carlfatal

Blog von carlfatal

28.07.2011 | 03:45

Denkvorgänge und Wirklichkeit

Lange habe ich hier nix mehr geschrieben, und wollte es auch erst wieder, wenn ich einen eigenen, bereits in Arbeit befindlichen Beitrag fertig habe, den ich jemandem aus dieser Community schlicht schuldig geblieben bin.
Nichtsdestotrotz möchte ich mich nun einfach mal für die guten, reflektierten Blogs und Artikel bedanken, die ich hier nach dem Attentat in Norwegen lesen durfte, und genauso für die - im Gegensatz zum Rest der Medien - zumeist, bis auf die wenigen erwartbaren Äußerungen, sehr angenehmen und lesenswerten Kommentare.

 Da ich Redakteur bei einem kleinen, eher unwichtigen Radiosender bin, konnte ich hier viel Material sammeln, das mir bei den Recherchen zu meiner Sendung geholfen hat, deren Thema gestern auch dieser Anschlag und seine medialen Folgen war.

An dieser Stelle deshalb ein besonderes Danke an j-ap für seinen wunderbar formulierten Kommentar zu " Auf die Knie", in dem er den Begriff der "pathologischen Normalität" so wunderbar beschreibt, daß ich dreist diesen Kommentar in meiner Sendung vorgelesen habe (mit Nennung der Quelle, allerdings ohne Namen).

 Aufgefallen ist mir - und da komme ich nach der Lektüre der Presseschau von Jacob Jung (die nicht nur ein bischen Gruseln auslöst) nicht darum herum, zu ergänzen, daß etwa ein Drittel aller Kommentare bei den großen Blättern wie FAZ, Süddeutsche, Zeit bis hin zur Frankfurter Rundschau mehr oder weniger offen den Schulterschluß mit dem Täter sucht. Es handelt sich bei den Lesern dieser Zeitungen gewiß nicht um "ungebildete" Menschen oder solche, die sich dem "rechten" Spektrum zuordnen würden, sondern um die von der Heytmeyer-Studie untersuchte "liberale bis linksliberale Mitte" dieser Gesellschaft.

 Ich bin hier lange Zeit nicht mehr aktiv gewesen, weil mir oftmals der Ton zu hart war, die Diskussionen für mein Empfinden zeitweilig von unsäglichen Trollen dominiert wurden. Ich lese allerdings ständig und möchte deshalb einen kleinen Gedanken loswerden, der mir beim Lesen des Blogs "TV-Doku Verlorene Ehre - Der Irrweg der Familie Sürücü heute ARD" gekommen ist:

Die Moderne ist keineswegs ein Zustand, den eine Gesellschaft oder ein einzelner Mensch erreicht hat: die Moderne ist vielmehr ein andauendes Bemühen um Aufklärung, welches niemals ein Ende findet. Weder sind "westliche" Gesellschaften modern, noch sind es andere nicht. Aufklärung findet sich überall, ebenso wie ihr Gegenteil, die Herstellung von Mythen.

Daß "wir " davor nicht gefeit sind, zeigen keineswegs erst die Ereignisse in Norwegen, da reicht eben oft ein Blick in die nächste Nachbarschaft, ja noch viel häufiger sogar der auf das eigene Ich.

In diesem Sinne sind wir auf dieser Welt eine Menschheit, untrennbar miteinander verwoben und verbunden seit tausenden von Jahren. Was uns einigt, sind unsere Bedürfnisse; was uns trennt, sind Angst, Lüge und Gier, die, frei nach Epikur, falschen Vorstellungen von Bedürfnis.

Leben können wir nur gemeinsam, und wer das nicht begreifen will, hat schon verloren. Sterben müssen wir nämlich sowieso. Dafür braucht es keinen Krieg, und deshalb brauche ich den auch nicht bereits im Leben.

 carlfatal

 

 
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