Zu nachfolgendem Text wurde ich angeregt, als ich nach längerer Zeit wieder im Buch „Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus“ des in diesem Jahr verstorbenen Daniel Bell las. Der dort niedergeschriebene Gedankenreichtum überrascht mich jedes Mal durch seine Aktualität.
Jetzt war es vor allem seine Auffassung zum Hedonismus als kultureller Ausformung des politischen Liberalismus.
Bell greift auf Max Weber zurück*, wenn er feststellt: „Die protestantische Ethik hatte dazu gedient, die Luxusakkumulation – jedoch nicht die Akkumulation des Kapitals – zu begrenzen. Als die protestantische Ethik aus der bürgerlichen Gesellschaft verdrängt wurde, blieb nichts als der Hedonismus zurück, . . . .“ Letztlich hat aber die protestantische Ethik – ungewollt – ihren eigenen Totengräber „erzeugt“. Kapitalismus – in der heutigen Gestalt als Marktwirtschaft deklariert – ist auf Gewinnerzielung aus; diese kennt keine moralischen Schranken. Allein das Beispiel Rüstungsexporte nebst Folgen belegt dies eindrucksvoll.
„Hedonismus“, ist nach Bell, „die kulturelle, wenn nicht gar moralische Rechtfertigung des Kapitalismus geworden – das Vergnügen als Lebensstil. Und bei dem heute herrschenden liberalen Ethos ist der modernistische Impuls mit dem ideologischen Grundprinzip des dynamischen Strebens als Verhaltensmuster zum kulturellen Leitbild geworden.“ Wenn heute von Krise der Grundwerte gesprochen wird inklusive ständigem Verweis auf das christliche Wertebild unserer Gesellschaft, dann ist diese Hilflosigkeit Ausdruck eines nahezu schrankenlosen Hedonismus (hier sei an Goethes „Zauberlehrling“ erinnert, der die Geister, die er rief, dann nicht mehr kontrollieren konnte). Und dieses hedonistische Weltbild ist auch individuell präsent – ist doch „dynamisches Streben“ das liberalistisch geprägte Menschenbild der Gegenwart. Der Mensch erwirbt Achtung durch seinen Erfolg, durch Leistungsstreben und Durchsetzungsfähigkeit. Trotz aller Empathiediskussion übrigens.
Ich möchte meinen Exkurs nicht beenden, ohne die individuelle Verantwortung für den gelebten Hedonismus heraus zu stellen. Bekanntlich sollte Handeln vom Denken gesteuert sein. Und auch in diesem Punkt benennt Bell die Defizite: „Das gedruckte Medium** erlaubt beim Nachdenken über Argumente oder bei der Reflexion über Vorstellungen je eigene Geschwindigkeit und ein dialogisches Vorgehen. Das Gedruckte hebt nicht nur das Kognitive und das Symbolische hervor, sondern, noch wichtiger, auch die für das begriffliche Denken notwendigen Verfahrensweisen. Das visuelle Medium – ich meine hier Film und Fernsehen*** - zwingt dem Betrachter sein Tempo auf und lädt ihn aufgrund seiner Bevorzugung von Bildern zuungunsten von Worten nicht zur Begriffsbildung, sondern zur Dramatisierung ein. Mit dem Akzent von Fernsehnachrichten auf Katastrophen und menschlichen Tragödien regen sie nicht zur Klärung und zum Verstehen an, sondern rufen Sentimentalität und Mitleid hervor, Gefühle, die sich schnell erschöpfen . . . .“ Die angeheizte Debatte über Deutschlands Position zum NATO-Luftkrieg in Libyen liefert dazu das aktuelle Beispiel: Unklare Informationen + als absolute Wahrheit angenommene Facebook-Bilder lassen Nachdenken verblassen. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Befürworter der Luftschläge in Libyen nicht nach Kampfeinsätzen in Darfur oder derzeit in der Elfenbeinküste gerufen haben.
Wenn wir über die Krise der FDP reden, sollten wir ebenso über eine Krise des Liberalismus reden. Und dabei die eigene Verantwortung nicht ausblenden. Wozu dieser Beitrag anregen will.
* Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.
** Gemeint sind damit nicht Boulevard-Blätter wie „Bild“.
*** Bell schrieb diesen Text 1975. Heute ist das Medium Web natürlich hinzu zu fügen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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