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Nun, zunächst einmal sind die Wirtschaftswissenschaften keine Naturwissenschaft - und eigentlich überhaupt keine geschlossene empirische Wissenschaftsdisziplin. Kuhn zu lesen zu diesem Thema ist also verlorene Liebesmüh (so hilfreich es ansonsten sein mag). In den "freien" Wissenschaften funktioniert der Paradigmenwechsel automatisch und konstruktiv, wenn auch nicht ohne Kämpfe. In den "gebundenen" Wissenschaften, die sich noch dazu in einem Zustand befinden, den Kuhn (fehlleitend) vorparadigmatisch nannte, passiert dies allerdings nicht.
Aber selbst wenn man diese Unterscheidung ignorierte: Der Glaube des Wissenschaftlers, das streicht Kuhn heraus und ist einer der wichtigsten Beiträge als Gegengewicht zum Popperschen Vollständigkeitstheorem, dieser Glaube ist die Grundlage der Wissenschaft. |
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Lieber Lago,
ein Text ist ein Diskussionsangebot des Autors. Was der Leser/Blogger/Mitdiskutant daraus macht, ist seine Entscheidung und Brille.
Ein paar Bemerkungen und Fragen zu deinem Kommentar:
a) Ich hatte nicht im Schwerpunkt von den Wirtschaftswissenschaften gesprochen, diese tauchen als abschließende Illustration unter PS. - "für den jungen Wissenschaftler" auf. Selbst verständlich meine ich auch die zahlreichen Disziplinen der Naturwissenschaften. Im mainstream wissen sie meist nicht, was sie eigentlich tun. Das haben sie mit ihren unverstandenen Brüdern der Geisteswissenschaften und Gesellschaftswissenschaften gemeinsam.Klar ist, jede Pauschalisierung hat mit Zusatzproblemen zu tun. Das ändert aber nichts am Tenor meines Beitrags, der den Charakter einer Kolumne hat. Zudem wechsle ich mitten im Text noch die Textsorte -vgl. Gedicht und die damit verbundenen semantischen Potenziale
b) Was sind "freien Wissenschaften"? Sehnsüchte einer freien Universität - wo denn?
c) Von welchen Paradigmenwechsel sprichst du (ganz automatisch und konstruktiv)?
d) Das Thema meines Beitrags lautete nicht Thomas Kuhn, das war eine Randbemerkung als Hilfestellung. Wenn man der Meinung sein sollte, das ist nicht mehr passend, bitte. Dann probiere es mal mit Feyerabend. Gern kann ich bei Bedarf einige neue Texte empfehlen. Das war aber nicht mein Hauptanliegen.
e) Wissenschaft beruht auf "Glauben". Da sind wir uns einig, also doch oft nicht durchschaute "Ersatzreligion", inzwischen tausendfach zersplittert.
f) Das große Problem besteht darin, dass Wissenschaft wiederum (hauptsächlich) nur mit Gegenwissenschaft bekämpfbar ist. Es geht um sich durchsetzende Paradigmen, um Definitionsmacht, um neue Beobachtungen und Wirklichkeitsbeschreibungen. Mesit ein zermürbendes, oft aussichtloses Unterfangen. Vgl. dazu z.B. die existenzielle Ökodebatte der letzten 40 Jahre - immer kommentiert mit Verdrehungen, Verstellungen, Lügen. Erst jetzt, nachdem es bereits 12 Uhr geschlagen hat, nehmen die schwachsinnigen Gutachten der Krisenleugner ab. Die Politik verharrt aber weiter in ihrer Kurzsichtigkeit.
Freundliche Grüße vom Bildungswirt
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Dazu ein Buchtipp (darf man sowas hier?): Ernst Peter Fischer: Die aufschimmernde Nachtseite. Kreativität und Offenbarung in den Naturwissenschaften. Was mich außerdem sehr fasziniert hat, als ich mal im Kloster St. Odile im Elsass war: der "Hortus Deliciarum" der Äbtissin Herrad von Landsberg (Ende 12. Jh.). Dieses Buch ist (wenn ich falsch liege, bitte berichtigen!) sowas wie die erste Enzyklopädie überhaupt. Diese Frau hat sich tatsächlich daran gemacht (ohne google! ohne Wikipedia!), das gesamte theologische UND profane Wissen der damaligen Zeit zusammenzufassen. Vielleicht sollte man dort mal wieder reingucken.
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Lieber Pandoria,
"Dazu ein Buchtipp (darf man sowas hier?)" - selbst verständlich darf man. Was sonst. Ich betone an vielen Stellen immer wieder, dass die Zeit der Politkommissare und Meinungswächter vorbei ist. Kluge Bücher gibt es weiter als das Auge reicht. Viele werden wieder vergessen, tauchen manchmal zufällig wieder auf. Die "aufschwimmernde Nachtseite" schau ich mir gern mal an.
Leider sagst du nichts zum Thema "Wissenschaften - gewaltige Luftnummern" oder verkürze ich das?
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Gewaltige Luftnummern, die Wissenschaften heute, im Zwang, ein gemeinsamer schiefer Turm von Bologna zu sein.
Das ist mal festzuhalten. Und über Max Horkheimers Nachgelassenes erinnere ich die Sentenz, daß Wissenschaft wie jedes andere Handwerk dazu da ist/sein sollte, das Leben der Menschen zu erleichtern und zu bessern. Alles andere sei Erkenntnis. (Die freilich auch wissenschaftlich erreicht werden kann, ohne Brimborium.) Ein Zitat von Karl Kraus: "Die Wissenschaft überbrückt nicht die Abgründe des Denkens, sie steht bloß als Warnungstafel davor. Die Zuwiderhandelnden haben es sich selbst zuzuschreiben." Wissenschaft hat es heute schwer: Die Oecotrophologie ist die Lehre von Omas Küche geworden und findet meistens in Stern-TV statt, die Soziologie mit ihren Fragen nach dem heutigen Einkauf ist Konsumwerbung geworden, ebensfalls ein Privatfernsehtatbestand, die Politikwissenschaft mit ihren Umfragen ist zum Dienstleister der Parteien geworden, man schaltet um zu Uli Deppendorf. Mit einer Gigantomanie wird das Unsägliche ins Licht erhoben, wo jeder Normalbürger es ausschalten würde, um nicht Hingucken zu müssen zum Gewußten. Kabarett läßt sich noch gut damit machen, mit empirischer Forschung. Dieser Simon kann das fantastisch manchmal. Für die Wissenschaft muß sich der Wissenschaftler heute schämen. Hätte er bloß einen vernünftigen Beruf ergriffen. Ausnahmen bestätigen gar nichts. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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