Bildungswirt

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16.06.2009 | 08:46

Die Superlehrer – eine Randnotiz

Fernsehen, Sat1, gestern, 20.15 - startete die neue Serie „Die Superlehrer“, die sich als Teil des neuen pädagogischen Montagabend-Programms versteht. Praktische Lebenshilfe für gestrandete Jugendliche soll angeboten werden. „Ich will kein Hartz-IV-Empfänger werden“ - das ist Marvins erklärtes Ziel und sein Ansporn, doch noch einen Hauptschulabschluss zu machen. Genau wie 15 andere Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren nimmt auch er am Sat.1-Dokutainment-Projekt teil. Vier Lehrer und eine Sozialpädagogin wollen die Jugendlichen in nur 14 Wochen an ihr Ziel bringen: den wertlosen Hauptschulabschluss und damit auch eine größere Chance, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Um was geht’s eigentlich? Ganz einfach um Quote, um mediale Ausbeutung von Gefühlswelten, um Befriedigung selbst angestachelter Sensationsgeilheit. Als musikalische Untermalung wird Pink Floyd - „we don't need no education“ - gegen die ursprüngliche Intention effekthascherisch eingesetzt.

Bei Sehen hatte ich doch einen deutlichen Würg-Kotz-Anfall, mein Körper rebellierte gegen das Dargebotene. Die angeblichen Superlehrer sind in Wirklichkeit pädagogische Blindgänger. Schule als Lehr-Herrschaft wird vorgeführt mit allen bekannten Ritualen und Schulatmosphären. Schon am 2. Tag gibt’s einen Mathetest (der kann ja nicht mal 40 – 0,7 = rechnen), die üblichen Sanktionsdrohungen, der Rotstift, die Note 6 als Standard, um das bekannte Defizit noch einmal vorzuführen. Die in den Körpern eingelassene Leiderfahrung der Jugendlichen durch Schule, sämtliche Erfahrungen der Ausgrenzung und Demütigungen werden im pädagogischen Helferkostüm genüsslich medial verdoppelt. Den vorgeführten Zirkusäffchen wird suggeriert, dass es um ihre Zukunft gehe, dazu gibt ein emotional gerührter Superlehrer seine letzte Träne. Widerlich.

PS. Im aktuellen Bildungsstreik sollte man sich auch mit diesen zynischen Medienproduktionen beschäftigen. Die Frage stellt sich: warum versagt das öffentlich-rechtliche Fernsehen? Dazu:

www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/oeffentlich-rechtliches-fernsehen-und-bildungsauftrag/?searchterm=bildungswirt

 

 
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Kommentare
Verena schrieb am 16.06.2009 um 14:11
Hallo Bildungswirt,
ich hab' auch versucht die Superlehrer zu sehen. Super Lehrer aber habe ich nicht entdecken können ... und mußte auf halber Strecke aufgeben und ausschalten. Das Ganze ist - wie so manches in den Privaten - eher eine kriminelle Volksverblödung (Ausnahmen und winzigste Halbwahrheiten bzw. Halbwahrscheinlichkeiten bestätigen auch hier die Regel). Deinen Link zum Thema »Warum versagt das öffentliche Fernsehen« schaue ich mir später an ... interessiert mich sehr ... vor allem, was können wir dagegen tun.
Bis bald also
Bildungswirt schrieb am 16.06.2009 um 23:01
Das Volk ist nicht so blöd, wie es scheint. Die Mittel der Gegenwehr sind allerdings begrenzt. Ich sehe medial nur einen Ausweg über die Reform des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Vgl. dazu meinen Link. Die skizzierte Kneipenidee wurde später von mir zum Format ausgearbeitet. Sat1 hatte dies seit Dez.2007 als Vorlage über eine renommierte Produktionsfirma, bediente sich und verbog die Sache bis zur verbogen. Regressansprüche sind in der Szene schwer durchsetzbar.
Die Öffentlich-rechtlichen schlafen...Wir werden in den nächsten Monaten sehen, wohin das führt. Schau dir doch bitte noch die nächsten zwei Sendungen an. An Detailkritiken bin ich interessiert.
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 16.06.2009 um 23:02
Korrektur: ...muss heißen
und verbog die Sache bis zur Unkenntlichkeit.
I.D.A. Liszt schrieb am 16.06.2009 um 16:40
Ach, wenn so etwas wie der "Superlehrer" doch nur eine Randnotiz wäre!
Hier wird jedoch suggeriert, mit besserer Bildung (als was diese Art der Dressur heutzutage bezeichnet wird) hätten die Jugendlichen bessee Chancen auf dem sog. Arbeitsmarkt.
Als wenn das noch viel ausmachte!

P.S.: Lieber Bildungswirt, Du bloggst viel zu schnell. Ich habe es noch nicht einmal geschafft, Deinen Artikel zum "homo symbolo-oecologicus" in aller gebühenden Ruhe zu lesen! Das wird aber noch geschehen.
Bildungswirt schrieb am 16.06.2009 um 23:10
Nein, Bildung ist ein Megathema, viel diskutiert, wenig verstanden. Ich hatte heute Morgen nur Zeit für eine schnelle Kritik als "Randnotiz", das mußte aber brandaktuell gesagt werden.
Den wertlosen Hauptschulabschluss nachholen ist eine komplette Irreführung der Jugendlichen und der Zuschauer. Das spielt alles ganr keine Rolle, Hauptsache die Quote stimmt. Die erste Sendung hatte etwa 1,3 Millionen Zuschauer - fällt die Quote, wird die Sendung abgesetzt. Deshalb ist sie auch nur auf 10 Sendungen terminiert, überschaubares Risiko für den Sender, zudem trashmäßig produziert. Drittklassige Pädagogen, Ästhetik der Banausen etc.
Vielleicht sollte man die ganze Sache noch verbinden mit den Aussagen von F. Schirrmacher zur Bildungsrevolution. Streifzugs Vorwurf "Dampfplauderer" steht ja noch im Raum. Mal sehen, was die FAZ zu Sat1 schreibt?

Ja, der Homo symbolicus-ökologicus ist wichtiger. Ab August werde ich eh eine größere Pause einlegen.

Gruß BW
Titta schrieb am 16.06.2009 um 23:20
Die Superlehrer habe ich nicht gesehen, nur so ein Stückchen von einer "Doku" über aggressive Jugendliche, die ins Ausland zu einer strengerziehenden Familie kommen, damit sie anschließend wieder lieb zu Mama daheim sind.
Das war auch so ein absoluter Schwachsinn. Die aggressiven Jugendlichen, die damals an der Schule, an der ich mein Schulpraktikum gemacht habe, die LehrerInnen bedrohten, hätten sich schlapp gelacht über den Blödsinn.
Bildungswirt schrieb am 16.06.2009 um 23:40
Diese Dokusoap-Welle wird von den privaten Sender bis über die Schmerzgrenze ausgereizt. Da ist die Super-Nanny noch die harmloseste Sendung.
Das liegt aber auch daran, dass ARD und ZDF nichts Vernünftiges auf die Beine stellen und sich dem Problem Bildung und Erziehung mit Köpfchen stellen.Ich habe es 2 Jahre lang versucht, großes Interesse wurde von ganz "oben" signalisiert, doch nie kam es zur praktischen Handlung.
Vielleicht wachen sie noch auf? Da könnte doch mal der Börne-Preis-Träger F. Schirrmacher mit seiner "Bildungsrevolution" forsch einspringen.
Dattel schrieb am 17.06.2009 um 09:09
Hast du ernsthaft noch Hoffnung, dass sich das Fernsehen!!! jemals aendern wird? Sei doch froh, dass es noch einige oeffentlich-rechtliche Sender gibt wie Arte, die hin und wieder eine wirklich gute Dokumentation bringen. Ansonsten wuerde der Kasten aber schnell aus dem Fenster fliegen. Angenommen ich haette einen. Man sollte versuchen in den Nieschen noch wertvolles zu finden. Leider ist letztes Jahr im WDR3 meine Lieblingssendung Tageszeichen abgesetzt worden. Bei der aktuellen Entwicklung sollte es doch darum gehen noch das zu erhalten, was es Gutes gibt. Eine grosse Kampange wuerde ich ja unterstuetzen, aber wir stehen von einem Scherbenhaufen der von Flensburg bis nach Kaernten reicht. Ich geh dann doch lieber auf die Strasse, um gegen G8, Bachelor und elitaerem Schulsystem protestieren.
Friedland schrieb am 17.06.2009 um 22:45
Die Krux ist doch die:
Da es immer mehr schlechte Sendungen gibt (gerade auf den Privaten), verzichten nach und nach Menschen auf ihren Fernseher. Dann zahlen sie dafür keine GEZ-Gebühr mehr und - das Angebot der Öffentlich-Rechtlichen wird zusammengestrichen. Davon profitieren wiederum die Privaten und bekommen noch mehr Quote und Werbegelder. Wo soll man da ansetzen? Arte auf Programmplatz 1-7 setzen? Oder gleich die guten Sachen in den Mediatheken schauen?
Bildungswirt schrieb am 17.06.2009 um 23:32
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Der Kampf um Qualität im Fernsehen und in der Schule rentiert sich, auch wenn die Chancen auf Veränderung nicht die besten sind.
8000 Millionen Gebühren bekommen die öffentlich-rechtlichen Anstalten, da kann man schon etwas erwarten fürs demokratische Gemeinwohl, nicht nur zur puren Unterhaltung.Bildung steht explizit im Rundfunkstaatvertrag (vgl. den gelegten Link im Beitrag). ARD/ZDF könnten hier deutlich mehr leisten, als sie es bisher tun.In der Führungsspitze scheint die Schere im Kopf aber frühzeitig einzusetzen, dazu zahlreiche Stoppschilder. Gute und engagierte Leute gibt es überall, Machtbarrieren auch.
Arte ist okay, nur bewegen wir uns hier im Bereich von 0,5% Marktanteil. Besser als nichts und doch kann man sich nicht damit zufrieden geben.

Friedland hat die Krux richtig benannt. Fernsehen selbst muss in Funktion und Leistung öffentlicher Verhandlungsgegenstand werden (Nicht nur bei Preisverelihungen und Marcel Reich-Ranickis Polterkritik)Qualität und Quote müssen kein Widerspruch sein. Blogs sind ein gute Möglichkeit.
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 17.06.2009 um 23:34
Wo ist mein Kommentar? Hatte ich gerade geschrieben?
Bildungswirt schrieb am 17.06.2009 um 23:35
Alles da, die Maschine lahmt manchmal. Entspannung.
Dattel schrieb am 18.06.2009 um 06:54
Kannst du erklaeren wo die Ursache von der Schere im Kopf der Fuehrungsetage liegt? Das wuerde uns doch ein grosses Stueck weiter bringen. Das ist beim oeffentlich-rechtlichen Fernsehen bestimmt spannend, da man nicht wie sonst fast ueberall sagen kann, dass die Geldvermehrungsmaschiene jede Alternative blockiert. Wie koennte man die engagierten Leute unterstuetzen, die noch genug Idealismus und Phantasie habe vernuenftige Sendungsvorschlaege einzureichen?
Bildungswirt schrieb am 18.06.2009 um 09:12
Lieber Dattel,
wie immer gibt es rationale, nicht-rationale (emotionale) und irrationale Erklärungsansätze. Im Detail müßte man langjährige Insider befragen, z.B. einen Ex-Intendanten und engagierten Geist wie Herrn Plog (NDR). Anhaltspunkte sind:
Schielen auf die Quote
Quote vor Qualität
Beamtenmentalität und abgezirkelte Zuständigkeiten
wenig Experimentierfreude
Mutlosigkeit von Entscheidungsträgern
direkte und indirekte Einmischung der Politik
Vorauseilender Gehorsam und eigene Karriereabsichten
"Sparzwänge" ....

Unterstützungsmöglichkeiten? Ein Teil sind immer öffentliche Debatten über Sinn, Funktion, Leistung des TV.
Vgl. u.a. meinen Vorschlag zu Frank Schirrmacher und Jakob Augstein.
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/frank-schirrmacher-ludwig-boerne-und-die-deutsche-bildungspolitik/?searchterm=bildungswirt

Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 23.06.2009 um 01:10
Gestern Abend, die zweite Ausstrahlung dieser unsäglichen Sendung gesehen. Alle Vorurteile, Sensationsgeilheiten und Schrägheiten wurden bedient.

Wissen die Werbekunden, die wesentlich diese Sendung finanzieren, was sie tun? Ikea und Kerner z.B. werben indirekt für diesen Schrott.Vielleicht juckt sie auch gar nichts mehr? Der laufende Schwachsinn ist offensichtlich besser als Eigensinn, da weiß man nie, wo dieser endet.
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