melange aus reklamevergifteter Gier, einer multimedialen Verblödungsindustrie den angstdurchdrungene Besitzstandswahrer am Wickel hat.

Freedom is nothing left to lose ... Da ist schon was dran ...

Allerbeste
Nietzsche 2011
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