c.krieg

Blog von c.krieg

24.03.2011 | 12:17

Zurück in der Realität

Der Bombenanschlag in Jerusalem hat den Blick wieder auf den Nahost-Konflikt gelenkt. Dieser ist von den Protesten im Maghreb nicht unberührt geblieben – trotzdem war das Interesse an Israel im Spiegel der arabischen Aufstände bislang gering.

Mitten in der Jerusalemer Neustadt, am zentralen Busbahnhof, explodiert am Mittwoch um 15 Uhr Ortszeit der Sprengkörper, 39 Menschen werden verletzt, eine 60jährigeFrau stirbt später an ihren Verletzungen im Krankenhaus. Ein Anschlag in diesem Ausmaß hat Jerusalem seit geraumer Zeit nicht mehr getroffen – nach dem Überfall auf eine jüdische Religionsschule im März 2008 mit acht Toten verunsicherten zuletzt vor zwei Jahren Angriffe mit schwerem Baugerät die jüdische Bevölkerung in der politischen und religiösen Hauptstadt. Sie wurden vielfach als Reaktion auf die Offensive der israelischen Armee im Gaza-Streifen zum Jahreswechsel 2008/2009 gewertet.
Nun ist es die Hamas, die sich mit Bombengewalt im Feuerschein der Maghreb-Unruhen im israelisch-palästinensischen Konflikt wieder nach vorn wirft.
Seit dem vergangenen Sonnabend sollen nach israelischen Angaben mehr als 70 Marschflugkörper aus dem von der Hamas kontrollierten Gaza-Streifen aus abgefeuert worden sein. Ziele waren die 200.000 Einwohner zählende Wüstenstadt Beersheva, die normalerweise ausserhalb der Reichweite von Raketenbeschuss liegt, und das 15 Kilometer von der Grenze zu Gaza liegende Ashkelon. Am Mittwoch wurde ein Einwohner Beershevas von Splittern verletzt, die Bevölkerung der Stadt ist aufgefordert, sich in Schutzräumen aufzuhalten, der Schulunterricht fällt aus. Die israelische Armee beantwortete den Raketen-Ansturm am Dienstag mit den schwersten Angriffen seit dem Militärschlag gegen den Gaza-Streifen vor zwei Jahren.

Rache für diese Offensive soll die Bombe gewesen, aber es riecht noch nach einer anderen Rache -  unter dem Eindruck der arabischen Aufstände hat die radikal-islamische Hamas mit dem sinkenden Einfluss auf die palästinensische Bevölkerung im Gaza-Streifen zu kämpfen und verstärkt angesichts dessen die Bemühungen, Israel militärisch zu treffen. Eine gewohnt blutige Rechnung, da es bei den Rückschlägen der israelischen Armee immer auch Verletzte bei der palästinensischen Bevölkerung gibt. Ohne Zweifel spekuliert die Hamas dabei auf einen Rücklauf von Sympathien, hofft auf eine Hinwendung zu ihrer Auffassung von fundamentalistischer Politik auf der Grundlage von Hass und Gewalt. Die dürfte weit von weniger Bewohnern des Gaza-Streifens aber auch von weniger Einwohnern des Fatah-regierten Westjordanlands geteilt werden, als es der Hamas recht sein kann. Ausgehend von Protesten in der libanesischen Hauptstadt Beirut am 11. März, bei denen die Entwaffnung der Hisbollah gefordert wurde, um so deren Einfluss auf die  Regierungspolitik zu brechen, kam es in den darauffolgenden Tagen zu Kundgebungen in Gaza-Stadt, aber auch in Ramallah und Betlehem mit Tausenden von Menschen. Sie bekundeten ihre Solidarität mit den Aufständischen der naheliegenden oder unmittelbar benachbarten Länder und forderten eine Annäherung zwischen Hamas und Fatah. Die Aufrechterhaltung dieser Spaltung der erzrivalisierenden Parteien ist es, was der Hamas die Macht sichert. Eine Annäherung gibt es seit dem Beginn der politischen Fehde vor vier Jahren nur zu ihren Bedingungen. Deshalb muss sie im Zuge der arabischen Proteste ihre Chance wittern. Aber genau in der Forderung nach einer Überwindung dieser angeblich unüberwindbaren Feindseligkeit scheint ein Ziel auf, dass der Absicht der anderen arabischen Aufstandsbewegungen ähnelt – sich aus einem Zustand der Geißelung und Gängelung zu befreien. In Ramallah forderten am 15. März die Organisatoren einer Demonstration von Tausenden Menschen freie Wahlen für den Palästinensischen Nationalrat.

Last des Schweigens

Die Proteste und Forderungen im Westjordanland und in Gaza werden in Israel zum Teil zustimmend, zum Teil als bedrohlich wahrgenommen, für viele ist es auch wie ein banges Warten: Wie werden sich die Umbruchprozesse auf den israelisch-palästinensischen Friedensprozess auswirken? Bislang sei immerhin kein Bild einer israelischen Flagge verbrannt worden und man höre auf den Straßen, auf denen die Aufständischen protestieren, auch keine anti-israelischen Slogans, schrieb die konservative Jerusalem Post drei Tage vor dem Anschlag am Busbahnhof. Die Medien begleiteten die Aufstände bislang wohlwollend, die Nato-Intervention wird als nicht unbedingt gewinnbringend eingeschätzt. Die israelische Politik zeigt sich hingegen zurückhaltend gegenüber den Ereignissen in den umliegenden arabischen Ländern.
Es mag dies Ausdruck einer politischen Unfähigkeit nach jahrelangem aggressivem, mindestens gereiztem Schweigen zwischen Israel und arabischen Machthabern sein. Es mag sein, dass sich niemand ausmalen kann, welche Bedeutung für den lokalen Friedensprozess den Aufstandsbewegungen beigemessen werden kann, wenn die Möglichkeit Krieg. Es mag ein Zeichen der innenpolitischen Fixiertheit sein, weil von der omnipräsenten Besonderheit der eigenen Situation nicht abgelassen werden will – oder kann. Das geschäftige Befasstsein mit der Verurteilung eines ehemaligen Premiers  zu sieben Jahren Haft wegen Vergewaltigung beiseite genommen - nicht an den Rand schieben lässt sich die Angst vor einer noch ausstehenden Reaktion des Irans auf den libyschen  Umbruch und den möglichen Sturz eines seiner engsten politischen Vertrauten. Auch die für den Mai angekündigte zweite Gaza-Flottille, deren Pressebeauftragter
hofft, „dass die Umwälzungen in Ägypten den Druck auf Israel erhöhen werden, die Schiffe passieren zu lassen“, sorgt schon jetzt für Unruhe. Wer Israel eins auswischen will, dem ist so manches Mittel recht. Das israelische Aussenministerium hat verlauten lassen, sich nicht prinzipiell gegen den Hilfsgütertransports stemmen zu wollen. Nur die Nationalisten und radikalen Islamisten sollen die Länder bitte zuhause lassen, sagte Danny Ayalon, stellvertretender Aussenminister erst am Dienstag in einer Ministerrunde.
Der Druck auf Israel ist immer hoch und er wächst in Zeiten von Krise und politischen Umbrüchen, weil sich die Frage „Was heißt das für uns?“ immer aufdrängt. In diese Unsicherheit, in der sich dennoch gerade das eine oder andere Vorzeichen zu verändern andeutete, hat die Hamas nun hinein- und damit die Realität nach Israel zurückgebombt.

 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 24.03.2011 um 12:29
Es ist ziemlich sicher, dass es nicht die Hamas war, die diese Raketen schoss. Daher hinkt dann auch der Aufbau des restlichen Artikels.

Schon komisch, so viele Palästinenser wurden seit Jahresbeginn getötet, ohne dass das ein größeres Presseecho gab. Ein Israeli führt dann zu großer Betroffenheit. Dabei steht noch keineswegs fest, wer für die gestrige Bombe verantwortlich ist....
thinktankgirl schrieb am 24.03.2011 um 12:46
@alien

war kein Israeli, sondern eine Britin
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.03.2011 um 13:08
Lächerlich. Was zu "großer Betroffenheit" führt, ist nicht das Opfer des Bombenanschlags, sondern die Tatsache, dass Israel damit gedroht hat, zurückzuschlagen.
Und klar, die Hamas kann es nicht gewesen sein. So eine friedliebende und durch und durch demokratische Organisation ... War sicher der Mossad.
Alien59 schrieb am 24.03.2011 um 15:05
Das mit dem Mossad hast du geschrieben ....
Tatsächlich hat die Hamas keinerlei Interesse an einer Eskalation. Es wird vermutet, dass eine rivalisierende Fraktion diese Raketen verschießt, um weitere Unruhe zu stiften.

Was die gestrige Bombe angeht, ist der Urheber ebenso unbekannt wie der Mörder von Itamar. In beiden Fällen würde ich es vorziehen, wenn ein Ergebnis eingehender polizeilicher Ermittlungen vorläge, bevor die Täter herausposaunt oder Racheaktionen gestartet werden.

@ttg: Dass es eine Britin war, lese ich zum ersten Mal. Aber es ändert nicht sehr viel an den Tatsachen - und auch nicht daran, dass der Artikel hinkt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.03.2011 um 15:21
O.k., kann ja sein, dass es eine rivalisierende Fraktion war. Meinst Du denn, Israel hat derzeit ein Interesse an einer Eskalation? (ernst gemeinte Frage).
Alien59 schrieb am 24.03.2011 um 15:46
dD: zumindest verhält sich die Regierung und maßgebliche Stellen so. Für vernünftig halte ich das nicht, deshalb fällt es mir schwer, eine Begründung dafür zu finden.
Aber tatsächlich wird derzeit zu vieles getan, was einfach die Lage verschärft. Das geht los beim ausufernden Siedlungsbau in der Westbank, bei ständigen Schüssen auf palästinensische Menschen, die innerhalb der Grenzen von Gaza auf ihren Feldern sind oder Trümmer sammeln - die Zahlen der Getöteten oder Verletzten sind wirklich dazu geeignet, Aufruhr zu stiften.
Aktionen wie die Erschießung eines alten Mannes in seinem Bett - weil man angeblich den am Vortag freigelassenen Nachbarn verhaften wollte.
Gesetze, die die arabische Minderheit innerhalb der israelischen Grenzen diskriminieren.
Zerstörung von arabischen Dörfern in der Negev.
Teils gewaltsame, teils legalistische Bekämpfung gewaltfreien Widerstandes. Dabei Tote durch Tränengas - auch z.B. ein Baby, nicht, weil es mit zur Demonstration genommen worden wäre, sondern weil das Haus der Eltern völlig eingegast wurde.

Was soll ich daraus sonst schließen?
Du wirst zurecht fragen, was hätte Israel davon. Worst case: einige boneheads stellen sich vor, sie könnten eine so gewaltsame Reaktion der palästinensischen Seite hervorrufen, dass die Welt es dulden wird, wenn als Reaktion alle Palästinenser aus Israel, der Westbank und dem Gazastreifen vertrieben werden.
Das will ich keiner Mehrheit unterstellen, nicht missverstehen. Es gibt immer mal wieder verbale Ausrutscher in dieser Richtung, die mich daher auf ein solches worst-case-Szenario bringen.

Etwas weniger verschärft: keine weiteren Verhandlungen, Gaza wird weiter abgeschnitten, die Westbank völlig zersiedelt und ein paar israelhörige Palis spielen für Gutgläubige "Staat" in einigen Bantustanähnlichen Exklaven. Jede Übertretung wird weiter mit scharfen Vergeltungsmaßnahmen geahndet.

Andererseits, sowie die Lage in den arabischen Staaten sich beruhigt hat, könnte es für Israel schwieriger werden - bereits heute kam eine leise Warnung der ägyptischen Armee, dass ein Schlag auf Gaza nicht schweigend hingenommen werden könnte. In Anbetracht der Tatsache, dass Israel heute Angriffe wegen der gestrigen Bombe in Jerusalem flog, mit der Gaza nach derzeit bekanntem Stand nichts zu tun hatte, für mich verständlich.
Rahab schrieb am 24.03.2011 um 16:27
dD

nach ha'aretz-lektüre, darunter dieses
www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/lieberman-west-should-deal-with-iran-and-syria-like-libya-1.351593
und nachdem ich nun weiß, wo diese bombe in Urshulaim hochging...
muß ich dir sagen: so ganz abwegig ist deine frage, ob's vielleicht der mossad war, nicht
wobei: nicht der mossad, aber ein paar durchgeknallte zeloten wie 1946 beim anschlag aufs king david vielleicht?
(de.wikipedia.org/wiki/Irgun_Tzwa%E2%80%99i_Le%E2%80%99umi)
zwecks beschleunigung von was auch immer?
c.krieg schrieb am 25.03.2011 um 15:23
Ich lege, so ganz unter uns, von hundeartigen zu katzenartigen, noch einen drauf:

www.derwesten.de/nachrichten/panorama/Geier-soll-fuer-Israel-spioniert-haben-id4130908.html
Rahab schrieb am 25.03.2011 um 15:33
hübsch

ich denk mal, zwischen monotheismus und verschwörungstheorien besteht ein direkter zusammenhang
könnte was mit apokalypse zu tun haben
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.03.2011 um 15:35
@Alien
Es gibt nichts, was es nicht gibt. Vermutlich gibt es in Israel auch irgendwelche komplett verstrahlten Leute, die glauben, sie könnten alle Palästinenser loswerden, inklusive Westbank und Gazastreifen. Damit das von der internationalen Gemeinschaft geduldet würde, müsste aber schon noch ein bisschen mehr passieren, oder?
Zudem kann Ich mir nicht vorstellen, dass so eine abstruse Idee in Israel jemals eine Mehrheit finden wird.

Was ich mir vorstellen kann, ist, dass einflussreiche Kräfte in Israel ein Interesse daran haben, den Status Quo zu erhalten, d.h. den Konflikt am Köcheln zu halten. Aber ist das bei den Palästinensern nicht ganz ähnlich? Wer würde sich denn trauen, mit Israel Frieden zu schließen, ohne das Maximalziel zu erreichen?
Alien59 schrieb am 25.03.2011 um 16:23
Das Problem ist, dass derzeit ein paar dieser verstrahlten in der Regierung sitzen.

Ansonsten, ich habe einen sehr interessanten Artikel und einen Kommentar dazu gefunden - ich hätte das so mich zu schreiben kaum getraut:
www.haaretz.com/blogs/mess-report/hamas-not-likely-behind-jerusalem-bombing-1.351459

mondoweiss.net/2011/03/hamas-has-good-reasons-to-believe-that-israel-is-the-one-heating-up-the-southern-front.html
thinktankgirl schrieb am 24.03.2011 um 12:45
c.krieg
claudia krieg
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