Ole Seidenberg - live aus Bangkok
Eigentlich plante ich eine umfassende, mit der Redaktion des Freitag abgesprochene Berichterstattung aus Bangkok, vom hier derzeit stattfindenden UN-Klimagipfel.
Doch wie es die Natur des Bloggens und die Hektik der internationalen Klimaverhandlungen so mit sich bringen: Zeit für eine Absprache blieb mir keine - und die Dringlichkeit des Themas gebietet es, dass ich Euch mit einem alten Nutzeraccount dennoch in Kenntnis setze, was hier passiert.
Rund eine Woche liegt bereits hinter uns bei den UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) Climate Change Talks in Bangkok. Es ist das vorletzte Treffen vor dem Finale in Kopenhagen Ende des Jahres, bei dem ein Nachfolgeabkommen für die nie wirklich umgesetzte Vereinbarung von Kyoto gefunden werden soll und muss.
Wir erinnern uns dunkel: Vor rund 12 Jahren, am 11. Dezember 1997, wurde im japanischen Kyoto das erste juristisch bindende Protokoll verabschiedet, um weltweit den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Am 16. Februar 2005 trat es in Kraft, im Jahr 2012 läuft dessen Wirkung bereits aus.
Die damals vereinbarten Ziele (durchschnittliche Reduktion um 5,2% gegenüber dem Ausstoß-Niveau von 1990) waren und sind gemessen an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen erschreckend niedrig, denn aktuell ist allseits bekannt (und anerkannt), dass wir mindestens 40% Reduktion der Treibhausgase bis 2020 und 80% Reduktion bis 2050 erreichen müssen, wenn wir unter den proklamierten 2 Grad Celsius Erderwärmung bleiben wollen, die als Schwelle zur unumkehrbaren Katastrophe gehandelt werden.
Doch trotz dieses scheinbar lächerlich niedrigen Ziels ist die Vereinbarung bis heute nur von 183 Staaten ratifiziert worden - allen voran fehlen nachwievor die USA, der größte Emittent von Treibhausgasen weltweit - und auch in den aktuellen Verhandlungen fast täglich einer der größten "Spielverderber".
Bedenkt man, dass schon das Kyoto-Protokoll trotz dieser wenig ambitionierten Ziele in der Praxis scheiterte, so neigt man dazu, Reduktionsziele für die eigene Hoffnung auf ein erfolgreicheres Abkommen in Kopenhagen bekannt zu geben.
Dabei lässt sich zwar einerseits mit dem Finger auf die "Fossile des Tages" zeigen, ein Award, mit dem das Climate Action Network täglich die schlimmsten Bremser des Verhandlungsprozesses auszeichnet und der neuerdings auch in Berlin tagtäglich an die jeweiligen Botschaften verliehen wird.
Andererseits ist es ein schlichtweg undurchdringbarer Verhandlungsprozess, bei dem 192 UN-Mitgliedsstaaten mit teilweise mehr als 192 verschiedenen Interessen gemeinsam eine Lösung finden müssen, die die Zukunft der gesamten Menschheit betrifft - mit dem feinen Unterschied, das einige von uns früher und deutlich massiver betroffen sein werden (man denke an die Beben und Tsunamis in Indonesien, Samoa, Tuvalu und den Philippinen allein vergangene Woche) und andere gemessen an den emittierten Treibhausgasen dafür verantwortlich zeichnen (allen voran die so genannten Annex-1 Countries, d.h.: Industrienationen).
Grausame Realität ist: Jene drastischen Unterschiede, die schon für den unterschiedlichen Anteil an Treibhausgasemissionen (Industrialisierung) und die entsprechende Betroffenheit von Auswirkungen des Klimawandelns (mangelnde Entwicklung) gesorgt haben, sorgen jetzt fast im gleichen Maße für die Dominanz einiger Weniger im Verhandlungsprozess.
So ist zwar jedes Land mit einer Stimme vertreten, dennoch hat zum Beispiel Nicole Wilke (deutsche Chef-Delegierte) ein Team von rund 20 Experten hinter sich (laut Interview am 30.09.2009 hier in Bangkok) , während die Delegation der Salomonen Inseln in diesem Jahr nur drei Delegierte schicken konnte, aus schlichtem Mangel an finanziellen Mitteln. Zur Erinnerung: Beim aktuellen Verhandlungsstand werden die Salomonen Inseln voraussichtlich schon Ende des Jahrhunderts nicht mehr existieren.
Was also tun? Was tun als Aktivist? Als interessierter Bürger und Freitag-Leser? Als Teilnehmender vor Ort?
Den vorhandenen Verhandlungsprozess werden wir nicht mehr ändern können - weder ich, der hier vor Ort ist, noch Ihr daheim vorm Bildschirm. Zumindest nicht in seinem Prozedere. Die besprochenen Inhalte und Prioritäten, die hier tagtäglich in Absprache mit der Regierung daheim besprochen werden, können wir alle sehr wohl beeinflussen.
Eine Chance wäre die Bundestagswahl gewesen. Weitere Chancen habt Ihr tagtäglich in Euren eigenen politischen Entscheidungen: Beim Einkauf, beim Konsum, beim Reisen. Euren persönlichen CO2 Fussabdruck könnt Ihr bspw. hier berechnen: Beim WWF Footprint Calculator.
Weiterhin: Informiert Euch! Verfolgt die Verhandlungen hautnah beim Projekt "Adopt a Negotiator" und den "Klimarettern". Beide sind beim Prozess dabei und verfolgen die Verhandlungen und Delegierten mit neuen Mitteln, um den Prozess für Euch so transparent wie möglich zu machen.
Und das Wichtigste zuletzt: Werdet aktiv. Drängt Merkel und Westerwelle zur schnellen Wahl eines geeigneten Bundesumweltministers mit den Oxfam Klimahelden. Und veregsst nicht den International Day of Climate Action am 24.10.2009. An diesem Tag wird es auch bei Euch Aktionen zum Thema geben, live, offline und auf der Straße...
Ich werde weiterhin berichten - so oft ich kann auch hier, ansonsten unter www.adoptanegotiator.org und @adoptnegotiator
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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