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23.01.2011 | 16:02

Dauertherapie als moderne Lebensform

Der materielle Wohlstand in den westlichen Ländern ist in den Augen der milliardenfach Armen und Unterernährten auf diesem Planeten märchenhaft, gigantisch – das gelebte vollkommene Schlaraffenland der anderen. Doch diese ANDEREN, diese wohlgenährten äußerlich Gesunden, sowohl in der fitten Variante der Körperbewussten als auch in der fetten Big-Mac-Version, haben anscheinend ein unüberschaubares Problem mit Krebsqualitäten: wuchernde Depressionen - mal eruptiv, mal leise kriechend - Tiefenängste ums eigene Ego, Albträume wegen ihrer wankenden Selbstverwirklichungsprogramme. Sie leiden verstärkt unter dem Richard-Kimble-Syndrom: immer auf der Flucht vor dem Ego-Stillstand, gierig greifend nach der neuesten Therapie, die Heilung verspricht oder dem aller neuesten Guru mit der unmittelbaren Lichterkenntnis, um die eigene kleine, bisweilen eingebildete stockdunkle Finsternis aufzuhellen. Das angeschlagene Ich kreist um sich, findet keinen Ausweg mehr, ist aber bereit, im Zweifel um die ganze Welt zu reisen, wenn nur im Ansatz harmonische Lichtenergie verheißen und etwas Wärme zuteil wird. Neue „Identität“ soll gefunden werden; wenigstens das Haut-Ich, die vielschichtige Berührung mit anderen Menschen, will zu seinem Recht kommen.

So reisen die Sinnsucher bevorzugt nach Goa, insbesondere in die (ehemaligen) Hippiebastionen auf der Süd-Nord-Linie Agonda über Anjuna bis Arambol. Die Rahmenbedingungen sind ideal: jeden Tag Sonnenschein, warmes weiches Meer, wunderbarer Sandstrand, soweit das Auge reicht, Spottpreise für Unterkunft und Verpflegung, dazu ein Jahrmarkt an Therapieangeboten und gleichzeitig ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Joga, von Hatha- bis Lachyoga, Meditationen und Massagen in allen Variationen, Ayurveda-Kuren, spirituelle Wunderheiler, Psychologen mit kosmischen Energiequellen, Schamanen mit ritueller Geisterbeschwörung, ausgeklügelte Horoskop-Deutungen, Kartenleger, Handleser, Satsangs zu allem und nichts, Ausdruckstanz, Pantomime, Akrobatik, Sunset-Trommeln, Mantra-Singen, Musikworkshops, spontanes Malen und Theater, weltreligiöse Inspirationen... und immer wieder spontane wunderbare Feste neben der organisierten Partyszene. Alle wollen den Grau-in-grau-Tönen der aggressiv stumpfsinnigen Megamaschine des Westens entfliehen (wenigstens für 6 Wochen, lieber 6 Monate), sind aktiv bereit, ein buntes, vielfältiges, experimentelles Leben zu gestalten. Die sog. „fertige Persönlichkeit“, die in Stein gemeißelte Sterilität westlicher Illusionsprogramme, wird durchschaut (zumindest deren Schieflage gefühlt) und ad acta gelegt. Gracyness ist dagegen die flexible Goa-Konvention. Man will die eigene geistige Transformation ausloten ganz getreu dem Gandhi-Wort: „Lasst uns selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.“ Das essenzielle Begriffs-Setting lautet: love, freedom, peace, happiness, energy, mind, spirit, body, soul, feel it, be it, absolutly in the moment! Angestrebt ist die wachsende Fähigkeit zur Innenschau, eine kontemplative Gelassenheit, eine erwachte Präsenz der vollen Bewusstheit.

Im Zenit steht die Liebe – zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Mitwelt, zur Natur. Liebe heißt mit wachem Herzen fühlen. Liebe wachsen lassen ist somit nichts anderes als Herzgeist kultivieren. Das ultimative Maß wäre: denken-fühlen-erfassen als organische Einheit jenseits aller Dualitäten, selbst Diesseits und Jenseits aufgelöst, verschmolzen zu einem einzigen Punkt des EWIGEN JETZT: Menschen wie schwebende Zitronenfalter ins Ganze integriert. Alle logischen Verstümmelungen und Vermessungen der Welt wären dann aufgehoben, klassische Denkformen abgestreift. Letztes Ziel ist die erfasste Allgegenwärtigkeit in allen Sinnen, ein höchstes Bewusstsein, das nichts besitzt und alles hat. Die Eule der Minerva fliegt in Goa permanent, braucht keine Dämmerung. Mit den Lessingschen grünen Gläsern und der eigenen Self-fullfilling-Prophecy kann man beobachten, wie die WAHRHEIT ins spezifische Auge springt. Die Dioptrienzahl ist allerdings nicht eindeutig geklärt.

Dennoch wissen viele unausgesprochen und illusionsbewusst, dass dies ein langer und anstrengender Weg ist (dies kann kaum ohne langjährige Meditation und bewussten Umbau der eigenen neuronalen Hirnprozesse realisiert werden), zumindest in diesem einen kurzen Leben. Einige begnügen sich auch deshalb ganz offen mit „Soul-shoping and Party-hopping“, scheren sich einen Teufel um bewusstseinstrübende Geistesgifte wie Gier, Genusssucht, Missgunst, Stolz, Eifersucht, Eitelkeit, Unwissenheit, Macht. Sie genießen geradezu ihre zur Schau gestellte Dekadenz. Diese Minderheit wird aber von der Mehrheit nicht bekämpft, sondern einfach als anhaftende unproduktive Form ignoriert. Der eigne innere Friede ist wichtiger als ein wie auch immer gearteter gegnerischer Kampf. Liebe und Mitgefühl sind und bleiben für die Mehrheit die Grundlage wirklichen Glücks, deshalb genießt gerade das Haut-Ich diese herausgehobene Bedeutung – nirgends gibt es soviel herzliche Umarmung und Berührung – ein wirklich sozialer und personaler Fortschritt im Vergleich zur heimischen Mumien-Kälte. Es gibt eine Bereitschaft das eigene Ego in Frage zu stellen, man will bisweilen ganz bewusst Kind sein, neu spielen und ausprobieren. Die gültige flexible Konvention des „deep in the moment“ motiviert geradezu. Will man darin, eben eingeengt, nicht nur ein abgezocktes Narrenschiff erblicken und damit die eigene geschundene Seele des Workaholics beruhigen, so kann die spontan organisierte Dauertherapie positiv als permanente Revolution des ganzen Ich, als untrennbare Einheit von innen und außen, gedeutet werden. Why not?

Arambol/Goa, 23. Januar 2011

Maico

(In bester Erinnerung und spontaner Zuneigung: Regina, Harald, Kay, Karla, Mario, Jupp, Elscha, Zou Zou, Anja, Christina, Roland, Ute, Pundyam, Ostein, Juri, Jose, John, Eva, Lionheart, Horst, Christi und viele mehr)

 

 

 

 

 
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Kommentare
nil schrieb am 23.01.2011 um 17:34
In diesen Zeiten ist Selbsttransformation mehr denn je angezeigt. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, (12 Jahre tägliche Maditatiospraxis) wie intensiv und zufrieden das eigene Leben wird. Geistige und seelische Gesundheit muß nicht einmal großartig viel kosten, außer vielleicht einmalig in die Einweihung in eine klassische Meditationspraxis durch einen autorisierten Lehrer und vielleicht einer monatlichen Kursgebühr zu investieren. Es lohnt sich.
Bildungswirt schrieb am 25.01.2011 um 10:21
Hallo nil,
kannst du zu deiner geistigen Transformation mal einen Beitrag schreiben? Ist innerhalb der Community, nach meiner Wahrnehmung, ein eher unbekanntes Gebiet. Man gibt sich gern geistig-politisch, die Innenschu wird nur privatistisch gesehen...
Gruß BW
PS. Die Redaktion hat an solchen Themen auch kein großes Interesse, aber das macht nichts. Manchmal ist man eben seiner Zeit etwas voraus, also ran!
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 17:42
"Der eigne innere Friede ist wichtiger als ein wie auch immer gearteter gegnerischer Kampf."

Das ist eine weise und wahre Kernaussage...

Viele (und ein ganz klein bisschen neidische) Grüße nach Goa!
Bildungswirt schrieb am 25.01.2011 um 10:23
Im Gegner (wenigstens zwischendurch als Übergang) auch den vielleicht zukünftigen Freund und Bruder zu erblicken, das ist die höhere Kunst...
Gruß BW
Lee Berthine schrieb am 26.01.2011 um 09:27
@Bildungswert

"..das ist die höhere Kunst" !!!!

Ja, denn wenn ich im jetztigen Gegner einen zukünftigen Freund und Bruder zu erblicken f ä h i g bin, verändert sich auch meine "Kampfweise" - und damit verändert sich die Ausgangslage und die Konsequenz.

Bleibt der Kampf aber ein n u r feindlicher, der den Gegner als zu vernichtendes (oder niederzuschlagendes) Subjekt ansieht, hat das auch starke Auswirkung auf die Art des Kampfes...
Und in meiner Antwort auf Maico bezog ich mich auf letztere Art des Kämpfens.

Aber ich finde deinen Weg (wenigstens zwischendurch als Übergang) anstrebenswert!

LG Lee
Bildungswirt schrieb am 26.01.2011 um 11:16
Das scheint mir bei einigen Linken, auch hier Freitag, noch wenig bedacht...
Man will immer gern dem "Klassenfeind" die Maske runterreißen, entlarven - sprich "aufklären". Die Selbst-Aufklärung spielt da kaum eine Rolle.
Gruß BW
Lee Berthine schrieb am 26.01.2011 um 11:24
@ Bildungswirt

Beim Wort "Klassenfeind" fällt mir diese Anekdote aus dem Leben meines Freundes ein, ich hoffe, er verzeiht mir:
Er ist in Mecklenburg-Vopo großgeworden und hat als kleiner Junge öfter Pakete von der Oma aus dem Westen geschickt bekommen, die waren liebevoll und heiß begehrt.
Als er dann, etwas älter, die Oma zum ersten Mal life und in Farbe gesehen hat (die Besuche waren ja mehr als schwierig und selten) entfuhr ihm ein aufgeregtes:

"Und das soll jetzt der Klassenfeind sein?!"
bevor er die Oma umarmte.
Bildungswirt schrieb am 26.01.2011 um 11:36
Oder wie wär's mit dem DM-Chef, dem aufrechten Streiter für das bedingungslose Einkommen?
Oder mit Jacob Augstein, dem "Verräter" seiner Klasse?
claudia schrieb am 26.01.2011 um 13:13
>>Als er dann, etwas älter, die Oma zum ersten Mal life und in Farbe gesehen hat (die Besuche waren ja mehr als schwierig und selten) entfuhr ihm ein aufgeregtes:

"Und das soll jetzt der Klassenfeind sein?!"
bevor er die Oma umarmte.<<
Ein Scherzchen. Oder war die Oma vielleicht eine Grossaktionärin, die ständig über die Unverschämtheit der Gewerkschaften mährte und Augusto Pinochet als Retter der Welt lobte?

---
>>Oder wie wär's mit dem DM-Chef, dem aufrechten Streiter für das bedingungslose Einkommen?<<
Ein Erzkapitalist. Man muss nur mal schauen, was er sich von der Umstellung auf reine Besteuerung des privaten Konsums verspricht.
Wer nichts hat und ihm auf den Leim kröche würde sich anschliessend dafür hassen...
Lee Berthine schrieb am 26.01.2011 um 19:43
@ claudia

Nein, kein Scherzchen.

Die Oma war eine unbescholtene, eher arme, aber sympathische Frau, die ihre Tochter und deren Kinder einfach nur vermisste.
Und der Enkel hatte über "Wessis" in der Schule gelernt, dass das unmoralische und kapitalistische "Klassenfeinde" eben, seien, und so (wie diese Frau) hatte er sich sich die nicht vorgestellt.
Das ist alles.
Keine Ahnung, wie du da zu deiner Assoziationskette kommst, vielleicht ist das ja ein Reflex (?).
Chryselers schrieb am 26.01.2011 um 11:10
Die ersten Absätze dacht ich, das ist so Freitags-Ironie, Nachrichten aus dem beschädigten Leben, aber das scheint ja ernst gemeint zu sein. Und endet darum als konsequent als Kitsch.

Schaurig.
Bildungswirt schrieb am 26.01.2011 um 11:19
Hi Chryselers,
wir kennen uns doch jetzt durch einige Diskussionen. Ich will mal nicht an deiner jetzigen Lesekompetenz zweifeln.

Worin soll der "Kitsch" bestehen? Sprichst du aus Erfahrung der Innenschau?
Gruß BW
Lee Berthine schrieb am 26.01.2011 um 11:31
@Bildungswirt

Wenn der Chrysler das als Kitsch empfindet, ---
lass ihn doch. Ist doch sein gutes Recht, darüber zu denken was er will.

Kitsch ist übrigens lebensnotwendig, um nicht zu sagen: cool.
Bildungswirt schrieb am 26.01.2011 um 11:41
Naja, beim "beschädigten Leben" der Vielen (Chryselers will hier auf Adorno, Minima Moralia anspielen) sollten wir schon noch etwas Diskursgeduld aufwenden. Warum nicht ernsthaft heiter über Meditation, Liebe, Goa, Narrenschiff, spontane Musik, Kitschvorwurf reden?
Bildungswirt schrieb am 27.01.2011 um 12:15
Nachtrag@Chryselers
Würdest du z.B. einen Jazz-Standard wie "All of me" einfach auch nur als Kitsch abtun? Dort heißt es: "...You took the part that once was my heart, so why not take all of me".

Steckt nicht auch in jedem "Kitsch" ein großes Stück Wahrheit? Man nehme nur zwischendurch eine neue geputzte Brille.
Chryselers schrieb am 27.01.2011 um 12:59
@ BW

Kitsch, die Verwendung gebrauchter Gefühle zum Zwecke der Erbauung, ist immer ein schöner Weg zum Eigenen, breit ausgelegt, gut geharkt, die Anstrengungslosigkeit ist garantiert. Der röhrende Hirsch im Wald über dem Bett ersetzt die lange Suche, macht Natur, wo keine mehr gesehen werden kann, schafft kontrafaktisch Versöhnung.

Versöhnung, die mehr als ein geschenkter Augenblick wäre, gibt es aber nicht. Das ist der unüberholbare Sinn der Schöpfungsgeschichte und der Geschichten vom Sündenfall und vom Kainsmord.

Der Augenblick kann rezitiert werden, das Zitat kann in Wiederholung eingeübt werden, er kann aber nicht auf Dauer gestellt werden. Es bleibt immer die Gleichzeitigkeit von Entfremdung und der bloßen Ahnung von Versöhnung. Der Berg Tabor ist fern am Horizont, wir können da keine Hütten bauen.

Versuche, diesen Augenblick auf Dauer zu stellen, können deshalb nur gelingen, wenn sie in Katzengold ausgeführt werden, nichts, was hält. Denn dann wäre die Geschichte der mystischen Philosophien und der Religionen eine des augenfälligen Erfolgs der Selbstverbesserung der Individuen, vielleicht gar der Menschheit. Ist sie aber nicht, bestenfalls hält sie die Erinnerung daran wach, dass da Aufgaben sind, die jeden Tag neu anstehen.

"Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf, er existiert nur in dem Maße, in welchem er sich verwirklicht, er ist also nichts anderes als die Gesamtheit seiner Handlungen, nichts anderes als sein Leben." (Sartre)

Das Drinnen ist nur im Verhältnis zum Draußen zu finden. Mit einer weiteren reflexiven Kehre.: Im Verhältnis zum Verhältnis von Drinnen und Draußen. Diese reflexive Kehre ist ohne ein konkretes Draußen nicht möglich. Deshalb kann sie nur hier gelingen, an diesem Ort, an diesem Tag, in dieser Handlung. Bei und vom konkreten Einzelnen. Aber sie bleibt auch dann durchzogen von der Bitternis der immer wieder scheiternden Versöhnung.

Und in diesem Prozess bildet sich der Einzelne.

"Der eigne innere Friede ist wichtiger als ein wie auch immer gearteter gegnerischer Kampf."

Eine falsche Entgegensetzung: Denn ein innerer Friede, der dem Kampf absagt, hat mit allen anderen, denen er sich entzieht, auch sich selbst aufgegeben; er steht nicht mehr für Versöhnung, die gibt es nur ganz oder gar nicht, sondern für Resignation: Da kann man ja doch nichts machen.
Bildungswirt schrieb am 28.01.2011 um 06:29
Hi Chryselers,
die schriftliche Kurzform unserer Kommunikation stößt hier an die Grenzen, könnte m.E. nur durch ein direktes Gespräch einigermaßen eingefangen werden (Ich hatte dich ja schon mal nach Frnkfurt eingeladen). Immer schwingen hunderte von Anspielungen und Bezüge mit, immer lauert das Mißverständnis.

Du sezierst gern, spitzt zu auf "alles oder nichts", "ganz oder gar nicht", trotzdem ständig im Gewande einer ausgeklügelten Dialektik.
Ich sehe das alles lockerer, betone gern mal das Sowohl-als-auch, lasse die Dinge rhizomatisch in einanderfließen, sehe das Narrenschiff und doch Elemente einer Befreiung, sehe mehr Versöhnung als Spaltung, kann auch den zahlreichen "geschenkten Augenblicken" sehr viel abgewinnen und eben nicht nur den erarbeiteten, sehe im Kitsch eben nicht nur den "röhrenden Hirsch" (ein abgenudeltes Beispiel, typisch für intellektuelle Hochnäsigkeit und mangelnde Sensibilität gegenüber harmonisch orientierten Menschen, wird immer wieder bis zum Erbrechen zitiert, aus der Schublade geholt - hier beim Goa-Atrikel ging es aber um etwas völlig anders)
Wenn ich mir viele verkniffene Gesichter, auch der sog. politischen Aufklärer anschaue, so empfehle ich doch Goa als Lockerungsübung - sich auf neue Erfahrungen heiter einlassen. Niemand verlangt, dass man deshalb seinen analytischen Geist bei Pförtner oder Guru abgibt.
Gruß BW
Chryselers schrieb am 28.01.2011 um 11:51
@ BW

Nichts gegen einen schönen Urlaub im fernen Indien, wenn ich ihn auch lieber mit Studiosus machen würde. Nur das mit der Reise nach innen ist vielleicht doch was ganz, ganz anderes. Und dieser Unterschied ist schon festzuhalten.

www.ephraem.de/
Bildungswirt schrieb am 28.01.2011 um 17:43
Hallo Horst,
lass doch mal die Studiosus bei Seite, meditiere für dich, experimentiere, genieße, lebe in den Tag hinein, mach mal keinen Unterschied, halte mal nichts fest.
Und den "Herrn und Gebieter meines Lebens" schiebe ich auch bei Seite -du bist mir zu sehr im Korsett der monotheistischen Religionen (insbesondere im Christentum) gefangen...
Gruß BW
Chryselers schrieb am 29.01.2011 um 00:17
@ BW

Religion und meist auch Philosophie gibt es nur kontingent. Aber dann gibt es sie, wie sie sind. Vielleicht doch nicht zufällig so.

Kontingenz aber ist nicht Korsett, sondern entdeckt in Freiheit. Man könnte ja auch beiseite schauen. Oder die Augen zu machen und sich eine andere Welt wünschen. Ob in Indien oder auf dem Mond.

Übrigens: www.jsse.org/2010/2010-3/leps-d-jsse-3-2010

Horst
Bildungswirt schrieb am 30.01.2011 um 09:03
Deine sog. "Kontingenz" trägst du ein bißchen wie ne Monstranz vor dir her. Na, "wie sie sind" - darüber scheiden sich die Geister, die Irrtümer der Vernunft lauern an fast jeder Ecke. Vgl. auch dazu die schon im Text angesprochene Kleistsche Brillenmetapher.
Das politische Rhizom versucht diese Fehler zu vermeiden. Vgl. dazu meinen Rhizom-Beitrag im Freitag 2009.

Insgesamt haben wir uns in unserer kurzen Debatte weit vom Ursprungstext entfernt.

Sonnige Friedensgrüße aus Goa
BW

PS. Who will liberate your own mind, if not yourself?
abghoul schrieb am 26.01.2011 um 12:05
Ich scheine mich sowohl physisch als auch spirituell auf der gegenüberliegenden Seite von Goa zu befinden.
Sicher der Weg, seine Frustrationen hinter sich zu lassen und auf eine ferne Insel mit gleichgesinnten zu fahren.
Was ist mit den Ursachen dieser Frustrationen, wird die Selbstverliebtheit diese Abschaffen oder einfach nur ignorieren.
Ab mit den Eltern in ein Pflegeheim, schnell noch ein paar wirtschaftliche Gewinne besorgen und sich dann das Gewissen freifeiern?
Kann für das Individuum Wunder wirken, das will ich nicht in Frage stellen, aber ist schwarze Medizin für die Gesellschaft.
Ich rate zum Gegenteil, sich bewusst auf die hässlichen Dinge in der eigenen Umwelt zu konzentrieren und versuchen den Leuten und Dingen zu helfen, sowas kann die Seele auch reinigen.
Bildungswirt schrieb am 27.01.2011 um 12:10
Da werden die "Eltern nicht in ein Pflegeheim" gebracht, also abgesondert, sondern integriert.
"Im Zenit steht die Liebe – zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Mitwelt, zur Natur. Liebe heißt mit wachem Herzen fühlen. Liebe wachsen lassen ist somit nichts anderes als Herzgeist kultivieren." All das schwingt auch im buddhistischen Mitgefühl...
Warum bewusst auf die "häßlichen Dingen konzentrieren"? Soll das eine Grundlage für eine "andere Gesellschaft" sein.
Worin zeigt sich deine "Spiritualität"?

(Ich hoffe, dass du zwischen Autor und Text unterscheidest...)
Gruß BW
abghoul schrieb am 28.01.2011 um 00:40
Ich wurde durch Erfahrungen aus meinem privaten Umfeld zu diesem , zugegeben etwas schattigen, Kommentar verleitet.
Ich habe viele Jahre als vagabundierender Physiotherapeut gearbeitet und habe dabei eine Menge Menschen kennengelernt die von ihrem sozialen Umfeld links liegengelassen wurde, und andere, deren Drang zur spiritulellen Weiterentwicklung großen Schaden verursacht hat.
Manchen konnte ich helfen aber vielen schien mein Pfad zu dunkel, zu nah am Fleisch.

Einer erzählte mir ähnliche Dinge über seine Reise nach Indien wie in dem Artikel.
Die Reise finanzierte er durch das Erbgeld seiner Eltern, die Mutter habe ich noch vor ihrem Tod kennengelernt, nachdem sie ins Hospiz verschwand aber nichts mehr von ihr gehöhrt.
War kein schöner Anblick für mich, so ein seelisch rein glänzender Kerl frisch zurück aus Asien, braungebrannt und frei von Sorgen und Zwängen.
Sicher lag das nicht in ihrer Absicht, aber ihr Artikel hat mich da an etwas finsteres erinnert.
Und ich denke es ist eine Tatsache das viele Menschen auf dem Weg in die Spiritualität einfach nur die Verantwortung hinter sich lassen wollen.
Ich selber bevorzuge einen Weg in die Geistigkeit mit durchaus bitterem Beigeschmack, möglicherweise einfach eine Geschmacksfrage.
Bildungswirt schrieb am 28.01.2011 um 06:08
Das Authentische deiner subjektiven Erfahrung steht außer Zweifel. Das Problem sehe ich nur in der Verallgemeinerung.
Aber "frei von Sorgen und Zwängen" - why not? Individuell und kollektiv - ist das nicht auch Ziel einer anderen Gesellschaft? Das Ich übernimmt Verantwortung für sich und für andere, erkennt die Begrenzheit und Hohlheit eines Egotrips, ist und bleibt sensibler Sinnsucher. Herzgeist kultivieren halte ich durchaus für ein anzustrebendes Ziel - scheint mir bei vielen Linken eher eine unterentwickelte Fähigkeit.
Gruß BW
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