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Wenn mir dazu meine unfrisierten Gedanken durch den Kopf wirbeln, ich in meinen und anderen bisweilen bizarren Vorstellungen turne, so schreibe ich über die Liebe - einer von zahlreichen, ja unendlichen Versuchen. Generation auf Generation, Schicht auf Schicht, Text auf Text, Bedeutungszauberwald. Die Liebe unter Menschen kann sich glücklicherweise nicht selbst schreiben, sie ist hier und jetzt als Zeichen ein von mir geschriebenes Substantiv. Die Liebe ist, was sie ist, immer Theorie und Praxis als fließendes individuell-kollektives Amalgam. Keine Liebe ohne spontane Emotionswallung, ohne tiefes Gefühl, ohne Selbst-Reflexion im Wir, ohne praktisches Verhalten – eigentlich ganz einfach und doch so kompliziert, dass es uns oft genug den Boden unter den Füßen wegzieht.
Die Liebe kommt und geht, trägt uns über sieben Brücken, bettet uns in grenzenloser Harmonie, schlägt uns ins Genick, verfinstert sich, kerkert uns ein, hellt sich wieder auf, kommt ganz abhanden, stürzt uns in Höllenfeuer; die Liebe als überzeitliches Schicksalsmelodrama – nein und aber nein, das allein ist blanker Unsinn. Wir sind immer mitten drin, Liebesakteure aus Überzeugung, spinnen die Fäden, stricken mit, oft bewusst bis in die Zirkuskuppel und oft im Blindflug der Abenddämmerung. Wir bauen Luftschlösser, in denen wir real lustwandeln können und kehren unter Tränen immer wieder Scherbenhaufen und Liebesasche weg.
Die neueste Biochemie als universale Erklärungsallzweckwaffe schlägt mit dem romantischen Liebesgen Oxytocin Purzelbäume der Scheinerkenntnis. Der Testosteronaufschwung des Mannes und der Östradiolstrom der Frau verschmelzen im Zungenkuss bis hinauf in die Rezeptoren des Hypothalamus und tief hinab in beide Herzkammern. Hormonell gesteuert und gesteuert werden, erregt bis in die Eingeweide. Die Blutzufuhr im Penis und in der Vagina oder asiatisch symbolisch-konzeptionell, Lingam und Yoni, feiern Körper-Hochzeit. Mit Verlaub: eine schöne, doch windschiefe biologistische Erklärung der Liebe, vielleicht befriedigend für geblendete Biologen und computerbildaufgereizte Hirnforscher, die sich wie kleine Kinder freuen: Endlich, die Wissenschaft mit Kernspintomografen hat festgestellt, Liebe ist mehr Blutkonzentration im Zwischenhirn und Synapsenfeuerung in der Großhirnrinde.
Und was sagt uns das zum Kern der Liebe? Wenig, sehr wenig, was nicht auch schon meine Großmutter wusste: Hormone sind immer im Spiel. Schädeldecke unter Strom. Die Essenz der Liebe sind unsere Phantasien, verdrechselten Vorstellungen (bis hinzu Wahngebilden), die als gelingende Liebe in vielfältigen praktischen und reflektierten Verhaltensweisen ans Licht kommt: täglich, stündlich, solange wir in Liebe baden und die ganze Welt umarmen könnten. Wer hingegen die absolute Sicherheit und die ausgependelte Ruhe in der Liebe sucht, der erntet den Liebestod. Menschen sind auch dazu fähig.
Das Liebesglück ist das realisierte Selbstkonzept - zwei kulturelle Selbste in Eintracht - nahezu deckungsgleich, wenn auch zeitlich begrenzt. Die Fragmente einer Sprache der Liebe wachsen über sich selbst hinaus zu einem verschmelzenden Verstehen, das keine Wörter mehr braucht, da die Worte in der Leib-Seele-Geist-Einheit verstanden sind. Der sich anhäufende Liebeshumus ist durchmischt vom großen Geist eines bedingungslosen Altruismus ohne individuelles Begehren und kindliche Neugier auf das Lustobjekt aufgeben zu müssen. Liebe ist im intimen Vollzug eine reizend lockendes Subjekt-Objekt-Oszillations-Spiel, ein sinnliches Denken, ein erkennen im Spiegelbild des anderen, ein riechen, schmecken, fühlen im Wonnehimmel. Heiterkeit, Leichtigkeit und Wachstum der eigenen Psyche stellen sich ein, wenn der Ernst der raffinierten Sucharbeit der Liebe als Selbsterfindung, Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung im WIR mit geleistet wird. Mit Hormonen hat das fast nichts zu tun! Die Selbste erfahren sich als geschickte Finder und Kulturgestalter bewusst selbst. Zirkelschluss. Beobachtung der Beobachtung. Liebeskunst kommt von können und wollen. Das Liebespiel im bewusst gelebten Alltag und im Bett kommt in seinen Ausdeutungen und Variationen nie zu Ende und das ist gut so! Auch der reflektierteste Kopf muss bisweilen über sich selbst lachen (auch das Unterbewusstsein grinst mit): besoffen bin ich von dir, von dir, von dir! Du, mein Lebenselixier! Und das ist immer eine Flasche Champus wert. Meine Liebe, hier sind die geschliffenen Gläser.
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Schöne und vor allem keine versponnenen Zeilen über die Liebe!
Nicht nur liebens - sondern vor allem auch absolut lesenswert! ;) Herzlichen Dank, sagt poor on ruhr |
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Zieht der Leser poor on ruhr daraus auch liebenswerte Schlüsse?
Liebe als die Essenz des Lebens? |
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Der Champagne heute war ein La Croix - Blanche (Chardonnay Brut). Kann ich empfehlen. Selbstverständlich gibt es andere edle Tröpfchen ...für die Liebe ist das dann aber zweitrangig.
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Hallo BW,
ein Freund sagte mir einmal: "Die Liebe ist (wie) ein Boxkampf" Aus Oxytocin machen übrigens vor allem Redakteure ein Liebeshormon, Forscher, die sich damit beschäftigen sehen es als Bindungshormon. Flüssiges Vertrauen könnte man sagen, aber auch das stimmt nicht. Oxytocin wirkt je nach Umgebung und ihrer Perzeption anders. Aber Du hast natürlich recht, die Liebe über eine Substanz zu erklären ist anmaßend und nicht sehr liebenswert :-) |
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Hi Merdeister,
bei deinem Freund muss ich leider Einspruch erheben. Beim Boxkampf gibt es nach spätestens 12 Runden Sieger und Verlierer, oft genug geht einer schon früher k.o., es haut ihn auf die Bretter, die nicht die Welt bedeuten, manchmal mit lebenslangen Folgeschäden. Bei der Liebe geht es gerade um das Subjekt-Objekt-Oszillations-Spiel, d.h. eine Win-win-Situation ist im Übergang angestrebt, um dann auch noch jede "Markt-Kalkulation" und "Beziehungsstrategie" auf einer höheren Ebene zu überwinden. |
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Hi Merdeister,
bei deinem Freund muss ich leider Einspruch erheben. Beim Boxkampf gibt es nach spätestens 12 Runden Sieger und Verlierer, oft genug geht einer schon früher k.o., es haut ihn auf die Bretter, die nicht die Welt bedeuten, manchmal mit lebenslangen Folgeschäden. Bei der Liebe geht es gerade um das Subjekt-Objekt-Oszillations-Spiel, d.h. eine Win-win-Situation ist im Übergang angestrebt, um dann auch noch jede "Markt-Kalkulation" und "Beziehungsstrategie" auf einer höheren Ebene zu überwinden. |
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Heijeijei.....
leps.de/GMK/Geschlechter.html (Eine Ulrich-Beck-Parphrase) Sehr nützlich Luther: "Sie ist meine Frau und deshalb liebe ich sie..." Besser als Roger Wittaker. HL |
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Hallo Horst,
das Heijeijei ...-einfach kryptisch, da hast du ja ein Hang zu ... Ich hab mal aus deinem Link zitiert: " 11. Liebe und Zärtlichkeit werden also stressiger werden. Es wird mehr Hochs und mehr Tiefs geben. Die Berater-Industrie und die professionellen Seelen- und Leibeströster - von der „Brigitte“ über den Psycho-Doktor, den Therapeuten und die Seelenfänger von Scientologie bis zur Prostitution - haben beste Zukunftsaussichten. Auf der Strecke wird bleiben, was jeder Mensch als gleichmäßige und sorglose Heimat braucht. Erotisches Glück und erotisches Elend, beides wird zunehmen. Welches mehr, das ist noch nicht entschieden. 12. Ärgerlicherweise scheint also mit dem sozialen Unterschied zwischen den Geschlechtern auch ihr Auf-einander-angewiesen-sein zu verschwinden. Die Gleichheit ist die der Einsamen." (Horst Leps) Nur, was folgt daraus? Beck zieht die kalte soziologische Brille auf und bietet ein paar dürre und dürstere chaotosche Liebesverhältnisse an...Das reicht aber nicht. Deshalb wollte ich die "Liebe" etwas anders begreifen ... "Die Gleichheit ist die der Einsamen" - solls das gewesen sein? Gruß BW |
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Hallo BW,
vielleicht sind wir Menschen solche, denen es nie reicht. Außer im Moment. Aber wir müssen nun mal immer Verhältnisse, Beziehungen schaffen, die über den Tag hinaus weisen. Über die Liebe zu reden, das scheint mir einfach. Seitdem die unio mystica nur noch in tibetanischer WellnessReligion, diesem indischen Exportschlager, erfahren wird, seitdem also die hausgemachte Religion verschmäht wird, läuft mancher Gefühlshaushalt aus dem Ruder: Was vorher enttäuschungsresistent gen Himmel gefühlt wurde, wird nun enttäuschungsgewiss an den Partner geklebt. Woraus der Schluss gezogen wird, der Moment müsse noch mehr bringen und noch mehr. Dabei wäre es an der Zeit, eine Zwei-Reiche-Lehre der Liebe zu schreiben: Das Reich der göttlichen Vereinigung und das Reich des Alltags. Mir fehlt Deinem Text die Klugheit durchgearbeiteter Religion. HL |
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Hallo Horst,
.... "Dabei wäre es an der Zeit, eine Zwei-Reiche-Lehre der Liebe zu schreiben: Das Reich der göttlichen Vereinigung und das Reich des Alltags. Mir fehlt Deinem Text die Klugheit durchgearbeiteter Religion. " Nun, nehmen wir mal an, du hättest recht. Was auch immer die Klugheit der durchgearbeiteten Religion sein soll, ich kann es kaum ahnen, möglicherweise aber du? So wär's du am Zug. Als Rhizomatiker habe ich selbstverständlich gegen zwei Reiche-Lehren immer enorme Vorbehalte. Kommen gern großspurig und vielversprechend daher und entpuppen sich dann als Scheinriesen... Gut, gut, aber ich würde mich vielleicht überzeugen lassen, wenn ich mehr Substanz geboten bekäme. Bei der Liebe solltest du aber noch unterscheiden in Klugheit und Weisheit. Klugheit lässt sich steigern, Weisheit nicht. Und der christliche Himmel fällt als weitere Projektionsfläche zur Lösung wegen ideologischem Nebel aus. Bedenke auch: Es fehlt immer was. Wenn nicht dies, dann eben das und das und das und ... Welche Sätze von mir würdest du denn unterschreiben? Gruß BW |
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Hallo BW,
ich würde alle Sätze und keinen Satz unterschreiben. Alle Sätze: Sofern sie jene Zeit nach dem Verliebtsein erfassen, in dem die Antwort kommt, in gegenseitiger Steigerung. Keinen Satz, wenn es um das Leben in Liebe geht, die Liebe im Leben, "bis dass der Tod Euch scheide". Denn dann braucht es andere Erwartungen, andere Haltungen. Das Überladen des Alltags mit der Liebe nach dem Verliebtsein hat dieselbe Wirkung wie die Erwartung jugendbegeisterter Junglehrer, sie müssten ob ihrer Liebe zu den Schülern von denen zurück geliebt werden: nämlich die Frühpensionierung. Da lob ich mir den Unterrichtsbeamten, der mit nur mäßigem professionellen Interesse ein sauberes Handwerk abliefert. Mit Religion, jedenfalls den hierzulande durchgebauten, hat das deshalb zu tun, weil Feuerbachs Liebe, die ja nicht mehr sozial unschädlich in den Himmel entweicht, religiös nun den Mitmenschen nur manchmal erfreut, oft aber ihn mit Überforderung belästigt. Wer im Mitmenschen keinen Gott sieht, wird weniger enttäuscht und kann genau deshalb dem Mitmenschen (in Liebe und Schule) respektvoller begegnen. Die böse Ironie des Schwindens von domestizierter Religion aus Organisation und Kultur ist ja deren ausgewilderte Wiederkehr in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen, die Liebe ist da einer der gefährdetsten und für den Einzelnen gefährlichsten Bereiche. Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass das Scheitern von Liebe so ziehmlich in dem Maß zunimmt wie die Bindung an Religion, denn was Religion dann nicht mehr leistet - Sinn -, muss woanders selbst gebaut werden. Ob Gott als Sinngeber mitmacht, weiß man nicht, kann es setzen, und dann läuft das schon. Aber ob der Partner als Sinngeber mitmacht, das erfährt man, ohne dass man es ignorieren kann. Horst |
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Verbesesserung:
...wie die Bindung an Religion _abnimmt_ ... |
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Bei Feuerbach:
... nicht mehr sozial schädlich in den... |
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Liebe FC,
vgl. auch die paralelle Debatte hier: www.freitag.de/community/blogs/thx1138/geschlechterleben-teil-6-zaehlt-wirklich-nur-die-liebe |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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