Caspar Schmidt

Blog von Caspar Schmidt

26.05.2010 | 19:51

Was ist eigentlich "links"

Was ist eigentlich „links“ ?

Eine explizite Antwort darauf weiß ich auch nicht, kann aber einige Irrtümer der letzten Jahrzehnte benennen, die zur heutigen Situation der Linken geführt haben. Einer davon ist die geradezu religiöse Anbetung der Arbeiterklasse in den Jahren nach 1968, von Murray Bookchin als „Arbeiteritis“ bezeichnet. Tatsächlich ist die Arbeit z. B. eines Mechanikers in der Metallindustrie, verglichen mit der von Angestellten, geradezu Erholung (ein sehr subjektiver Eindruck). Es ist daher verständlich, dass Arbeiter nichts lieber haben als Überstunden. Angestellte dagegen leiden unter psychischen Erkrankungen wie Burn-out, Bore-out, Depressionen, manche begehen Selbstmord, manche kündigen ihre Stelle und riskieren damit den Absturz zum Hartz-4-Empfänger. Von der Politik werden diese Überarbeiteten hartnäckig ignoriert, sie können sich daher nur durch Nichtwählen artikulieren. Die Zahl der psychisch Erkrankten nimmt zur Zeit laufend zu, die der Nichtwähler ebenfalls. Politikern auf der Suche nach Wählerstimmen sei daher empfohlen, sich mehr den Überarbeiteten zuzuwenden.
Die Schlüsselfrage zu diesem Problem ist die Arbeitszeit. Leider betreiben die Gewerkschaften eine Arbeitszeitpolitik nur für Arbeiter: nur die Mindestarbeitszeit ist tariflich geregelt, Flexibilisierung erfolgt ausschließlich durch Überstunden (bei Toll-Collect sollen 14-Stunden-Tage, also vermutlich Wochenarbeitszeiten um die 80 Stunden vorgekommen sein). Das Abfeiern von Überstunden versuchten die Gewerkschaften so lange wie möglich zu verhindern, indem sie viel zu kurze Ausgleichszeiten forderten. Diese Arbeitszeitpolitik ist für viele Arbeitnehmer ein absolutes Hindernis „links“ zu sein. Es wäre wünschenswert, wenn die Politik sich dieser Problematik annehmen würde.

 
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Kommentare
Damian Bold schrieb am 26.05.2010 um 20:07
Irrtümer benennen ist immer besser als luftige Töne tönen. Deshalb ist die Abschaffung von Arbeit als Broterwerb wichtig. Grundgehalt und relativ freie Tätigkeit eines jeden würde eine Gesellschaft besser tragen, käme auch der gedrückten Psyche zugute. Die Ausspielung von Arbeiter und Angestellten finde ich natürlich nicht so gut, aber verschiedene Belastungen gibt es schon. Ich bin selber in der Gewerkschaft, oft aber auch ungern.
hudeldu schrieb am 28.05.2010 um 02:06
"Irrtümer benennen ist immer besser als luftige Töne tönen. ---> Ich bin selber in der Gewerkschaft, oft aber auch ungern."
Und Irrtümer möchtest Du auch gerne benennen, aber nicht gerne in der Gewerkschaft?

"Deshalb ist die Abschaffung von Arbeit als Broterwerb wichtig.---> Grundgehalt und relativ freie Tätigkeit eines jeden würde eine Gesellschaft besser tragen"
Schon mal was von dem beschissenen neoliberalen Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens gehört?
Du bist wohl nicht bei verdi organisiert ..

---> "käme auch der gedrückten Psyche zugute".
In welcher Gewürgschaft bist Du denn, wo Du die "Ausspielung von Arbeiter und Angestellten natürlich nicht so gut" findest?
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