c.krieg

Blog von c.krieg

16.10.2011 | 21:34

Der Stachel im eigenen Fleisch - Zum 1. Todestag von Thomas Harlan

„Ich bin der Sohn meiner Eltern. Das ist eine Katastrophe.“ Das eigene Leben als Katastrophe, zwanghaft dem Versuch gewidmet, eine geerbt geglaubte Schuld in Form einer Maske immer wieder selbst anzulegen, nur um sie sich gleich darauf immer und immer wieder vom Gesicht reissen zu können – mit dem Ergebnis, dass die Haut dünner und die Maske zerfetzter wird, und doch immer noch genug übrig bleibt für die nächste Runde. Gibt es Zerstörerisches als die eigene Familie? Vielleicht ihren stinkenden Ableger Selbstzerstörung, der zuweilen mit unfassbaren Energiereserven für die Endlosschleife sorgt.

Es ist nicht so, dass Thomas Harlan über die unfliehbare Geburtslinie wenig gesprochen hätte. Er hat viel gesprochen, sogar sehr viel gesprochen und geschrieben und gefilmt - und die Sprache wird dabei nahezu gegenständlich - immer im Zeichen einer hundertprozentigen Unversöhnung mit Nazideutschland: Über die notwendige Bestrafung der Kriegsverbrecher und ihrer Helfer und über das Vierte Reich, dass nicht mal heute man post-nationalsozialistisches Deutschland nennen darf - weil es nämlich doch ganz egal ist, ob die alten Mörder noch herumlaufen oder nicht, denn diese Aufarbeitung findet nicht statt, punktum. Neben Simon Wiesenthal und Fritz Bauer war Thomas Harlan einer der Wenigen, die ihnen trotzdem auf den Pelz gerückt sind, so nah, dass es schon wieder anmutet, als könne er das zuweilen nur ertragen, weil er ja auch seinen Vater nicht etwa nur ertragen hat, sondern ihm in dessen „Mein lieber Sohn“-Ansprache auch nahe sein wollte.

Das Verstehenwollen des Nichtverstehbaren, und das Tragenwollen der untragbaren Schuld waren die Motoren eines Lebens, dass niemals im Schatten des Vaters Veit stattgefunden hat. Dessen Schatten, wenn er denn fiel, kann sein, zog doch eher wie schwerer Mantelstoff, aber doch hat oben raus immer Thomas Harlan geschaut und Atemzug um Atemzug darauf verwandt, das alte Ding weit von sich zu werfen, den Stachel zu ziehen, aber die Wunde dennoch nicht heilen zu lassen undsoweiterundsofort...

Thomas Harlan ist heute vor einem Jahr in Berchtesgaden gestorben.

www.freitag.de/kultur/1110-wer-sagt-noch-seinen-satz-1

 

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.10.2011 um 22:18
@ c.krieg
Schön, dass Sie an Thomas Harlan erinnern. In diesem Zusammenhang habe ich auch die sehr lesenswerten Artikel von Mathias Dell gelesen, so entsteht ein sehr bewegendes Portrait über einen sehr beeindruckenden, komplexen Menschen.
An Thomas Harlan fasziniert mich die Radikalität mit der er seinen Eltern, Starpersonal des Dritten Reiches, kritisch zu Leibe gerückt ist, ohne sich je dabei zu schonen.
Matthias Dell schrieb am 17.10.2011 um 10:04
gut, gibt es die erinnerung. zu harlan gibt es noch eine internetseite, auf der sieglinde geisel texte und material sammelt
www.thomasharlan.com/home.html
c.krieg
claudia krieg
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