bkhdk

systemrelevanter Blog

22.08.2010 | 05:12

den Leuten zu sagen, in was für einer verlogenen Scheiße wir leben

Ich war tatsächlich geschockt, als ich gestern abend lesen musste, dass Christoph Schlingensief verstorben ist. Ich habe den Theatermenschen Schlingensief nie erleben dürfen, aber den Filmemacher Schlingensief, den fand ich toll. Auch seine Talkshows fand ich toll, wenn er auf einmal anfing, sich mit seinem angeblichen Vater zu prügeln, dann hatte das was. Auch an eine Diskussion mit Beate Uhse über die Aidsrate bei russischen Schwulenpornodarstellern kann ich mich noch erinnern, die, so empfand ich es zumindest damals, beide überforderte. Sein Dauerkonzept "Scheitern als Chance" war auch von schlichter Genialität oder genialer Schlichtheit. So weit seine Partei der letzten Chance zu wählen ging es dann aber doch nicht bei mir, was ich im Nachhinein bedauere, was wäre das für ein so viel menschlicherer Bundeskanzler gewesen (Keine Angst, ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass meine Stimme machtbestimmend ist). Ich glaube nicht, dass Lobbyisten bei ihm auch nur in die Nähe des Kanzleramtes gekommen wäre. Aber es hat nicht sollen sein, stattdessen haben wir Rot-Grün gewählt.

Schlingensief hat sich immer für die Menschen interessiert, auch für die Außenseiter. Wer sonst käme auf die Idee den mehr als schillernden Udo Kier Adolf Hitler spielen zu lassen. Auch hatte ein vollkommen abgedrehter Helmut Berger, der offensichtlich nicht wusste, was er tat, einen grandiosen Auftritt als Helmut Berger in "Die 120 Tage von Bottrop ", einem Film bei dem sich die Stars die Klinke in die Hand gaben; Udo Kier, Roland Emmerich, Martin Wuttke (als Christoph Schlingensief), Christoph Schlingensief und die Russ Meyer Muse Kitten Natividad, um nur ein paar zu nennen. Mit Russ Meyers Filmen haben seine Filme auch eine gewisse Ähnlichkeit, beide haben einen Hang zum Übertriebenen und zur Sozialkritik und beide wurden Zeit ihres Lebens als Filmemacher unterschätzt. Für United Trash soll ihn Hanno Huth angerufen haben, nachdem er Terror 2000 - Intensivstation Deutschland gesehen hat, er würde eine Million bekommen und könnte damit machen, was er wolle, hauptsache ein Film. Vorher führte er dann bei Helge Schneider Regie. 00-Schneider ist von Schlingensief gedreht worden, auf dem Kinoplakat stand allerdings Helge Schneider, wohl um die Vermarktung nicht zu gefährden. Helge Schneider hat auch schon früher für Schlingensiefs Experimentalfilme vor der Kamera gestanden. Ein Film, mit dem er es sogar bis zu Hans Meiser geschafft hat, war "Das deutsche Kettensägenmassaker" über die Wiedervereinigung und eine Ossis zersägende Wessifamilie. Deutsche Traumata, die haben ihm gelegen. Entweder der neue deutsche Film, der wie er aus Oberhausen kam oder, das Geiseldrama von Gladbeck oder der zweite Weltkrieg. Schon lange vor Eichinger hat er seinen "Untergang" gedreht. "100 Jahre Adolf Hitler - die letzte Stunde im Führerbunker" ist ein Film, der nichts anderes ist, als die auf eine Stunde komprimierte Schlingesiefsche Vorabversion von Eichingers aufgeblasenen Führergedenkfilm. Udo Kier spielt Hitler, ansonsten sind Theatergrößen in dem vollkommen durchgeknallten in einer Nacht in einem Keller gedrehten Film zu sehen. Müßig zu erwähnen, welcher der beiden Filme zur gleichen Thematik der Bessere ist. Mein persönlicher Lieblingsfilm ist "Terror 2000", vielleicht auch, weil er der Zugänglichste ist und weil ich die Themen noch mehr oder weniger selbst medial miterlebt habe. Hier kann man eine gute Kritik nachlesen.

Sein Privatleben war dann auch auf einmal von Interesse, als auf einmal die Wagners kamen. Wenn ihm schon die Kanzlerin applaudiert, dann kann auch die BILD über ihn schreiben. Er hat aber früher schon kein Geheimnis aus seinen privaten Beziehungen gemacht, aber es war nie relevant in den Medien. Ich muss der BILD aber zugestehen, dass sie ein schönes Foto zu seinem Tod gewählt haben, keines mit ihm als ernst drein blickenden Menschen in schwarz-weiß, sondern eines in Farbe mit einem lächelnden Menschen, der seine Frau im Arm hält. Ein Foto auf dem Weg in die Berlinale, also ein gestelltes Lächeln, aber Schlingensief war auch immer Schauspieler, das Lächeln überzeugt also. 

Mir hat er oft die Augen geöffnet, aber man muss auch mit geöffneten Augen sehen und für sich die richtigen Schlüsse ziehen. Deshalb das Zitat von ihm, als Überschrift. Ich hoffe, ich habe die richtigen Schlüsse für mich gezogen. Damit soll es dann auch gut sein, den Rest kann man in den vorformulierten Trauerartikeln lesen, die die Redakteure wahrscheinlich schon seit 2008, als seine Krankheit ausbrach, in den Schubladen haben. Deshalb noch eine Anmerkung zum Schluß, den Nachruf im Spiegel find ich persönlich scheiße und daneben, obwohl ich das Zitat von ihm daher habe.

 
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Kommentare
mcmac schrieb am 22.08.2010 um 06:03
Lieber bkhdk,

was für eine anerkennende, aufwändige und persönliche Anteilnahme, Respekt!

l.g.
ed2murrow schrieb am 22.08.2010 um 10:59
Der Artikel hat mir mehr gegeben, als alle anderen Nachrufe in "arrivierten Medien" zusammen. Danke.
wahr schrieb am 22.08.2010 um 11:43
Hervorragender, kenntnisreicher Text! Vielen Dank!
goedzak schrieb am 22.08.2010 um 11:52
Dank auch von mir! - Beinahe hätte ich es nicht gelesen, denn die anderen Nachrufe von oben beschriebener Art habe ich strikt gemieden.
Streifzug schrieb am 22.08.2010 um 11:58
Mit Herzblut geschrieben.
Ich bin durch vorherige Kommentatoren hierhergelotst worden. Liegt es an der Überschrift? Momentan ist reichlich (Überschrifts-) Scheiße im Umlauf.
Magda schrieb am 22.08.2010 um 21:54
Von mir auch Danke . Das ist, was zu sagen ist.
Gold Star For Robot Boy schrieb am 22.08.2010 um 21:57
Mad respect!
R.I.P. Christoph Schlingensief
lausemädchen schrieb am 22.08.2010 um 22:02
sehr gefühlt,
mit achtsam und respekt
danke.
hadie schrieb am 22.08.2010 um 23:42
Ouagadougou Roadkill - mich hat er seit seinem "Ossi-Kettensäge-Massaker" nur noch zum Gähnen gereizt.
Fritz Teich schrieb am 23.08.2010 um 08:36
Ich werde auch immer kritischer, was hat er wirklich ausgesagt? Dass er Theman aufgegriffen hat bevor die Industrie in ihre Puschen gekommen ist, reicht nicht. Und es reicht auch nicht Entruestung zu formulieren. Was bleibt ist, dass er sowas wie Realitaet auf die Buehne gebracht hat. Das ist kuenstlerisch interessant, so wie Andy Warhol. Goetz hat es aber besser gemacht. Und es ist immer nur ein schmaler Grad zur Belanglosigkeit. Politik ist es eh nicht.
bkhdk schrieb am 23.08.2010 um 09:37
ich wollte mich eigentlich mit Kommentaren zu Kommentaren zurückhalten, gerade bei meinem eigenen Beitrag. Die Frage ist aber gerade was seine späteren Werke angeht berechtigt. Aber doch es reicht, Entrüstung zu formulieren, was soll man denn sonst tun? Er hat halt nicht immer eine Lösung angeboten. Einmal wollte er eine Lösung anbieten, als ihn die Deutsche Bank für ein Happening geladen hatte und er 100.000 Mark vom Reichstag werfen wollte unter dem Motto: "Rettet den Kapitalismus - schmeisst das Geld weg". Da hatte die Deutsche Bank dann doch Angst vor der eigenen Courage bekommen und machte einen Rückzieher. In seinen späteren Werken war er dann doch etwas sehr der Selbstinszenator, da habe ich dann auch etwas das Interesse verloren, aber er war immer Christoph Schlingensief.
thielsby schrieb am 24.08.2010 um 14:52
Als der Hofnarr im Falle der Deutschen Bank die Player zu Narren machen wollte, ging er dann doch zu weit. Es war schließlich ihr Heiligstes, ihr Geld, das er buchstäblich aus dem Fenster werfen wollte...hätte er doch besser sein eigenes Geld genommen, dann hätte man applaudieren können.
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