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Neben meiner Haustür hängt ein weißes Emailschild. Darauf steht in einer schwarzen "Bodoni"-Schrift:
Carel Schneyder, Bettphilosoph
Praxis für Lebensfragen;
keine Kassen, keine Klassen;
Termine nach Vereinbarung.
Ich hatte mich gerade noch einmal zur Seite gedreht, als es laut an die Tür klopfte.
„Professore! Ein Klient für Sie, es ist sehr dringend, ein Notfall!“ Margarita, meine Haushälterin öffnet die Tür ohne meine Antwort abzuwarten.
(Ihr "Professore" konnte ich ihr bisher noch nicht abgewöhnen)
Da stand er nun, mit seinem blauen Auge. Blauer Anzug, Krawatte - von Vertreter bis Bankdirektor war alles möglich.
„Es war heute morgen“ begann er und setzte sich an mein Bett. „Moment, bitte! Ohne Espresso bin ich nicht geschäftsfähig...“
Margarita reichte mir den Espresso. „...ohne Espresso befinde ich mich noch nicht auf der Welt.“ Während noch das Koffein durch meine Adern ins Gehirn
sickerte, fragte plötzlich mein Besucher: „Sind sie krank oder ein Langschläfer?“
„Sind Sie Polizist oder Quizmaster? SIE wollen doch etwas von mir! Was ist Ihnen heute morgen passiert?“
Er ließ nicht locker: „Ist es ansteckend, dann würde ich doch lieber in den nächsten Tagen wiederkommen...“ „Sie lenken ab! Das Bett gehört mit zum Arbeitsplatz, etwas dagegen?“ Er schaute irritiert und begann:
„An der Straße, die ich jeden Tag überquere war heute eine Baustelle. Ein Mann mit Presslufthammer riss die Strasse auf und machte einen Höllenlärm. Doch er trug bei dieser Arbeit keine Ohrschützer. Ich ging zu ihm und schrie gegen den Lärm an, ob er denn nicht wisse, dass das Ohr das einzige Organ ist, das sich nicht regenerieren kann? Mitten in meinem Satz machte er seine Maschine aus, weil er mich nicht verstehen konnte. Ich sagte gerade:
„Wenn sie taub sind, sind sie taub, Punkt, Schluss Ende!“ „Warum schreist Du mich an, was habe ich Dir getan?“ schrie der Arbeiter zurück.“
Während er noch schrie machte er einen Schritt nach vorne und trat so unglücklich auf seine Schaufel, dass ihm der Stil gegen den Kopf schlug.
Er schrie auf und dann schlug er mir mit der Faust ins Gesicht. Er zeigte auf sein zu geschwollenes blaues Auge. Der Augenarzt hat mich dann an sie verwiesen.“
„Warum? Was wollen sie von mir hören?“ fragte ich gähnend.
„Ich will wissen was ich falsch gemacht habe und was sie an meiner Stelle gemacht hätten.“
Ich begann:
„Der erste Fehler war, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen. Lärm bekämpft man nicht mit Lärm. Lärm bekämpft man mit Stille!“
Mein Besucher – ein Mensch gewordenes Fragezeichen.
„Das nächste Mal stellen Sie sich vor den Arbeiter mit dem Presslufthammer und bewegen nur stumm die Lippen. Wenn er dann sein Höllengerät ausschaltet, bewegen sie weiter nur ihre Lippen. Er wird total verblüfft reagieren und sich fragen, warum er sie nicht hören kann, während er gleichzeitig die vorbeifahrenden Autos hört. Er wird sich erschrecken. Ein heilsamer Schrecken, der ihn exakt auf den Kern des Problems führt - die Angst vor dem Hörverlust.
Er wird nicht mehr aggressiv reagieren, sie bekommen kein blaues Auge und vielleicht ist er ihnen sogar ein wenig dankbar. Ihre Mission ist erfüllt.“
Er schaute mich mit seinem gesunden Auge an, ebenfalls blau:
“Aber der Auslöser war doch die Schaufel! Woher weiß ich, dass ich mir beim nächsten Mal nicht wieder ein blaues Auge hole?“
Ich richtete mich etwas auf, und legte mir die Nackenrolle zurecht: „Wenn sie ein Missionar sein wollen, müssen sie immer damit rechnen; denn niemand mag Missionare wirklich und oft landen sie auch im Topf.“
Er stand auf und sah - soweit ich den Gesichtsausdruck mit nur einem gesunden Auge richtig zu deuten vermochte – sehr enttäuscht aus.
„Aber man muss doch manchmal jemandem helfen können, oder nicht?“ Er versuchte unschuldig zu lächeln.
„Ihnen eine Absolution zu erteilen kostet doppelt. Ich bin Philosoph und kein Priester!“ Schon beinahe im Gehen wendete er sich zu mir um, zog seine Geldbörse aus der Gesäßtasche und fragte: „Und was bekommen sie jetzt dafür?“ Ich stellte die Tasse auf den Nachttisch: „Sie sind das erste Mal hier und sie haben mein Mitgefühl erregt, deshalb nehme ich ausnahmsweise mal kein Honorar. Sie können mir aber einen kleinen Gefallen tun. Stecken Sie mir bitte das Kissen dort im Sessel hinter meine Nackenrolle.“ Er schaut das rote Brokatkissen an und sagt: “Wissen sie denn nicht, dass die Hochlage Gift ist für die Nackenmuskulatur und
die Wirbelsäule ?“
„Margarita!“ rief ich laut. Einen Moment später steckt Margarita den Kopf durch die Tür.
„Margarita, bitte setzen sie doch bitte einen großen Topf Wasser auf. „An welchen großen Topf denken Sie Professore?“
„Den ganz großen, worin ich zu Silvester immer den Ochsenschwanz koche!“ Margarita lachend:“ Ach so, sie meinen den „Missionarstopf!“ Der Besucher riss das gesunde Auge auf und verließ eilig und grußlos das Haus.
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Hallo Herr Schneyder, oder soll ich Sie Bettphilosoph nennen?
Ihr Beitrag verwirrt mich! Ist es wirklich wahr, dass Sie eine Praxis führen in der Sie Menschen, die Probleme haben beraten? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man davon leben kann. Andererseits ist es ja eine gute Geschäftsidee, Menschen bei Ihrer Orientierung in der Welt zu helfen. Immerhin kommt ja niemand mit einem "Manual" auf die Welt. Auch ist es eine gute Alternative zu Therapeuten und Psychologen. Hier muss man ja immer gleich "krank" sein. Wenn ich es richtig sehe gibt es bei Ihnen Schwellen und keine Krankenkassen und Überweisungen. Und nun zu meiner konkreten Frage: Da ich wenig Zeit habe und nicht weiß, wie weit Ihre Praxis von meinem Wohnort entfernt ist- beraten Sie auch per Email? Ich habe nämlich seit einiger Zeit ein Problem, bei dem mir bisher niemand helfen konnte. Könnten Sie mir dann Ihre Daten schicken, so dass ich nicht öffentlich darüber sprechen muss. Ich bin gespannt auf Ihre Nachricht Lana Leuter |
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Hallo Herr Schneyder,
als meine Tochter endlich eingeschlafen war, habe ich erst meine Schreibfehler entdeckt. Einen Sinn entstellenden Fehler möchte ich wenigstens noch schnell korrigieren. Natürlich wollte ich sagen: "Wenn ich es richtig sehe, gibt es bei Ihnen KEINE Schwellen und keine Krankenkassen und Überweisungen." Lana Leuter |
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Hallo Lana Leuter,
entweder öffentlich oder gar nicht! Ich schreib ja hier, um aus meiner Praxis zu berichten (Namen sind natürlich verändert) Immer wieder kommen mir die Leute mit diesem PRIVAT. Was soll man eigentlich heute noch damit anfangen? Kann man den Begriff nicht endlich einmal in die "Rosa Tonne" kloppen?
Wenn sie ein Problem haben, das sonst niemand auf diesem Planeten hat, schenke ich Ihnen sofort 1000 Euro. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass ich es gerade gestern noch im Fernsehen gesehen habe. Das Private ist ein Phantom. Viele geben viel Geld für dieses exklusive Gefühl aus.
Sebstvergewisserung auf der Therapeutencouch. Mein Problem ist einzigartig wird in ICH bin einzigartig vergoldet.
Die Therapeuten leben ganz gut von diesem Allgemeinplatz.
Das zustimmende "Mmmh", in wohl gesetzten Abständen, aus dem Mund des Therapeuten und das ausgesprochene Problem löst sich zunehmend in Luft auf. Aus Angst sich nicht auch selbst aufzulösen, verlangt man nach Wiederholung, Termine nach Vereinbarung...
Mit freundlichen Grüßen
Carel Schneyder
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Hallo Herr Schneyder, ich habe nachgedacht und mich entschlossen Ihnen öffentlich mein Problem zu schildern. Es fäll mir nicht leicht und ich geniere mich ziemlich deswegen.
Was Sie allgemein über Privatheit schreiben ist zum Teil bestimmt richtig, aber sich zu schämen ist halt ein sehr persönliches Gefühl, dass sich nicht weg relativieren lässt. Vielleicht bekomme ich ja für mein etwas exotisches Problem ihre 1000 Euro;-) Vorab: Ich liebe Pflanzen und Tiere. Aber ich hasse Mücken und Fruchtfliegen! Mücken gibt es noch nicht, und Fruchtfliegen eigentlich auch nicht. Aber es gibt bei mir diese seltsamen Schein-Fruchtfliegen. Ich vermute sie kommen aus der Erde meiner Blumentöpfe. Ich habe viele Pflanzen! Jeden Morgen beim Frühstück fliegen sie mich an. Besonders gerne in Richtung meines Mundes. Sie sind sehr geschickt und lassen sich nicht verscheuchen. Mein Problem ist: Wenn ich mit Pflanzengift arbeite vergifte ich vielleicht nicht nur diese Fliegen, sondern auch mich und meine Kinder. Totschlagen kann ich sie nicht und auf all meine Pflanzen verzichten will ich auch nicht. Was soll ich tun? Vielleicht haben Sie ja einen "philosophischen" Rat für mich. Viele Grüße von Lana Leuter |
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Hallo Lana Leuter,
für Ihr Problem gibt es eine schnelle Hilfe: Geben Sie den kleinen Tierchen Namen! Wenn man eine Situation nicht ändern kann, muss man versuchen, seine Perspektive zu ändern. Viel Erfolg dabei wünscht C.L. |
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Hallo Herr Schneyder,
ob Sie ein Philosoph sind, weiß ich noch nicht, doch Ihr Rat war ein voller Erfolg! Beta, Betti, Bodo und Bernd heißen jetzt meine Haustiere. Bodo und Beta kann ich von den anderen sehr gut unterscheiden. Beta ist immer die erste beim Frühstück. Sie fliegt in Nasenhöhe auf mich zu, so als wenn sie mich begrüßen wollte. Bodo nutzt diese Situation aus und sitzt währenddessen genüsslich am Rand des Marmeladenglases. Betti und Bernd kommen meist etwas später und sie sind wirklich extrem vorsichtig. Auch decke ich jetzt immer einen kleinen Extrateller mit einem Klecks Marmelade für die B-FLIEGEN. (So nenne ich sie vorerst) Dank und Grüße Lana Leuter Lana Leuter |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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