Nietzsche 2011

Der ostdeutsche Mohikaner

14.08.2011 | 08:08

Zeitlose Literatur – in memoriam Bertolt Brecht

Die Erinnerung an Bertolt Brecht ist bei mir allgegenwärtig. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ich nahezu täglich an seinem Wohnhaus in Weißensee (Berliner Allee) vorüber fahre. Welches - dies muss gesagt werden – einen verlotterten Anblick bietet.

Meine geistige Beziehung zu Brecht reicht weit in meine Kindheit zurück. Im Lehrplan Deutsch standen stets Brechtsche Gedichte – erinnere mich noch gut an „Die Pappel vom Karlsplatz“ – oder Lehrstücke wie „Die Mutter“, welche mir das Bild des realsozialistischen (!) Schriftstellers vermitteln sollten. Biografisches bezog sich fast ausschließlich auf seine Affinität zum Marxismus; na ja, später kamen noch seine „Frauengeschichten“ hinzu.

Erst nach der „Wende“ – was aber keine ideologischen Ursachen hatte – stieß ich auf einen Text, der mich amüsierte ob seines ironischen Tonfalls und gleichzeitig bedrückte wegen seiner offensichtlichen Zeitlosigkeit. Die Rede ist von „700 Intellektuelle beten einen Öltank an“; geschrieben 1929. Die dort karikierte Technikgläubigkeit ist ja auch mit der sog. Atomwende nicht aus den Köpfen verflogen. Im Gegenteil, das alltägliche Verhalten weist aus, dass weiter gemacht wird wie bisher.

Wie wohl Bertolt Brecht darauf reagieren würde, wäre er nicht heute vor 55 Jahren gestorben?

                                                               

Ohne Einladung

Sind wir gekommen

700 (und viele sind noch unterwegs)

Überall her, wo kein Wind mehr weht

Von den Mühlen, die langsam mahlen, und

Von den Öfen, von denen es heißt

Daß kein Hund mehr hervorkommt.

 

Und haben dich gesehen

Plötzlich über Nacht

Öltank.

 

Gestern warst du noch nicht da

Aber heute

Bist nur du mehr.

 

Eilet herbei, alle!

Die ihr absägt den Ast, auf dem ihr sitzet

Werktätige!

Gott ist wiedergekommen

In der Gestalt eines Öltanks.

 

Du Hässlicher

Du bist der Schönste!

Tue uns Gewalt an

Du Sachlicher!

Lösche aus unser Ich!

Mache uns kollektiv!

Denn nicht, wie wir wollen

Sondern, wie du willst.

 

Du bist nicht gemacht aus Elfenbein

Und Ebenholz, sondern aus

Eisen.

Herrlich! Herrlich! Herrlich!

Du Unscheinbarer!

 

Du bist kein Unsichtbarer

Nicht unendlich bist du!

Sondern sieben Meter hoch.

In dir ist kein Geheimnis

Sondern Öl.

Und du verfährst mit uns

Nicht nach Gutdünken noch unerforschlich

Sondern nach Berechnung.

 

Was ist für dich ein Gras?

Du sitzest darauf.

Wo ehedem ein Gras war

Da sitzest jetzt du, Öltank!

Und vor dir ist ein Gefühl

Nichts.

 

Darum erhöre uns

Und erlöse uns von dem Übel des Geistes.

Im Namen der Elektrifizierung

Des Fortschritts und der Statistik!  

 

www.silyrik.de/html/334659805.html

 

 
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Kommentare
Roger Tecumseh schrieb am 14.08.2011 um 14:55
Hallo,

Ihre Erinnerung hat mich beruehrt. Der "Arme B.B." war ein grosser Lyriker; daran kann selbst die Tatsache nichts aendern, dass er sich benutzen liess und auch jaemmerliche Agitationsgedichte verfasste. Er glaubte wohl wirklich daran - bis zu jenem 17.6.53! Doch wer die "Erinnerung an die Marie A.", die "Legende vom toten Soldaten", "Von der Freundlichkeit der Welt" u.a. liest, der kann ihm verzeihen, dass auch er zeitweise blind war!
Sie erwaehnen sein ehemaliges Haus in der Berliner Allee. Ich hatte es mal gesucht und nicht gefunden. Wenn man auf der rechten Seite vom See her zum Antonplatz laeuft, kommt man an einem schrecklich vergammelten "Volkshaus" und spaeter an einem kleinen - nun gelben - Haus (heute wohl Apotheke) vorbei. Wo wohnte Brecht?
Nietzsche 2011 schrieb am 14.08.2011 um 20:27
@Roger Tecumseh um 14.55
Die Hausnummer ist die 185 (oder 183). Das Haus ist etwas eingerückt und steht zwischen einem Wohnblock und einem Flachbau (Bistro+Fußbodenleger); ungefähr in Höhe der Tram-Haltestelle Falkenberger Straße. Seit einigen Jahren wieder bewohnt.
Roger Tecumseh schrieb am 14.08.2011 um 22:38
Danke fuer die Auskunft! Dann bin ich beim letzten Mal auf der Suche direkt daran vorbeigelaufen.
Nietzsche 2011
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