c.jung

Blog von c.jung

21.09.2009 | 11:31

Die freitagsBlogger

Die Zeitungswelt sieht sich bedroht von einer immer weiter wachsenden Diskussionskultur im Internet. Nicht mehr der klassische Leserbrief ist Ausgangspunkt für sich entspannende Debatten, sondern die Kommentarfunktion unter den Meldungen und Berichten der Journalisten. Mehr noch, die streitbaren Anmerkungen werden in eigenen Beiträge in privaten Blogs gepackt und dort von weiteren Mitlesern unterschrieben oder kritisiert. Diese Konkurrenz aus dem Internet betrifft nicht nur die Rückmeldungen auf Zeitungsartikel, sondern macht auch dem eigentlichen Produkt der papiernen Zeitung Konkurrenz. Lange schon findet man so etwas wie Leitartikel und Kommentare in den Blogs landauf und landab. Auch eigene journalistische Angebote mit teils beeindruckend recherchierten Hintergründen bedrohen klassisches Zeitungsterrain.

Umso erstaunlicher, dass eine Zeitung wie Der Freitag die Blogger nicht als Konkurrenz für ihr Produkt betrachtet, sondern als Teil dessen. Dazu gehört ein modernes Verständnis des Produkts Zeitung, das die Grenzen von Internet und Papier nicht mehr als unüberwindbar ansieht. Dazu gehört aber auch ein gewisser Mut, die eigene Internetseite so stark von den Bloggern bestimmen zu lassen, die schon weit mehr als nur Gäste sind. Die Hausherren sitzen nicht mehr nur im Redaktionsbüro in Berlin, sondern können sich über Kabel oder durch die Luft mit jedem Internetzugang auf freitag.de einwählen, das zu einem kleinen Teil auch ihnen gehört.

Der Freitag geht aber noch weiter als andere Zeitungen, die auch ihre Internetauftritte für die Benutzer geöffnet und sie so zu Mitarbeitern gemacht haben. Im gedruckten Freitag finden sich in jeder Ausgabe Meinungen und Stimmen direkt aus der ‚Community‘ und zeigen so auch dem traditionellsten Leser, dass seine Zeitung zu einem Gemeinschaftsprodukt geworden ist. Und so konsequent die Umsetzung dieser Verzahnung ist, so logisch scheint es schon fast, dass der Freitag seinen Bloggern, deren Texte für den knappen Platz der Zeitungsausgabe ausgewählt werden, auch das gleiche Zeilenhonorar wie allen anderen freien Autoren zahlt.

Aber es ergeben sich auch eine Menge Fragen aus dieser neuartigen Verbindung von Redaktion und Community, von Print und Online. Schließlich bleibt bei aller Verflechtung immer noch die Redaktion der Hausherr, der seinen Mitbewohnern die Richtung vorgeben kann und muss. Dabei muss aber der Verlag und jeder seiner Mitarbeiter einen respektvollen Umgang mit den Netzbewohnern einhalten, damit diese auch weiterhin dazugehören und mitarbeiten. Denn es ist zu einem Teil auch ihre Arbeit, die Besucher auf die Internetseiten der Zeitung lockt und dort hält.

Schnell kann da der Gedanke aufkommen, dass der Verleger die Community auf eine gewisse Art ausnutzt, seine eigenen Produkte mit einem großen Portfolio eigentlich fremder Leistungen aufwertet oder ziert.

In diesem Forschungsprojekt der Uni Gießen soll genau den Fragen nachgegangen werden, wie sich das Verhältnis von Bloggern und Journalisten, zwischen Verlegern und Lesern weiterentwickelt hat. Völlig offen können die Teilnehmer aus Redaktion und Community über ihre Erfahrungen, ihre Begeisterung und ihre Probleme diskutieren.

Wer sich beteiligen möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Schreiben Sie einen Kommentar oder veröffentlichen Sie einen eigenen Artikel und markieren Sie ihn mit dem Tag 'freitagsBlogger'. Gerne können Sie auch in einem Kommentar auf ihren Artikel verlinken.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Roberto J. De Lapuente schrieb am 21.09.2009 um 13:06
"Der Freitag geht aber noch weiter als andere Zeitungen, die auch ihre Internetauftritte für die Benutzer geöffnet und sie so zu Mitarbeitern gemacht haben."

Das tut er. Ich würde mir aber noch mehr Einwürfe aus dem Internet wünschen, die in die Printausgabe gepackt werden könnten.
jfenn schrieb am 21.09.2009 um 19:52
Und genau das sehe ich ganz anders. Es hat der Print-Ausgabe sehr gut getan, daß die Beiträge aus der Community dort nicht mehr so zahlreich sind wie zu Anfang, als sie eingeführt worden war. Nach Lektüre der letzten Ausgaben habe ich sogar den Eindruck, daß man sich beim Freitag seiner früheren Tugenden besonnen hat und sich wieder bemüht, Kontinutität wiederherzustellen. Diese Entwicklung würde ich -- nach alledem -- sehr begrüßen.
mh schrieb am 22.09.2009 um 10:42
wenn man für die communitybeiträge den gleicheh maßstab anlegt wie für die redaktionellen, dann sollte man den unterschied eigentlich nicht merken.

das problem des freitags hier ist aber tatsächlich:

auf print liest sich nicht gut, was fürs internet geschrieben wurde und umgekehrt. das zwingt diese 2-produkt schiene herbei.

mfg
mh
Bildungswirt schrieb am 21.09.2009 um 20:27
"In diesem Forschungsprojekt der Uni Gießen soll genau den Fragen nachgegangen werden, wie sich das Verhältnis von Bloggern und Journalisten, zwischen Verlegern und Lesern weiterentwickelt hat."

Was heute alles so geforscht wird?
Bitte deutlich mehr Hintergründe, Methoden und Fragen zum Forschungsdisgn!
Gruß BW
c.jung schrieb am 21.09.2009 um 20:47
Aber gern. Das Forschungsprojekt ist Teil einer Lehrforschung zum Thema 'ProsumentInnen im Digitalen Alltag'. Mit Prosuming ist gemeint, dass heute die Grenzen von Konsum und Produktion immer weiter verwischt werden. Der Freitag ist ein gutes Beispiel dafür. Man liest und diskutiert im Web, schreibt einen Blog - und durch die Entscheidung anderer kann daraus plötzlich bezahlte Arbeit werden.

Das Forschungsdesign ist angelehnt an das Modell der Gruppendiskussion, bei dem eine kleinere Anzahl Teilnehmer über ein Thema untereinander diskutiert. Ich freue mich, dass nach anfänglichen Startschwierigkeiten nun einige Beiträge kommen. Die Auswertung erfolgt übrigens nach der Dokumentarischen Methode und soll die Frage beantworten, wie die Gruppe der Blogger das Phänomen ProSuming im speziellen wie allgemeinen beurteilt.

Es gehört zum Konzept der Forschung, dass bewusst in der ersten Phase wenig direkte Fragen des Forschers gestellt werden. Wenn die Diskussion etwas weiter ist, werde ich mit Nachfragen zu bestimmten Themen nochmal einsteigen.

Wenn noch weitere Fragen bestehen, beantworte ich die nach bestem Vermögen gerne.
Bildungswirt schrieb am 21.09.2009 um 21:01
Wer ist der Auftraggeber dieser Forschung? Werden darüber Drittmittel "erwirtschaftet"?
c.jung schrieb am 21.09.2009 um 21:03
Es gibt keinerlei Fördermittel, weder von der Uni noch von Dritten. Auftraggeber der Studie gibt es keinen. Das Projekt gehört in mein Studium der Sozial- und Politikwissenschaften.
jfenn schrieb am 22.09.2009 um 10:31
Ich nehme an, es wird hier niemanden interessieren, daß „durch die Entscheidung anderer“ aus der Teilnahme an der Freitag Community „plötzlich bezahlte Arbeit werden“ kann. Der Verlag bietet eine Plattform an, auf der man sich austauscht. Dabei entstehen Texte, die der Verlag nach Maßgabe der Nutzungsbedingungen weiter verwenden darf. Der Nutzen besteht für die Teilnehmer an der Plattform aber ausschließlich in der Vernetzung untereinander, im Meinungsaustausch. Wer fürs Schreiben bezahlt werden möchte, arbeitet von vornherein „richtig“ journalistisch.

Die Fragestellung erinnert mich übrigens an eine soziologische Arbeit, die in Frankfurt über Wikis entstanden war (an die Quelle kann ich mich leider im einzelnen nicht mehr erinnern). Auch die Freie Software wird nämlich mitunter völlig falsch dargestellt. Dort wurde u.a. das OpenOffice.org Wiki als Beispiel dafür genannt, wie sich Firmen heute vom User nicht nur Quelltext, sondern auch die Dokumentation für ihre Programme schreiben ließen. Das Zusammenarbeiten, der Austausch stehen hier immer im Vordergrund. Die kommerzielle Verwertung wird in Kauf genommen. Wie man gerade am Freitag sieht, bei dem Community-Inhalte zum Glück wieder seltener in Print übernommen werden, ist nur wenig von dem, was hier entsteht, gut und leicht verwertbar.
c.jung schrieb am 22.09.2009 um 10:34
Das ist sehr interessant, Herr Fenn. Glauben Sie also, dass der Freitag von einer besseren Qualität der Communityinhalte ausgegangen ist und sich nun darin getäuscht wieder etwas vom Modell abwendet?
jfenn schrieb am 22.09.2009 um 14:55
Ich denke, daß das Verhältnis von Online und Print zueinander sich erst finden mußte. Wenn ich Blogs lesen möchte, greife ich direkt übers Internet darauf zu. In einer Zeitung können solche Beiträge abgedruckt werden, wenn sie nach dem Dafürhalten der Radaktion eine Woche später dort noch „hineinpassen“. Die Community führt aber, so scheint es mir zumindest, ein Leben „neben“ der Printausgabe. Die Community, ist, wie es der Herausgeber Jakob Augstein vor kurzem treffend in einem Interview gesagt hat, eine Plattform zur Kommunikation, die der Verlag bereitstellt. Sie ist aber kein regelmäßiger Content-Provider für die Zeitung. Deshalb war der Vorwurf des AAL-Prinzips („andere arbeiten lassen“, d.h. Blogger würden hier kostenlos Inhalte beitragen, sie würden benutzt) abwegig. „Richtige“ Blogger machen immer „ihr Ding“ wie sie es für richtig halten. Wer nicht im Rahmen einer solchen Community schreiben möchte, kann ein eigenes Blog aufziehen. Kommerzielle Blogs, die Werbung schalten, sind deshalb auch keine Blogs mehr, sondern Online-Zeitungen. Sie unterliegen dem Zwang zur Produktion von konsumierbaren Inhalten, die sie ständig neu reproduzieren müssen, um fortgesetzt Einnahmen zu erzielen. Bloggen und Geldverdienen schließen einander aus. Wenn es mir keinen Spaß mehr macht oder wenn ich anderweitig beschäftigt bin, blogge ich nicht (mehr).
Titta schrieb am 22.09.2009 um 01:44
Für mich ist das Interessanteste am Freitag, daß ich mich auf unkomplizierte Art und Weise mit "Gleichgesinnten" treffen/vernetzen kann. In der Provinz fehlt nämlich dafür einfach die praktische Infrastruktur vor Ort.

Alles, was Sie dagegen am Freitag interessiert, ist für mich erst einmal sekundär. Sieht jedenfalls erst mal so aus für mich. Wobei die Strukturen, in denen man sich bewegt, natürlich nicht sekundär sind, und ich diese natürlich auch mitgestalte durch mein Zutun hier.
c.jung schrieb am 22.09.2009 um 09:36
Darf ich dennoch etwas zu den Strukturen nachfragen? Ist schon einmal einer Ihrer Community-Beiträge im Freitag gedruckt worden? Aus welcher Motiviation schreiben Sie hier in der Community mit?

Gibt es einen Unterschied in der Motivation, für die Community zu schreiben - und für den gedruckten Freitag?
mh schrieb am 22.09.2009 um 10:55
ich blättere den print-freitag erst durch, seit irgendwer (ich kann noch nicht beweisen wer^^), auf der titelseite des freitags zusammenhangslos meine eher sarkastisch gedachte aussage "ich fühle mich als mann von ken bedroht" daher zitierte.

seitdem muss ich immer nachschauen, ob ich wieder, so für sich allein stehend als schwachsinnig anmutend, zitiert wurde. :P

damit haben se mich dann also bekommen. um dem ganzen etwas mehr sinn zu verleihen, schau ich seitdem auch rein, ob ich den ein oder anderen beitrag online übersehen habe, der mich interessieren könnte.

ansonsten les ich nur online und der kontakt zur redaktion beschränkt sich doch eh nur aufs com-team sowie 2-3 redakteure die sich sichtlich mühe geben sich hier einbringen und eine grundpflege betreiben.

dann noch alle paar wochen mal JA höchstselbst, wenn er wieder seine medienpräsenz stärkt.

ansonsten hat die redaktion da ihr pflichtprogramm, 1-2 tage auf die beiträge aufpassen und fertig, eingeführt. falls denn überhaupt.

die trennung ist da im gesamten so offensichtlich, dass die quote derer, die wirklich wert auf eine erwähnung im print legen, sehr gering sein dürfte. der gegenseitige bezug fehlt da einfach zwischen den beiden produkten. siehe auch oben .. dass es vielleicht auch so sein muss.

mfg
mh
Titta schrieb am 23.09.2009 um 00:57
@c.jung

Es sind schon Beiträge von mir gedruckt worden.

Ich kommentiere leidenschaftlich gerne, weil ich das Kommunikative dabei liebe. Wenn ich selbst mal einen Blogbeitrag geschrieben habe, freue ich mich über alle Reaktionen und antworte darauf. Aber dann bin ich auch für eine Weile hauptsächlich mit meinem Blog geschäftigt, und nach einer gewissen Zeit stört mich das dann wieder, weil ich das Gefühl habe, ich bekomme zu wenig von den anderen Diskussionen in der Community mit.

Und umgekehrt sind User, die nur an ihren eigenen Beiträgen/Themen kleben, also selten bis nie bei anderen kommentieren, sehr schnell uninteressant für mich. Mit ganz wenigen Ausnahmen.

Blogbeiträge schreibe ich, weil ich gut schreiben kann und was zu sagen habe. Und das macht Spaß.

Es schmeichelt meiner Eitelkeit natürlich, wenn ein Beitrag von mir es bis in die Printausgabe geschafft hat. Ja. Und dann? Dann steht er da, schwarz auf weiß. Und? Nix. Keine Reaktion, ich sitz zuhause mit der Zeitung in der Hand und nix passiert. Da ist die Community viel spannender.
Titta schrieb am 23.09.2009 um 01:08
"ansonsten les ich nur online und der kontakt zur redaktion beschränkt sich doch eh nur aufs com-team sowie 2-3 redakteure die sich sichtlich mühe geben sich hier einbringen und eine grundpflege betreiben.

dann noch alle paar wochen mal JA höchstselbst, wenn er wieder seine medienpräsenz stärkt.

ansonsten hat die redaktion da ihr pflichtprogramm, 1-2 tage auf die beiträge aufpassen und fertig, eingeführt. falls denn überhaupt."

Mein Eindruck ist ein ähnlicher. Ein Teil der Redaktion ist wirklich interessiert. Für den Rest ist online... - ja, das wüßte ich auch mal gerne. Ein lästiges Übel? Etwas, für das man einfach keine Zeit mehr hat neben den anderen beruflichen Notwendigkeiten? Eine Order vom Chef und damit eine lästige Pflicht?
Mir kommt es mitunter so vor, als wenn die Redaktion als ganzes den Online-Auftritt des Freitag noch nicht wirklich als "Ihr" Projekt sieht. Mir fehlt da eine redaktionelle Geschlossenheit, eine gemeinsame Liebe für das neue Baby, fachsprachlich heißt das ja wohl fehlende Corporate Identity.
mh schrieb am 23.09.2009 um 07:44
es scheint da auch so einen gegenseitigen eindruck zu geben, demnach wert darauf gelegt werden würde dass die autoren sich hier beteiligen.

ich, für mich, habe festgestellt, dass ich nur wert drauf lege wenn das aus der überzeugung heraus geschieht. alles andere bietet auch nicht den mehrwert, den es bieten soll.

ebenfalls festgestellt habe ich, dass manche artikel schon so geschrieben sind, dass die diskussion ein nebenthema oder den "aufhänger" des artikels behandeln muss. die führung des lesers wird da teilweise sehr vernachlässigt und das wirft man dem kommentierenden leser dann auch noch vor. obendein wird auch gerne mal übersehen, dass wenn "der mob" denn ohnehin schon aufgeheizt über ein thema streitet, dass er sich dann sehr schwer tut da nur ein nebenthema des themas zu behandeln.

sowas muss man einfach berücksichtigen und wissen.

und dabei könnte man im nachgang über die kommentare durchaus zur diskussionssteuerung beitragen. nur eben nicht durch das oben herab verlangende sondern durch das mitmachend steuernde.

mfg
mh
Titta schrieb am 23.09.2009 um 13:13
@MH

Sehr berechtigte inhaltliche Fortführung.

Ich frage mich halt nur, inwieweit die Redaktion in ihrer Gesamtheit wirklich überzeugt ist vom eigenen Projekt. Und wie sich das dann wiederum auf das Projekt selbst niederschlägt bzw. inwieweit es von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
mh schrieb am 23.09.2009 um 14:03
die frage beantwortet sich bald, denn das thema kommt von selbst auf den tisch, wenns denn wie von JA mal gesagt mit dem relaunch wirklich ein sichtliches zusammenwachsen zwischen com und redaktion geben soll.

da treten die reibungspunkte dann schneller auf als die redaktion sich umschauen kann, denn es gibt kein ausweichen mehr auf das blaue und das rote.

der knackpunkt dürfte sein, dass print mittlerweile ganz gut ohne internet und internet ganz ohne print auskommt. es aber vermutlich nirgens vorgesehen ist, dass sich beides tragen muss und nicht zusammenwächst. oder warum sollte jemand den freitag abonnieren, wenn er durch die internetpräsenz keinerlei verbindung zum printprodukt hat?

also nein, so wie es atm läuft bezweifel ich, dass es funktionieren kann.

psychologisch fängt das problem aber vermutlich auch schon damit an, dass online viel von dem eingespielt wird, was print dann auch da steht. manchmal vorher, manchmal nacher, gestreckt auf eine woche .. d.h., die redaktion wurde bisher kaum damit konfrontiert, dass sie nicht mehr nur print ist. und da gehts dann los mit diesem "ich verkünde ihr konsumiert"-herrschaftsgefühl.

einer sache will ich dabei aber auch mal entgegen treten: die community wird in ihrem mehrwert immer nur über den direkten artikel-impact bewertet. hier beginne das missverständnis. artikel sind nur ein aufhänger. meist erzählen sie uns nur, was wir wissen oder liefern eine beschränkte anzahl neuer informationen. liegt in der natur der sache, denn neuigkeiten sind im regelfall in 3 zeilen zusammengefasst .. werden journalistisch nur immr aufgebläht.

aber, bestenfalls bietet ein artikel dann genau einen oder zwei hinweise, die uns in unserem gehirn an etwas erinnern was eine relevanz hat, auch wenns nur bedingt passt. diese relevanz macht den kommentar bedeutsam, sie generiert den eigentlichen mehrwert und das bild im kopf des lesers formt sich weiter.

man kann das aus kommentatorensicht auch auf die spitze treiben, in dem man aus der opposition heraus argumentiert um alle argumente mal kennenzulernen die so rumgeistern.

wer das alles hochanspruchsvoll halten will, der muss 1 kommentar pro user zu jedem thema erlauben. mehr nicht. dann gibts einen gescheiten artikel, 5 gescheite kommentare und wer das in 5 jahren liest, der hat dann etwas halbwegs rundes.

mfg
mh
Titta schrieb am 24.09.2009 um 01:53
"aber, bestenfalls bietet ein artikel dann genau einen oder zwei hinweise, die uns in unserem gehirn an etwas erinnern was eine relevanz hat, auch wenns nur bedingt passt. diese relevanz macht den kommentar bedeutsam, sie generiert den eigentlichen mehrwert und das bild im kopf des lesers formt sich weiter."

Genau den Punkt finde ich sehr gut von Ihnen herausgearbeitet. Das IST das Interessante des Kommentierens.

"wer das alles hochanspruchsvoll halten will, der muss 1 kommentar pro user zu jedem thema erlauben. mehr nicht. dann gibts einen gescheiten artikel, 5 gescheite kommentare und wer das in 5 jahren liest, der hat dann etwas halbwegs rundes."

Diese Effizienz würde Ihrer, schon einmal von Ihnen geschilderten, beruflichen Arbeitsweise entsprechen.
Aber wer will das schon, nur gescheite Artikel? Effizienz ist doch auch nur eine bestimmte Form menschlicher Beschränktheit.
nbo schrieb am 19.10.2009 um 18:47
mit schlimmer verzögerung hier noch ein paar von mir versprochene überlegungen aus der sicht des journalisten.

kommentare und debatten - diese möglichkeit hat mich am online-journalismus von anfang an begeistert, weil sie weit über das klassische leserbriefschreiben hinausgeht. infohappen bekommen wir überall, aber gehaltvolle diskussionen mit erkenntnisgewinn sind das, worauf es jetzt in der sehr unübersichtlichen gegenwart ankommt. ich beobachte aber in vielen anderen medien (der freitag ist da eine ausnahme), dass die autoren in der regel nicht in den artikel-kommentaren mitmischen. sogar dann nicht, wenn sie konkrete nachfragen gestellt bekommen. das geht gar nicht, das ist eine altbackene herablassung gegenüber dem leser, der offenbar "nervt".

der journalist soll sich nicht über den leser erheben. eigentlich eine binsenweisheit.

interessanterweise kontert so mancher blogger die hybris des journalisten mit einer eigenen "hybris von unten". mit der ist auch nichts gewonnen.

mit sicherheit werden sich einige blogs zu umfassenden medientiteln entwickeln. die qualität des inhalts ist schließlich nicht an die zeitungsform gebunden. der unterschied wird in der rubrizierung und der stärkeren (und erkennbaren) subjektivität liegen.

allerdings sehe ich nicht, wie selbst ambitionierte blogs in absehbarer zeit einen wichtigen bestandteil von zeitungen übernehmen können: ein netz von kompetenten korrespondenten in aller welt, die das journalistenhandwerk beherrschen (denn ein handwerk ist der journalismus allemal).

mal abgesehen davon: ich hoffe, dass sich auch das blog-format noch weiterentwickelt. zwar hat sich in den letzten jahren ein standard herausgebildet, welche elemente ein blog haben muss und wie sie angeordnet sind. das kann für mich aber nur die erste stufe sein. denn bisher leiden sowohl blogs als auch online-medien daran, dass sie noch keine überzeugende lösung gefunden haben, ihre inhalte anders als sequenziell darzustellen. querverlinkungen oder linklisten am ende eines textes genügen nicht, um eine informationstiefe darzustellen. die konzentration auf die sequenzielle darstellung liegt daran, dass der online-journalismus sich bisher zu sehr der informationsgeschwindigkeit gewidmet, ja sich von hier berauschen lassen hat.

das eigentliche potenzial liegt aber im meistern komplexer inhalte. da kann das fernsehen gar nicht und auch print nur bedingt mithalten.

on the long run wird hoffentlich nur noch über das geredet werden, worauf es ankommt: ob ein text gut geschrieben ist und ob die quellen ausgewiesen, seriös und sinnvoll ausgewertet sind.

die unterscheidung blogger oder journalist wird dann hinfällig. womöglich bleibt der begriff blogger nur noch für die privatblogs übrig, die nicht mehr als tagebücher für freunde sein wollen – nicht alle haben den ehrgeiz, den journalismus neu zu erfinden. die, die mit diesem anspruch auftreten, sind ja in der regel verhinderte oder (zu recht von ihrer branche) enttäuschte journalisten.
c.jung schrieb am 19.10.2009 um 20:39
Vielen Dank für den, immer noch rechtzeitig eingereichten, Beitrag!

Ausgehend von Ihren Überlegungen stellt sich mir die Frage, von wo denn diese Trendwende zu einer gewissermaßen Synthese von Blog (Informationstiefe und bidirektionale Kommunikation) und Journalismus herkömmlicher Prägung (Korrespondenten und Recherche, sicher auch Reichweite) kommen kann.

Könnte nicht die Verknüpfung von Blogs und Zeitung wie hier beim Freitag geschehen genau der Anfang von so etwas sein?
mh schrieb am 19.10.2009 um 21:17
ist das nicht recht simpel?

ein blog heisst nur, dass man mehr freiheiten hat und dass es kommunikativer ist. diese gedankliche schranke, die sich aufgebaut hat, ist doch faktisch gar nicht vorhanden.

mehr freiheiten heisst auch, dass es mal belangloser sein kann, dass befindlichkeiten eine rolle spielen können. es hindert aber nicht daran qualitativ hochwertige beiträge zu schreiben.

die kombination verleiht dem ganzen den charme der authentizität, da es den selbstreferenziellen part aus dem journalismus nimmt. wesentlich interessanter könnte für journalisten dabei der gedanke sein, dass es auch ihren arbeitsalltag entschleunigen kann, wenn sich das format nicht gänzlich ändert, aber dem mehr anpasst.

diesen schritt mag nur kaum einer so richtig gehen, da verschiedene formate verschiedene darstellungsweisen erfordern und in den bisherigen konzepten es einfach nur mehraufwand bedeutete. dass es lediglich ein strukturelles und konzeptionelles problem ist, wird kaum beachtet. seitens des managements vor allem dann eine fehlleistung, wenn man sich denn ohnehin eine online-redaktion leistet.
nbo schrieb am 22.10.2009 um 11:38
die verknüpfung von blog und online-zeitung wie hier beim freitag finde ich zwar gut, aber ich halte sie nicht für den prototypen eines neuen formats. ich glaube nicht, dass die antwort auf die gegenwärtige schwebesituation ein zusammenwachsen von beidem ist. jedenfalls nicht, so lange blogger nicht den selben status haben wie "offizielle" autoren.

leserblogs in online-medien sind für mich eine neue form der op-ed-sektion. redakteurs- oder autorenblogs sind eine neue form der kolumne. mehr aber auch nicht.

einige blogs werden sich hingegen zu einem neuen online-medienformat entwickeln. z.b. spreeblick geht ja längst in diese richtung.

in ein paar jahren wird die unterscheidung zwischen professionellen blogs und "richtigen" online-medien irrelevant sein.

noch eins zur klärung: blogs stehen für mich bisher NOCH NICHT für informationstiefe, sondern nur für bidirektionale kommunikation.
mh schrieb am 22.10.2009 um 11:56
ein blog bezeichnet nur die technische darstellung, nicht deren inhalt.

mfg
mh
c.jung
Student der Sozial- und Politikwissenschaften an der Universität Gießen.
Ort:
Dillenburg
Mitglied seit:
3 Jahre 0 Wochen
Zuletzt aktiv:
19.10.2009
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 2
Kommentare: 8
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
20:26
Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:19
FKritik hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:17
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:11
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:06
Islamijaa hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

c.jungs Netzwerk
Schreiber
Leser

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG