30.03.2009 | 00:24

Tee auf dem Bosporus

cayEs gibt Tage wie diesen, da möchte ich einfach auf einem der Holzbänke auf dem Achterdeck einer der alten Fähren sitzen, halbsteuerbord mit Blick auf die europäische Seite, den Kragen hochgeklappt, den Wind im Haar und vom Anleger "Eminönü" unten an der Altstadt losfahren nach Norden, vorbei an der Galatabrücke, nach "Dolmabahçe" und "Ortaköy" und dann weiter im Zickzack-Kurs zwischen Europa und Asien, vorbei an den Stadtteilen, alten Moscheen und gebrechlichen Holzvillen aus der Sultanszeit, die man am ausgestreckten Arm fast zu berühren glaubt in den Kurven der Meerenge, immer weiter nach Norden, unter den grossen Spannbrücken durch, wo die Stadt langsam immer ländlicher und grüner wird, von Anleger zu Anleger, wo jedesmal immer eine andere Gruppe fliegender Händler zusteigt, die im Wechsel, Jogurt, Süssigkeiten, Minzbonbons oder Gebäck den Reisenden anbieten, ein Glas heissen ungezuckerten schwarzen Tee in der Hand, immer weiter im zickzack, mit kurzen Pausen an den Anlegern, zwischen denen sich die schwere Fähre in den Abschnitten auf dem offenen Wasser gelegentlich abwechselnd je nach Wind sanft in die eine oder andere Richtung neigt, immer weiter, wo sich der Bosporus öffnet und man das Schwarze Meer schon ahnen kann, fast riechen, bis zur letzten Haltestelle "Anadolukavağı", um dort auszusteigen, einige wankende Schritte auf dem ungewohnt festen Boden zu gehen, bis zu den kleinen einfachen Restaurants, dort draussen auf den wackeligen Stühlen und Tischen zu sitzen, bei einem frisch gegrillten Barbunya mit Salat und vielleicht einem Duble, einem Rakı mit beigestellter kleinen Karaffe mit Eis und Wasser, auf die wartende Fähre zu schauen und sie ohne mich zurückfahren zu sehen. Es gibt solche Tage. Heute ist so einer.

 
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Kommentare
klagefall schrieb am 30.03.2009 um 12:21
Es ist wunderbar, wenn es Wasser in der Stadt gibt. Erinnert mich an eine Bootsfahrt in Stockholm und an eine Elbfähre bei Königsstein, in der man sich im Winter im Bauch des Schiffes an einem offenen Kohleofen aufwärmen konnte. Danke für den Text.
cemb schrieb am 30.03.2009 um 12:23
Herrlich: Dampferfahrt in den Stockholmer Skären im Sommer oder auf dem Götakanal. Wunderbar die über hundert Jahre alten schwedischen Schiffe.
Timo schrieb am 30.03.2009 um 14:12
Toll beschrieben! Es ist wirklich unvergleichlich. Im letzten Oktober hatte ich auch die Freude das zu erleben.
Michael Angele schrieb am 30.03.2009 um 14:25
Gegen diese wunderbare Fahrt ist es leider nur ein sehr schwacher Trost, dass seit diesem Wochende die Schiffe wieder auf der hiesigen Spree verkehren...
Ingo Arend schrieb am 30.03.2009 um 17:08
in mir steigt sofort die istanbul-sehnsucht auf, wenn ich ihren text lese. sehr schön ist auch die reise in die entgegengesetzte richtung. man fährt von eminönü über fener nach eyüp zu dem islamischen friedhof, wo einst pierre loti seiner sitanbul-leidenschaft frönte. wenn man an der marine-akademie vorbeikommt, zeigt die turmuhr auf dem wuchtigen gebäude immer noch fünf nach neun. die uhrzeit, an der der staatsgründer atatürk am 10. november 1938 starb. manche in der türkei wollen eben gern die zeit anhalten.
die fahrt mit den istanbuler fähren, wie sie auch orhan pamuk in seinem istanbul-buch als konstituierendes merkmal des stadt-erlebens beschreibt, lässt den transitorischen caharkter istanbuls sinnfällig werden. der stadtbürger als ewiger passant zwischen land und meer, eine changierende identität, die sich auch darin ausdrückt, dass das türkischw wort deniz, das meer heisst, sowohl ein weiblicher wie ein männlicher vorname ist. so bewegt man sich in istanbul immer zwischen den welten.
cemb schrieb am 30.03.2009 um 17:14
Das ist wirklich sehr schön ausgedrückt. Wir sollten mal gemeinsam in Istanbul sein. Und einen Tee in Eyüb trinken und Pierro Loti zitieren. Oder nachts mit Freunden am Wasser einige Meze, Saisonfisch und Pirzola essen. Bei viel Raki mit wenig Wasser... Mai/Juni und September sind schöne Monate.
cemb
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