Cassandra

findelfantasie

10.07.2011 | 20:50

Fundstücke 27: Was Gurken mit Smolensk zu tun haben

 

Polen-News: Wer es nicht (bewusst) mitbekommen hat: Polen hat seit dem ersten Juli die EU Ratspräsidentschaft inne. Das Land wird im nächsten halben Jahr die Richtlinienkompetenz dort haben. Das Gremium ist jedoch nicht supranational, sondern intergouvernemental. Das bedeutet: es werden Beschlüsse gefasst, an die sich keiner halten muss. Man hofft aber, dass selbige doch umgesetzt werden, weil die Regierungschefs in ihrem jeweiligen Land den Ton angeben.

Was ist so besonders an der polnischen Ratspräsidentschaft? - Unser östlicher Nachbar bringt Schwung in den Laden. Europa wird gerade kaputt geredet (egoistische Politiker, die das Wort “Globalisierung” noch nicht kapiert haben) und kaputt geschrieben (Zeitungen, die erzählen, Griechen, Portugiesen und Iren lägen auf der faulen Haut, während die Deutschen ununterbrochen für andere Staaten schuften). Polen wirkt dem entgegen. Polen hat verstanden, dass man (wirtschaftlich) miteinander verflochten ist, was nicht mehr rückgängig zu machen ist. Und dass man auch miteinander verflochten sein muss, um in der Welt eine Stimme zu haben - neben USA und China. Bravo. Ich hoffe auf intelligente Impulse.

Polen-News, Klappe die zweite. Wer meint, dass Smolensk in den polnischen Medien dann doch endlich einmal anderen Nachrichten Platz gemacht hat: falsch gedacht. Der Flugzeugabsturz von vor über einem Jahr ist noch immer Dauerthema; die Pfade, die das ganze nimmt, werden immer irrsinniger: Denn jetzt vermutet man, dass sich Russland mit Gemüseimportsverbot an Polen rächen will. Warum?

Viele Polen sind der Überzeugung, dass die russischen Behörden nicht richtig versuchen das Flugzeugunglück aufzuklären. Russland ist natürlich empört über diese Vermutungen/Unterstellungen. Als vermutet wurde, dass EHEC durch spanische Gurken übertragen wird, verhängte Russland über die gesamte EU einen Gemüseimportstopp. Dieser ist inzwischen wieder aufgehoben – nur eben für Polen nicht.

Verstanden?

 

Lassen wir Polen hinter uns und fahren stattdessen weiter nach Moskau. Wer die Dokumentation “Rubljowka – Straße zur Glückseligkeit” kennt (oder auch schon einmal vor Ort war), der versteht auf Anhieb, wie sehr diese Meldung ein Kind der Zustände dort ist:

 

Ein Aktivist für Gleichberechtigung im Straßenverkehr hielt ein Transparent empor, das die blauen Blinklichter der Bürokratenwagen als „Russlands Schande“ bezeichnete, von Vorbeifahrenden durch beifälliges Hupen begrüßt. Doch Polizisten schleppten ihn und einen Kameraden aufs Revier, unter dem Vorwand, ihre Dokumente prüfen zu müssen. Sie wollten sogar ihre Fingerabdrücke abnehmen, weil angeblich Zweifel an der Echtheit der Papiere bestanden, was die Männer jedoch verweigerten.”

 

Hier sind nämlich nicht alle gleich – das polizeiliche Blaulicht wird von den höheren Dienstgraden gerne missbraucht, um mit wahnwitzigen Geschwindigkeitsüberschreitungen im Dienstwagen nach Hause zu brausen und sich dabei entsprechend ihren Weg zu bahnen. Wie im oberen Artikelausschnitt zitiert: die Polizei kann/will dagegen nichts unternehmen.

 

 

 

Die Enquete-Kommission des (brandenburgischen) Landtags wird sich in der kommenden Woche mit „Personellen und institutionellen Übergängen im Bereich der brandenburgischen Medienlandschaft“ beschäftigen.”

Manchmal denke ich, dass einige westdeutsche Lokalzeitungen Glück haben, dass sie keine Ostvergangenheit besitzen, so unkritisch, wie sie berichten. Man könnte ihnen sonst vorwerfen, sie hätten es in der DDR nicht anders gelernt und sowieso nach der Wende keine personelle Neuaufstellung vorgenommen.

Für Ariane Mohl freilich war die Ausbildung von Redakteuren aus der DDR – auch wenn sie nicht für die Stasi schnüffelten – „noch nicht einmal im Ansatz kompatibel mit den hohen handwerklichen und ethisch-moralischen Anforderungen, die an einen Journalisten in einer demokratischen Gesellschaft gestellt werden“. Weil sie nicht gelernt hatten, kritische Nachfragen zu stellen und die Mächtigen zu kontrollieren – so ein Pauschalurteil –, 
hätten sich viele der alten Redakteure auch nach 1990 lediglich mit der Wiedergabe von Äußerungen begnügt.”



Ups. Ich empfehle Frau Mohl die Berichterstattung der Siegener Zeitung etwas genauer zu überprüfen. Vielleicht sitzen ja noch heute in deren Redaktionsreihen vormals von der SED finanzierte und ausgebildete Journalisten. Jedenfalls jubeln die während des Wahlkampfs darüber, dass Frau Merkel ein Siegerländer Brot entgegennimmt und der nahe gelegenen Eisdiele einen Rekordumsatz beschert (außerdem war kein Vanilleeis mehr vorrätig.) Ach nein, mir fällt gerade ein, Merkel ist falsche Partei. Naja. Weiter im Text.

Noch eine unkritische Lokalzeitung gibt es hier – zumindest findet das ein eifriger Blogger, der das Stimmungsbild in der Region deftig zu verändern scheint.



Ein Musikpsychologe aus den USA stellte neulich auf einer Tagung eine interessante Theorie vor (jaja, ich weiß, die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält). Demnach erinnern wir uns in späteren Lebensphasen an diejenige Musik nostalgisch, die wir am Ende unserer Jugend (die laut ihm vom 12. bis 22. Lebensjahr dauert) gehört haben.

Huron vermutet eine Ursache in der Ausschüttung des Hormons Oxytocin, die vermehrt in diesen Jahren geschieht: beim Stillen, aber ebenso bei der Festigung sozialer Beziehungen und der Speicherung von Erinnerungen. Schon zehn Sekunden Umarmung mit einem geliebten Partner erhöhen demnach den Oxytocin-Spiegel erheblich.

Erinnert mich jemand in 20, 30, 40 Jahren daran, wenn ich schluchzend über Vivaldis Cellokonzerten sitze?

 

Interessante Entwicklung in Sachen Atomkraft: Vattenfall will in Schweden ein geplantes Kraftwerk doch nicht bauen. Dies liegt aber wohl nicht an Protesten – viel mehr vermutet eine grüne Politikerin, dass sich der Bau in Konkurrenz zu den neuen Energien schlicht nicht lohnt.

Und auch in Frankreich, dessen Energieversorgung zu 80% durch Atomkraftwerke sichergestellt wird, bewegt sich langsam etwas: Der Energieminister will zwar nicht aussteigen, spielt aber ein paar Überprüfungsspielchen – aber die oppositionellen Sozialisten versuchen im Wahlkampf anscheinend mit der Anti-Atomstimmung im Land nächstes Jahr an die Macht zu kommen. Man darf gespannt sein.

 

Es ist ja bekannt, dass die beste Voraussetzung für's Bahnfahren ein gleichmütiger Charakter sein soll. Zumindest, wenn man aktiv daran teilnimmt und nicht nur schmunzelnd über den neuesten Nachrichten sitzt, wie ich gerade: zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit hat ein ICE einen niedersächsischen Bahnhof – äh – vergessen.

Zum Schluss noch ein Interview für Mainstreamer: Alan Rickman, der, wie die SZ zu Recht schreibt, in den Harry Potter-Filmen die interessanteste Rolle abbekommen hat, gab erstmalig eine Pressekonferenz. Was dabei herausgekommen ist? Sowas zum Beispiel.

(...) Aber es ist genau so, wie Sie sagen: Der vorrangige Zweck eines Erste-Klasse-Sitzes im Flugzeug oder einer Limousine mit dunklen Scheiben ist, mich an diesem Punkt meiner Karriere von der Welt fernzuhalten. Distanz zu schaffen.

SZ: Was wiederum ja auch ganz nützlich sein kann.

Rickman: Vieles davon ist kalkuliert. Durch die Distanz wirst du ein Objekt in den Phantasien der anderen. Man muss sich das immer bewusst machen: Das bist jetzt nicht du, das sind die Figuren, die du gespielt hast. Solltest du doch mal in einen Bus oder einen Zug steigen - nicht so sehr ich, sondern berühmtere Menschen -, dein Leben wäre die Hölle.”



Bild der Woche: In Frankfurt war bis heute “bunter hering”.

PS. Meine Fundstücke sind mal wieder verspätet, habe aber diesmal eine musikalische Ausrede (falls wer polnisch kann oder das Datum in der Überschrift wahrgenommen hat: es gab noch zwei spätere Aufführungstermine :)).

PPS. Wenn es bei mir etwas weniger stressig zugeht, beantworte ich auch noch die Kommentare in den letzten Fundstücken. 

 

Die nächsten Fundstücke wird merdeister irgendwo in den Weiten des Internets aufgabeln.



 

 
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Kommentare
Kunibert Hurtig schrieb am 10.07.2011 um 21:16
Salzgurken oder Essiggurken???
Wo sind sie nur fragt ...
Kuni
Cassandra schrieb am 10.07.2011 um 21:21
Oh, das waren die EHEC-Gurken. Habe ich beim Umschreiben wohl rausgekürzt, ungünstig. Wird wieder ergänzt.
Cassandra schrieb am 10.07.2011 um 21:26
Noch ein Fundstück: Werbung in Schulen
www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3187.html
h.yuren schrieb am 11.07.2011 um 11:25
liebe cassandra, (nach dem einloggen, das mir beinah jedesmal abverlangt wird, und geduldigem klicken auf den kommentarpunkt) habe mir die panoramashow angesehn. nichts neues unter der sonne. in den staatseigenen unterrichtsanstalten ist es tradition, dass kirche und kaserne informieren dürfen. jugendoffiziere kommen gern an die schulen, die vertreter der kirchen sind schon da.
pädagogik ist keine sache der experten, sondern spielwiese der interessenten aller couleur. vergessen wir nicht, dass dieses fundstück wunderbar in die marktwirtschaft mit immerwährender reklame rundum passt.
kay.kloetzer schrieb am 10.07.2011 um 21:43
“Für Ariane Mohl freilich war die Ausbildung von Redakteuren aus der DDR – auch wenn sie nicht für die Stasi schnüffelten – ,noch nicht einmal im Ansatz kompatibel mit den hohen handwerklichen und ethisch-moralischen Anforderungen, die an einen Journalisten in einer demokratischen Gesellschaft gestellt werden'"

so, der notarzt ist jetzt wieder weg, das beruhigungsmittel scheint zu wirken, mein puls ist runter auf 170.
also: umgekehrt wird ein schuh draus. während - ich pauschaliere ein bisschen - jüngere westdeutsch sozialisierte redakteure schlucken und wiedergeben, was ihnen serviert wird, zudem zuerst nach geld und feierabend fragen, hinterfragen ältere ostdeutsche redakteure, stets das "wem nützt es?" im Kinterkopf, und sind ohnedies skeptischer.
was an der uni leipzig neben dem obligatorischen parteikram gelehrt wurde, war methodisch auf hohem niveau, und das denken - gerade wegen der ethisch-moralischen zwickmühle - ausgesprochen gut ausgeprägt. überhaupt wurde über persönliche oder politische sehnsüchte, ansichten, Ideen auf hohem niveau diskutiert, zudem ehrlich gegen sich und andere ...
sagen wir mal so: es ist seltener geworden.
und beweise dafür, wie es wirklich läuft, hast du ja verlinkt.
liebe grüße
(ich gehe jetzt holzhacken)
Cassandra schrieb am 14.07.2011 um 22:27
Was hab ich da angerichtet? Das wollte ich nicht, deine arme Gesundheit :/

Davon abgesehen: mein erster Impuls war zu lachen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass irgendwer so ein Gutachten ernst nehmen kann.

Hast du deinen Holzvorrat für den kommenden Winter jetzt fertig angelegt?
kay.kloetzer schrieb am 15.07.2011 um 02:53
kommender winter? ich heize bereits!
Magda schrieb am 10.07.2011 um 21:59
Danke Dir Cassandra,
war wieder sehr interessant. Das mit der “Rubljovka” erinnert mich an meine Moskauer Wochen vor 1989. Da fuhren nur die Funktionäre mit Affenzahn immer durch die Straßen. Heute sind es die Reichen, von denen früher auch viele Funktionäre waren. Den Rubljovka-Film habe ich gesehen.

Was den Journalismus betrifft: Diese Ariane Mohl muss wirklich sehr verbittert und einseitig sein.
@ kay kloetzer - cool down baby, Ich wollte dazu eigentlich mal einen eigenen Blog aufmachen. Hatte da kürzlich ein interessantes Erlebnis.
Es ist auch hier wieder statt wirkliche Debatte und von mir aus auch kritischer Reflektion über die eigene Rolle, nichts als Denunziation und Krawall. Interessant fand ich, dass die Medien-West früher auch viel kritischer mit sich und ihrer “Schere im Kopf” umgegangen sind. Jakob Augstein sagte das mal bei einem Salon: Beiträge im "Spiegel" von früher, z. B. über Helmut Kohl, die wären heute undenkbar.
Glaub es mir, das alles ist zementierte Festschreibung wie es gewesen sein soll.

Gruß
kay.kloetzer schrieb am 10.07.2011 um 22:51
danke magda, ich bin schon wieder runter. es ging auch ein gewitter durch inzwischen, das kühlt.
das ist mal ein thema: die banalisierung der medien, also auch der so genannten qualitätsmedien, und was es mit merhheiten oder dem internet zu tun hat. oder nicht.
im titelthema habe ich ja sehr gern den maaz gelesen, auch wenn ich nicht alles unterschreibe.

nun geh' ich durch den regen heim.
liebe grüße
Cassandra schrieb am 14.07.2011 um 22:37
Kann es sein, dass die schwindende Reflexion auch eine Folge der Prekarisierung/Unsicherheit ist, die dieser Beruf mittlerweile mit sich bringt?

"Das mit der “Rubljovka” erinnert mich an meine Moskauer Wochen vor 1989. Da fuhren nur die Funktionäre mit Affenzahn immer durch die Straßen."

Und danke für diese interessante Zusatzinfo!
Ich fand die Doku sehr interessant - und erschreckend, wie da die Leute mithilfe von Brandstiftung etc. vertrieben werden, weil man das Land inzwischen wesentlich teurer an den Mann und die Frau bringen kann.
merdeister schrieb am 10.07.2011 um 22:49
Der Bahnhof Uelzen ist natürlich deutlich schöner als der von Celle, weil von Hundertwasser.

Und ein <3 für Harry Potter :-)
goedzak schrieb am 11.07.2011 um 11:25
Schönheit ist vergänglich!

Man kann sich auf besagtem Bahnhof einer "kompetenten Führung" um das Gebaude anschließen, verrät einem der Link. Sollte man vielleicht bei Gelegenheit mal machen, um rauszukriegen, was es zu 100H2O zu SAGEN gibt. Ich dachte immer: NICHTS. (Okay, außer vielleicht: Oooh, schöööön!!!)
Cassandra schrieb am 14.07.2011 um 22:38
Ich brauch da nicht aussteigen, habe so ein Lateinwörterbuch, das auch so aussieht. In lila. :)
goedzak schrieb am 11.07.2011 um 11:17
"Europa wird gerade kaputt geredet (egoistische Politiker, ...)." - Politiker faseln viel, wenn der Tag lang ist. Wer Europa aber eigentlich kaputt macht, sind die, die vom Bankrott einzelner Volkswirtschaften und dem Rettungszwang der anderen profitieren.
Was den Politikern vorzuwerfen ist, dass sie denen in die Hände spielen.
Cassandra schrieb am 14.07.2011 um 22:40
Mir liegt auch der Schwerpunkt zu sehr auf dem Finanziellen. Europa ist mehr als der Euro, man ist inzwischen ein gemeinsamer politischer Raum - oder versuchte es zumindest bislang zu werden. Das geht mit so einer Krise direkt alles mit den Bach runter, weil es keiner schafft zu differenzieren bzw. mal ab und an die Übertreibungen wegzulassen.
goedzak schrieb am 11.07.2011 um 11:21
"Demnach erinnern wir uns in späteren Lebensphasen an diejenige Musik nostalgisch, die wir am Ende unserer Jugend (die laut ihm vom 12. bis 22. Lebensjahr dauert) gehört haben." - Erinnern ist ja okay, oder? Ich hoffe, es ist nicht gemeint, dass man dann auch immer noch nur genau das hören will!
Cassandra schrieb am 14.07.2011 um 22:42
Naja, kommt drauf an, wie man das "melancholisch erinnern" auffasst. Wenn du dann da sitzt und sagst: "Ach, was waren das noch Zeiten! Das Leben war schön, ich war frei, und heute ist alles schlecht!" - das wäre ja eher negativ.
oranier schrieb am 12.07.2011 um 23:12
Liebe Cassandra,

hier ein musikalischer Gruß und Kommentar von mir in gewohnter ausführlicher Manier:

An der These des Psychologen könnte etwas dran sein, allerdings gibt es Leute, die ihren musikalischen Erlebnis- und Geschmackshorizont zwischen 12 und 22 Jahren etwas erweitern oder verändern. Meine entsprechende Entwicklung würde jedenfalls eine Seite füllen.

Als ich 22 war und ein armer Kolleg-Student, bekam ich von einer Nachbarin, die aus der DDR als Rentnerin eingereist war, einen Plattenspieler geschenkt, ein "Koffer"-Gerät mit einem hässlichen gelb-braunen Plastik-Überzug und einem integrierten Lautsprecher im geöffneten Deckel. Der Plattenspieler leierte leider, und da es für DDR-Technik keine Ersatzteile bei uns gab, begab ich mich ans geliebte Basteln und fertigte einen Ersatz-Treibriemen aus einem alten Fahrradschlauch.

Dann meine ersten beiden Schallplatten: die Brandenburgischen Konzerte und die Violinkonzerte von Bach. Wie eng oder weit geht die Prägung? Während ich erstere fast gar nicht mehr anhöre, sie sind mir zu sehr Barock und also zu wenig Bach, diese aber dennoch eine eigentümlich angenehme Erinnerung in mir wecken, begleitete und begleitet mich die Affinität zur Bachschen Musik überhaupt bis heute, und die Violinkonzerte können mir, heute wie damals, tatsächlich ebenfalls die Tränen in die Augen treiben.



Auf meiner Platte spielte David Oistrach das Doppelkonzert zusammen mit seinem Sohn Igor. Meine jetzigen Favoriten, Itzak Perlman mit Isaac Stern, bei YouTube leider wg. UMG nicht zu haben.

Danke aber für deine Musik, liebe Cassandra, Ensemble und Virtuosin sehr beeindruckend. Bach hat Vivaldi sehr geschätzt, war auch partiell von ihm beeinflusst, soll aber zugleich, selbstbewusst, d.h seiner selbst und seiner künstlerischen Qualität bewusst, wiewohl ein lediglich regional und in Fachkreisen bekannter Provinzmusiker, über den international berühmtesten und gefeiertsten Musiker seiner Zeit gesagt haben: "Der Händel ist der einzige, der ich sein wollte, wenn ich nicht der Bach wäre".

de.wikipedia.org/wiki/L’Estro_Armonico

Maddalena Del Gobbo kannte ich nicht, ihrer Einspielung der 1. Bach-Suite ziehe ich aber die von Kerstin Feltz vor. Dies aber kein Qualitäts-, sondern reines Geschmacksurteil.

Meine Favoritin bei den Vivaldi-Konzerten ist allerdings trotzdem Ofra Harnoy, bei YouTube leider ebenfalls nicht zu haben. Habe mir die von Sol Gabetta zum Vergleich bestellt, die neuerlich viel von sich reden macht.

Aber neben so vielen herausragenden Solistinnen darf ja vielleicht einen Quotenmann gesellen.

Zum Beispiel Christophe Coin:



"Il Giardino Armonico": Nachdem meine Barock-Favoriten von einst, "I Musici di Roma" und "Academy of St. Martin in the Fields" (die u.a. drei Filme bespielt haben, die ich nicht leiden kann: Amadeus, Der englische Patient und Titanic) in die Jahre gekommen sind, liebe ich solche kleinen und spielfreudigen Ensembles. Herausragend z.B.: Fabio Biondi:



Aber da du fragst: "Erinnert mich jemand in 20, 30, 40 Jahren daran, wenn ich schluchzend über Vivaldis Cellokonzerten sitze?", wird mir schmerzlich, dass ich das nicht werde tun können, weil meine Zeit dann unweigerlich wird abgelaufen sein.

Vielleicht ginge aber dergestalt umgekehrt dies: Ich werde, da dich diese Musik so anrührt, Vivaldis Cellosonate Nr. 5, e-moll, nochmals wieder einüben und dir in irgendeiner Weise zu Gehör bringen.
(Hier in der Orchesterfassung als Concerto, wie oben das Bach-Konzert ebenfalls von einem der großen Alten gespielt, Pierre Fournier):



Und wenn du in 40 Jahren etwa so alt sein wirst, wie ich heute bin, dann erinnerst du dich, schluchzend über Vivaldis Cellokonzerten sitzend, vielleicht an mich und meinen Wunsch, du mögest dann einen Stein für mich am Gestade des Meeres niederlegen, wo sich Vergänglichkeit, Unendlichkeit und Ewigkeit berühren und im beständigen Wellengang ineinander übergehen.

Lieben Gruß bis dahin
Heinrich (oranier)
Cassandra schrieb am 14.07.2011 um 23:06
Einen wunderschönen guten Abend mein Lieber,

vielen Dank für deinen Kommentar, besonders der Schluss hat mich sehr berührt.

Hätte es Ofra Harnoy mit diesem Konzert auf youtube gegeben, ich hätte keine Sekunde gezögert. So saß ich mehrere Stunden da und habe mir alles mögliche angehört und mich gefragt, welches nun das kleine Übel ist. Eine Aufnahme war qualitativ sehr hochwertig, hatte aber ziemlich alberne Verzierungen in jedem zweiten Takt.
Dieses hier beginnt mir fast ein bisschen schnell, woran ich mich aber gewöhnen könnte. Nur finde ich, steigt die Solistin für diese Schnelligkeit nicht angemessen darauf ein. Mit der Schnelligkeit bekommt das Stück einen anderen Charakter, lebhafter, nicht so viele Bindungen.

Aber jetzt höre ich auf mit meinen Mäkeleien, sonst traust du dich hinterher nicht mehr, mir deine Sonateninterpretation zu Gehör kommen zu lassen. Dein Entschluss, das wieder einzuüben, freut mich riesig. Andererseits macht mich dein letzter Absatz sehr traurig, eine seltsame Mischung aus Freude an dem, was man hat und dem Bewusstsein, dass man es unweigerlich nicht mehr haben wird. Die Unendlichkeit, die mit dem Bild des Steines am Wasser ausgedrückt wird, ist einerseits beruhigend. Andererseits verstehe ich, glaube ich, nicht ganz, was Unendlichkeit sein kann.
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