Carsten

Carsten Herkenhoff

24.03.2009 | 14:46

Der Zynismus der ARD

Nach dem gestern in der ARD-Sendung Beckmann
die Psychologin Alina Wilms behauptet hat, jemand der ein Killerspiel
spiele, habe in dieser Tätigkeit des Tötens anderer, eine Akzeptanz der
realen Handlung des Tötens anderer bereits verinnerlicht, und diese
Aussage vom Gesprächsleiter Beckmann nicht kritisch hinterfragt wurde,
finde ich, dass es abermals Zeit ist, die Kritikfähigkeit der  öffentlich rechtlichen Sender in Frage zu stellen.

Mir geht es im Gegensatz zu anderen nicht um eine Lobby für
Killerspielspieler. Wer immer derartige Spiele verbieten will, hat
nicht kapiert, dass Verbote bestehender Medien im Internet nicht
helfen. Ich nehme hiervon die Verfolgung von Kinderpornographie aus,
das scheint mir ein anderes Thema zu sein und ich befürworte die
Verfolgung derartiger Verbrechen. Aber Raubkopien von Killerspielen
sind seit bald 20 Jahren an der Tagesordnung.

Zudem halte ich die Einschätzung, man brauche einen Menschen nur vor
einen PC setzen, ihn ein Killerspiel spielen lassen, und schon
verwandle sich dieser Mensch in ein Zombie, für so weltfremd, dass ich
Personen, die derartiges behaupten, nicht ernst nehmen kann. Menschen
haben Gewaltphantasien und Menschen spielen gerne Spiele. Die
Verbindung dieser beiden Phänomene kann man gerne für sich selbst
ausschließen oder abstoßend finden und ein Staat kann das auch
verbieten.

Aber die Haltung, ein Staat sollte aus moralischen Gründen derartige
Spiele verbieten, ist unsinnig. Derartige Spiele werden seit fast 20
Jahren von unzähligen jungen und junggebliebenen Menschen gespielt. In
Deutschland hatten von drei männlichen Schulamokläufern zwei dieses
Spiel auf ihrem Rechner. Statistisch gesehen ist das eine normale
Verteilung bezüglich der Verbreitung dieser Spiele. Es gibt keine
Untersuchung, die ergeben hätte, dass diese Spiele sich negativ auf
moralisches Verhalten auswirken. Wobei natürlich klar ist, dass man
diese Spiele nicht zur Erweiterung des geistigen Horizonts spielt oder
zur moralischen Erbauung. Aber das behauptet ja auch niemand.

Es ist an dieser Stelle aber erschreckend, wie die
Öffentlich-Rechtlichen Killerspiele zu Zombieschulen erklären, wohl
weil sie sensationslüstern sind, weil sie eine Story brauchen, weil sie
das Böse fassen wollen und weil sie nicht bereit sind, sich sachlich
ausgewogen mit der Thematik zu beschäftigen:
Zwar ist dieses Video bereits anderthalb Jahre alt, einer kritischere Haltung ist bei der ARD aber noch nicht festzustellen.

Das eigentlich Schlimme ist daran, dass Themen die wirklich relevant
sind durch derartiges Themen-auf-den-Tisch-hauen unterschlagen werden:
Die Gesellschaft hat nicht auf dem Schirm, wie Heranwachsende mit dem
Druck, den man immer mehr diesen zumutet, genau umgehen soll.
Alle drei Amokläufer betrachteten sich als Verlierer und zu unrecht zu
diesen gemacht. Wie kommen wir an diese Leute ran, wenn sie sich als
Verlierer betrachten und das auch in einem Schulsystem, das in der Tat
aussieht, als filtere es Verlierer herraus anstatt sie in ihrer
individuellen Lage zu fördern?

Sollten Lehrer diejenigen sein, die man an dieser Stelle ansprechen
möchte, muss man ihnen viel mehr Kompetenzen geben, muss man ihre
Ausbildung grundsätzlich überdenken, darf man sie nicht in die Schule
schicken und sagen: Sieh' zu, wie du klar kommst.

Und wer für Jugendliche wirklich etwas tun will, der sollte mit
ihnen reden, sich mit ihnen unterhalten, auseinandersetzen und nicht
reflexartig irgendwas verbieten, was ihm verachtenswert erscheint.
 
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Kommentare
Matthias Dell schrieb am 24.03.2009 um 16:48
Leider, fürchte ich, ist das hier beanstandete Problem weder der ARD noch Beckmann selbst bewusst. In der merkwürdigen Logik, in der die öffentlich-rechtlichen Sender heute gefangen sind, gilt "Beckmann" vermutlich eher als Teil dessen, was dem Bildungsauftrag der ARD gerecht wird. Beckmann selbst wähnt sich sowieso in der Warte eines differenzierten Kulturjournalisten.
Joachim Losehand schrieb am 24.03.2009 um 19:00
ARD und ZDF sind in meiner Wahrnehmung als Nicht-Fernseher nach wie vor nicht sonderlich attraktiv für die Zielgruppe „Jugendliche“. ARD und ZDF machen Programme Erwachsenen für Erwachsene.

Und Erwachsene schwanken, wenn sie mit der nächsten oder übernächsten Generation zufällig oder zwangsläufig in Berührung geraten, immer zwischen moralingesättigter Salbaderei, betroffenheitsschwangerer Hysterie, autistischer Ignoranz und schweißfeuchter Kumpelhaftigkeit. Denn „die meisten Menschen vergessen ihre Kindheit wie ein Hut, der nicht mehr paßt oder wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt“ (Erich Kästner).
Carsten
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