chrislow

Blog von chrislow

10.12.2011 | 14:23

Die Kontaktaufnahme - Epilepsie als Draht zu Gott ... oder so ähnlich

Die Kontaktaufnahme ...

Der direkte Draht zu Gott. oder so ...

Manchmal muß man sich schon wundern, was es so in der Literatur für sonderbare Schilderungen gibt, die auf bestimmte in den psychischen Bereich der Krankheiten hineinragende Thematik deutet, wie sie beschreiben wird und was die Nachwelt daraus macht.

Zuerst die Literatur:

Dostojewski - Der Idiot

die ekstatischen Auren des Prinzen Myshkin

"'In einem solchen Moment', erzählte er [Prinz Myshkin, C.H.] einmal Ragozhin bei einem Treffen in Moskau, 'in einem solchen Moment wird der merkwürdige Spruch, dass einmal keine Zeit mehr sein wird, für mich irgendwie verständlich. Ich vermute', fügte er lächelnd hinzu,'dies ist genau die Sekunde, in welcher nicht genug Zeit für einen Tropfen Wasser blieb, um aus dem Krug des Epileptikers Mohammed herauszutropfen, während er in genau dieser Sekunde genügend Zeit hatte, um all die Offenbarungen Allahs zu empfangen.'"

www.scilogs.de/blogs/blog/wirklichkeit/2011-11-15/ekstatische-aura

Hier beschreibt die Geschichte eine Begebenheit, die in ihrer Besonderheit und ihrer Erfahrung eigendlich unbeschreiblich ist. Dazu wird dann auch die Hilfe von religiösen Inhalten bemüht, um die Tragweite und Intensität der Empfindungen während eines Augenblickes (hier im Zusammenhang mit "ekstatischer Aura") zu erklären. Hier etwa die selbst unvorstellbare "Tatsache" des Empfangs der Offenbarungen Allahs durch Mohammed. Ebensogut täte der Roman anstelle Mohammeds Geschichte auch die jüdische Variante des Empfangs des Dekalogs auf dem Berg Sinai anführen. (phantastischer scheint jedoch der Empfang Mohammeds der Offenbarung Allahs zu sein, da Mohammed dem Gerücht zu folge nicht Lesen und Schreiben konnte und trotzdem verstand...außerdem ist ja der Dekalog an sich nur 10 Gebote lang, während Mohammed den gesammten Koran empfing). Wie auch immer, es scheint zu Dostojewski´s Zeiten wohl der Wortschatz nicht ausreichend gewesen zu sein, um dies im Roman zu beschreiben oder offenbar in Briefen an seine Freunde (oder Bekannte) - denn er erlitt (oder erfuhr) selbst solcherart Bewusstseinsveränderungen.

 

Die Wissenschaft und die kulturelle Wahrnehmung:

Im späten 20. Jahrhundert hat sich zwar der Wortschatz nicht nennenswert erweitert, jedoch war man wissenschaftlich möglicherweise dem Phänomen dieser Bewusstseinszustände auf der Spur und konnte um 1980 erstmals während einer EEG-Aufzeichnung zur zeit des Zustandes in einer ekstatischen Aura eines Patienten die Erkenntnis erlangen, dass diese sich anhand der neuronalen Aktivität am ehesten mit einer sogenannten Schläfenlappenepilepsie vergleichen ließe.

Jüngst in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Epilepsy & Behavior" wurden offenbar erneut Analysen von neuen Patientenberichten publiziert:

 (Rayport et al. 2011, Dostoevsky's epilepsy: a new approach to retrospective diagnosis. Epilepsy & Behavior 22, 557-570)

Dort wird offenbar wiederum aus Dostojewski´s Erfahrungen Zitiert:

An Nicolai Strakhov schrieb Dostojewski: "Für einige Momente vor dem Anfall erlebe ich ein Glücksgefühl in einer Weise, die im normalen Zustand unvorstellbar ist und von denen andere Leute keine Ahnung haben. Ich fühle mich vollständig in Harmonie mit mir selbst und der ganzen Welt und dieses Gefühl ist so stark und beglückend,..."

In dem Artikel auf Scilogs.de (link oben) wird auch noch über einen Patienten berichtet, der ebenso an Schläfenlappenepilepsi leidet. Seine Anfälle wurden nach einem Chirurgischen Eingriff verringert, aber nicht vollständig verhindert.

Er schildert auch diese Bewusstseinszustände, welche manchmal den Anfällen vorrausgehen. Auch er erzählt von Empfindungen die (interpretiert) noch schöner sind, als Sex und Fußball unter Freunden oder auch der Reiz zum Fernsehen - es wird seiner Aussage nach alles unwichtig und uninteressant. Über diese Seite der Auren erzählt er den Ärzten offenbar nichts - dies sei nur Teil der Thematisierungen in Gesprächsgruppen von Betroffenen.

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Fazit:

Wenn man versucht, sich über ekstatische Auren zu informieren, kommt man nicht sehr weit. Der Begriff scheint kaum zu existieren. Was nicht heisst, dass dies Phänomen nicht existiert. Aber wundern muß man sich schon, dass diesbezüglich kaum mehr zu erfahren ist. Auch die Wissenhscft scheint wichtigeres zu tun zu haben, als zu erklären, wie es zu solchen Bewusstseinszuständen kommen kann.

Als Hinweise könnte man vielleicht ähnliche Zustandsbeschreibungen zum Vergleich heranziehen - etwa das Wohlgefühl nach einer sportlichen Leistung (auspowern) oder vielleicht gar die Empfindungen während des Orgasmus beim Sex. Erfahrungen aus entsprechenden Rauschmittelgebrauch könnten hier ebenso Hinweise auf die Ursachen solcher "ekstatischen Auren" erbringen. Insgesammt müssten schon viel mehr Erkenntnisse vorhanden sein, sodass ich nur meinen kann, dass erhebliche Anteile von Erkenntnissen vorsätzlich vorenthalten werden.

Warum ich darüber schreibe? ... ich will auch solche Auren empfinden (natürlich ohne epileptische Anfälle). Außerdem denke ich, dass es eine Dunkelziffer gibt, die sich aufgrund des fehlenden Wortschatzes nicht erklären kann. Zudem sollten in Erkenntnissen um die Ursachen brauchbare Kulturtechnicken enthalten sein - ganz zu schweigen von denen der medizinischen Anwendungen.

Außerdem habe ich kein besonderes Interesse an dem aktuellen medialen output, welcher sich erschöpft in Wirtschaftskrisen, Terrorismus, Tagespolitik, Klimakatastrophen und dem Wandel, ... die zu Scheinrealitäten evolviert sind ...

 
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