Nietzsche 2011

Der ostdeutsche Mohikaner

18.10.2011 | 14:09

Was macht unseren Charakter aus? (III)

Mein letzter Beitrag zum Thema „Charakter“ - www.freitag.de/community/blogs/bildungsbuerger/was-macht-unseren-charakter-aus-II – hatte mit dem Verweis auf unterschiedliche Stufen/Grade des Vertrauens geendet. Mit einem der höchsten Grade der Vertrautheit, der Freundschaft – Axel Wolf rechnet sie zu den 6 „Schlüsselkompetenzen“ des Charakters – soll sich dieser Text auseinandersetzen.

Vertrauen wurde bestimmt als Fähigkeit, sich anderen gegenüber zu öffnen – inklusive des Risikos, durch diese Selbstoffenbarung verletzt zu werden. Freundschaft ist die positive Antwort auf die Frage, wie gut wie fähig sind zu längerfristigen und reziproken Beziehungen (nach  A. Wolf). Ohne Aufbau von Vertrauen keine Freundschaft; aber Freundschaft geht darüber hinaus – verlangt oft auch Geduld und Toleranz, welche wir anderen gegenüber nicht so ohne weiteres aufbringen.

Ich bekenne – ich habe nicht all zu viele Freunde. Es mangelt mir dabei nicht am Antrieb noch an der Bereitschaft, Vertrauen aufzubauen. Aber ich habe im Laufe der Jahrzehnte gelernt, ziemlich genau zu differenzieren zwischen vielen Bekannten (vor allem im Freizeitbereich), einigen sehr gut Bekannten und eben jenen wenigen Freunden. Betrachte ich diese Freundschaften – viele sind in den letzten gut 20 Jahren verloren gegangen; leider -, so stelle ich fest, dass einerseits alle recht schnell den Status „guter Bekannter“ hatten, es dann aber doch einiger Zeit bedurfte, ein Freundschaftsverhältnis aufzubauen. Andererseits habe ich mit allen Freunden eine bestimmte Zeitspanne gemeinsam verbracht – sei es im Studium, in einer Fortbildung oder im Freizeitbereich.* In diesen Phasen wurden nicht nur gleiche oder ähnliche Ansichten ausgetauscht und vertieft, sondern auch Zuverlässigkeit und gegenseitige Hilfe erprobt. Kurz – Erkennen (des Anderen) durch Erleben. Wichtig bei wahrer Freundschaft – die Gleichberechtigung auf Basis des Selbstbewusstseins. Die „Freundschaft“ der Mächtigen gilt bekanntlich nur ihresgleichen.

Wolf merkt im Quelltext – „Psychologie heute“, Oktober 2011 – an, dass die Fähigkeit zur Freundschaft 2 Dimensionen hat: a) einen hohen Grad an Soziabilität** und b) ein ehrliches Interesse an Menschen. Letzteres wird nach meiner Beobachtung in unserer an Oberflächlichkeit orientierten Gesellschaft immer begrenzter. Man „weiß“ über Personen (!) Bescheid – Voyerismus hat viele Absender wie auch Adressaten -; aber es fehlt an genannter Bereitschaft, den anderen Menschen tatsächlich zu erkennen. Die Folgen sind bekanntlich nur lose Kontakte oder gar Einsamkeit.

Als Pervertierung des Begriffs „Freundschaft“ empfinde ich hingegen den Missbrauch durch facebook – es ist in meinen Augen nichts als Voyerismus, wenn „dank“ facebook zu privaten Geburtstagsfeiern (o.ä.) Hunderte oder gar Tausende von „Freunden“ erscheinen.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass ich mich bewusst nicht zur sog. Völkerfreundschaft geäußert habe (a la DDR-UdSSR). Für mich ist dies ein Mythos- betrachte ich doch Freundschaft als Individualbeziehung. 

 

* Euripides: Freundschaft ist Gemeinsamkeit („Orestes“)

** Geselligkeit, Umgänglichkeit oder Menschenfreundlichkeit; Eigenschaft der Persönlichkeit bzw. des Temperaments; soll erfasst werden mit Items wie: “Ich schließe schnell Freundschaft (+)”. “Ich bin eher schüchtern (–)”. (Psychologie-Lexikon)

 
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