Cassandra

findelfantasie

12.06.2010 | 11:47

Ende des Jahres

 

In diesem Herbst wurden die Atompilze

In den Journalen solch gewöhnlicher Anblick

Daß sich beim Betrachten der Fotographien

Ästhetische Kategorien herzustellen begannen

Das Wort Neutronenwaffen erschien häufig

Wie seine Brüder Benzinpreis und Wetterbericht

Es wurde alltäglich wie Friedensappelle

(aus: Sarah Kirsch, Ende des Jahres)

 

 

Ende des Sommers

 

In diesem Sommer wurden die Öllachen

In den Journalen solch gewöhnlicher Anblick

Daß sich beim Betrachten der Fotographien

Ästhetische Kategorien herzustellen begannen

Das Wort Umweltkatastrophe erschien häufig

Wie seine Brüder Afghanistan und Wetterbericht

Es wurde alltäglich wie Greenpeace-Aktionen

 

 

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 12.06.2010 um 12:07
!
Technixer schrieb am 12.06.2010 um 21:20
Technixer schrieb am 12.06.2010 um 22:03
Diese Bilder zeigen einmal mehr, wie falsch unser Wirtschaftssystem ist.

Wie unendliche Gier zu einer Fehlerkette führte, die alle Lebewesen in einem geschützten Delta in den Tod reißt. Es macht mich traurig und wütend und ich schäme mich ein Mensch zu sein!

www.youtube.com/user/homeproject

Technixer schrieb am 12.06.2010 um 22:05
das eingebettete Video heißt 'Earthling' mit Sprecherstimme von Joaquin Phoenix.
Cassandra schrieb am 12.06.2010 um 22:29
Danke, ich habe angefangen reinzuschauen, ich sehe es fertig, wenn ich mehr Zeit habe.

Nein, ich schäme mich nicht, ein Mensch zu sein. Zwar richten Menschen ein Menge an; aber dafür sämtliche Menschen zu verurteilen kann nicht richtig sein. Man kann sie höchstens dafür kritisieren, sie würden nicht genug tun, die Taten der anderen zu verhindern/auszugleichen.

Wie stehst du denn zu den Bildern, die ich oben verlinkt habe?
Sarah Rudolph schrieb am 12.06.2010 um 22:32
Earthlings ist ein wirklich starker Film.
Ich hab ihn vor einigen Jahren mitten in der Nacht gesehen und viele Bilder nie wieder vergessen.
Technixer schrieb am 13.06.2010 um 09:06
"Wie stehst du denn zu den Bildern, die ich oben verlinkt habe?" So wie ich es auch geschrieben habe:
-Diese Bilder zeigen einmal mehr, wie falsch unser Wirtschaftssystem ist.
und
- Wie unendliche Gier zu einer Fehlerkette führte, die alle Lebewesen in einem geschützten Delta in den Tod reißt.
goedzak schrieb am 13.06.2010 um 17:21
Die Diagnose 'falsch' und 'Gier' führt zu nichts, jeder, alle, die Betroffenen, die Helfer, die Zuschauer, alle empfinden so...illusionäre Katharsis.
Technixer schrieb am 14.06.2010 um 00:10
Was meinst du mit "Die Diagnose 'falsch' und 'Gier' führt zu nichts", dass unser Wirtschaftssystem um immer Mehr und immer Schneller dreht ist falsch. Es ist ökologischer Schwachsinn an endloses Wachstum zu glauben und außerdem ökonomischer Unsinn überhaupt nicht nach dem Nachhaltigkeitsprinzip zu wirtschaften. Der Grund ist die Gier nach Rendite, sie wird gesteigert durch stärkeren Umsatz bei sinkenden Produktionskosten oder ist das etwa nicht der Kern des ganzen Übels?

Wüsste nicht warum der von mir gesagte Satz eine psychische "Reinigung" hervorrufen sollte...

Allerdings stimme ich dir zu, bei den meisten Menschen erwächst aus solchen Bildern und Videos keinerlei Konsequenzen, weil sie einfachste Zusammenhänge nicht wahrhaben wollen, ausblenden oder schlichtweg nicht verstehen.
Cassandra schrieb am 15.06.2010 um 01:57
Zu den Bildern habe ich unten noch was geschrieben.

Was Filme angeht, lieber Technixer, sehe ich das Problem, dass diese wiederum nur Menschen sehen, die auch schon am Problem interessiert, dafür sensibilisiert sind, denn so interessant und gut gemacht diese Dokus sind: Es sind Dokus. Manche Menschen hegen allein gegen diese Form eine solch tiefe Abneigung (vielleicht, weil sie sich konzentrieren müssen? Ich weiß nicht), dass doch wieder nur die aufgeklärt werden, die es schon halbwegs sind.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.06.2010 um 22:12
Weil man das ohne Erkenntnisabstrich in etwa gleicher Länge auch in Prosa oder Alltagssprache sagen kann, ist es kein Gedicht. Mit Gustlik gefragt: Die Beta-Version eines Gedichts? Ich verneine hier schon ...
Cassandra schrieb am 12.06.2010 um 22:19
Ja und? Ich versteh nicht ganz, warum du das kategorisierst? Und warum man es nicht auch in Lyrik sagen kann, wenn man will? Bin aber sehr interessiert an weiteren Ausführungen.

Mir ging es aber eigentlich noch um was anderes :)
kay.kloetzer schrieb am 12.06.2010 um 22:31
sogar ein abendessen kann ein gedicht sein. wenn man es nur rhythmisch loben kann.

im ernst: die verdichtung ist es für mich. und die finde ich hier sehr gelungen.

kk
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.06.2010 um 22:43
Dichtungstechnik gibts an der Fachhochschule, alles andere ist Romantik.
Und Erotik ist noch mal ne andere Schiene, aber doch ev. mit der Aesthetik verwandt ...
merdeister schrieb am 12.06.2010 um 22:46
Hugh!
I.D.A. Liszt schrieb am 12.06.2010 um 22:48
Nun ja.
Aus der karibik kommt jetzt eben ein dichter ölteppich!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.06.2010 um 22:48
Mitmachen?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.06.2010 um 22:49
Teppichhandel? Dann geh ich ...
kay.kloetzer schrieb am 12.06.2010 um 22:52
... und als erster lyriker legte sich dichter nebel über die erde ...
I.D.A. Liszt schrieb am 12.06.2010 um 23:00
@ k.k.:

Gut, daß Du wieder zum Thema kommst: Nebel.

Um den Nebel, den die schönen Bilder in unseren Köpfen verbreiten, geht es Cassi hier doch.
Und wem es nicht gefällt, daß sie da in gebundener Form tut, soll es sich doch selbst in Pros übersetzen.

Jedenfalls sollte man sich damit beschäftigen, was es ausmacht, wenn so eine Katastrophe uns in glatter Ästhetik gereicht wird...
oranier schrieb am 13.06.2010 um 05:11
Erkenntnisabstrich

Unversehens mit einem Gedicht konfrontiert, zeigten sich bei Herrn ter linde schlagartig Symptome eines akuten Erkenntnismangels. Er wurde umgehend in eine Klinik für Kulturheilkunde eingewiesen, wo ihm sogleich ein Abstrich entnommen wurde. Die Laboranalyse ergab, dass der Erkenntnismangel chronisch und langjähriger geistiger Unterernährung geschuldet ist.
Die Heilungschancen werden als gering eingestuft. Nur eine langwierige Kur, mit regelmäßiger Verabreichung von sorgsam ausgewählten Kulturprodukten in verträglichen Dosen, eingenommen mit Muße und unter ausreichender Frischluftzufuhr, verspricht langfristig eine bescheidene, aber kontinuierliche Besserung seines Zustands.
oranier schrieb am 13.06.2010 um 05:28
@ kay.kloetzer

"im ernst: die verdichtung ist es für mich"

Im Ernst: das Gedicht hat, jedenfalls etymologisch, mit "Verdichtung" nichts zu tun, sondern kommt von lat. "dicto", "vorsagen, diktieren, verfassen".

Immer wieder gerne,
Auskenner
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.06.2010 um 20:01
Morgens um 5 Uhr 11 ist Deine Welt noch in Ordnung, gell.
GeroSteiner schrieb am 16.06.2010 um 23:24
Ich bin ja sowas von froh, dass es keine fliegenden Ölteppiche gibt.
GeroSteiner schrieb am 12.06.2010 um 22:28
Mit einem geeigneten Käscher sind wir ab Herbst sogar in der Lage, das Öl in verklumpter Form aus der Nordsee zu fischen. Der Golfstrom macht's möglich.

Die Straße von Calais - ab Herbst dann ein Paradies für die Straßenbauer unter uns.

Ansonsten eine Anmerkung zur bildgebenden Kunst:

Fotographie?
Photographie.
Fotografie.
Votographie.
Photogravie.
Fotogravie.
Votografie.
Votogravie.
Pfotografy.
Pfotographie.
Photography.
I.D.A. Liszt schrieb am 12.06.2010 um 22:43
Was ist denn mit der Photogravur?

;-)
GeroSteiner schrieb am 12.06.2010 um 22:49
Eher Photograwurst.
Wenn's mal nix geworden ist.
lausemädchen schrieb am 16.06.2010 um 23:36
pfotenviewing:
das ist, wenn der hundebauz mit mir zu 'ner leinwand wm gucken geht.
GeroSteiner schrieb am 17.06.2010 um 11:31
Ach, die kleine Wurstpumpe darf auch mit Fußball gucken?
Pfantastisch.
Cassandra schrieb am 17.06.2010 um 11:49
Ich habe übrigens kurz gezögert - und dann erst Fotographie aus dem Lyrikband abgeschrieben... :)
GeroSteiner schrieb am 17.06.2010 um 17:41
Also entweder Photographie oder Fotografie (pehar oder äff), aber bitte nicht mchisne, äh mischen!

Siehe auch:
Philosoph
Philosof
Filosof
Pfilosoph
Filosov
Vilosof
Vilosov
Vilosoph

Anm.: Der Philo soff, bis er Stab.
Cassandra schrieb am 17.06.2010 um 18:51
Weiß ich doch, aber ich bin ja meinem Büchlein hörig :)
Cassandra schrieb am 17.06.2010 um 19:07
Aber denn daraus ein blauer Philosophenstab wird, der mir persönlich zur Verfügung steht, habe ich nichts dagegen...
GeroSteiner schrieb am 17.06.2010 um 20:24
Philohofierende Schlümpfe. Der Miesepeter-Schlumpf ist Voltaire oder wollt er?
poor on ruhr schrieb am 13.06.2010 um 17:28
@Cassandra

Danke. Starke Worte über das unbeschreiblich Entsetzliche!

rr
goedzak schrieb am 13.06.2010 um 20:32
Die heterogen-inkonsistente Wirklichkeit auf das festeste komprimiert, nicht verkompliziert, zusammengepresst in ein paar Verse, die wahrhafte Dichtung der verdichteten Wahrheit anbei gestellt, diese dabei ästhetisch auch ein wenig verschleiert, alles erdichtet, hast du's diktiert, nein, Du schreibst ja selber, oder hat es jemand diktiert? Sarah? Ach, Unsinn, Du hast ein Gedicht geklempnert, Löcher in ein Fundstück geschnitten und dann neu abgedichtet, mit Deinen goldenen Händen. Gold, das Element mit 8-größten Dichte.
Cassandra schrieb am 13.06.2010 um 21:02
Haben dichte Gedichte keine diskutierenswerten Inhalte? Hält man gar nicht danach Ausschau? Dann werde ich mich demnächst auf langatmige Texte konzentrieren um einen Widerspruch zu provozieren.
Über die Löcher in der Dichtung habe ich lang nachgedacht. Ob ich sie nicht weglassen und nur das Original und den Link hinein setzen soll.
goedzak schrieb am 13.06.2010 um 21:32
Ich muss sagen, dass mir dieser ganze Bilderwust gar nicht so vor die Augen kommen. Ich lese keine Illustrierten, weil es keine gibt, die ich lesen kann. Beim Spiegel z.B. schreckt mich die Schreibe, und zwar heftig. (Na, gut, ab und zu mal ne Musikzeitschrift...)
Die These ist wohl, dass Ästhetisierung die Inhalte beschädigt, banalisiert oder einfach überblendet. Und mit Ästhetisierung ist dann Verschönerung gemeint, hier Beschönigung?
Wie würdest Du das hier nennen?




Beschönigung? Verharmlosung? Oder vielleicht einen Versuch des Unterlaufens der Tendenz zur Verdrängung bestimmter realer Phänomene aus Schönheitsvorstellungen? Ist streitbar.

Prinzipiell aber ist Ästhetisierung erstmal nur 'Versinnlichung', also das Ermöglichen sinnlicher Wahrnehmung. Die Bilder, auf die Du verlinkst, tun das. Man kann sie vielleicht auch aus ihrem Kontext nehmen und rein als schöne Bilder sehen, aber das dürfte derzeit kaum jemand gelingen. Vielleicht in ein paar Monaten, wenn Fotozeitschriften das Foto des Jahres suchen.
Die Fotos zeigen 'nur' Folgen, Symptome, keine Hintergründe und Zusammenhänge, das könnte man ihnen evtl. vorwerfen. Aber ihr großer Vorteil ist, sie sprechen uns ganz an, nicht nur Verstand und Gefühl, sondern auch den Körper, in dem sie sitzen. Und ohne die Körperlichkeit kann niemand handeln, z.B. Pelikane waschen. Wenn Du verstehst, was ich meine... :)
Cassandra schrieb am 15.06.2010 um 00:27
Hier sehe ich tatsächlich beide Aspekte, aber ich finde, Behinderung ist noch ein anderes Thema, das man auch anders behandeln muss.
Folgendermaßen: Bei uns gibt es Schönheitsideale, perfekter Körper, momentan: möglichst samt Bulimie. Ich persönlich finde dies, was du eingestellt hast, gut gelungen, für mich hat es aber auch einen Zweck. Der Fotograf ist darauf aus, so nehme ich als erstes wahr, zu zeigen, dass ein versehrter, ein nicht der Norm entsprechender Mensch nicht nur genauso in Szene gesetzt werden kann wie einer, dessen 'Perfektion' wir von allen möglichen Titelseiten gewohnt sind, sondern auch, dass ihm diese 'Abnormalität' nichts nimmt.

Natürlich kann man es auch verharmlosend sehen, aber hier sind beide Optionen klar gegeben. Ich habe unter helders Kommentar schon etwas in diese Richtung gehend erläutert, aber nun noch mal auf dein Beispiel bezogen: Die verschmutzte Landschaft ist nichts von dem man der Menschheit ernsthaft erklären möchte, dass es zwar abnormal, aber dennoch schön ist. Diese Bilder sind aber schön; zumindest die zwei die ich unten verlinkt habe.
Ersteres legt mE den Fokus lediglich auf den in die Freiheit davon fliegenden Vogel, die Verschmutzung wird dadurch kaum wahr genommen. Später wird man aber den tollen Vogel mit der Überschrift "Ölverschmutzung' in Verbindung bringen. Es mindert also mE die Aussagekraft der gesamten Bildreihe.
Das zweite Bild hingegen zeigt einen Teil des Ölteppichs, aber farblich wunderschön abgestimmt, wäre es kein Öl, so würde mir wohl jeder zustimmen, dass dies ein wunderschöner Anblick ist. Meinetwegen grausam-schön. Auch hier kann mir niemand erzählen, dass das nicht zumindest in manchen Köpfen hängen bleibt. Nun bin ich wieder an deinem Punkt angelangt, goedzak.

Genau! Bilder sollen uns ansprechen, aber ich unterstelle: vor allem nicht nur uns belesenem, dauernd politische, gesellschaftliche, naturrelevante Sachverhalte verfolgende Minderheit (behaupte ich), sondern vor allem haben Bilder den Vorteil, dass sie sich auch jenen begreiflich machen, die erstens die Nachrichten passisv rezipieren ohne richtig zuzuhören und zweitens jene, die erst durch die Bilder begreifen, welche konkreten Folgen das haben kann, die sie sehen, fast anfassen können.
Manche dieser Bilder sind für mich eher das Gegenteil, aber alle haben eine Art Wille zur Perfektion anhaften, der mir unheimlich ist, weil mE daraus mehr der Wille des Fotografens entspringt ein Kunstwerk zu zaubern (und damit sich selbst wichtiger zu nehmen als die Sache). Ich denke, man kann beides durchaus verbinden, aber nicht, indem man solch strahlende Bilder produziert um etwas Schlimmes auch Schlimm darzustellen.
goedzak schrieb am 21.06.2010 um 20:40
Mit dem Willen des Fotografen magst Du Recht haben, aber ein gutes Foto entsteht nicht nur zufällig, sondern auch durch Handwerk. Recht gebe ich Dir auch darin, dass eine ganz andere Fotoästhetik vorstellbar wäre, die diese Anmutung von 'Beschönigung' strikt vermeidet. Aber wir dürfen nicht vergessen: Das Bild entsteht im Kopf, wir tun unseres dazu.
h.yuren schrieb am 13.06.2010 um 22:39
liebe cassandra, es gibt ja ein buch über das "ende der geschichte". daran hat mich dein blog erinnert. aber dies dürfte (habs nicht gelesen) wie die allermeisten geschichtsbücher wenig wahres transportieren.
es ist an der zeit, meine ich, wie sarah kirsch und du über die zuende gehende zeit zu schreiben, über die unverhältnismäßigen verhältnisse, über the time is out of joint, über die ausweglosigkeit, über ...

weil du die verse des vorbilds offengelegt hast, sind deine nachempfundenen worte vergleichbar, offen und ehrlich. und die von dir im link versammelten bilder sind eine angemessene illustration, wenn auch nur ein spektakulärer bruchteil der täglichen katastrophen weltweit.

danke.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 14.06.2010 um 12:22
@h.Yuren: "...und die von dir im link versammelten bilder sind eine angemessene illustration, wenn auch nur ein spektakulärer bruchteil der täglichen katastrophen weltweit."

Ich habe den Eindruck, dass Cassi diesen Aspekt auch im Blick hat.
Uns erreicht eine feine, 'ästhetisierte' Auswahl des Elends.
Immer noch beeindruckend, jedoch eben gerade "nur" über die sinnliche Wahrnehmung und auf eine Art und Weise, über die uns auch beispielsweise Werbung erreicht. (Da hat goedzak mit seinen Bildern richtig gelegen)
Wie aber findet das Gefühl der Scham, der Entehrung derjenigen ein Echo in uns, die beispielsweise in Mülltonnen nach Essbarem suchen? Erreiche ich durch Bilder rauchender Müllhaufen auf denen sich geisterhafte menschliche Silhouetten bewegen einen Handlungsruck in dem Betrachter? Spüre ich den Gestank, höre ich den schleppenden Atem der Greisin, bemerke ich die blutende Wunde am Fuss des Kindes, schmecke ich den giftigen Rauch, spüre ich die Schwere des aufgelesenen Mülls auf dem Rücken der Frau, fühle ich das Kreisen der Vögel über dem Müllberg als Vorahnung...? Ich beabsichtige keinesfalls hier auf Mitleidstour zu gehen.
Ich denke, wir haben bestimmte Wahrnehmungskanäle eingeübt (vieles geht über das Ästhetisieren) und andere, die mehr als nur eine meist recht oberflächliche Entrüstung hervorrufen, verdrängt.
Cassandra schrieb am 15.06.2010 um 00:07
Genau, ich habe beide eure Aspekte ansprechen wollen, zudem eine Parallele ziehen zu Sarah Kirschs Erkenntnis zu einem anderen Thema, mit dem genauso umgegangen wird.
helder, ich hoffe nicht, dass das Ende der Welt naht, aber ich habe manchmal das Gefühl, als seien wir Medienkonsumenten schon halb tot und müssten immer auf's Neue mit allem elektrisiert werden.
______________

Mir stellt sich immer wieder die Frage: "Darf man das?"

Darf man diese Bilder so verfeinern? Die Fotos kommen mir vor wie aus einem Hochglanzmagazin, für mich persönlich geben sie (zumindest einige davon, bspw. dieses und jenes) mehr ein künstlerisches Bild wieder als die Katastrophe.

Ich habe mich, kurz nachdem ich dieses Blog veröffentlicht hatte, mit zwei Leuten unterhalten; sie hielten meine These wohl mehr oder weniger für an den Haaren herbei gezogen, aber ich denke dennoch, dass diese Bilder vielleicht mehr schaden als dass sie aufklären. Mittlerweile habe ich auch eine vernünftige Formulierung für diese Bedenken gefunden, die Ursache meines Unbehagens.

Den Fotografen geht es mE mehr darum ihr eigenes Können unter Beweis zu stellen, meinetwegen später mit den Bildern einen Preis zu gewinnen, als die Situation angemessen darzustellen. Das tun sie zwar auch, aber die Show wird der Sache an sich durch die schöne, helle, perfekte Darstellung gestohlen.
Ich bin der Meinung, dass dies (auf Dauer) dazu führt, dass Bilder, die doch eigentlich das unvorstellbar Grausame für diejenigen, die es sich abstrakt und in Fakten nicht vorstellen können, vielleicht einfach nicht begreifen, weil sie nicht an dem täglichen (Polit)Geschehen interessiert sind, auch durch die Bilder nicht mehr in vollem Maße be-greifbar, mitfühlbar wird.

Nein, ich will die Medien nicht dazu animieren nur noch Tod und Verderben zu predigen, ich will niemandem seinen Rückzug nehmen, der ihm erlaubt mit Leid klar zu kommen. Ich möchte nur, dass die Fakten richtig benannt werden, ob in Bildern oder in Texten.

An dieser Stelle tut sich ein Dilemma auf. Wann interessieren uns denn die 'ästhetischen Kategorien', von denen Kirsch spricht, (unbewusst?) mehr als die Sache an sich? Ich verstehe sie so, dass sie langsam Abnutzungserscheinungen wahrnimmt: Das Thema wird in den Medien tot getrampelt, daher beschäftigt man sich auf einmal damit, welche Gestalt die Atompilze haben. Im Grunde absolut irre, wenn man sich überlegt, um welches Thema es hier geht.

Ich gehe einen Schritt weiter, ich sage, es ist mittlerweile beabsichtigt, dass der Leser diese Kategorisierung schon vor den Abnutzungserscheinungen vornimmt, weil man mit schöneren Bildern mehr Klicks (oder Verkäufe) anstrebt. Welche Folgen das mE auf die Wahrnehmung haben kann (!) habe ich bereits ausgeführt.

Noch einmal zurück zu Sarah Kirsch. Es gibt auch noch ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz ('Hiroshima'), also selbes Thema, die Klage ist genau gegenteilig. Es wird zu wenig berichtet.

Was denn nun?

Das sind alles solche Gedanken, die mir im Kopf herum schwirren...
h.yuren schrieb am 15.06.2010 um 17:02
du tust gut daran, sie rauszulassen, cassandra. (nomen est omen. oder?)
Cassandra schrieb am 15.06.2010 um 19:46
Ich weiß nicht, ob ich mir das wünschen soll oder nicht.
h.yuren schrieb am 15.06.2010 um 17:02
du tust gut daran, sie rauszulassen, cassandra. (nomen est omen. oder?)
h.yuren schrieb am 15.06.2010 um 17:02
du tust gut daran, sie rauszulassen, cassandra. (nomen est omen. oder?)
h.yuren schrieb am 15.06.2010 um 22:04
ich habe den starken eindruck, dass hier jemand ungeduldig war, als die technik mal wieder klemmte. sorry.
Cassandra schrieb am 16.06.2010 um 00:09
Alle guten Dinge sind drei.
h.yuren schrieb am 16.06.2010 um 10:29
sag das nicht. gegen die dreifaltigkeit des huts mit den drei ecken spricht die große symmetrie des "alle guten dinge sind vier", liebe cassandra.
GeroSteiner schrieb am 16.06.2010 um 22:22
Der nächste Versuch das Bohrloch zu schließen wird daran scheitern, dass man entdeckt, dass es gar kein Bohrloch ist, sondern Aladins Wunderlampe. Der diensthabende Ingenieur hat Amerisie und das Zauberwort vergessen.
merdeister schrieb am 21.06.2010 um 20:33
Ich beginne am besten mal bei mir:
Auf mich wirken die Bilder trotz ihrer Ästhetik schockierend. Ich habe sogar ein wenig das Gefühl, die Schönheit der Bilder macht mir das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlicher. Allerdings fehlt mir die Gegenprobe, es waren die ersten Bilder, in welchen ich die Folgen so detailliert gesehen habe.

Dann kam mir der Gedanke, wie Ästhetik wohl die Moral beeinflusst. Die Damen und Herren mit den großen Apparaten haben beides im Hirn gesucht und geben für die Moral den tempoparietalen Übergangsbereich an (in diesem Bild der Bereich zwischen der gelben und grünen Fläche). Die Moral wollen sie in der Inselrinde gefunden haben. Das sieht zwar ziemlich nah beieinander aus, sind aber doch einigermaßen unterschiedliche Orte. Vermutlich sind sie auch vernetzt. Wie sehr sich beide beeinflussen weiß ich nicht, bei der Zeit hat sich aber jemand Gedanken dazu gemacht.

Wenn die Bilder im richtigen Kontext gezeigt werden und das bedeutet für mich in diesem Fall, dass die Information, es handele sich um eine Ölkatastrophe gigantischen Ausmaßes, finde ich auch eine ästhetische Darstellung nicht unpassend.
Unangemessen fände ich eine Ausstellung, in der diese Bilder allein unter ihrem künstlerischem Gesichtspunkt gezeigt würden: Schrimps zu Vögeln im Öl.

Gewöhnen kann man sich an alles. Schöne Dinge werden mit der Zeit weniger schön, schreckliche Dinge weniger schrecklich. Unser Organismus ist daran interessiert dass eine Homöostase zu erreichen. Extreme gefallen uns nicht auf Dauer. Der Mensch ist zum Langweiler geboren.

Und was will ich sagen?
Auch Katastrophen kann man ästhetisch abbilden...glaube ich.
goedzak schrieb am 22.06.2010 um 10:08
"Wenn die Bilder im richtigen Kontext gezeigt werden..." - So ähnlich hab ich es auch gemeint. Der Kontext ist in unseren Hirnen recht wirkungsmächtig, so dass die Gefahr der Verharmlosung nicht sehr groß ist.
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