Bildungswirt

Bildung Kultur Wirtschaft

08.08.2010 | 16:23

Pause – Pause – Pause!

Oder: Warum unproduktive Zeit ein Gewinn ist
Eine Buchbesprechung

Immer schneller, immer mehr und am bestens alles gleichzeitig – dalli, dalli, das ist das Credo unserer Nonstop-Gesellschaft, ob im eigenen gehetzten Alltag oder in unserem gierdynamischen Wirtschaftssystem. Ein Abschalten ist unmöglich, Zwischenzeiten werden weitgehend abgeschafft, die Devise „Zeit ist Geld“ bestimmt die Welt. Der Hase hetzt sich selbst zu Tode, so scheint es zumindest.

Der renommierte Zeitforscher Prof. Karlheinz Geißler problematisiert in seinem neuen Buch “Lob der Pause”, das im Frühjahr im Oekom Verlag in der Reihe quergedacht erschienen ist, unseren atemlosen Umgang mit der Zeit und spricht sich dafür aus, die reflektierte Langsamkeit wieder neu zu entdecken. „Enthetzung“ ist angesagt! Denn im unverhofften Warten, in der bewussten Pause oder im Ritual der Wiederholung liegen ungeahnte Kreativkräfte, die in der Hast des vermeintlichen Zeitsparens abhanden kommen –je mehr wir versuchen, Zeit zu sparen, desto schneller vergeht sie. Geißler entzaubert souverän das Dauergeschwätz eines „effizienten Zeitmanagements“. Pausen sind demnach weder sinnlose Zeitfüller noch vertane Zeit, sondern bringen persönlichen und auch unternehmerischen Gewinn. Produktivität und Pause sollten zusammengedacht werden. Es gibt ein Glück des Wartens, einen Rhythmus der Erinnerung, eine kluge Gelassenheit. Wir brauchen eine aktive Zeitpolitik, ein buntes vielfältiges Zeitleben. „Das gute Leben braucht Zeit“, so Geißler in seinem nur 105 Seiten, aber argumentativ fein gedrechselten Büchlein, das in jedes Jackett und in jede Handtasche passt.

Auch sei es jedem Bänker empfohlen: Geißler erklärt weitsichtig den Crash auf den Finanzmärkten auch als Zeitinfakt, Zeitvernichtung als Geldvernichtung. Menschliche Zeitnatur und Geschwindigkeit der größtenteils automatisch computergestützten Finanztransaktionen klaffen immer weiter auseinander. Die Unkultur der Schnellschüsse wächst, der nächste Kollaps kommt bestimmt. Das Büchlein lädt den Leser zu einer vielschichtigen Zeitreise ein, zeigt an zahlreichen Beispielen Pausen als „Leuchttürme des Daseins“. Geistreich formuliert er: „Ohne Zwischenzeiten, ohne Intervalle wäre die Musik eine einzige Belästigung. Es sind die hörbaren Leerstellen, die den Tönen ihren Wohlklang verleihen."
Es geht im erfüllten Leben immer auch um Dehnungsfugen, Passagen, um ein wohltemperiertes Dazwischen. Oder wie es Peter Handke sagen würde - „kein Sichwiederholen, sondern ein Sich-Wieder-Herholen“.

Mit vielfältigen Zeitqualitäten – Erwerbsarbeit, freie Tätigkeit, Muße, Müßiggang – können Lust am Leben und Lust an der Zeit in Einklang gebracht werden. Zeitmillionär und Zeitwohlstand wäre das neue Credo.

Erheblich mehr dazu in: Karlheinz A. Geißler, Lob der Pause. Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind. Oekom-Verlag, München 2010, 8.95 Euro

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Streifzug schrieb am 08.08.2010 um 21:13
Auf die Paue, fertig, los.
Streifzug schrieb am 08.08.2010 um 21:14
+s
Bildungswirt schrieb am 09.08.2010 um 14:15
B.V. schrieb am 11.08.2010 um 12:05
Mein Zeitkapital war mir immer wichtig, darin liegt der eigentliche Reichtum, - so sehe ich das jedenfalls.

Wird jetzt wieder einige provozieren, aber ich zitiere es trotzdem:

"Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave."
Friedrich Nietzsche

und

"Wir müssen die Dinge lustiger nehmen, als sie es verdienen, zumal wir sie lange Zeit ernster genommen haben, als sie es verdienen."
Friedrich Nietzsche
Bildungswirt schrieb am 11.08.2010 um 13:24
Nietzsche ist die Drehscheibe der Moderne, auch der Postmoderne eines kritischen Denkens der Vielfalt.

Provokation? Nein, nein, völlig d'accord. Ich würde nur ein klein wenig den Akzent verschieben: zwei Drittel für sich selbst und seine "Liebsten"...
B.V. schrieb am 12.08.2010 um 14:44
... zwei Drittel für sich selbst und seine "Liebsten"...

Würde ich damit auch drunter packen! ;-)
Bildungswirt
Ahasver, Bildungsexperte, Müßiggänger, Dada-Musiker
Ort:
Frankfurt
Mitglied seit:
3 Jahre 14 Wochen
Zuletzt aktiv:
16.04.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 85
Kommentare: 1797
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
17:00
konyhakert hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:57
apatit hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:55
Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:53
Woof Woof hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:52
Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG