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12.03.2009 | 18:03

Looping in der Kapitalismusschaukel

„Ist der Kapitalismus am Ende“, fragt Attac und Friedrich Merz antwortet: „Mehr Kapitalismus wagen“.

„Der Kapitalismus muss aufhören, er selbst zu sein. Ein Hamsterrad ohne Schlupfloch, das nicht ruht, bis wir alle verhamstern.“ (Daniela Dahn)
Schöne Hamstermetaphorik und trotzdem schief, Menschen in ihrer depressiven Stimmung bestätigend. Und schiefe Bilder und Metaphern in der Kapitalismuskritik produzieren auch massive Denkblockaden.
Die Schaukelbewegung demonstriert in ihrem Pendelschlag:
Neoliberalismus hin  -  Wirtschaftsdemokratie her
Mehr Markt hin -  mehr Staat her
Entfesselte Märkte hin - staatsbürokratische Großkontrollen her
Profitmaximierung hin -  Vernunftmaximierung her
Hallo Apokalypse hin -  hallo Zukunft her
Realisten hin - Utopisten her.
So schaukeln wir durch stürmische Zeiten, zwischendurch einen Looping einbauend. Der wirbelt uns, die ganze Welt mittelfristig durcheinander. Auch die angestrebte „Vernunftmaximierung“ gebiert das nächste Ungeheuer. Meist erkennen wir dies zu spät, die Dialektik hinkt hinterher.

„Wer über die Begriffe herrscht, beherrscht die Diskussion“, schreibt Blogger stefanolix auf der Titelseite des Freitag. Ich interpretiere ihn so: Wer die Macht hat, Begriffe zu setzen, der beherrscht die Diskussion. Über Begriffe herrschen kann niemand. Noch entscheidender ist, wer fokussierende Bilder und Metaphern wirkungsmächtig im öffentlichen Diskurs setzen kann, beherrscht ganze Denkweisen und Handlungsmaximen im Sinne von Charly Marx: Die Gedanken der Herrschenden sind die herrschenden Gedanken. Die Bertelsmann AG mit angeschlossener RTL-Firmengruppe z.B. schafft geschickt den Spagat, erstes strategisches Bildungsministerium der Nation zu sein und täglich gigantische Feuerwerke aus Bildern und Traumsequenzen des beliebig geistdumpfen Konsums zu inszenieren.

Das Problem der Kapitalismuskritik verschiedener linker Spielarten ist auch, dass sie immer noch in traditionellen Bildern und Metaphern zuhause sind und gleichzeitig von einer binären Logik regiert werden. Entweder – oder, Ja-Sager oder Nein-Sager. Die Hausmetapher mit ihren Folgebildern Einsturz, Bruch und  Ende - ist historisch überholt und sollte durch eine Netzmetapher ersetzt werden. Wir bewegen uns in vielfältig sich überlappenden Netzen (ich nenne sie soziokulturelle Rhizome, um das lebendig Pulsierende gegen die technischen Netzwerke schärfer zu konturieren).

Alle Verkündungspropheten des Untergangs, des Endes, der Apokalypse setzen hinkende Bilder, die keiner wirklich glaubt. Der eisige Sprachduktus erinnert an fanatisch-religiöses Sendungsbewusstsein. Aber: Es geht einfach weiter und weiter. Und wo?
Na selbstverständlich im Kapitalismus, wo sonst? Die Frage ist nur, in welchen Ausprägungen, welchen Antlitzen? Wer zahlt welche sozialen, politischen, ökonomischen, kulturellen Preise, wer trägt welche Entbehrungen und Belastungen? Welche Bewegungen entstehen, verglühen, tauchen wieder neu kombinatorisch auf?

Die Domestizierung der Kapitalismen ist eine Frage der realen konkreten Machtverhältnisse und gestaltbar durch den Aufbruch vieler in bisher unbekannte Regionen des Denkens, der Solidarität und Spiritualität. „Das Kamasutra der Handwurzelknochen“ (Helmut Wicht) kann hierbei eine neue, daher noch argwöhnisch beäugte Metapher sein. Ohne tiefenpsychologische Erkenntnisfortschritte und Aktionsräume der Selbstbegegnung wird es keine neuen  Gesichter im „Weltinnenraum des Kapitals“ (Sloterdijk) geben. Das Kamasutra des großen Geldes und deren hurenmäßige Totalverfügung in unzähligen Stellungen und Positionen kann sich in  kritisch heiterer Metamorphose in ein Kamasutra der ausstrahlenden Liebe verwandeln. Das setzt Solidarerfahrungen im soziokulturellen Näheraum voraus. Die 10.000 existierenden Märkte mit täglich millionenfachen Informations- und Austauschströmen sind allerdings nicht bürokratisch zu steuern. Das hat eher mit Allmachtsphantasien von Eunuchen zu tun, die selbst Zeugungsväter am riesigen Steuerhebel des Staates sein wollen.
 
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