Chryselers

HorstLeps

18.10.2009 | 12:51

Bilder zum Unterricht

"Individualisierter Unterricht" gilt ja als neue strategische Waffe gegen die nächsten PISA-Pleiten, als Großrezept dagegen, dass die Schule nicht mehr - hat sie das je? - alle Schüler erreicht... Lernkabinett, Lernbüro sind da schöne Stichwörter...

Ich schau mir mal ein paar Bilder zu LehrerSchülerVerhältnis an: 

Hier steht das Individuum im Mittelpunkt:
fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1994283&;em_src=745925&em_ivw=fr_polstart
Die Lehrerin legt den Arm um den Schüler, sie hält den Schüler (oder
Schülerin) ganz fest, kein Entkommen, es soll jetzt verstanden werden,
die Lehrerin ist ganz bei der Sache, sie schaut konzentriert in das
Heft, sie will es so ordentlich machen, dass der Schüler es auch
wirklich versteht und dann kann. Der Schüler fühlt sich im Arm der
Lehrerin geborgen, schaut aber (noch?) etwas ängstlich auf das Heft,
da wird etwas für ihn zubereitet, wird er das können? Wir können
sicher sein, er wird es können! Aber kann die Lehrerin sich zu jedem
Schüler setzen? Wir können es wünschen, aber, traurig, wir wissen
auch, so wird es nicht sein, denn dazu werden Kräfte und Mittel
fehlen.

Hier steht eine Sache im Mittelpunkt:
archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z1998/0084/html/08wage_1.jpg
Schüler heben etwas aus der Wasserschüssel, der Lehrer[1] schaut zu,
nicht auf die Schüler, sondern auf die Wasserschüssel, ein ruhiger
Blick, auf die Schüler muss er nicht schauen, die wissen schon, was
sie tun, die Schüler zeigen etwas anderen Schülern, aus deren
Blickwinkel die zu zeigende Situation aufgenommen ist. Auch die schaut
der Lehrer nicht an, da wird schon was kommen, die Situation ist so
gebaut, da können die Schüler nicht anders, als auf das Gezeigte
reagieren. Da ist er sich sicher.

Hier dieselbe Situation, neu in Szene gesetzt, dieses Mal von einem
Standpunkt hinter dem Lehrer fotografiert. [2]
www.leps.de/1/1.jpg Der Lehrer hebt etwas aus der
Wasserschüssel, Schüler sitzen rundum, sie stützen die Köpfe
nachdenklich ab, gleich wird ein Gespräch beginnen, da wird ein
Problem geklärt werden, man hat etwas gesehen, das zur Sprache
gebracht werden muss, und es wird zur Sprache kommen. Mit der Sache
steht also das Problem im Mittelpunkt, mit dem Problem diejenigen, die
es besprechen, und zwar ohne jedes Trara, ohne jeden prüfenden und
kontrollierenden Lehrerblick, die Sache zieht die Schüler zu sich
hin. Jeder ist gleichberechtigt bei den Denk- und Argumentieraufgaben,
die da auf sie zukommen; da ist implizite politische Bildung in einer
Demokratie, der Regierungsform des Argumentierens.

schulreform.hamburg.de/das-lernkabinet/ (Diese Bilder gibt es leider nicht mehr...)  Zwei Schüler sitzen an einem Material, untersuchen etwas für sich ganz allein,
während gleichzeitig zusätzlich Fotos mit Disziplinhinweisen zu sehen
sind, die Ampel und ein geschriebener Hinweis, aus dem begleitenden
Interview erfährt man, dass Kinder als Hilfsaufseher eingesetzt sind
(als ich zur Schule ging, so um 1960, mussten die Klassensprecher im
Rahmen der SchülerMitVerwaltung immer die lauten Schüler an die Tafel
schreiben, wenn der Lehrer nach der Pause noch nicht da war, damit sie bestraft werden konnten), zwei Schüler bauen große Klötzer zu einer geometrischen Figur zusammen, das einzige Bild, in der zwei Menschen miteinander was machen, die Lehrerin schaut währenddessen in eine Liste, vielleicht das Buch, in dem sie lesen kann, was wie zu tun ist, vielleicht das Kontrollbuch
für die Schüler, mit den Schülern hat sie keinen Kontakt, noch nicht
mal einen nachprüfenden Blick. (Und dass das auch so gemeint ist,
zeigt der begleitende Text.)

www.gsgoehl.de/img/dorfschule1848.jpg
upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6b/Anker_Die_Dorfschule_von_1848_1896.jpg
[3] Die Dorfschule zeigt einen Lehrer mit vielen verschiedenen
Lerngruppen. Er hat einen Stock in der Hand, erhoben, nur dass er da
ist, vielleicht zum Zeigen und zugleich auch zum Hauen, wenn es denn
sein muss, er beschäftigt sich mit einer Gruppen von Jungen direkt vor
ihm, einer muss wohl gerade etwas vorlesen, was ihm nur mühsam
gelingt, andere schauen auf den Lehrer, einer auf seinen Mitschüler,
ob es denn gelingt. Weiter hinten eine andere Gruppen von Jungen, von
denen einer gerade den großen Max zu spielen scheint, andere
unterhalten sich, schauen gelangweilt. Mit dem Rücken zum Betrachter
sitzen einige Mädchen, andere hinter dem Rücken des Lehrers, der hat
sie gar nicht im Blick, muss sie nicht im Blick haben, weil er sich
wohl darauf verlassen kann, dass sie tun, was er ihnen aufgegeben hat,
sie lesen was. Die Kunst des Lehrers muss hier darin bestehen, die
verschieden Gruppen gleichzeitig am Arbeiten und Lernen zu halten, was
ihm bei einer Jungen-Gruppe nur mit direkter Ansprache gelingt, bei
der anderen gar nicht, sie irgnorieren seine Anwesenheit, während er
die Mädchen nicht sehr beachten muss, die laufen halt, artig wie sie
sind, ruhig mit. So geht der Lehrer auf die einzelnen Gruppen in ihrer
Verschiedenheit nach seinen Möglichkeiten ein, allen gleichzeitig kann
er nicht gerecht werden, dazu sind es zu viele. Aber er ist voll
dabei, er will, dass sein Unterricht Ergebnisse hat, er strengt sich
an, den Schülern vor ihm voll zugewendet, aufmerksam, auch streng,
aber nicht unfreundlich, schon gar nicht gleichgültig. Allerdings kann
er es nicht allen recht machen, er muss zu sehr differenzieren, seine
Lerngruppe ist zu heterogen.

Frage: Wo ist hier der Schüler einer, um den man sich kümmert? Wo kommt der
Schüler von selbst zur Sache, mit der er sich beschäftigen soll? Wo
kümmert er sich zugleich um andere, zu deren Gelingen er beiträgt? Wo
ist er Individuum, werdende Persönlichkeit in seinem Verhältnis zur
Sache und zum Mitschüler?

Fußnote(n)
[1] Es handelt sich um Martin Wagenschein,
de.wikipedia.org/wiki/Martin_Wagenschein, in der Schweiz gibt
es eine lebendige Wagenschein-Tradition, dort wurde gerade eine
Zusammenstellung aus seinen Schriften wieder veröffentlich
www.hep-verlag.ch/course/view.php?id=1166 
[2] Aus
archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2000/0391/pdf/z2000-0391.pdf
[3] andere Kinderbilder dieses Malers, die alle ein genaues Studium
wert sind: de.wikipedia.org/wiki/Albert_Anker

 
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Kommentare
Bildungswirt schrieb am 19.10.2009 um 18:10
Feine Beobachtungen, sicheres Gespür für notwendige Differenzen. Schreib doch mal mehr zur Lehrkunst ...
(Warum montierst du die Bilder nicht gleich in deinen Text, macht die Sache benutzerfreudlicher und ästhetisch lockerer)
Gruß BW
Chryselers schrieb am 20.10.2009 um 20:55
Ach, zur Lehrkunst was sagen... Das ist nach meinen Erfahrungen nur sinnvoll, wenn gleich Werkstatt-Arbeit anfangen soll, sonst muss man erstmal alle Abweichungen vom je aktuellen Didaktik-Schnack durcharbeiten, und hat man das dann geschafft, sind alle schon so fix und foxi, dass nichts mehr bei rüber kommt. Und ich glaube nicht, dass das hier bei Freitag gegeben ist.

HL
Chryselers
Ach, was soll ich sagen...
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