10.05.2009 | 07:05

Der Aufbruch der Generationen

Vielleicht bin ich ja vermessen. Jede Generation hat ihre eigene grosse und bestimmende politische Bewegung. Ihre Idole. Ihre Feindbilder. Ihre Ideologien. Ihre Symbole. Ihren Mythos. Alle zwanzig bis dreissig Jahre entsteht eine neue Bewegung. Eine Generation vor der heutigen entstand die Anti-Atomkraft-Bewegung. Eine grosse umweltpolitisch-orientierte soziale Bewegung. Daraus sind weltweit die Grünen Parteien entstanden. Eine Generation davor wiederum prägte die Studentenrevolution die politischen Bewegungen. Daraus sind weltweit weitgehend die modernen Bürgerrechtsbewegungen entstanden. Die neuen Linken.

Jede Generation hat seinen eigenen grossen Aufbruch. Es geht dabei immer um Freiheit und Selbstbestimmung. Gegen Hierarchien und Fremdbestimmungen. Es ist erstaunlich mit welcher Regelmässigkeit diese historischen Aufbrüche entstehen und sich entwickeln. Die jeweils aufbrechende Generation reift im Laufe ihrer Entwicklung, verkrustet, wird erneut aufgebrochen, zerfleischt sich, aus Idealisten werden Realisten, und wandelt sich immer mehr in das nächste neue Establishment, das anfängt seine neu erworbenen Vorrechte und Vorgärten zu verteidigen... bis die nächste grosse neue Generation kommt. Der Zyklus von Visionen, übersteigerten Erwartungen, Enttäuschungen und stückweiser Akzeptanz des Neuen im Mainstream wiederholt sich. Bis er erneut durch durchschlagende Umwälzungen gestört und unterbrochen wird und die kommende Generation ihn mit neuen Werten wieder startet.

Heute im Internetzeitalter ist es die Freiheit der Rede. Der Ideen. Der Kommunikation. Die Zensursula-Aktion ist nur ein Mosaiksteinchen dadrin. Was wird daraus entstehen? Diese Generation ist nicht unpolitisch wie viele behaupten. Ganz und gar nicht. Ganz im Gegenteil. Sie steht in der Tradition der grossen gesellschaftlichen und sozialen Aufbrüche. Sie hat ihre eigene Sprache und Symbole. Ihre Slogans. Ihre Leitfiguren und Leitbilder. Sie drückt ganz genau aus, was sie will und erwartet. Und wie ihre Vorgänger packt sie selber an und wartet nicht auf bessere Zeiten. Ob das nun ihre Eltern- und Grosselterngenerationen nun zulassen oder nicht. Sie wird ihren Weg gehen.

Freiheit nimmt man sich, sie wird einem nicht gegeben.

Die heutige Generation ist eine grosse soziale und politische Generation. Sie ist in den letzten drei bis fünf Jahren langsam entstanden. Das Web war der Motor für sie. Es ist daraus eine weltumspannende Bewegung geworden. Und sie wird die nächsten zwanzig bis dreissig Jahre die Welt bestimmen. Die Welt wird nie sein wie sie vor ihr war. Das ist gut.

 
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Kommentare
Tessa schrieb am 11.05.2009 um 11:28
Lieber Cem, als Vertreterin dieser Generation kann ich diesen Text nur mit Ausrufezeichen unterschreiben. Im Anbetracht dessen, was gerade politisch passiert, gehe ich davon aus, dass dies unsere Generation noch politischer machen wird, und vor allem kritischer und eigenständiger. Die ZEIT hat dazu einen Artikel publiziert, den ich hier wärmstens empfehlen möchte: Wie man eine Generation verliert.
Dass die große Koalition gerade mit aller Macht versucht den Eindruck zu erwecken, erwachsene Menschen erziehen zu wollen, wird bis zur Wahl nicht vergessen sein. Wie man derart leichtfertig mit einer nicht unbedeutenden Wählergruppe umgehen kann, kann ich mir bislang nur mit einem Selbstverständnis erklären, dass in der katholischen Kirche für den Papst gilt: Die Unfehlbarkeit.
Friedland schrieb am 11.05.2009 um 12:45
"Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit" (Marie von Ebner-Eschenbach)
cemb
Webaktivist und Webunternehmer
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Calvani hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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