bneurathwilson

Blog von bneurathwilson

16.02.2009 | 21:41

Die Appelle des Professors

Doch doch – es hat schon etwas Tragikkomisches, zu welchen Schlussfolgerungen ein kluger Kopf wie Georg Fülberth in seinem „Wahlkampf im Tollhaus“ vom 16.2. kommt. „Entgegen dem ersten Anschein ist die gegenwärtige Wirtschaftskrise nicht die Stunde der Exekutive „ ... messerscharf erkannt – um dann nebulös beim „Appell an eine selbstbewusst wahrgenommene Volkssouveränität“ zu landen. Schon weniger messerscharf. Dass der Protest in Frankreich „schon auf der Straße angelangt ist“ (wenn auch nur „zeitweilig“), scheint ihn zu beflügeln in der Hoffnung, dass das Volk nun auch von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen auf die Straße geht und die Dinge (meint er: die Banken?) selber in die Hand nimmt. Auch in Deutschland „täte es dem souveränen Volk gut“ ... dies „endlich zu seinem Thema“ zu machen. Aber „wer ist“ das Volk? Und: Als wenn das „souveräne Volk“ (das werktätige ist ja offensichtlich gemeint) eine so klar und einheitlich definierte Interessenlage hätte, geschweige denn davon wüsste.  Aber GF will ja auch nur appellieren. Wie soll er denn lauten, der Appell? Etwa: „Ihr seid das Volk – seid endlich souverän“. Oder „Volk – hör das Signal!“?
„Wenig versetzt die Deutschen so in Raserei wie die Angst um ihr Erspartes“. Auch wieder messerscharf erkannt (vom Standpunkt des emeritierten Hochschullehrers mit sicherer Professorenrente) ... aber eben diesem „ängstlichen Volk“  traut GF zu, der Exekutive das Heft des Handelns aus der Hand zu nehmen?! 
Wie soll das denn aussehen? Welche Konzepte – welche Strategien hat denn das „souveräne Volk“ Und vor allem: Mit welchem Personal? Noch immer gilt die alte Binsenwahrheit, dass die Verhältnisse ins Tanzen (und Wanken)  geraten „wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen“. Noch aber ist es so dass die da oben noch sehr lange können (und wollen) werden und die da unten noch lange nicht können und auch nicht wollen. 
Was denn eigentlich will und wünscht die Linke (so sie denn überhaupt einen einigermaßen gemeinsamen Willen aufzubringen in der Lage ist). Das selbstbewusst auf die Straße gehende und die Dinge in die Hand nehmende Volk oder eine Bundeskanzlerin mit nur einem „Hauch der Autorität und Gestaltungskraft eines Hugo Chavez“? (Lutz Herden in seinem „Mittagskommentar“vom 16.2.). Eine linke Avantgarde, die in der Lage wäre, dem Streben und Hoffen „des Volkes“ Ausdruck zu verleihen, ist meilenweit auch nicht in Sicht. In einem aber war die intellektuelle Linke immer gut: Analysen und Appelle. Am 16. Februar 2000 (vor auf den Tag neun Jahren) z.B. stand der Name Georg Fülberths unter einem „Wiesbadener Appell“, in dem Ministerpräsident Koch zum Rücktritt von eben diesem Posten aufgefordert wurde.  Tja - so ist das mit den Appellen ... „Die Entschlossenheit des Augenblicks entlarvt sich da leicht als Gestikulation“, meint Fülberth. Ohne zu sehen, dass der Appell an eine – eben nicht vorhandene - „selbstbewusste Volkssouveränität“ auch nichts anderes darstellt.  
 
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Kommentare
genova schrieb am 17.02.2009 um 10:44
Ein interessanter Beitrag. Ich sehe das ähnlich.
Die letzten zwanzig Jahre waren eher unpolitisch. Die Generation, die in den 90er Jahren politisch sozialisiert wurde, ist eher entpolitisiert. Die denken nicht mehr strukturell, deshalb wird sich auch nichts tun. Das wären aber genau die jungen Leute, die sich jetzt artikulieren müssten.
Aber vielleicht täusche ich mich ja auch. http://exportabel.wordpress.com
Georg Fülberth schrieb am 18.02.2009 um 11:22
Mein Kritiker hält es mehrmals für erwähnenswert, dass mein Artikel „Wahlkampf im Tollhaus“ von einem (ehemaligen) Professor verfasst wurde. Sehr höflich ist das nicht. Ich wüsste gern, wie meine Argumente zu beurteilen sind, und zwar unabhängig von irgendwelchen Kenntnissen, die der Kritiker sonst noch über die Person des Verfassers hat. Möchte er künftig bei diesem Verfahren bleiben, werde ich ihm wohl noch einige weitere Daten über mich zukommen lassen müssen, z.B. über meine Partei-, Vereins- und Gewerkschaftsmitgliedschaften, Familien- und Vermögensverhältnisse, Gesundheitszustand, sexuelle Orientierung, frühkindliche Prägungen usw. Dass ich 2000 einen Appell unterschrieben habe, in dem Roland Koch zum Rücktritt aufgefordert wurde, war wohl wirklich nicht sehr klug. Stattdessen hätten die Wählerinnen und Wähler aufgerufen werden sollen, diesem Politiker besonders genau auf die Finger zu sehen und bei der nächsten Wahl (2003) sich an das zu erinnern, was erst nach der vorigen (1999) herausgekommen war: die Sache mit dem Schwarzgeld und den fingierten „jüdischen Vermächtnissen“. Das wäre dann ein Appell ans Volk gewesen. Den wirft mir mein Kritiker jetzt im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise vor. Sie ist nicht der übliche zyklische Abschwung, sondern ein Krach wie 1873 und 1929. Dessen Ursachen begannen vor dreieinhalb Jahrzehnten: ein Wechsel des Wirtschaftsstils hin zum finanzmarktgetriebenen Kapitalismus. Es lassen sich zahlreiche wirtschaftspolitische Entscheidungen aufzählen, die diesen Wandel herbeigeführt haben. Da sie in demokratischen Staaten vorgenommen wurden, sind sie mit Billigung und Mitwirkung des Wahlvolks durchgesetzt worden, also unter den Bedingungen der verfassungsrechtlich garantierten Volkssouveränität. Von dieser kann sehr unterschiedlicher Gebrauch gemacht werden. Es darf auch an das Volk appelliert werden, sie demnächst anders – ich hoffe: besser – zu nutzen. Georg Fülberth
bneurathwilson schrieb am 20.02.2009 um 00:34
Lieber Georg Fülberth
machen Sie sich bitte keine Gedanken über evtl. "Kenntnisse, die der Kritiker sonst noch über die Person des Verfassers hat."
Außer dass Sie seinerzeit in - wenn ich mich nicht irre - Marburg gelehrt haben, weiß ich nix über Sie.
Aber einem wie mir, der aus einer sozialistischen Familie kommt, in der Arbeiterjugendbewegung sozialisiert wurde, die 68er Jahre und Bewegung mit Sympathie und Skepsis verfolgt und natürlich mit ihr demonstriert hat, ist Ihr Name selbstredend bekannt.

Und immer während meiner politischen Wander- und Lehrjahre ist mir dieser fulminante Widerspruch zwischen der analytischen Stärke einerseits und der politischen Wirkungs-Ohnmacht andererseits unserer (west-)deutschen akademischen Linken aufgefallen und aufgestoßen.
Das ist beileibe kein persönlicher Vorwurf, sondern eine Feststellung (... ohne analytische Durchdringung des Sachverhaltes).
Mein Verweis auf Ihre akademische Biografie ist auch nur ein Stilmittel und nicht mehr als ein "polemischer Schlenker", um die Feststellung zu pointieren.
Und insofern ist es m.E. wirklich tragikomisch, wenn Ihnen (ich meine Sie symbolisch stellvertretend für die akademische Linke) kein anderes Mittel bleibt als Appelle an das nebulöse "Volk".
Auch das wiederum ist kein Vorwurf, sondern verweist auf uns alle, die gesamte Linke, zurück.
Das wäre doch mal ein Thema für den FREITAG: Welche Lehren können wir denn im historischen Rückblick und im perspektivischen Vorausblick aus der Tatsache ziehen, dass ausgerechnet die FDP als "Krisengewinnler" dasteht.
Aber die Frage muss wirklich tief gehen: Warum habt ihr/haben wir mit unseren schlauen Büchern, Reden, Appellen, Analysen nie wirklich die Herzen der Menschen erreicht?
Wohlgemerkt: Die HERZEN.
Komme mir niemand mit dem Kalten Krieg, der Nähe zur DDR, dem Anti-Kommunismus und dem Stalinismus.
Wie heißt noch dieser Spruch aus der Werbung für die scharfen Pastillen in der Blechdose: Ist er zu stark, bist du zu schwach.
Auf unsere Schwäche kommt es an.
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60 Jahre alt - skeptisch und optimistisch was die Lernfähigkeit der Menschheit betrifft - glücklich über meine Eltern, die dem Faschismus widerstanden - viel vom Buddhismus gelernt
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