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20.10.2009 | 18:23

Gesellschaftstheoretische Wurzeln einer emanzipativen Pädagogik (3)


Es ging mit der 68er Protestbewegung im Rücken zentral um die Durchsetzung eines neuen Paradigmas: neue Deutungsmuster von Bildung und Erziehung, neue Kategorien, Begriffe, Bezeichnungen, ein neuer Habitus im Referenzrahmen einer komplexen Gesellschaftstheorie. Kritische Theorie (Horkheimer, Adorno, Habermas, Marcuse) war en vogue, eine unerschöpfliche Fundgrube für ErziehungswissenschaftlerInnen mit der Freiheit sehr eigenwilliger Interpretationen und Übertragungsleistungen auf ihr Terrain. Der Fokus aller Bestrebungen hieß gesellschaftliche und individuelle Emanzipation, d.h. Befreiung von Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen. Das wissenschaftstheoretische Programm war folglich gesellschaftspolitisch gespeist. Es ging also vornehmlich nicht um neue Theorien und Ansichten zur Pädagogik als universitäre Geistesübungen, sondern um eine zu verändernde gesellschaftliche Praxis, um permanente Kapitalismuskritik in allen gesellschaftlichen Feldern, in der Erziehung um eine „Kritische Schule“ (H.-J.Gamm).

Auf die „erkenntnisleitenden Interessen“ (Habermas) für pragmatische Ziele und Analysen in einer bestimmten Wissenschaft kommt es an; sie entscheiden über Annahme oder Ablehnung metatheoretischer Regeln und Normen, sie entscheiden über theoretisch-praktisches Tun und sinnhafte Orientierung im ständigen Selbstreflexionsprozess der Handelnden. In „Erkenntnis und Interesse“ führt Habermas in intensiver Beschäftigung mit Marx aus: „Während das instrumentale Handeln dem Zwang der äußeren Natur korrespondiert und der Stand der Produktivkräfte das Maß der technischen Verfügung über Gewalten der Natur bestimmt, steht kommunikatives Handeln in Korrespondenz zur Unterdrückung der eigenen Natur: der institutionelle Rahmen bestimmt das Maß einer Repression durch die naturwüchsige Gewalt sozialer Abhängigkeit und politischer Herrschaft. Die Emanzipation von äußerer Naturgewalt verdankt eine Gesellschaft den Arbeitsprozessen, nämlich der Erzeugung technisch verwertbaren Wissens (einschließlich der „Transformation von Naturwissenschaften in Maschinerie“); die Emanzipation vom Zwang der internen Natur gelingt im Maße der Ablösung gewalthabender Institutionen durch eine Organisation des gesellschaftlichen Verkehrs, die einzig an herrschaftsfreie Kommunikation gebunden ist. Das geschieht nicht unmittelbar durch produktive Tätigkeit, sondern durch die revolutionäre Tätigkeit kämpfender Klassen (einschließlich der kritischen Tätigkeit reflektierender Wissenschaften).“
Die herrschaftsfreie Kommunikation, die Herstellung unverzerrter Kommunkationsverhältnisse avanciert schnell zum Kristallisationspunkt pädagogisch-emanzipativen Handelns. Das pädagogische Problem ist, wie unter den Bedingungen wirklicher Unfreiheit (herrschenden Klassenverhältnisse), gesellschaftlicher (latenter und offener) Repression und Unterdrückung Freiheitspotentiale bei Schülern, Lehrern und reformfreudigen Eltern zu entfesseln seien.
Es geht um die Schaffung kommunikativer Kompetenz, um in einen kritischen Dialog , sprich: herrschaftsfreien Diskurs eintreten zu können.
Pädagogik/Erziehungswissenschaft ist nicht mehr als abgegrenzter gesellschaftlicher Bereich zu analysieren, sondern Schule und Hochschule generell auch in Genese, Funktion und Perspektive in der Klassengesellschaft zu begreifen. Im Gegensatz zu den traditionellen Geisteswissenschaften und den empirisch-analytischen Forschungen gilt es aus dem universitären Elfenbeinturm auszubrechen.
Der Definitionskreis des Neopositivismus im Sinne einer analytischen Wissenschaftstheorie wird damit für die Pädagogik eindeutig überschritten. Die positivistische Faktizität erweist sich nämlich im Radius der pädagogischen Interessen als eine zwar operational notwendige, aber ohne dialektische Zuordnung unbefriedigende Funktion. Mollenhauer, Blankertz, Dahmer, Gisecke, Gamm u.a. arbeiteten - trotz aller ideologischen Unterschiede im Detail - an solchen emanzipativen Konzeptionen. Klaus Mollenhauers Buch „Erziehung und Emanzipation“ ist Programm dieser Aufbruchbewegung und „Anstrengung des Begriffs“ zugleich. In der Wirtschaftspädagogik fordert v.a. Wolfgang Lempert, dass sich „Bildungsforschung“ von „emanzipatorischen Interessen lenken lassen“ soll. Es geht ihm um Aufklärung, Ideologiekritik, Rollendistanz, Demokratisierung und Mitbestimmung auch im gesamten Feld beruflicher Bildung - entgegen konservativer Einschätzungen und Ängste weit entfernt vom Ziel ‘revolutionärer Praxis’ und schriller klassenkämpferischer Töne. „Das emanzipatorische Interesse fordert sowohl empirisch- analytische Informationen - als Bedingungen der technischen Emanzipation von der Natur - als auch historisch-hermeneutische Interpretationen - als Bedingungen der kommunikativen Emanzipation in der Gesellschaft...“ „Darum sollen auch berufliche Bildungsprozesse unter dem Aspekt der Emanzipation erforscht werden und nicht nur der Qualifizierung. Hierzu zählen auch Experimente zur reflexiven Aneignung beruflicher Rollen ...“ Praktisches Ziel ist die „berufliche Mündigkeit oder auch Autonomie“ der Lohnabhängigen, das ist zugespitzt die berufspädagogische Konsequenz aus Demokratie- und Gleichheitsrechten. Nicht immer ist bei Lempert klar, wie denn dieses technische Erkenntnisinteresse mit dem angeblich leitenden emanzipatorischen Erkenntnisinteresse verbunden werden soll.
Karlheinz Geißler geht mit seinem Konzept „beruflicher Identität“ in starker Anknüpfung an die ‚Kritische Theorie‘ über Lemperts Ansatz hinaus. Dem „interaktionstheoretischen Paradigma“ verpflichtet, entfaltet er sein Konzept in Ausleuchtung der Dimensionen kritisch-reflexiver, kritisch-sozialer und kritisch-instrumenteller Kompetenz.
Beruferziehung zielt ab auf eine umfassende Ermöglichung gelingender beruflicher Identitätserfahrung. “Kritik wird begriffen als dialektische Einheit von Erkenntnis und Handeln im Interesse von Emanzipation. Dies geschieht durch das Aufdecken von Widersprüchen und Mängeln in der Gesellschaft und ihrer Aufhebung durch aktive Mitwirkung. Solche Widersprüche zeigen sich speziell zwischen der Funktion der Subjekte im Selbstkonstituierungsprozess durch Arbeit und Interaktion.“ Geißler repräsentiert mit Lempert zusammen den ‘Mollenhauer’ der Wirtschaftspädagogik.

In Teil 4 geht es um Umrisse konkurrierender Programme zur kritisch-emanzipativen Pädagogik: geisteswissenschaftlichen Pädagogik und empirisch-analytischen Erziehungswissenschaft.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 20.10.2009 um 21:00
Alle Achtung! Ganz schön harter Stoff! Toller Blog! Danke!
Bildungswirt schrieb am 20.10.2009 um 22:37
Ich würde sagen: kleiner Einblick (bisher 3 Folgen) in alte Debatten mit immer noch einiger Aktualität, damit nicht alles "irgendwie links" (im Freitag) bleibt.
Konkurrenzprogramme werden in Teil 4 behandelt und in Teil 5 weiße Flecken.Dann werden wir weiter sehen ...
Gruß BW
poor on ruhr schrieb am 21.10.2009 um 15:33
Da bin ich mal gespannt.
Bildungswirt schrieb am 21.10.2009 um 17:21
Kann auch gern jemand anderes im Freitag schreiben. Stichworte
a) Systemtheorie ab Luhmann und Weiterentwicklungen (so etwas interessiert nach Chryselers keine Politiklehrer, die wissen ja schon alles)
b) libertäre Pädagogik, anders formuliert: Anschlüsse einer gewaltfreien Anarchismustradition - eben nicht Bakunin, sondern eher Gandhi....

Wenn ich es schreibe(zurzeit ziemlich eingespannt), dauert das noch etwas. Zuerst jetzt Teil 4.
Vielleicht will die Freitag-Redaktion?
Chryselers schrieb am 20.10.2009 um 21:08
"Die herrschaftsfreie Kommunikation, die Herstellung unverzerrter Kommunkationsverhältnisse avanciert schnell zum Kristallisationspunkt pädagogisch-emanzipativen Handelns. Das pädagogische Problem ist, wie unter den Bedingungen wirklicher Unfreiheit (herrschenden Klassenverhältnisse), gesellschaftlicher (latenter und offener) Repression und Unterdrückung Freiheitspotentiale bei Schülern, Lehrern und reformfreudigen Eltern zu entfesseln seien.
Es geht um die Schaffung kommunikativer Kompetenz, um in einen kritischen Dialog , sprich: herrschaftsfreien Diskurs eintreten zu können."

Ich verstehe das nicht. Ich verstand das auch damals schon nicht. In den Natur- und technischen Wissenschaft ist Herrschaft wurscht, denn das Fallgesetz gilt in jeder gesellschaftlichen und politischen Ordnung, insofern kann das alles weggelassen werden, und in den politischen Dingen kann es immer nur um einen Streit um Herrschaftsverhältnisse innerhalb von Herrschaftsverhältnissen gehen: Soziale Kräfteverhältnisse des Denkens, die auf dem Weg zu mehr Mitbestimmung (Giesecke, Hilligen) in das Denken einzubeziehen sind. Die Selbstbestimmung im Kampf der Interessen und der Mächte, soll sie ausgeweitet werden, bleibt dennoch in diesem Kampf, der Diskurs ist der des ideologischen Kampfes.

Oder? HL
Bildungswirt schrieb am 20.10.2009 um 22:34
Beim "Fallgesetz" hast du recht, das ist banal, nur das ist nicht gemeint. Technik existiert nicht im luftleeren sozialen Raum. Als Technologie (vereinfacht: Technik + Systemcharakter) dringt sie überall gesellschaftlich ein. Sie entwickelt eine Infrastruktur mit teilweise nicht absehbaren Folgeabschätzungen, vgl. Energiepolitik mit Systemcharakter, vgl. raffinierte Unterrichtstechnologien mit organisierten Diskursen gesellschaftlicher Akzeptanz ....
Dagegen das Ideal des herrschaftsfreien (herrschaftsarmen) Diskurses, gegen eine Kolonalisierung der Lebenswelten, wie das Habermas sagen würde.
Auch in der Schule geht es nicht nur um ideologische Kämpfe, sondern ganz klar auch um Pragmatik: Was heißt lernendes Subjekt, mit welchen Rechten? Welche Lernarragements (von mir aus die von dir favorisierte Lehrkunst, welche Schulkultur? Freier Internetzugang für alle, keinerlei Zensur? etc.pp.
Gruß BW
Chryselers schrieb am 21.10.2009 um 00:14
Na und? Was ändert das daran, dass politischer Diskurs etc. immer nur in Herrschaftsverhältnissen stattfindet? (Deren Struktur durchaus tangierend.) Gar nichts.

HL
Chryselers schrieb am 21.10.2009 um 00:18
Nachtrag: Wir können das alles auch kantsch-tranzendental verstehen. Nur sind wir dann auch in einer anderen Welt. Die einen Politiklehrer nicht interessiert.

HL
Bildungswirt schrieb am 21.10.2009 um 17:23
andere Welt? Und die interssiert Politiklehrer nicht?
Seltsam eingeschränkte Weltbilder.
Chryselers schrieb am 21.10.2009 um 17:36
Die Welt der transzendentalen Ästhetik, der Kritik der reinen Vernunft - was bringt sie, wenn es in Klasse 9 um Merkel oder Steinmeier geht? Und was bringt sie zum Entwurf von Unterricht?

Sorry, meine Einwürfe meinen: Kannst Du Dich nicht mal genau zum Handeln in der Gegenwart äußern?
Bildungswirt schrieb am 22.10.2009 um 22:23
Merkel oder Steinmeier in Klasse 9 - was soll das? Jacke wie Hose und politische Narrenspiele?
Macht doch mal einen Unterrichtsentwurf/UE zu: Funktion der Schule oder Persönlichkeitsentwicklung durch Schule?

"Kannst Du Dich nicht mal genau zum Handeln in der Gegenwart äußern?" - aber Herr Kollege, das mach ich doch in der Mehrheit meiner Beiträge!
In DIESER Serie geht es um die gesellschaftstheoretischen Wurzeln einer emanzipativen Pädagogik.
Wie sähe dazu deine UE aus?
Gruß BW
Achtermann schrieb am 23.10.2009 um 07:46
In Deinem Blog Nr. 1 zur emanzipativen Pädagogik hast Du geschrieben: „Auch du kannst dazu ja einen eigenen Beitrag vorlegen. Die Community freut sich.“

Ich bin Deiner Aufforderung gefolgt. Nur – kein Schwein freut sich, weil es niemand gelesen hat. Nimm Dir doch die Chance, mir auf die Nuss zu geben!

Hier der Link:

www.freitag.de/community/blogs/achtermann/emanzipative-paedagogik-kritisch-betrachtet
Chryselers schrieb am 23.10.2009 um 10:33
Steinmeier-Merkel: Die Schlichtheit des Gegenstandes verrät ja noch nichts über den Wert der da möglichen Erkenntnisse...

Und eine Unterrichtseinheit über Schule? Da nehme ich die hier aus diesem Buch www.cornelsen.de/lw08?bl[0]=BRA&sf[0]=GY&uf[0]=ETI2&r=2943&ra=4168 , varriiere sie auf "Wir gründen eine Schule" und wir arbeiten uns an ein paar Topoi ab, zb "Was sollte man alles lernen und wie und macht das die jetzige Schule?"

HL
Bildungswirt schrieb am 23.10.2009 um 17:57
@chryselers
"Die Schlichtheit des Gegenstandes verrät ja noch nichts über den Wert der da möglichen Erkenntnisse..." - das gilt fast immer. Aber meine Botschaft zum Gespann Merkel/Steinmeier oder ähnliche dürfte doch klar sein, auch für einen Lehrkunst-"Didaktiker".
Cornelsen schau ich mir an.
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 23.10.2009 um 18:01
@Achtermann
"Nimm Dir doch die Chance, mir auf die Nuss zu geben!" - nicht mein Stil. Ich lese aber, was du anbietest.(Sonst einfach mal ne interne Nachricht schicken)

Und die Community ist zurzeit eher mit dem eigenen Innenleben im doppelten Sinn beschäftigt. Da ist Pädagogik, zumal theoretische Ausflüge und Wurzeln, nicht so interessant. Das ändert sich aber wieder.
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 23.10.2009 um 18:45
@chryselers
Der Link führt nur zur allgemeinen Cornelsen-Werbung. Schreib lieber im Freitag, was du alles zu bieten hast.
Gruß BW
Chryselers schrieb am 23.10.2009 um 19:02
Das mit dem Link liegt daran, dass dieser Blog hier irgendwie mit URLs nicht immer klar kommt. Aber es stimmt schon, auch anders würde das nicht viel helfen, denn mehr als der Buchumschlag ist da auch nicht zu sehen.

Und Lehrkunst diskutiert Didaktik klein-klein, da ist der Freitags-Blog nicht das richtige Format. Schon das kleine Fensterlein, in das hier die Beiträge getippert werden sollen...

HL
Bildungswirt schrieb am 23.10.2009 um 20:07
ja, stimmt. Und doch ein dickes NEIN. Hier wird vieles klein-klein diskutiert. Warum nicht auch mal bei differenzierten Pädagogikproblemen?
Waren doch alle in der Schule, haben so ihre Erfahrungen gemacht - da könnte man doch einiges zumuten.
Gruß BW
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