Eine fast wahre Geschichte
Unser Geschäftsführer ruft mich an einem meiner freien Tage an und will mich zuhause besuchen. Welch absonderliches Ansinnen. Ich Schaf denke doch tatsächlich, er will mit mir meine Zukunft besprechen, mir vielleicht, endlich einen besseren Job anbieten - was ich verdient hätte. Aber er kommt nicht allein; er braucht einen Zeugen für die Nachricht, die er überbringen will. Zwei gutgekleidete Herren sitzen plötzlich in einer zu klein geratenen Wohnung, blicken auf einen in die Jahre gekommenen Teppichboden, auf dem sich ein paar hartnäckige Krümel störend breitmachen, und ein Satz steht im Raum: Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass ... –
Ein Briefumschlag wird in meine Hand gedrückt. Der Geschäftsführer sagt dann noch, dass er auch einen Kloß im Hals habe und dass ich sie doch jetzt rausschmeißen solle. Ich begleite die beiden höflich zur Tür, bemerke noch, wir sehen uns dann ja morgen; dann sind sie weg. Kaum fünf Minuten sind vergangen, und ich überlege benommen, ob es denn wirklich sein kann und dass bestimmt noch alles ein gutes Ende nehmen wird ...
Ich erinnere mich an die Zeit, als meine beiden Schwestern in Scheidung gelebt haben - beide wurden plötzlich und unerwartet von ihren Männern verlassen. In der ersten Zeit verbreiteten sie einen ständigen Eindruck konfuser Hektik, aufgescheuchte Hühner, die jedem von dem Unglück erzählen mussten, das sie befallen hatte. Fortwährend sahen sie Katastrophen voraus, die aus diesem himmelschreienden Zusammentreffen von Undankbarkeit und Dummheit des Mannes entspringen und vor allem ihn selber treffen mussten:
Aber wie will denn der zurechtkommen; der kommt doch nie alleine zurecht; der wird sich noch umgucken; der hat doch im Leben noch keinen Knopf angenäht; von mir aus darf er sein Klo gern selber putzen, viel Spaß dabei. Die Hemden kann er zur Not in die Reinigung bringen, kostet natürlich. Soll er sich von Pommes und Pizza ernähren, gesund ist das nicht. Er ist doch ziemlich verwöhnt. Mit seinen Socken auf der Heizung fackelt er irgendwann die ganze Bude ab, juchhu. Das passiert öfter, als man denkt. Kann ich was dafür?! - Und wie blöd er sich immer angestellt hat, wenn er ein einziges Mal seine Urlaubskarten selber schreiben sollte. Ach, mach du das doch. Bestell Grüße von mir. Demnächst kann er dann ja allein aufseiner Hütte verlottern, wenn ihm das alles zuviel ist.
Weiß er eigentlich, was da auf ihn zukommt?! Allein ist der völlig hilflos!
Sie lachten abrupt frohlockend bei dem Gedanken, was dem armen Trottel von Ehemann so alles zustoßen würde, dann wieder zerbrachen sie sich hitzig den Kopf um nachzuweisen, dass sich dies auf gar keinen Fall würde verhindern lassen. Es war für sie eine schier unerträgliche Anstrengung zu begreifen, dass sie verstoßen worden waren.
Als ich am nächsten Tag in die Firma komme, eine Maschinenfabrik im tiefsten westfälischen Hinterland, muss ich erfahren, dass ich nicht die Einzige bin. Es hat vor allem die Frauen getroffen, die mittleren und reiferen Jahrgänge der "zänkischen Weiber": Das sind die, deren Strahlkraft bereits verblasst ist und von denen die meisten obendrein über passend vorhandene Ehemänner als „versorgt“ gelten, der Weg des geringsten Widerstandes also. Büros, Gänge, der ganze Betrieb hallt treppauf treppab nur so wider von unruhigen, fassungslosen Fragen: Wer hat sich diese Absurdität ausgedacht? Wie soll es denn jetzt weitergehen?
„Ohne unsere Mädchen geht es nicht. Wer soll die Arbeit der Mädchen denn machen, wer denn?“, wütet mein Chef.
Es kann nicht ohne uns weitergehen! Wir haben doch immer unauffällig im Hintergrund, wenig beachtet und anerkannt, den Laden am Laufen gehalten. Seit Jahren besorgt Gabi Telefon und Empfang, seit Ewigkeiten sitzt Maria in der Logistik, seit wer weiß wie lange stellt Iris die Dokumentationen zusammen. - Keine Frage, die Entscheidung muss zurückgenommen werden. Aller Augen richten sich auf den Geschäftsführer, der noch neu im Amt ist, ein Charmeur aus dem Rheinischen, Spitzname Prinz Karneval. Er ist jünger als die meisten der gekündigten Frauen, wenn auch kein junger Mann mehr, und will in unseren Mikrokosmos eintauchen: Flache Hierarchien, kooperative Führung sei sein Stil, verkündet er mit der Ausdauer eines Wanderpredigers; ein Projekt genannt Profitcenter soll Rettung vor unbekannter Zukunft bringen.
Er schreibt ans Schwarze Brett, es gehe um Menschen, Produkte, Rendite und das genau in dieser Reihenfolge.
Er eilt wie ein Wirbelwind umher, will mit allen gut Freund sein und ernten, was er nicht gesät hat.
Hier! Bei uns! In der tiefsten Provinz! Alter Familienbetrieb! Ein Hauch von Schlendrian durchzieht die Hallen, das zähe Geflecht der Altvorderen, die schon immer dabei waren, die verworrene Zuständigkeit einer Dynastie von Erben, das Gestrüpp der ewig streitenden Hausmächte, das jahrelange Treten auf der Stelle. Es ging uns nicht gut, es ging uns nicht schlecht. Es hat immer gereicht für 300 Leute. Jetzt ringen starke Männer mit kühnen Entscheidungen; Unpopuläres verheißt eine neue Aura der Macht; unausgelebte Entscheidungsfreude bricht sich Bahn. Siehe, der Berg kreißte und verschlang eine Maus: das kleine Völkchen Frauen. Die laue Basisdemokratie unserer Firma wandelt sich zur herrischen Diktatur der zu allem Entschlossenen; Widerstand steigert nur deren Sendungsbewusstsein.
In Teil 2 geht’s weiter