Carel Schneyder

Carel Schneyder, Bettphilosoph:

23.03.2009 | 11:51

Warum Amok nur in Schulen? Die Antwort - ein Tabu?

Warum Amok nur in Schulen? Die Antwort - ein Tabu?

„Mono-Kausale“ sehen gerne Einflüsse aus Medien hinter den Taten: Was früher die Gewaltvideos waren, sind
heute die Killerspiele. Wer Killerspiele spielt, der killt - oder nicht? Wie
viele Amokläufe kommen auf 1 Millionen Spieler und was machen die Millionen,
wenn sie nicht Amoklaufen? Wie viele  Schützen und Sportschützen
schießen auf Scheiben oder Holzvögel und nicht auf Menschen? Wie ist die Quote?


Die Schule ist der einzige rechtsfreie Raum in unserer Gesellschaft.
Wenn es hier einer auf dich abgesehen hat, kann dir keiner mehr helfen! Die Antwort verletzt offenbar ein Tabu;  denn reflexhaft hört man wieder die alten Rezepte. Die Talkshows sind Wiederholungen alter Sendungen, oder was?

Diese Antwort will niemand hören, sie taugt nicht als eindeutige Medizin gegen die allgemeine Fassungslosigkeit im Lande.

Was prädestiniert die Schule für „Amokläufe“?                                                Es gibt noch immer eine Menge Schulen ohne ein demokratisches Konflikt-Management. An solchen Schulen sind Probleme  „interne Angelegenheiten“. Drogenkonsum und Gewalt gehören nicht an die Öffentlichkeit, das schadet dem Ruf der Schule. So wird die Mähr weiterhin genährt, dass diese Probleme von der regionalen oder sozialen Herkunft der Schüler und Schülerinnen abhängt; oder lediglich mit der Schulform oder Schulreform zu tun haben.

Wichtig ist immer, dass keiner von draußen reinschaut.
Und wenn sich jemand von außerhalb Hilfe sucht, hängt ihm sofort der
Geruch von Verrat an. Den Rat, das Kind von der Schule zu nehmen, weil es im Kollegium eine breite Front gegen den Schüler oder die Schülerin gibt, den Rat gab es in den 60er Jahren und es gibt ihn noch heute. Das heißt ganz klar:
„Gehst du nicht freiwillig, dann findet an Stelle einer Konfliktlösung deine
Eliminierung als Schüler statt!“

Eltern wenden sich oft vergebens an die Schule,                                                     wenn ihr Kind mit Verletzungen nach Hause kommt und Angst hat in die Schule
zugehen;  denn die  übergroße Belastung der Kolleginnen und
Kollegen macht ja eine effiziente Pausenaufsicht unmöglich.

Entweder das Kind gewöhnt sich an die Umstände von Gewalt und Mobbing oder es verlässt die Schule. Das bedeutet nicht, dass das immer so läuft, aber wenn sie an einen hilflosen und konflikt-inkompetenten Kollegen geraten, dann läuft das so. Dieser Kollege holt sich nämlich keine Supervision in den Unterricht und arbeitet das Problem auf, dass er mit dem Schüler hat. Vielmehr stellt er dieses Problem allein als Verfehlung des Schülers dar - ganz gegen die logische Erkenntnis, dass zu einem Konflikt immer mindestens zwei gehören. Mit dieser Methode werden dann die Kollegen eingestimmt auf diesen schrecklichen Schüler oder diese schreckliche Klasse.

Auf diese Weise aber werden Wirklichkeiten geschaffen, die von der Macht derer geprägt sind, die diese Wirklichkeiten schaffen.
Während in anderen europäischen Ländern Schulranking für alle zugänglich im Netz einzusehen sind, um so Transparenz zu schaffen, ist es an deutschen Schulen noch immer selbstverständlich, dass Schüler, die einen Kurs wählen, nicht wissen dürfen
welcher Kollege oder welche Kollegin diesen Kurs gibt. 

Während es die Spatzen von den Schuldächern pfeifen, dass der Lehr- und Lernerfolg von der Beziehung Lehrender und Lernender abhängt, versucht man bei uns weiterhin stur gegen diese Erkenntnis Lernerfolge durchzuboxen. Wenn es Statistiken über die "Eliminierung" unliebsamer Schüler und Schülerinnen gäbe,
könnte das die Frage aufwerfen, warum gibt es so wenig Amokläufe und welche
Bedingungen müssen, vorliegen, um in einer derartigen Ausweglosigkeit solch ein
Finale zu wählen?


Das Tabu ist ja eigentlich ein offenes Geheimnis;
deshalb wurde in diesem Artikel auch bewusst auf konkrete Beispiele oder Belege
aus dem Schulalltag verzichtet. Dies soll den
(hoffentlich) Kommentatoren/Innen überlassen bleiben.

 

 
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Kommentare
lukasheinser schrieb am 23.03.2009 um 12:04
Ich kann bei vielem nicht mitreden, denn mein Gymnasium war bei meinem Abitur vor sieben Jahren alles andere als eine Problemschule.

Trotzdem gab es natürlich etliche Lehrer, die ihre Schüler drangsaliert, angeschrien oder sonstwie fertig gemacht haben. Trotzdem gab es Mobbing und Reibereien unter den Schülern, auf die die meisten Lehrer nicht eingegangen sind, nicht eingehen konnten, weil sie die Schüler so selten sahen und im Lehrplan vorankommen mussten.

Gerade den vorletzten Absatz finde ich interessant, mir fiel dazu noch die Plattform spickmich.de ein, auf der Schüler ihre Lehrer benoten können und gegen die schon viele Lehrer erfolglos geklagt haben. Da offenbart sich mir ein Selbstverständnis, das mich ratlos zurück lässt: Die, zu deren Kernaufgaben es gehört, andere zu bewerten (und ich bin - bei allem, was im Schulsystem kaputt ist - durchaus der Meinung, dass Bewertungen zur Schule gehören müssen), sträuben sich dagegen, selbst bewertet zu werden.

Wir brauchen eine Schuldiskussion, die nicht wieder in ein dumpfes Lehrer-Bashing abgleiten darf, auch wenn viele Lehrer keinen Bezug mehr zur Welt ihrer Schüler haben. Aber Diskussionen werden in Deutschland erfahrungsgemäß immer nur angerissen, dann gibt es einen Gipfel im Kanzleramt und dann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben.
Anna Dorothea schrieb am 23.03.2009 um 12:45
Kleiner Nachtrag noch zu meinem Kommentar (nach Rücksprache mit meiner Tochter, denn vieles aus dieser Zeit habe ich offensichtlich verdrängt):

In o.g. Schule, in der Grundschulklasse meiner Tochter wurde ein Mädchen (wie gesagt, feines reiches Othmarschen!) von drei Mitschülern festgehalten, während drei andere mit Stöcken auf sie einschlugen. Mitschüler, die eingreifen wollten, wurden gleich mit verprügelt oder bedroht. Dieses Mädchen hatte danach solche Angst, dass sie krank wurde. - In der Schule wurde ständig geklaut. Roller, Fahrräder, Handys, Jacken etc., und zwar unter den Mitschülern.

Eine Lehrerin beschimpfte und demütigte die Schüler ständig. Im Rahmen des Sportunterrichts "fasste" sie die Kinder so grob an, dass sie blaue Flecken davontrugen. Der Schulleitung war dies alles (s.o.) bekannt.
lukasheinser schrieb am 23.03.2009 um 14:32
Grundschule?! Da bin ich ehrlich gesagt sprachlos.

So ein bisschen spielen solche Geschichten ja auch in die Überlegung mit rein, ob man später mal selbst Kinder haben will. Und denen so einen Alltag zumuten kann. Puh!
Tessa schrieb am 23.03.2009 um 14:49
Überforderung herrscht an allen Enden: Eltern, Lehrer, Schüler, Staat. Wie viele Kinder unrechtmäßig zur psychologischen oder psychiatrischen Behandlung geschickt werden, da ihre Eltern Unaufmerksamkeit eigens als ADHS diagnostizieren und nicht sehen, was Handy, Fernseher und Videospiele als "Ersatzmama" damit zu tun haben, ist ebenso besorgniserregend wie Lehrer, die bei großen Klassen mitsamt ihrer 'problematischen' Schüler nicht mehr in der Lage sind zu betreuen und zu unterrichten. Die Beteiligten sehen immer den Nächsten in der Verantwortung: Die Lehrer sind Schuld, die Videospiele sind Schuld, alle Eltern sind Rabeneltern. Wer fragt denn eigentlich nach ganzheitlichen Strategien?
Anna Dorothea schrieb am 23.03.2009 um 12:13
Leider. leider haben Sie in vielen Punkten recht. (Danke auch für Ihren Kommentar zu meinem Blog "Über Grenzen", in dem Sie oben Ausgeführtes ja schon ansprechen).

Ich würde zwar nicht so weit gehen, die Schule als einen rechtsfreien Raum anzusehen - aber sonst stimme ich Ihnen weitgehend zu. - In der Grundschule, die meine Tochter besuchte und die die in meinem Blog beschriebene Grundschule war, war Gewalt an der Tagesordnung. Dabei handelte sich dort nicht um eine Schule in einem "sozialen Brennpunkt", die, so wollen es Klischee und Volksmeinung, dafür prädestiniert wäre.

Nein, die Schule liegt im feinen Othmarschen. Und deswegen durfte nicht sein, was offensichtlich war. Nachdem meine Tochter die Schule nicht verlassen wollte, weil ihre Freunde dort waren, versuchte ich auf verschiedene Weise, das Problem konstruktiv anzugehen. Ich engagierte mich in der Elternarbeit (das tue ich auch weiterhin auf dem Gymnasium, weil es die einzige Möglichkeit ist, etwas zu ändern) und machte auf Elternabenden darauf aufmerksam. Die Resonanz? Ich wurde ausgelacht, das Ganze als "normale Rangeleien" verharmlost.

Erst als der eigene Sohn/ die eigene Tochter bedroht oder auf dem Heimweg unter Androhung von Gewalt "abgezogen" wurde - wir reden hier von Erst- oder Zeitklässlern!-, waren die jeweiligen Eltern alarmiert.

Auf dem Schulhof warfen Acht- oder Neuntklässler (es handelte sich um eine Haupt- und Realschule mit Grundschule) mit Messern auf Baumstämme, die aufsichtsführende Lehrkraft schaute weg... Eine Sozialpädagogin schlug und trat die verhaltensauffälligen Schüler, für die sie eigentlich (Integrationsklassen!) eingestellt worden war.

ich sprach dies beim Rektor der Schule an. Der war aber auf dem Sprung zum Schulrat und mochte sich seine Karriere nicht versauen. Deshalb spielte auch er die Vorfälle runter... Immerhin, nachdem ich mit einer anderen Mutter die Gewaltpräventionsstelle "Rebus" eingeschaltet hatten wurde die Pädagogin schließlich "auf eigenen Wunsch" versetzt. - Dies alles gehschehen vor ca. 5 Jahren.
Tessa schrieb am 23.03.2009 um 12:13
Lieber Herr Schneyder,
unser Editor übernimmt beim Kopieren aus anderen Programmen leider derzeit noch Formatierungen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Am besten kopieren Sie ihn als reine Textdatei in den Editor, und formatieren ihn dann mit den zur Verfügung stehenden Funktionen.

Viele Grüße

Tessa
Carel Schneyder schrieb am 23.03.2009 um 16:57
Hallo Tessa,
Dank für den Tipp! Doch wie ändere ich das? Es ist mein erster Schultag;-)
Viele Grüße von
Carel Schneyder
Tessa schrieb am 23.03.2009 um 18:07
Lieber Carel,
am besten schilderen Sie mir, wie Sie den Text in den Editor getan haben. Ich nehme an, Sie haben ihn aus einem Textbeartigungsprogramm rüber kopiert. Word enthält immer schon Formatierungen, die ein Editor hier bei uns als solche erkennt und unvorhergesehene html-Tags daraus enstellt. Am besten kopieren Sie den Text in ein Programm, das daraus eine reine Textdatei erstellt (wie z.B. TextEdit) und kopieren es dann in den Editor. Dort können SIe dann wie gewünscht Text fett oder kursiv setzen. Längere Fragen beantworte ich Ihnen auch gerne per Mail, vielleicht ist das praktischer: Teresa (Punkt) Buecker (ät) Freitag (punkt) de
Viele Grüße
Tessa
kukidenta schrieb am 23.03.2009 um 23:32
Meine ersten fünf Jahre an einer POS waren der Traum. Sozialismus und persönlicher Ehrgeiz im jungpionierlichen Einklang.

Die 6. und 7. Klasse verbrachte ich auf einer Sportschule. Dummerweise waren wir Schwimmer den Ringern, mit denen wir auch noch das Internat teilten, meistens körperlich unterlegen.
Die Trainer, Lehrer und Erzieher wussten von vielen Vorfällen, doch entweder hielten sie sich raus, wurden dermassen gemobbt bis sie selbst gingen oder soffen und prügelten durch den Klassenraum. Auf beiden Seiten gab es dieses unheimliche Potential an Aggressivität.

Die Zeit habe ich unbeschadet überstanden. Mich hatten die Mattenficker, so nannten wir sie in unserem ungebrochenen Mut, nur ein paar Male am Wickel und ein oftmals angedrohtes Ringerohr hat keiner aus unserer Gruppe erhalten.

Doch auch die Lehrer und Erzieher waren in einigen Fällen äusserst unsanft.
Russische Vokabeln bei Androhung von Schlägen auf den Hinterkopf. Ausgeführt von einem drahtigen Ex-Turner,dem man nie begegnen will. Doch leider hatten wir Russisch zur Genüge. Und dass selbst ein durchtrainierte Arm des gefürchtesten Erziehers einen Dreizehnjährigen die Wand hochziehen kann, konnte man Nachts erleben. Prägende Einzelfälle zu Hochzeiten des DDR Spitzensport. Nur eine Etage tiefer.
Nach zwei Jahren schmiss das Sportkomitee mich glücklicherweise aufgrund fehlender sportlicher Leistungen raus.
Ich war vierzehn und in Sachen unliebsamer Nahkampf gerüstet.

Das Gymnasium dagegen war ein wohlgehüteter Ort, in dem Kiffen und auf Mopeds pinkeln die kriminellsten und rohesten Bosheiten waren.

In drei Jahren beginnt für unsere Tochter der alltägliche Schulstress. Ich hoffe ganz väterlich-naiv, dass sie die Schule genauso liebt wie ihre tägliche Mädchencrew von der Puppenecke des städtischen Kindergartens.
Anna Dorothea schrieb am 24.03.2009 um 12:53
Lieber Kukidenta;

sehr erfrischend, Ihr Kommentar. Ich hatte alles bildlich vor Augen. Nur zum Verständnis: Wofür steht POS?

"In drei Jahren beginnt für unsere Tochter der alltägliche Schulstress. Ich hoffe ganz väterlich-naiv, dass sie die Schule genauso liebt wie ihre tägliche Mädchencrew von der Puppenecke des städtischen Kindergartens."

Damit es hier nicht nur negativ wird: Meine Tochter ist auf ihrem Gymnasium sehr glücklich, jedenfalls, was die Mitschüler und Freunde angeht.

Übrigens wird gerade in Hamburg ein neues Schulgesetz erlassen, dass Sitzenbleiben ausschließt (sehr sinnvoll), ausser an Gymnasien allerdings. Grundschulklassen werden auf höchstens 25 Schüler festgeschrieben (völlig neu in der deutschen Schullandschaft. Und mit der Strukturreform werden Hamburger Schüler ab nächstem Jahr bis zur 6. Klasse gemeinsam lernen.

Hoffnungsvolle Ansätze, wobei es noch etliche Ungereimtheiten gibt. Aber trotzdem: Falls Sie mit dem Gedanken an einen Ortswechsel spielen....

Herzlich

Anna Dorothea
klagefall schrieb am 24.03.2009 um 13:19
POS = Polytechnische Oberschule, also die allgemeinbildende Schule in der DDR für die Klassen 5 bis 10.
kukidenta schrieb am 25.03.2009 um 10:36
Liebe Anna Dorothea,

Ersteinmal Danke für die Blumen
Ich habe ihren Beitrag nicht so negativ aufgefasst und die Erfahrungen von meinem Neffen und meinem Patenkind, die beide zur Zeit die 4. Klasse besuchen und ab nächsten Jahr zum Gymnasium gehen werden, veranlassen mich nicht zur Sorge. Beide Jungs lieben die Schule zwar nicht, aber sie fürchten zum Glück nicht den täglichen Gang dorthin.

Das es Gewalt auch an Schulen gibt, die nicht in Problembezirken liegen, ist meines Erachtens kein neues Phänomen. Diese Tatsache wird jedoch wie sie richtig feststellen gern unter den Tisch gekehrt bzw. zum Tabu erklärt.
Das finde ich genauso schrecklich wie die Vorstellung vom "Abziehen", Zuschlagen und Erpressen.

Dem Kommentar von Klagefall muss ich im Detail widersprechen. Die POS umfasste die Klassen 1-10.

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