Die Autorin, wo bleibt die Autorin? Vor dem Interview mit Merle Hilbk über ihr neues Buch „Tschernobyl Baby“, das, zum 25. traurigen Tschernobyl-Jubiläum geschrieben, nun durch Fukushima noch eine ganz andere Note bekommt: besser ein Entspannungsründchen in der Umgebung des Freitag-Standes auf der Leipziger Buchmesse einlegen.
Halle 5 ist gedrängt voll, offenbar sind alle Schulklassen Sachsens in die Messehallen gekarrt worden, die großen Papierwerbetüten, gern über die Schulter geworfen, was ist da bloß alles drin, machen das Durchkommen nicht leichter. Der Freitag hat sein Eckchen gegenüber von der taz, die ihren köstlichen und natürlich sozial wie ökologisch einwandfreien Espresso dort umsonst ausschenkt und allein dadurch schon Zulauf generiert.
Die taz hat sich eine Vortrags- und Vorlese-Nische geschaffen, wohl um nicht von den papierbetüteten Teenagern niedergewalzt zu werden, und stellt dort das Buch des Freitag-Redakteurs Klaus Raab, ”Wir sind online - wo seid ihr?“ vor. Warum der Freitag das nicht selber macht? Ein Rätsel, denn Kollege Raab bekommt viel Aufmerksamkeit, sicherlich verdientermaßen.
Unter Aufmerksamkeitsmangel dagegen leidet der Feuilleton-Kollege von der großen überregionalen Zeitung, der schlecht gelaunt im „Berliner Zimmer“ an der Wand lehnt und der Lesung der tapferen Jungautorin vorn nicht mehr folgt. Das „Berliner Zimmer“ ist eine Lesestube, die einem großen Altbauzimmer nachempfunden ist und an Berliner Zeiten gemahnen soll, die nun wahrhaftig schon mehr als zehn Jahre zurückliegen, aber vielleicht merkts der Buchmesse-Besucher ja nicht.
Fukushima, Fukushima, Fukushima, mault der Kollege, klotze sein Blatt voll, da sei für Kultur kein Platz mehr. Es sei kränkend, er habe gestern nicht einmal 70 Zeilen über die Buchmesse absetzen dürfen und sei drum heute zu beleidigt zum Schreiben. Man habe ihn abgebügelt, Japan sei wichtiger, es komme ihm vor, als wenn im Krankenhaus der 90-jährigen Multimorbiden die Versorgung abgestellt werde mit der Begründung, dass zu viele junge Menschen da draußen medizinische Versorgung bräuchten.
Deutsche Buchkultur als 90jährige Patientin? So sieht die Lage in Halle 5 wahrhaftig nicht aus. Und wenn man ehrlich ist: Auch der Freitag wird kommende Woche Atom, Atom, Atom bringen, auch im Kulturteil. Es gibt nun einmal Themen, die eine Redaktion schlicht überwältigen, da dringt dann das Stimmchen des Feuilletonisten hinten aus Leipzig nicht mehr durch.
Merle Hilbk hat sich zum Freitag-Stand durchgeschlagen, gefolgt von einer Kamera. Von der Seite nähert sich schon der nächste Fernsehkollege, der sie auch gleich noch interviewen möchte: Wer „Tschernobyl Baby“ geschrieben hat, mag vielleicht auch über "Fukushima Babys" mutmaßen? Wie gut, dass sie selbst daran erinnert: Wollen wir nicht auch noch über Weißrussland und die Ukraine sprechen?
Genau. Auch Fukushima braucht eine Einordnung, einen Vergleich, die Erzählung der schon gemachten Erfahrungen, auch wenn das nie hinreicht, die aktuellen Ereignisse zu verstehen. Womit wir immer noch weit weg sind vom typischen Selbstgespräch der deutschen Gegenwartsliteratur. Aber nah genug dran an einem Buchmessegeschehen, das sich unter dem Druck der Nachrichten aus Japan angemessen, und nicht nach reinem Eskapismus anfühlt – der beleidigte Kollege von der großen Zeitung möge es verzeihen.
Ulrike Winkelmann
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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