cms

Skizzen der Kultur des Alltags

03.01.2010 | 18:31

Meine Faust in seinem gottverdammten Gesicht

München, Odeonsplatz. Es ist etwa 5 Uhr nachmittags. Ich schlendere mit meiner Freundin am Eingang zum Hofgarten entlang. Es ist schon dunkel. »Warte mal«, sage ich zu ihr, als ich sehe, wie ein Mann um die 30 eine höchstens 20-Jährige anschreit. Im Bruchteil einer Sekunde packt er sie mit beiden Händen im Gesicht und drückt sie mit Gewalt gegen die ockergelbe Wand hinter ihr, nicht aufhörend sie anzubrüllen. Augenblicklich brennt bei mir eine Sicherung durch.

Ich stürme auf ihn zu und rufe »Hey!«; ich will ihr helfen. Viel weiß ich nicht mehr. Nur, dass er jetzt mich anschreit: Ich solle mich nicht einmischen, hier sei alles in Ordnung. Und dass ich zurückschreie, mein Handy schon in der Hand, dass es mich sehr wohl etwas angehe, wenn er auf offener Straße eine Frau angreife. Ich solle die Polizei rufen oder mich verziehen, sagt er, mit einer Dreistigkeit, die mich beinahe sprachlos werden lässt. Ich wähle 110. Als ich mich umdrehe, sehe ich zwei Männer die sich hinter mir aufgebaut haben, um mir den Rücken zu stärken. Eine ganze Traube von Menschen hat sich gebildet. Mein Bein zittert so stark, dass ich es festhalten muss, damit es sich wieder beruhigt.

Sie sei schuld,
nur sie sei schuld

Die Minuten, bis die Polizei vorfährt, scheinen Stunden zu dauern und vergehen doch rasend schnell. Das Arschloch schreit wieder auf die junge Frau ein, in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Spätestens als er auf mich zeigt, ist klar: er sagt, dass sie Schuld sei, an dem allem hier. Sie sei Schuld, dass jetzt die Polizei kommt, sie sei Schuld, dass ich mich eingemischt habe, sie, nur sie sei Schuld. Später werde ich mir wünschen, dass meine Faust an diesem Abend lockerer gesessen hätte, dass sie in seinem gottverdammten Gesicht gelandet wäre. Und doch bin ich froh, dass sie mir nicht ausgerutscht ist. Wahrscheinlich hätte ich diesem Drecksack damit auch noch einen Gefallen getan.

Der Polizei gegenüber führt er sich weiter auf, als wäre Gewalt gegen Frauen das Normalste von der Welt. Er habe ihr schließlich nur gesagt, dass sie völlig allein hier sei, ohne ihn, dass sie niemanden kenne in der Stadt, außer ihm, und dass sie nicht einmal Deutsch spreche. Sie steht ganz verängstigt vor der Wand, hat sich keinen Zentimeter bewegt, seit er sie losgelassen hat – und weint. Sie weint – und weint – und weint.

Am Ende bleibt alles bei einer Verwarnung, denn er habe sie ja nicht geschlagen, wie mehrere Passanten, inklusive mir, aussagen. Und bei mir bleibt die Frage, ob ich ihr mit meinem Einschreiten nicht eher geschadet habe, als geholfen. Und Zweifel. Zweifel.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Magda schrieb am 03.01.2010 um 19:14
"Später werde ich mir wünschen, dass meine Faust an diesem Abend lockerer gesessen hätte, dass sie in seinem gottverdammten Gesicht gelandet wäre."

Gut zu verstehen, wirklich. Aber ist keine Lösung und gefährlich auch noch.
ruhrrot schrieb am 03.01.2010 um 19:18
So wie Magda, sehe ich das auch.

por
cms schrieb am 03.01.2010 um 19:57
Ich weiß. Trotzdem juckt es immer noch in der Hand, wenn ich dran denke. Aber zum glück kann ich mich ja beherrschen.
ruhrrot schrieb am 03.01.2010 um 20:00
Das ist gut, aber Gewalt gegen Frauen hasse ich auch.
cms schrieb am 03.01.2010 um 20:05
Mir läufts immer noch kalt den Rücken runter, wenn ich mir vorstelle, wie fest er davon überzeugt war, dass das was er tut, genau das richtige ist.
ruhrrot schrieb am 03.01.2010 um 20:13
Du hast das Richtige getan!

Kompliment und Repekt vor Deinem Mut.

Einmischung im richtigen Moment ist manchmal für Frauen in Not so überlebenswichtig.

Das mit der Faust wäre in disem Fall verkehrt gewesen und das weisst Du ja selbst, aber wenn es wirklich um das nackte Überlben der Frau geht, wünsche ich mir auch Deinen Mut.

Kraft habe ich in der Faust. Das weiß ich.

Auch wenn ich es hassen würde, sie einzusetzen, kann es auch Fälle geben , wo man das als anständiger Mensch machen muss, um einen Anderen das Leben zu retten.

Allerdings wünsche ich mir so eine Situation wirklich nicht herbei.

por
cms schrieb am 03.01.2010 um 21:12
Danke. Aber ich fühl mich nicht besonders mutig. Und spätestens, wenn es darum ginge, die Faust wirklich einzusetzen, weiß ich nicht, ob ich das wirklich könnte (worüber ich in gewisser Weise auch ganz froh bin).
ruhrrot schrieb am 03.01.2010 um 21:13
Ich auch. Ich möchte mir in dieser Beziehung auch nie zu sicher sein. Das ist schon der Anfang vom Irrtum.
merdeister schrieb am 03.01.2010 um 19:39
"Fuck!"
weinsztein schrieb am 03.01.2010 um 19:52
wer wen?
merdeister schrieb am 04.01.2010 um 01:03
Die Welt uns alle.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 03.01.2010 um 22:00
Was ist der Deutschen Polizei ein Menschenleben wert?

@ CMS
Sie haben sich besonnen, mutig & beharrlich für das Opfer eingesetzt. Sehr gut gemacht.

Was macht man in solchen Situationen:
- Opfer & Täter sofort trennen.
- Niemals mit Gewalt reagieren. Außer, Sie sind
sich sicher, der Situation körperlich gewachsen
zu sein. Bedenken Sie bitte, der Täter könnte
bewaffnet sein. Sie riskieren evtl. ein Blutbad
mit ungewissem Ausgang.
- Mit dem Einsatzwagen der Polizei auch einen
Krankenwagen anfordern.
Denn das Opfer steht unter Schock und
braucht med. Hilfe.

Was machen Deutsche Polizisten in so einer Situation falsch?
- Sie trennen Opfer & Täter nicht.
- Die Opfer interessieren Sie nicht.

Was müssten Deutsche Polizisten machen?
Den Täter zur Wache mit nehmen. Wg. der Personalien. Dort dann in die Agro-Zelle. Wenn er so nach 12 Std. endlich ruhig ist, dann darf er gehen. Inzwischen wurde eine richterliche Anweisung
eingeleitet, nach der sich der Täter dem Opfer nicht mehr nähern darf.

Was müsste der sozial.med. Dienst im KKH machen?
Das Opfer erst zur Kur schicken.Dann ins Frauenhaus.

Vielleicht überlegen Sie Herr CMS, den Töter wg. Bedrohung anzuzeigen. Solche Leute dürfen nicht geschont werden.Die sind gefährlich. Patienten.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 03.01.2010 um 22:02
Töter = Täter

Dem Opfer rate ich in den örtlichen Schützen-Verein einzutreten.
ruhrrot schrieb am 03.01.2010 um 22:04
Spitzenkommentare chrisamar! Klasse!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 03.01.2010 um 22:06
@ Por
Danke für Deine Aufmerksamkeit. Verdient das Thema doch auch.
cms schrieb am 03.01.2010 um 23:22
Da sprichst du/sprechen sie (?) was sehr interessantes an. Ab wann dürfen die Polizisten so jemanden mit auf die Wache nehmen und ihn zwölf Stunden in die Zelle stecken? In diesem Fall haben sie nämlich gesagt, wenn er sich heut Abend noch sowas leistet, dann sitzt er über Nacht. Vielleicht hat auch eine Rolle gespielt, dass er kein Deutscher Staatsbürger war und (angeblich) nur Tourist? Dürfte es aber eigentlich nicht. Lag das daran, dass er sein Opfer nicht physisch offensichtlich verletzt hat, sondern sie "nur" gepackt hat?

Zur Verteidung der Polizei muss man sagen, dass sie immerhin schon im ersten Waagen eine Beamtin dabei hatten, die sich um das Opfer nach bestem Wissen gekümmert hat. Das mit dem medizinischen Beistand ist ein sehr guter Hinweis.

Kann in so einem Fall auch ich den Täter anzeigen? Und wenn ja, mit welcher Begründung?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.01.2010 um 06:51
Wenn der Täter einen verwirrten Eindruck macht und eine Bedrohung für sich & andere darstellt muß die Polizei ihn mit nehmen.

Warum macht die Polizei das nicht?
Sehr viele Menschen solidarisieren sich mit dem Täter. Weil es bequemer ist. Die sagen sich:"Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
Die Polizei hat fast nie Interesse daran, Anzeigen auf zu nehmen.

Die Realität ist:

Opfer müssen ihre Anzeigen über einen Rechtsbeistand stellen.
Das verursacht Kosten für die Opfer. Und bürokratische Hürden.

Diese Hartnäckigkeit der Polizei Opfer / Bürger um ihr Recht zu bringen, ist meiner Meinung nach eine weitere Misshandlung & Verletzung der Opfer.

Sie sollten ein Gespräch mit einem Anwalt suchen.
Die Situation & die Rechtslage kann ich ja nicht beurteilen.

Danke für diesen Blog.
merdeister schrieb am 04.01.2010 um 01:03
"Und bei mir bleibt die Frage, ob ich ihr mit meinem Einschreiten nicht eher geschadet habe, als geholfen. Und Zweifel. Zweifel."

Die Zweifel kann ich gut verstehen. Dazu hat oranier etwas Interresantes geschrieben und mit anderen Lusern diskutiert.
www.freitag.de/community/blogs/oranier/zu-weihnachten-ueber-ethik-und-moral-verzeihen-und-neuanfang
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.01.2010 um 06:45
@ merdeister
Danke für den Link. Den Oranier wollte ich als "besten Blogger" nominieren.
Habe mich aber doch für Anne Roth entschieden.
Oranier bleibt aber die Nr. 1* für mich. Für meine privaten Charts.
cms schrieb am 04.01.2010 um 08:09
Mal eine Offtopic Frage: Woher kommt denn neuerdings die Bezeichnung Luser? War eine Zeit lang nur sporadisch aktiv hier und das scheint an mir vorbei gegangen zu sein...

Danke für den Link!
merdeister schrieb am 04.01.2010 um 09:41
Luser wird dort erklärt und ich habe den Begriff falsch benutzt. Ich dachte es wäre eine Mischung aus Leser und User. Aber lest selbst. Luggi brachte mich (und andere) drauf.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.01.2010 um 09:56
@ merdeister

Die Definition in dem link kannte ich allerdings nicht.
Schlecht recherchiert von mir...
Ging ebenfalls von Kombi aus "Leser" und "User" aus.

Danke für die Info!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 09.01.2010 um 11:35
Hi cms,

was dir nach dem Abholen der Kinokarten passiert ist, bekommt man ja so oder ähnlich immer wieder mal mit.
Neulich habe ich einen Film gesehen, der sich explizit mit dem Thema "Zivilcourage" (in Deutschland) beschäftigt.
Sehr ernüchternd, nur wenige kommen einem potentiellen Opfer zu Hilfe, obwohl es nach Aussage von Experten oft schon ausreicht, den Täter sehr laut aufzufordern, davon abzulassen.
Und dann per Handy Hilfe zu holen.
So wie du es auch gemacht hast. So wie du es getan hast!
Dem Täter eins in die Fresse zu hauen, empfiehlt sich weniger, da der ja auch bewaffnet sein könnte!

Nein, laut werden, andere drauf aufmerksam machen, das reicht oft schon, um den Täter zur Besinnung zu bringen.

Die Passanten, die in o.g. Versuchen einfach vorbeiliefen, antworteten später, sie hätten nicht gewusst, wie sie helfen sollten und außerdem wäre die Sache sie nichts angegangen.

Meiner Meinung nach ist das ein Nebeneffekt von täglichen Gewaltszenen im TV: hier braucht man auch nichts zu tun, sich nicht einzumischen und kann einfach "weitergehen".

Weil man ja "nicht weiß, wie ich helfen kann". Da tue ich lieber gar nichts, und das spüren auch die Täter, sie haben quasi einen "Freibrief", von den Zeugen brauchen sie keine Gegenwehr zu fürchten. Das wirkt eher ermunternd auf potentielle Täter...

Erst wenn man selber in die Situation gerägt, dass man dringend Hilfe braucht, kann man sich plötzlich sehr gut vorstellen, wie diese Hilfe aussehen sollte.

Traurig.

:(
Feli
merdeister schrieb am 09.01.2010 um 11:41
Silvester hat mein (kleiner) Bruder was auf die Nase bekommen, weil er ein paar "Checker" (benutzte ein anderes Wort) zur Raison rufen wollte, die Knaller in die Menge warfen. Dieser Ruf brachte ihm Schmerz und Lob von seinen Geschwistern ein.
Die Situation wurde dann von den Ortnungshütern (ein kleiner Ort, braucht keine Ordnungshüter) geklärt...
cms schrieb am 09.01.2010 um 13:22
Gabs zu der Sache mit den Gewaltfilmen nicht mal irgendeine Studie? Wie sie ausgegangen ist, könnte ich abe rnicht mehr beschwören. Aber ich denke auch so: Viele tun auch einfach aus Angst nichts.

@merdeister: Das ist allerdings sehr unschön, wenn man dann wirklich eins auf die Nase kriegt. Aua...
merdeister schrieb am 09.01.2010 um 14:16
Das stimmt. Aber es gibt keine bleibenden Schäden außer einem geschwollenen Y-Chromosom :-p
cms
Philosophiestudent, freier Journalist, analoger Photograph, Musiker.
Ort:
München
Mitglied seit:
1 Jahr 28 Wochen
Zuletzt aktiv:
26.07.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 17
Kommentare: 260
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
16:20
Amira Passarge hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:19
gill bost hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:19
dame.von.welt hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:12
Nicklos Luhmann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:12
Amira Passarge hat gerade einen Kommentar geschrieben.
musikfest

 portlet_Boulez.png

Berlinfestival community

portlet-BerlinFestival.png

Portlet_Parabel

portlet_pynchon.png

Freitag-Salon

portlet_salon_100921.png

Aktuelle Ausgabe bestellen
Integriert Euch!

Ausgabe 35/10
02.09.2010

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.20 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion.jpg

probeabo260x120.jpg

Freitag-Buchshop.png

WKA_Powerradio

WKA_portlet_powerradio.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG