Cassandra

findelfantasie

17.10.2010 | 20:12

Pynchon: Ein Neuanfang

Dear Mr. Pynchon,

Manchmal zieht man um. Manchmal hat man dann keine Zeit zu lesen. Und manchmal hat man auch keine Lust. Je länger sich das Nicht-Lesen hinzieht, desto schwieriger wird es wieder einzusteigen. Denn obwohl es drückt und zwackt, gelingt es so wunderbar die Existenz des Buches zu verdrängen. Können Sie sich das vorstellen, Mr. Pynchon? Ihr Werk hat in seiner deutschen Übersetzung 1194 Seiten. Harry Potter 5 umfasst in seiner englischen Originalfassung 766 Seiten: 2 Tage Lesedauer. Die Tore der Welt (Ken Follett) färben 1294 Seiten Papier mit Druckerschwärze: 5 Tage.

Es ist nicht so, dass ich mit den Enden der Parabel in einem anderen Tempo losgelegt hätte, nach zwei Tagen voller anderer Aufgaben war ich immerhin auf Seite 150. Ein wenig später hatte ich mit dem ersten Buch abgeschlossen und damit auch erst einmal eine ganze Weile mit dem Gesamtwerk. Das war im August. Nun bin ich fertig umgezogen, das Buch liegt neben mir, meine Gedanken sind ganz woanders. Z.B. bei einem Artikel in der Welt über westdeutsche Abiturienten, die in den Osten ziehen, wegen keine Studiengebühren. Wie empörend! Verallgemeinerung! Ich wollte wegen dem Osten in den Osten! (Und außerdem gab es bei uns keinen vergleichbaren Studiengang.) Deshalb blättere ich dann in "Methoden der empirischen Sozialforschung". Kurz gesagt: ich bin mit mir selbst beschäftigt.

Dann liegt dieses Buch doch wieder und immer noch da. Wie soll ich denn jetzt noch etwas über die ersten 300 Seiten schreiben, nach so viel Zeit, Mr. Pynchon? Vor allem: wie weiter lesen, wenn ich so viel wieder vergessen habe? Nehmen Sie es mir übel, dass ich wahrscheinlich so manches Detail vergessen habe? Gewiss nicht. Vermutlich wissen Sie einiges selbst nicht mehr. Ihr Buch scheint, mit Verlaub, eine Art Wettbewerbsteilnahme. Sie wollten unbedingt gewinnen. Die Aufgabenstellung lautete vermutlich etwa: Bringen Sie möglichst viele wohlklingende Details und verschrobene Personen in einer literarisch ausgelutschten Thematik (bspw. WK II) unter, ohne, dass Ihnen ein Fehler passiert oder das Buch langweilig würde.

Sternchenaufgabe (freiwillig): Platzieren Sie ein möglichst verpöhntes Weltbild (bspw. Diskriminierung der Frau) so, dass Ihre Geschichte trotzdem sympathisch herüber kommt.

Wer macht sowas? Ich meine, Herr Pynchon, wer sind Sie überhaupt? Dass Sie ein Mensch sind, das sieht man an der Widmung, für einen anderen Menschen, der 1966 durch einen Motorradunfall starb. Richard Fariña. 

 

Ach, so einer sind Sie, Mr. Pynchon, ein Freund von so jemandem. In dem Falle...

...werde ich einfach noch einmal von vorne anfangen.

 

Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Pynchons "Die Enden der Parabel".

 
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Kommentare
Magda schrieb am 17.10.2010 um 21:54
Hallo Cassandra,
vielen Dank. Viel erfahren über Dich und Dein jetziges Leben, über Deine Lesememoiren und Dein gegenwärtiges konkretes Tun. Obwohl: Einiges weiß ich ja auch.

Achja, über Pynchon habe ich auch was erfahren. Oder sagen wir über Pynchon und Dich.

Ich bin auch so weit wie Du und werde und werde nicht warm mit dem Werk.

Von daher war das ein echter Trost. :-))
Cassandra schrieb am 17.10.2010 um 23:03
Hallo Magda,
ich habe kurz überlegt, Harry Potter, schreib ich das jetzt? Man zeichnet ja auch immer ein Bild von sich, mit dem, was man gelesen hat. Dazu eine kleine Anekdote: Ich wollte die Reihe eigentlich nicht lesen, ich bin quasi dazu genötigt worden. Es war an einem Regentag in der Dorfbibliothek und meine Mutter drückte mir den ersten Band in die Hand mit den Worten: "Ich habe gehört, das soll gut sein." - Ich hatte gehört: Das lesen alle! Wollte ich nicht. Irgendwie habe ich es dann doch mitgenommen und mir in der Folge Band zwei und drei direkt zusammen ausgeliehen. Das war an sich verboten, aber die Bibliothekarinnen haben bei mir (ich glaube, ich war die beste Kundin) die Augen zugedrückt.

Als der vierte Band heraus kam, habe ich ihn dank einem Deal mit der Buchhändlerin drei Tage vor offiziellem Verkaufstag bekommen, ich weiß noch, das war der 14. Oktober. Ab dem fünften Band war ich zu ungeduldig, fand die Übersetzung mittlerweile sowieso zu langatmig und habe dann auf Englisch gelesen. 2003. Ich frage mich, ob ich damals wirklich alles verstanden habe, aber einen besseren Englischlehrer kann es wohl nicht geben. So, um zum Ende zu kommen: Ich habe diese Reihe ganz abgöttisch geliebt und fand die Filme von mal zu mal grottiger.

So, und nun wieder Pynchon :) Nicht aufgeben.
poor on ruhr schrieb am 17.10.2010 um 22:34
Liebe Cassi ,

fetzig geschrieben. ;) Bei irgendwo um Seite 300 hakt es bei mir auch aus. Vielleicht sollte ich auch nochmals von vorne anfangen. ....aber nein, vielleicht mache ich bei Seite 300 weiter, auch wenn ich gleichsam so manches Detail vergessen habe.

Alles Gute aber vor allem Für Dich und Dein Leben, dass jetzt wohl im Osten statt zu finden scheint.

Fühle mich durch Deine Erfahrungewn auch irgendwie getröstet, auch wenn ich beim Pynchon nicht aufgeben mag.

Herzliche Grüße

poor on ruhr
Cassandra schrieb am 17.10.2010 um 23:07
Du musst mir ja auch nicht jeden Mist nachmachen, lieber por. Ich werd's aber tun, nun habe ich's nämlich angekündigt und außerdem gefällt mir die Idee.

Ich frage mich gerade: Kann nur ich mal wieder mein eingebundenes Video nicht sehen oder ist es gar nicht da?
poor on ruhr schrieb am 18.10.2010 um 13:49
@cassi

Vom Video habe ich nichts gesehen.

por
kay.kloetzer schrieb am 17.10.2010 um 23:04
cassi, willkommen im osten, ja? wo genau? ich mein', wir sind ja hier eh alle nah beieinander.
ich kenne pynchons parabelenden (siehst du, da steckt elenden drin) nicht, nur den neuen, und der ist wirklich gut lesbar, fast zu gut hier und da. wäre dir wahrscheinlich auch nix.
Cassandra schrieb am 17.10.2010 um 23:24
Das Krux ist: mir gefällt das Ding ja! Wirklich. Aber immer nur, wenn ich gerade darin lese. Wenn ich aufgehört habe, will ich nicht wieder anfangen.

kay.kloetzer schrieb am 17.10.2010 um 23:30
ach ja, wie airen ainst, da gibt es zuerst die möglichkeit, dass helene hegenmann deine blogs kopiert.

das ist von leipzig keine acht stunden zugumleitungen entfernt, ich mach' mich schon mal auf den weg ....
Cassandra schrieb am 17.10.2010 um 23:39
Hab gerade nachgesehen: sollte der unwahrscheinliche Fall einer Nich-Verspätung eintreffen, dann etwas unter drei Stunden...

Hier waren ziemlich viele Leute, von denen man das nicht gedacht hätte.
Cassandra
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Joachim Petrick hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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