ChristianBerlin

SchwammDrüber-unerhört+ubersehen

16.02.2009 | 17:31

Glos-Rücktritt: Das Rätselraten geht weiter

Obwohl das Thema Glos-Rücktritt schon erledigt schien, präsentierte dazu gestern die FAS eine Doppelseite mit neuen Funden von Eckart Lohse.

Sie belegen, dass Michael Glos von allen Seiten übel mitgespielt wurde. Und dass Glos sein Schreiben an Seehofer schon seit Januar in der Schublade, bzw. im Rechner hatte. Nur mit dem Abschicken hatte er bis zum 7. Februar gezögert. Hier liegt das bleibende Rätsel, denn dieser Zeitpunkt war – so sieht es jedenfalls aus - denkbar unglücklich gewählt.

Die für mich dabei spannende Frage ist, ob die neuen Funde die Rache-Theorie beweisen, die auch Lohse vertritt, und ob sie die Gegentheorie widerlegen, derzufolge der Zusammenstoß mit dem Polizisten  den Rücktritt ausgelöst haben muss?

Aus meiner Sicht nicht. Die durch die FAS im Detail bekannt gewordenen Verhaltensweisen von Parteifreundinnen, -freunden oder Ministerkollegen hätten gerade für den Fall eines Hochkochens der Polizisten-Affäre nur eine Prognose erlaubt: Glos wäre fallen gelassen worden, und das sehr schnell.

Ob umgekehrt "Rache" bei Glos überhaupt vorstellbar ist, hängt davon ab, wie man seinen Charakter einschätzt. Zweifellos gibt es viele andere Politiker, denen man nicht nur strategische Intelligenz, sondern auch strategische Intriganz zutraut. Glos gehört nicht dazu, jedenfalls nicht zu den letzteren. Das ist eine der Schwachstellen der Rache-Theorie. Lohses Artikel liefert kein Beispiel eines Verhaltens, aus dem man auf Seiten von Glos auf eine solche Durchtriebenheit schließen könnte. Im Gegenteil. Die Funde untermauern das Bild eines bis zuletzt loyalen Parteisoldaten, der auch dann noch die Interessen anderer über die eigenen stellt, wenn jene andere ihn längst abgeschrieben haben.

Vor allem aber hat Lohses Endeckung der von Hand geänderten Datierung hohen Erklärungswert für die inneren Ungereimtheiten des Rücktrittsschreibens.

Was schon schon beim ersten Lesen auffiel: Der letzte Satz kommt völlig überraschend und widerspricht dem vorher Gesagten. Bis zum Ende des vorletzten Absatzes erklärt Glos nur, warum er "nach dem 28. September" keinem Kabinett mehr angehören will und warum er das schon jetzt sagt, noch vor dem Wahlkampf. Dann, im letzten Satz die Überraschung, dass er außerdem jetzt und sofort zurücktreten will.

Dafür gibt es wieder nur eine vernünftige Erklärung: Der letzte Satz wurde geändert, oder die letzten beiden Sätze wurden hinzugefügt. Ein vorformuliertes, ausgefeiltes Schreiben, mit dem Glos ursprünglich nur sagen wollte, dass er nach der Wahl nicht mehr Minister sein möchte, bevor andere es ihm sagen, wurde durch minimale Eingriffe in ein sofortiges Rücktrittsgesuch umgewandelt.

Dabei muss Glos jedoch übersehen haben, dass Seehofer dafür nicht mehr der richtige Adressat war. Ohne den letzten Satz wäre er das gewesen, denn für die Frage, mit welchem Schattenkabinett eine Partei in den Wahlkampf zieht, ist deren Vorsitzender verantwortlich. Aber eben nicht für das Anliegen des Schlusssatzes: "Ich bitte Dich, mich von meinen Ministerpflichten zu entbinden." Das kann nach der Verfassung nur einer: die Kanzlerin (bzw. der Bundespräsident auf deren Verlangen).

Dieser politische Faux-Pas zeigt, dass Glos die Änderung des Schlusses an jenem Samstag in großer Eile und ohne Beratung mit dem Stab seines Hauses vorgenommen haben muss. Dafür spricht auch, dass das Datum sich beim Druck weder automatisch anpasste, noch im Computer geändert wurde, sondern hinter von Hand durchgestrichen und überschrieben. Kein Wirtschaftskapitän würde so etwas abschicken, nicht mal ein Mittelständler – aber der Wirtschaftsminister tut es. Vor allem aber, dass Glos das Schreiben mit diesen inneren Ungereimtheiten auch noch sofort an die Presse weitergab, zeigt, wie unerüberlegt er in diesem Moment handelte. Später schien nämlich das an den Parteivorsitzenden adressierte Rücktrittsgesuch den schlimmen Verdacht zu belegen, die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin sei in der Koalition nicht mehr gewährleistet.

Solche Fehler begeht nur, wer unter großem inneren Druck handelt. Durchkalkulierte Rache sieht anders aus.

Dass dieser innere Druck mit dem Polizisten zusammenhing, ist damit freilich damit noch nicht bewiesen. Auslöser der Hals-über-Kopf-Aktion könnte auch ein Vorgang sein, den niemand kennt außer drei Personen: Glos selbst, Merkel und Seehofer.
Der Wortlaut von Glos’ Entschuldigungsschreiben an den verletzten Beamten zeigt, wie sehr er sich deswegen ein Gewissen machte. Dessen letzter Satz, „Ich hoffe, auch Sie tragen mir die unglückliche Situation von gestern Vormittag nicht nach“, wird keine bloße Floskel gewesen sein.

Am 6. Februar Freitag konnte Glos dann in allen Zeitungen lesen, dass trotz dieser Entschuldigung die Gewerkschaft der Polizei (GdP) vorsorglich seinen Rücktritt zu fordert, für den Fall, sich die Darstellung des Kollegen bewahrheiten sollte. Die Recherchen der FAS belegen einmal mehr, in welchem Regen er in diesem Fall gestanden hätte.
 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
thomasg schrieb am 16.02.2009 um 20:31
Was den Fahrer betrifft scheint es ja dessen eigenmächtige Handlung gewesen zu sein ,die ja auch noch juristische Folgen hat. Aber der Rücktritt von Herrn Glos scheint ja eine politische Intrige zu sein. Oder irre ich da?
ChristianBerlin schrieb am 16.02.2009 um 23:32
Ich kann Dir nicht sagen, ob Du Dich irrst. Dazu müsste ich erst mal verstehen, ob Du meinst, was Du sagst.
chris97 schrieb am 17.02.2009 um 17:55
//Off Topic

Lieber Christian, schau mal eben bitte auf meinem Blog vorbei. Ich habe Dir schon 4mal versucht, eine Nachricht zu schicken. Das System will offenbar nicht, dass ich das tue. #buggy 2.0

//Off Topic
ChristianBerlin schrieb am 17.02.2009 um 19:33
//OffTopic

@chris97

Lieber Christian (oder chris), ich hab' mal geschaut, aber nicht verstanden, um welchen Text es geht, und muss jetzt ein paar Stunden offline gehen (ich singe hier im Charlottenburger Kammerchor mit).

Bin aber erstaunt, dass Du auf einmal so freundlich bist - ist das ebenfalls ein bug?
Man muss ja vorsichtig sein, es wimmelt so davon. ;-)

//OffTopic
ChristianBerlin schrieb am 18.02.2009 um 02:46
// erneut OffTopic @chris97 Jetzt hab ich's gelesen - der Beitrag mit dem Thema "Hamburg" hat zwischendrin das Thema gewechselt und sich schwerpunktmäßig mit mir befasst. Deine Entschuldigung nehme ich an - ohne Wenn und Aber. Alles weitere dort. LG Chr. // erneut OffTopic
ChristianBerlin
Evangelischer Theologe (Pastor) und Freier Journalist. Lebt in Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein der EKBO. Singt im Straßenchor.
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
3 Jahre 0 Wochen
Zuletzt aktiv:
10.02.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 98
Kommentare: 2371
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
05:39
goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:38
Calvani hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:07
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:05
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:01
goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christian Kracht Imperium Kiepenheuer & Witsch 2012

256 Seiten. Gebunden.

18,99
 
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG