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Die Erinnerung an Bertolt Brecht ist bei mir allgegenwärtig. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ich nahezu täglich an seinem Wohnhaus in Weißensee (Berliner Allee) vorüber fahre. Welches - dies muss gesagt werden – einen verlotterten Anblick bietet.
Meine geistige Beziehung zu Brecht reicht weit in meine Kindheit zurück. Im Lehrplan Deutsch standen stets Brechtsche Gedichte – erinnere mich noch gut an „Die Pappel vom Karlsplatz“ – oder Lehrstücke wie „Die Mutter“, welche mir das Bild des realsozialistischen (!) Schriftstellers vermitteln sollten. Biografisches bezog sich fast ausschließlich auf seine Affinität zum Marxismus; na ja, später kamen noch seine „Frauengeschichten“ hinzu.
Erst nach der „Wende“ – was aber keine ideologischen Ursachen hatte – stieß ich auf einen Text, der mich amüsierte ob seines ironischen Tonfalls und gleichzeitig bedrückte wegen seiner offensichtlichen Zeitlosigkeit. Die Rede ist von „700 Intellektuelle beten einen Öltank an“; geschrieben 1929. Die dort karikierte Technikgläubigkeit ist ja auch mit der sog. Atomwende nicht aus den Köpfen verflogen. Im Gegenteil, das alltägliche Verhalten weist aus, dass weiter gemacht wird wie bisher.
Wie wohl Bertolt Brecht darauf reagieren würde, wäre er nicht heute vor 55 Jahren gestorben?
Ohne Einladung
Sind wir gekommen
700 (und viele sind noch unterwegs)
Überall her, wo kein Wind mehr weht
Von den Mühlen, die langsam mahlen, und
Von den Öfen, von denen es heißt
Daß kein Hund mehr hervorkommt.
Und haben dich gesehen
Plötzlich über Nacht
Öltank.
Gestern warst du noch nicht da
Aber heute
Bist nur du mehr.
Eilet herbei, alle!
Die ihr absägt den Ast, auf dem ihr sitzet
Werktätige!
Gott ist wiedergekommen
In der Gestalt eines Öltanks.
Du Hässlicher
Du bist der Schönste!
Tue uns Gewalt an
Du Sachlicher!
Lösche aus unser Ich!
Mache uns kollektiv!
Denn nicht, wie wir wollen
Sondern, wie du willst.
Du bist nicht gemacht aus Elfenbein
Und Ebenholz, sondern aus
Eisen.
Herrlich! Herrlich! Herrlich!
Du Unscheinbarer!
Du bist kein Unsichtbarer
Nicht unendlich bist du!
Sondern sieben Meter hoch.
In dir ist kein Geheimnis
Sondern Öl.
Und du verfährst mit uns
Nicht nach Gutdünken noch unerforschlich
Sondern nach Berechnung.
Was ist für dich ein Gras?
Du sitzest darauf.
Wo ehedem ein Gras war
Da sitzest jetzt du, Öltank!
Und vor dir ist ein Gefühl
Nichts.
Darum erhöre uns
Und erlöse uns von dem Übel des Geistes.
Im Namen der Elektrifizierung
Des Fortschritts und der Statistik!
www.silyrik.de/html/334659805.html
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Hallo,
Ihre Erinnerung hat mich beruehrt. Der "Arme B.B." war ein grosser Lyriker; daran kann selbst die Tatsache nichts aendern, dass er sich benutzen liess und auch jaemmerliche Agitationsgedichte verfasste. Er glaubte wohl wirklich daran - bis zu jenem 17.6.53! Doch wer die "Erinnerung an die Marie A.", die "Legende vom toten Soldaten", "Von der Freundlichkeit der Welt" u.a. liest, der kann ihm verzeihen, dass auch er zeitweise blind war! Sie erwaehnen sein ehemaliges Haus in der Berliner Allee. Ich hatte es mal gesucht und nicht gefunden. Wenn man auf der rechten Seite vom See her zum Antonplatz laeuft, kommt man an einem schrecklich vergammelten "Volkshaus" und spaeter an einem kleinen - nun gelben - Haus (heute wohl Apotheke) vorbei. Wo wohnte Brecht? |
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@Roger Tecumseh um 14.55
Die Hausnummer ist die 185 (oder 183). Das Haus ist etwas eingerückt und steht zwischen einem Wohnblock und einem Flachbau (Bistro+Fußbodenleger); ungefähr in Höhe der Tram-Haltestelle Falkenberger Straße. Seit einigen Jahren wieder bewohnt. |
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Danke fuer die Auskunft! Dann bin ich beim letzten Mal auf der Suche direkt daran vorbeigelaufen.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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