Cartagena

Sonntagsidyll

31.03.2009 | 13:49

Abgeschafft!

Boah! Das ist einfach toll, wie einfach und schnell das geht. Da schlägt die ganze Härte des Gesetzes zu. Und Wolle Schäuble kann dann auch mal wieder vor die Kamera treten. Ich glaube zu diesen Stunden sind dilettantische Demokraten ziemlich aufgegeilt.

Es ist einfach zu einfach: eine schon seit 1990 neugegründete Vereinigung, die die kommende rechtsextreme Führungselite stählen soll, wird schlicht und ergreifend heute, 2009, abgeschafft. Das kann man zusätzlich noch prima inszenieren. Man stelle an ein paar Flecken in Deutschland Kameras auf und zieht einer Handvoll Polizisten quietschgrüne Polizeijäckchen an - wenn man gerade keine Polizisten vorrätig hat, genügen auch ein paar Statisten, Hauptsache sie haben die Kapuze der Jacke auf; das lässt sie genial geheimnisvoll erscheinen; als passiere hier etwas ganz großes. Danach stellt man sie vor ein paar ziemlich deutsche Familienhäuser bzw. ein Teil kann auch gerne an der Eingangstür hin- und herpatrouillieren, sieht nochmal doppelt so gut aus. Und ferner ist ein weiteres kleines Stückchen Symbolpolitik perfekt.

Medien und Politiker wollten uns so um das Jahr 2000 auch auf rechtsextremistische Tendenzen hinweisen, nur um uns im Nachhinein mitzuteilen, dass nun sowieso alle abgeschafft sind. Es gibt keine Nazis mehr!

Und hier passiert wieder das gleiche. Wald- und Wiesenverein mit rechtsextremer nationaler Gesinnung, die Kindern und Jugendlichen hier indoktriniert wird, verbieten. Abgeschafft! Vorbei!

Nazis raus aus den Köpfen! Ja klar, aus unseren Köpfen. Wir sind ja auch noch so blöd und fallen auf den Mist rein, auf dieses Malen nach Zahlen. Dieses Symbol. “Puuh, Gott sei Dank, eine Naziklitsche weniger.” Alle Mitglieder dieser Vereinigung wurden ja nun quasi zwangsdemokratisiert.

Schade nur, dass dann irgendwie doch weiterhin ein paar Familien “heimattreu” bleiben und fast à la Lebensborn für Parteien wie die NPD Bundesvorstandsmitglieder weiterhin liefern. Und ob im Ferienlager oder in den eigenen vier Wänden. Paramilitarismus mit einem ordentlichen Schuss rechtsextremen Gedankengut, revisionistisches Geschichtsbild inklusive, kann man schier überall vermitteln. Und selbst wenn, so ein Ferienlager lässt sich ja auch ganz einfach weiterhin machen. Wald und Wiesen haben wir in Deutschland schließlich genug.

 
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Kommentare
ebby schrieb am 01.04.2009 um 13:34
Also, erstmal kann her Schäuble nicht mehr treten ;) Aber ist schon wahres dran was du sagst. Doch wie sonst? Du beschreibst in deinem Beitrag sehr gut deinen Ärger und deine Wut über die Theatervorstellung die uns in den Medien präsentiert wird, allerdings bietest du keine Auflösung, wie deiner Meinung nach der deutsche Staat ohne Braun aussehen könnte...
krille schrieb am 01.04.2009 um 15:40
hm...versteh ich dich recht, das jede maßnahme bei der am ende "dann irgendwie doch weiterhin ein paar" Nazis an ihren Überzeugungen festhalten ihr Ziel verfehlt?
Cartagena schrieb am 01.04.2009 um 17:05
Dass mit dem Treten ist mir im Nachhinein aufgefallen. Entschuldigt diesen Lapsus! :-)

Meiner Meinung nach war der Verbot der HDJ nichts weiter als ein Symbolakt. Das Inszenieren bezieht sich ja nicht nur auf die Medien, egal ob in der Tagesschau oder einer sonstigen Nachrichtensendung oder Zeitung, wo eben das von mir angesprochene Bild immer wieder aufbaut.

Die Lösung in meinen Augen ist für mich so elementar trivial, das ich darauf nicht weiter eingegangen war. Sicher, wenn es Sinn macht eine Vereinigung zu verbieten, dann sollte man dieses Mittel auch durchaus in Betracht ziehen. Bei der HDJ war es ja in der Tat so, dass es wohl sehr schwer fällt irgendwelche V-Männer einzuschleusen, da in der Regel komplette Familien in der HDJ involviert sind. Aber eben nicht so symbolpolitisch und um Wähler, denn um die geht es in diesem Jahr, zu blenden. Von der Politik wird selbst die Nachricht verkauft, dass nicht nur dieser Verein sondern auch jegliches dort bis dato vorfindbares Gedankengut gleich mit abgeschafft wurde.

Wie ich geschrieben habe, existiert dieser Verein schon seit 1990 als Neugründung, und zwar als Flügel der BHJ (wer mehr wissen will kann gerne googlen bzw. Wikipedia aufsuchen). Da brauch es also 19 Jahre bis man sie verbietet. Und es ist nicht so, dass nur Experten vor dieser Vereinigung gewarnt hatten. Die HDJ war immer wieder mal Teil der Berichterstattung, auch der großen Medien. Nüscht ist passiert.

Was deinen letzten Satz angeht, ebby, ich glaube nicht ernsthaft daran, dass es jemals einen deutschen Staat ohne Braun geben wird. Ein "paar" Spinner wird es immer geben. So hatte ich ja auch bewusst den Begriff "Wald und Wiesen" als Metapher verwendet. Hat wohl nicht so gezündet wie erhofft :-)

Krille, wenn Du das so ausdrücken willst, ja! Das Ziel, so wie das Wolle zumindest medienwirksam vor den Kameras verklickert hat, ist eben die Bekämpfung von rechtsextremistischen Gedankengut. Das wird man durch bloße Verbote und der nachfolgenden Naivität bzw. Ignoranz, die ja mittlerweile fast als Konsequenz auftritt, nie erreichen.
krille schrieb am 01.04.2009 um 19:26
Aber ist es nicht schon ein Erfolg wenn den Rechten die Nachwuchsgewinnung erschwert wird? Oder wenn man z.B. durch ein NPD Verbot erreicht das ihre Propaganda nicht auch noch durch Steuermittel bezahlt wird.

"Von der Politik wird selbst die Nachricht verkauft, dass nicht nur dieser Verein sondern auch jegliches dort bis dato vorfindbares Gedankengut gleich mit abgeschafft wurde."
Das sagen meiner Meinung nach nicht die Befürworter des Verbots, sondern es wird ihnen von den Gegnern eines solchen Verbotes in den Mund gelegt. Und da das natürlich eine schwachsinnige Behauptung ist, glauben die Verbotsgegner die Debatte gewonnen zu haben.

Ärgern tut mich diese Argumentationsweise immer wieder wenn es um ein Verbot der NPD geht. Ja, man sollte sie verbieten und ja, es wird auch danach noch Nazis geben - aber man macht es ihnen schwerer sich zu organisieren oder neue Anhänger zu gewinnen.
Cartagena schrieb am 01.04.2009 um 20:53
Bist Du Dir da hundertprozentig sicher, dass die Nachwuchsgewinnung wirklich erschwert wird?
Auch wenn natürlich bspw. ein Zusammenhang besteht und hier im Besonderen ein Zusammenhang der HDJ und der NPD existierte, würde ich nicht den oft begangenen Fehler machen, und rechtsextremistisches Gedankengut unweigerlich mit Parteien verknüpfen.

Natürlich können Befürworter des Verbots sagen. Ich befürworte das Verbot ja selbst. Das eine hat nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun.

Mal abgesehen davon, dass bei einem Parteiverbot der NPD sowieso ein Haufen sich in anderen Parteien neu mobilisieren wird, finde ich, dass man die die Ressourcen, die man in ein Verbotsverfahren stecken würde besser in erfolgreiche Projekte wie EXIT oder Ähnliches investiert. Aber wie sieht es in der Realität aus? EXIT bspw. hängt finanziell immer noch am seidenen Faden nachdem im letzten Jahr vorerst keine Förderung mehr vom Arbeitsministerium kam.
oca schrieb am 01.04.2009 um 23:39
Der liebe Herr Schäuble verteidigt Guantanamo, also ein extralegales Folterlager. Nur leider kann ein Innenministerium nicht so einfach verboten werden, wie ein paar Zeltlagernazis.
Cartagena
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