Die Gräben vertiefen sich. Wieder eine Zeitlang später hatten sich meine Schwestern in gereizte Löwinnen verwandelt; die Phase der Besitzstandssicherung trat ein: Dieser miese Typ glaubte wohl sich alles herausnehmen zu dürfen. Aber so waren die Männer, Egoisten, seelische Krüppel, nur auf sich selber bedacht. Was hatte man ihm nicht all die Jahre nachgetragen, und wo hatte man nicht alles zurückgesteckt?! Und dann wollte er sich mit der Kasse unterm Arm davonstehlen, und man selber konnte sehen, wo man blieb, sollte am Ende zum Sozialamt rennen oder was? Aber daraus wird nichts. Das könnte dem so passen, dieser Vollidiot. Mein Anwalt hat alles genau ausgerechnet und wenn er hundertmal das Gegenteil behauptet. Natürlich, jetzt kriegt er kalte Füße, wo‘s ans Eingemachte geht, nur nicht auf irgendwas verzichten.
Das hätte er sich vorher überlegen müssen, blödes Arschloch. -
Gute Eigenschaften? Was für gute Eigenschaften soll er gehabt haben?! Er hatte keine guten Eigenschaften! Er soll sich verpissen, aber mitnehmen darf er nichts.
Hast du seine neue Wohnung gesehen? Und jetzt will er schon wieder umziehen, wegen ihr, der Neuen, angeblich ist es zu klein für zwei! Seine Rückenschmerzen sind auch wie weggeblasen. Sagt er jedenfalls. Na, die werden schon noch wiederkommen, ha ha … Man selber kann nachts nicht mehr ruhig schlafen, aber dieser Widerling hatte natürlich keine Hemmungen. Jetzt zeigte er sein wahres Gesicht. Zu allem anderen kam die menschliche Enttäuschung. Man hatte ihm ja viel zugetraut, aber das nicht.
Ist mir doch egal, woher er es nehmen soll. -
Was weiß ich, was der alles heimlich bunkert. -
Der kann mir ja viel erzählen. -
Wollte ich mich scheiden lassen oder er? - Na also.
Man muss jetzt endlich tun, was man in all den Jahren sinnloser Aufopferung versäumt hat – endlich an sich selber denken.
Ein kurzes Feilschen, ein paar Tausender extra. Eine Ära des Lebens geht kurz und glanzlos in einer Amtsstube, auf einem kahlen Flur zu Ende; das Unternehmen kauft sich frei. Irgendwo auf dem Gang des Arbeitsgerichtes erklingt ein Schluchzen; man spürt kaum das Brennen in der Brust, nur das vor Aufregungglühende Gesicht. Kummer komm später, du tust so weh. Der Rest eine Formsache, bitte noch eine Unterschrift, fertig. Die paar sentimentalen Nachwehen werden schnell genug vergessen sein.
Zurück in der Firma - das Ende rückt näher.
Eine Atmosphäre dumpfer Bedrückung breitet sich aus. Die neuen Macher entwickeln Bunkermentalität, verdrücken sich in ihre Büros; wenn man ihnen zufällig doch mal begegnet, Versuche demonstrativer Freundlichkeit:
„Oh, eine neue Brille? Steht Ihnen gut.“
(Nein, die trag’ ich schon fünf Jahre. Und die Frisur ist auch noch die gleiche, reden Sie nicht so einen Stuss daher ...) „Was Sie alles bemerken!“
Darf man seine vielleicht letzte Chance verpassen?
Konfliktscheu, wohin man sieht. Ein bisschen plänkeln so wie früher, ein bisschen albern so wie einst: Ach lass uns bis zum Tag X doch weitermachen wie bisher ...
Oh ja, wir zählen die Tage, nachdem wir die Monate und Wochen gezählt haben ...
Bitte, bitte mir kein schlechtes Gewissen machen. Alle wollen wir so tun, dass es ist, wie es nicht mehr ist ... -
Gestern war ich noch die Favoritin, die als erste den neuen Kalender von Heinrich bekommen hat, jetzt hängt an meinem Arbeitsplatz noch der alte vom letzten Jahr. Aber ich brauche ja auch demnächst keinen mehr. Alle reden und reden beständig von einer Ungeheuerlichkeit, die sich ereignet hat, aber nie, nicht ein einziges Mal nimmt einer meiner Kollegen das Wort „Kündigung“ in den Mund, es ist wohl zu schrecklich auszusprechen. Hilflose Versuche Solidarität zu bekunden wechseln mit Anfällen vorauseilenden Gehorsams; vor unseren Augen enthüllt sich ein neues Panorama, in dem wir nicht mehr vorkommen. Wir gehen schweigend in uns gekehrt unserer Arbeit nach, die bemitleidete Minderheit der Ausgeschlossenen im verstohlen erleichterten Heer derer, die bleiben dürfen. Ich werde von meinen Kolleginnen gedrängt, mir endlich einen gelben Schein zu holen - okay, kein Problem. Ich kann mir auch noch die Taschen mit Büromaterial vollstopfen, liegt ja alles herum und wozu Rücksichten nehmen?!
Das Band an Loyalität, das in langen Jahre geknüpft wurde, es muss jetzt endgültig zerrissen werden.
Meine beiden Schwestern haben inzwischen neue Partner gefunden; für die abgelegten Ehemänner ist nur abfällige Geringschätzung übrig geblieben. Anders als beim Tod gestattet sich der freiwillig Verlassene keine Trauer um das Verlorene, kaum eine Erinnerung. Beide haben sich nach einigen missglückten Anläufen eher verbessert als verschlechtert, auf dem Beziehungsparkett tanzen sie noch immer leicht. Die Jagd nach der Beute und die Erforschung ihres Innenlebens setzt frische Energien frei. Ich beobachte das zaghafte Erwachen eines feministischen Bewusstseins; sie lesen jetzt gern Autobiografisches, die Schicksalsgeschichten besonders tapferer, leidgeprüfter Frauen, Wie ich Mann und Kinder an einem Tag verlor, Wie ich meinen Krebs überwand und so, vielleicht auch der eine oder andere Seelentröster zum masochistischen Wesen der Frau: Weil Frauen zu sehr lieben ... Die eine geht zur Therapeutin, die andere zum Friseur, jede zieht die Lehren so gut sie kann.
Und die zurückgebliebenen Blessuren?
Na ja, sie sind so überaus realistisch geworden. Sie schauen mehr auf die zweckdienliche Seite des Mannes. Die Beziehung ist ein organisiertes Miteinander und wehe, er verstößt gegen die Regeln. Dann wird er ausgetauscht. Damit drohen sie ständig. Nur nicht klammern. Sie wollen sich heftigst aus der Opferrolle befreien. Sie wollen sich ganz neu entwerfen. Endlich Ballast abwerfen. Jetzt erst spüren sie, was sie all die Jahre klaglos getragen haben. Endlich, endlich sich als Lerche in die Lüfte schwingen statt als Packesel am Boden zu verharren.
Nur: Ohne ihre Piloten und Navigatoren geht es nicht. Er ist der Schlüssel zu der Gesellschaft, in der sie einzig leben wollen. Sie können alleine schlafen und zur Not auch das Auto in die Werkstatt fahren, sie können mit ihren Freundinnen shoppen gehen und zehnmal am Tag mit den Kindern telefonieren – aber wo sind die Geburtstage, wo ist Weihnachten und das Grillfest, wo sind die Nachbarn und Vereinsfreunde, wenn es ihn nicht gibt. Und schon ist es vorbei mit der Schwerelosigkeit. Mit einem Bein auf der Erde und einem in der Höhe nehmen sie sich manchmal etwas ungraziös, fast ein wenig obszön aus, so als ob es sie genau in der Mitte zerreißen würde ...
Der Rest ist ....? Ja, was ist geblieben? Die stille Kränkung, dass man dem Unternehmen so wenig wichtig war und dazwischen, man kann es kaum glauben, herzzerreißende Augenblicke eines so heftigen Trennungsschmerzes, der mehr ist als nur die Summe der Angst vor der Zukunft, vor Arbeitslosigkeit und Ungewissheit: Ein Ort ging verloren, eine Karawane zieht weiter. -
Als ob man diesen Saftladen nicht schon längst hinter sich hatte lassen wollen, viel zu gut für diesen Scheißbetrieb gewesen war!
Gabi schwärmt schon ganz begeistert von dem Hund, den sie sich demnächst halten will, und Maria schwankt noch zwischen Fitnessstudio, Klavier und Ehrenamt. Sie rechnen nicht damit, eine neue Stelle zu finden. Vielleicht wollen sie auch nicht, schließlich haben sie sich nicht selber gekündigt. Auch der Flurschaden für die Firma ist beträchtlich – unsere früheren Aufgaben werden wie Sauerbier herumgereicht, aber keiner will sie haben. Es dauert noch, bis die ins Stocken geratene Routine auch ohne uns auskommen wird, bis unser früheres Dasein und Dabeisein nur noch als Anekdote auf einer anderen Weihnachtsfeier, einem anderen Betriebsfest weiter gesponnen wird: Und dann lachen alle über irgend etwas ganz furchtbar Komisches: Weißt du noch …?
Gekürzte Fassung