Carsten

Carsten Herkenhoff

23.03.2009 | 17:07

Der Grönemeyer des deutschen Feuilletons

Peter Sloterdijk hat der FAZ wieder ein Interview
gegeben und das gibt mir den Anlass mal kurz über Peter Sloterdijk zu
reflektieren. Denn Peter Sloterdijk ist durchaus ein Phänomen. Und das
meine ich in der alltäglichen Redeweise, dass er dem reinen Wortlaut
nach eine Erscheinung ist, weiss man ohne hinzugucken. Peter Sloterdijk
gehört sicherlich zu den bekanntesten Philosophen Deutschlands und mit
der “Kritik der zynischen Vernunft” hat er eines oder gar das
meistverkaufteste Buch eines zeitgenössischen Philosophen deutscher
Zunge geschrieben.

Dem gegenüber steht, dass Sloterdijk an deutschen Universitäten auf
dem Lehrplan eigentlich nicht vorkommt, man liest ihn nicht, er lehrt
weder an einer sonderlich bekannten Universität, er residiert nicht an
einer philosophischen Abteilung, die wenigstens fachintern bekannt
wäre, noch gäb es irgendwelche Fachartikel von Sloterdijk die im Fach
einschlägig bekannt sind. Kurzum: Sloterdijk ist fachintern
bedeutungslos, er ist ein Philosoph des Feuilletons und des
Literaturbetriebs.

Dies ist kein Ausweis darüber, dass Sloterdijk ein schlechter
Philosoph ist. Gott bewahre. Viele gute Philosophen sind selbst
fachintern unbekannt. Interessant ist, dass Sloterdijk fachextern so
bekannt ist. Dass oftmals, wenn eine philosophische Meinung gefragt
ist, er gerufen wird. Obwohl er fachintern so ignoriert wird, sein Buch
zwar gut verkauft worden ist, den genauen Inhalt aber kaum jemand kennt.

Das hängt ein wenig auch mit dem Philosophiestil Sloterdijks
zusammen. Zwar fasst er durchaus nicht unkomplexe Gedanken zusammen und
bekommt diese auch so gut auf den Schirm, dass er Zuhörern eine
interessante Darlegung eines Sachverhaltes gibt. Allerdings verwendet
Sloterdijk dabei soviele unerklärte Metaphern, dass der Zuhörer einfach
kaufen muss, nicht alle Worte genau zu verstehen. Das ist derselbe
Vorwurf, den Grönemeyer-Ablehner Grönemeyer-Hörern machen: Was bringt
dir das, etwas anzuhören, dass du weder wörtlich noch inhaltlich genau
verstehst? Na, es hört sich halt schön an.

Das ist aber ein ästhetisches Argument, des Philosophen Aufgabe ist
es aber nicht, über Ästhetik Auskunft zu geben. Er soll als Philosoph
nicht sagen, dies oder das ist schön. Das kann er als Privatperson
sagen. Er soll sagen, welche Begründung an welcher Stelle angebracht
ist und ob sie überzeugt. Und dafür sollte er klar herausstellen, in
welcher inhaltlichen Bedeutung er welche Begriffe verwendet. Letzteres
macht Sloterdijk beispielsweise viel zu selten.

Der haut lieber Sätze raus wie “Intelligenz existiert in positiver
Korrelation mit dem Willen zur Selbstbewahrung. Seit Adorno wissen wir,
dass diese Korrelation in Frage gestellt werden kann - das war die
suggestivste Idee der älteren Kritischen Theorie.” Den ersten Satz kann
ich auch sehr gut ohne Adorno in Frage stellen, allein deswegen schon,
weil er kaum verständlich ist. Aber so bauscht man die Bedeutung der
eigene Schule noch mal auf, bevor sie vollends vergessen wird.

Für’s Feuilleton reicht das allerdings: Da ist eh’ kein Platz für
Erörterungen. Da darf sich ein Philosoph als Lebensratgeber hinstellen
und niemand fragt, was gerade ihn dazu eigentlich berechtigt. Als
reinen Philosophen berechtigt ihn nämlich nichts. Verdammen Sie mir nur
den Sloterdijk nicht: Er kann für Einzelne so gewinnbringend sein wie
Grönemeyer als Musiker.

Soll man denn nun Sloterdijk lesen, wenn der Autor dieses Artikels
so wenig Gutes an ihm lässt? Ja, natürlich. Lesen Sie Sloterdijk.
Fangen Sie an mit der “Kritik der zynischen Vernunft”. Machen Sie sich
ein eigenes Bild. Zwar bin ich permanent über die Voreingenommenheiten,
die Sloterdijk seinen Lesern und Zuhörern unterjubelt, genervt, dennoch
regt Sloterdijk zum Denken an. Und in dieser Hinsicht ist Sloterdijk
sicherlich besser als manch andere Philosophen, die sich tagesaktuellen
Problemen nicht stellen.
 
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Kommentare
Magda schrieb am 24.03.2009 um 12:17
Sie zitieren: “Intelligenz existiert in positiver Korrelation mit dem Willen zur Selbstbewahrung. Seit Adorno wissen wir, dass diese Korrelation in Frage gestellt werden kann - das war die suggestivste Idee der älteren Kritischen Theorie.”

Das haben Sie nicht verstanden? Tatsache? Na gut, ich auch nicht.

Philosophotainment - ist das eben.
Zu Sloterdijk kann man ein durchaus zwiespältiges Verhältnis pflegen.

Wir leben einerseits in Zeiten, da nichts so wichtig ist, wie Vertrauen. Ich vertraue Sloterdijk, auch wenn ich tatsächlich nicht alles verstehe. Ich bin - das ist bei Bankkunden so wie bei Konsumenten von Weisheit - darauf angewiesen, dass er mich nicht bescheißt und wenn er mich bescheißt, dann zu meinem Besten.

Andererseits gibt es nichts Fruchtbareres für die Aneignung von Wissen, Meinungen, Fakten und Sachverhalten, als eine gewisse Abneigung.
Man ist, wenn einem etwas verdächtig ist, gezwungen, wesentlich gründlicher zu lesen, damit man seine Vorbehalte auch artikulieren kann. Von daher ist das doch eine prima Voraussetzung.
Sloterdijk - das ist ein Showtalent. Kürzlich gab es mal einen Look in sein Arbeitszimmer. Der hat den Flachbildschirm so schräg auf dem Tisch, wie früher die Schräge eines Stehpults oder so. Sieht cool aus, aber ob es gut ist für die Herstellung von Weisheit? Wer weiß.

Eigentlich wollte ich aber nur sagen, dass mir der Text gefallen hat und der Rest ist Eigengebrabbel.
Magda
Carsten schrieb am 24.03.2009 um 13:30
Danke schön!

Es ist nicht so, dass ich mir gar nichts vorstellen kann unter dem Satz "Intelligent existiert in positiver Korrelation (...)", aber für mich gibt es zu wenig Anhaltspunkte, um sinnvoll anzunehemn, genau das sei vom Autor gemeint und genau das sei nun auch eine sinnvolle Darlegung eines Sachverhaltes. Was heißt "Intelligenz existiert"? Existenz lebt, besteht, ist da? Was heißt in positiver korrelation? Wodurch positiv? Wieso nicht einfach neutral?

Sofern sich jemand als Philosoph ausgibt, denke ich schon, dass er es anderen schuldig ist, sich in einer Klarheit auszudrücken, die gerade sein eigenes Fach in den letzten Jahren gefordert hat und die sich auch oft eingestellt hat.

Ich mag Gedichte, ich mag Lieder, die ein paar Dinge im Unklaren lassen. Es gibt genügend Situationen für Menschen, die eben unklar sind. Aber wer einen Sachverhalt deuten und erklären will, der sollte deutlich preis geben, was er wie meint, damit man damit etwas anfangen kann.

In der Hinsicht hapert es beim lieben Sloterdijk, wobei ich nicht unterestellen möchte, dass er "bescheißt", das sicher nicht. Er ist nur etwas zu verliebt in sein eigenes Sprachvermögen.
Carsten
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