Columbus

Händler&Helden mbH

24.12.2011 | 15:47

Adam und Eva ziehen aus

Adam und Eva ziehen aus

Der Bodenseemensch, Wahlsalzburger und Bildhauer Toni Schneider-Manzell (1911-1996), schuf in dreieinhalb Jahren die Bronzetüren zum Westportal des Speyrer Domes. Dort liegen sie seit 1971 in den Angeln, zwischenzeitlich einmal restauriert, weil selbst massive Bronze an Stadtluft und Wetter leidet.

Heilsgeschichte in Bronze

Solche bronzenen Türen beziehen sich auf eine lange Tradition im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa. Sie sind tonnenschwer und immer teuer. Man denke nur an die Türen des Florentiner Baptisteriums, geschaffen von Lorenzo Ghiberti und seinem Vorgänger Andrea da Pontedera, gen. Pisano oder an die Bronzereliefs der Bernwardstür zu Hildesheim aus dem 10. Jahrhundert, oder an die Türen des Augsburger Domes, bei dem man die nach innen versetzten, romanischen Türblätter aus dem 11.Jh. gleich mit dem neuen, äußeren Werk Max Fallers aus dem Jahr 2000 vergleichen kann.

Noch immer ist es eine große Ehre, solch ein Portaltür gestalten zu dürfen und zugleich eine schwierige Augabe, weil die Tradition der Heilsgeschichte die Grenzen für die Interpretation setzt.

Schneider-Manzells Speyrer Türen heben sich ab. Sie sind nicht flach und filigran, auch nicht statuarisch. Es handelt sich nicht um in Blöcke und Rahmen zusammengefasste Miniaturen, die wie die elfenbeinernen Einbanddeckel der Bildhandschriften oder wie Hausaltäre des Mittelalters aus dem hellen Horn wirken. Die Figuren beherrschen die Quadratflächen und haben eine starke eigene Körperlichkeit. Andererseits treten sie nicht, wie das z.B. bei manchen antiken, römischen Reliefs der Fall ist, vollplastisch vor den Reliefgrund.

Sehr lebendig sind sie, diese Tafeln des Toni Schneider aus Manzell bei Friedrichshafen. Die Abstraktion und Vereinfachung, eine Notwendigkeit für diese Aufgabe, geht nicht so weit, die Figuren erstarren zu lassen oder sie zu reinen bildsymbolischen Fomeln zu reduzieren. Adam ist kein Drahtstift mit Penis und Eva kein ergonomisch geformter Zahnbürstenstiel.

Heilsgeschichte als menschliche, vor allem weibliche, Emanzipation vom Übergott

Gott erschuf den Menschen, Mann und Frau, Gen 1, 27, Bronzerelief des Westportals  des Speyrer Domes, von Toni Schneider-Manzell, 1971

Was aber noch mehr fasziniert, ist der erdverbundene Humor in den Tafelfeldern dieser Genesisgeschichte. Besonders gelungen in dieser Hinsicht, so sehe ich es jedenfalls, ist das bei den klassischen Motiven „Gott erschafft Adam und Eva“ und der „Austreibung“ aus dem Paradies.

Vor allem Eva steht selbstbewusst im Feld, die Linke in die Hüfte eingestemmt, während Adam ziemlich unschuldig, aber auch eher kurzsichtig, drein schaut. Sie hält den Apfel beiläufig in der Rechten. Ein wirklicher Sündapfel ist es nicht. - Fast wirkt es so, als spräche sie, über das Folgende schon lange Bescheid wissend, zu ihrem Adam: „Komm´ schon, wenn wir schon abfallen, dann aber aufrecht und mit nicht allzu viel Reue."

Gott schickt Adam und Eva aus dem Garten Eden weg, Gen 3, 23

Die Vertreibungsszene bestätigt diesen Eindruck noch. Eher symbolisch weist die Hand Gottes den Weg aus dem Paradies. Die Schlange liegt direkt darunter ruhig im Geäst. Das ist schon der ganze, konventionelle Bildteil, der die Wiedererkennbarkeit der christlichen Ikonografie sichert.

Aber Eva legt dem Adam, der eher geschlagen wirkt und sich seitwärts fortdrückt, die Linke auf die gebeugte Schulter und schiebt ihn zum Gartentor hinaus. Sie blickt halb zurück, schnippisch, sehr selbstbewusst, den linken Arm zur Abwehr vor dem Gesicht, wie zum Zeichen, nun sei es aber Genug der Mores: „Das hast du nun davon, Herr, du ungeduldiger Gärtner, wenn du den avancierten Abkömmlingen der Biomasse allzu viele Moralpredigten hälts! Wir gehen jetzt ´mal und sind dann lange, lange, bis zum jüngsten Tag, weg.“

Nicht einmal eine Blogverwarnung gab es damals, weil das Urpaar die ewige Edeniquette verletzte, und, oh grausamer, unerbittlicher Gesetzgeber, nicht einmal ein Three strikes-Gesetz hattest du eingeführt! - Wäre Gott nur so grausam wie die Staaten Texas, Kalifornien und Washington heute, dann hätte es unter Umständen sogar für Nachwuchs im Paradies gereicht.

Herzliche Weihnachtsgrüße an die Community, die sich den „Rehab“ der besinnlichen Tage ruhig und gelassen gönnen sollte. Wer dazu immer „No, no, no“, singt, hat es, auch wenn er gut bei Stimme ist, letztlich schwer. Alles Gute für die tapfere Moderation und die Redaktion des dF, allesamt Abgefallene des Stammes Einweg, auf ganz neuen Pfaden wandelnd.

Christoph Leusch

 

 
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Kommentare
Muhabbetci schrieb am 24.12.2011 um 16:30
Ich wollte auch irgendwas zu Weinachten schreiben aber da hat der doofe Sarkozy dazwischen gefunkt :(

Spass beiseite..., Danke für den Artikel.
Wen es interessiert. Im Koran essen beide gleichzeitig von der Frucht. (Ob es ein Apfel war, ich war nicht dabei) :)

So wünsche allen ein Frohes Fest.

Geduld Geduld so schrie er fort
da brach ihm die Geduld, nun ist er fort:)
Columbus schrieb am 25.12.2011 um 16:37
Die Götter müssen erst tausende Jahre zornig sein, bevor sie wissen, was sie am Menschen haben. Immer das Gleiche, ob es nun um die Äpel der Hesperiden geht, oder die Anfangsäpfel (Apfel, Birne, Granat, Pfirsich, Tomate aus der neuen Welt) der Genesis. Herakles konnte die Hesperos-Früchte noch stehlen. Später bekam er, Gipfel der Perfidie der Götter, sein Nesselhemd, während der Angsthase Eurystheus noch viel später ein Übeltäterende fand.

Grüße
Christoph Leusch
Joachim Petrick schrieb am 24.12.2011 um 19:56
@Christoph Leusch

Was ist, wenn die Vertreibung aus dem Paradies von Adam und Eva durch Gott nie stattfgefunden hat, Adam und Eva mit ihren Nachgeborenen weiter im Paradies leben, wir alle in den abrahamitischen Religionen eben nur keinen rechten Begriff mehr vom Paradies haben, in dem wir leben?

Auch ein Frohes Weihachtsfest wünscht aus Hamburg
JP
Hans Hirschel schrieb am 25.12.2011 um 10:48
Vielleicht ist die Sehnsucht nach dem verlorenem Paradies ja nur eine Regression. Nur eine sture Emanzipationsverweigerung aus dem Gefühl der Überforderung heraus - angesichts der unheimlichen Herausforderung, die die weitere Menschwerdung bedeutet. Und Flucht vor der Erkenntnis, dass dies nicht ohne entschiedene Fortschritte in der weiteren Menschheitswerdung zu haben sein wird - an die natürlich beherzt gearbeitet werden muss.

Ich sehe das so: Nach diesen beiden Männern mit Bart aus dem 19. Jahrhundert (Marx & Co) schaffte bekanntlich Arbeit den Menschen und damit die Fähigkeit, das Erkennen guter und schlechter Früchte des Bemühens, einen gesellschaftlichen Nutzen herzustellen (= ein Gut zu erschaffen), schon im Kopfe vorwegzunehmen und entsprechend vorausschauend zu Werke zu gehen - und dabei auch die bisher gewonnenen Erkenntnsse zu berücksichtigen.

Und die Schlange? Marx (oder war es Engels?) verglichen die Mensch(heits)werdung an irgend einer Stelle mit der Entwicklung einer Schlange, der es immer wieder aus der eigenen Haut heraus drängt, nachdem sie ein bestimmtes Stückchen Wachstum hinter sich gebracht hat - sozusagen, nachdem ihre Produktivkräfte an einen Punkt geraten sind, wo sie unvereinbar mit der bisherigen Hülle werden, in der sie bisher vorankamen. Und so werde die werdende Menschheit eines Tages auch die religiöse Hülle abstreifen, die ihr Füreinander bisher zusammenzuhalten schien und die guten Geister nicht mehr mit Gottesanbetung (z.B. auch der Anbetung eines mit eigenem Geist beseelt vorgestellten "Fortschritts") sondern z.B. mittels Zukunftsforschung und bewusster Übereinunft (und dieser erwachsenden Fähigkeit zur Rücksichtsnahme) herbeirufen.

Gruß hh
Columbus schrieb am 25.12.2011 um 16:51
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Joachim Petrick schrieb am 24.12.2011 um 19:56
Hans Hirschel schrieb am 25.12.2011 um 10:48

Das wäre schön, sähen es mehr Menschen so. Das irdische Paradies, welches sich durch (Forschungs-)Tätigkeit erschließt und dann Mensch erhält und weiter bringt.

Allerdings, einerseits ist es so und andererseits wuchsen die menschlichen Mittel, die nun das Paradies bedrohen.

Die Prognose und Projektionsfähigkeit der Gattung halte ich für überschätzt. Daher mein Wunsch, mein Hoffen, es bliebe noch genügend nicht gärtnerisch überformte, unbehauene Natur über. Zumindest müsste die Einsicht so weit kommen, dies als nötig zu erachten.

Bisher ist Forschung, Wissen und humane Kreation, bei aller bewundernswerten Fantasie, in erschreckender Weise auf Reduktion von Möglichkeiten aus, denn das garantiert Sicherheit, Überschaubarkeit, Kontrolle und Produktion, die verkäuflich ist. So, als ob nicht nur im Reich der Gedanken, die Charts universell durchgesetzt werden sollten, sondern auch reale und materielle Ähnlichkeiten mehr geliebt werden (Alle sollen in die Knackwurst beißen), als Differenzen.

Ihnen beiden nochmals ganz herzliche Grüße und
gute Tage

Christoph Leusch
Joachim Petrick schrieb am 25.12.2011 um 17:05
@Hans Hirschel

"Hans Hirschel schrieb am 25.12.2011 um 10:48

"Vielleicht ist die Sehnsucht nach dem verlorenem Paradies ja nur eine Regression. Nur eine sture Emanzipationsverweigerung aus dem Gefühl der Überforderung heraus - angesichts der unheimlichen Herausforderung, die die weitere Menschwerdung bedeutet "

Interessante Erzählung.

Meine Erzählung ist, dass Adam und Eva und nachfolgende Menschheits- Mischpoke nie aus dem Paradies von Gott vertrieben wurde, sondern, wie alle Nesthocker, die sich erst einmal ins Paradies mit klar und festgezurrten Vorstellungen vom Paradies in selbigem einpiepsen, um dann im Nest, sprich im Paradies mit ihrem Mief herum zu stänkern, dass es zum Himmel stinkt, dass sie bei all ihrer hochorganisierten Stänkeritis im Paradies irgendwann vergessen, dass sie im Paradies sind.

Das Ergebnis ist, die Menschheit hat nicht die Vertreibung aus dem Paradiese hinter sich, sondern eigendynamisch organisiert auftrumpfend, scheinbar mondwandlerisch klar, wie zielsicher dunkel , vor sich?
Hans Hirschel schrieb am 26.12.2011 um 00:19
Bin anscheinend missverstanden worden. Der Gedanke war, dass die Sehnsucht nach paradiesischer Unschuld eine regressive Flucht vor der Aufgabe sein könnte, angesichts einiger akuter Herausforderungen (Klimawandel z.B.) entschieden mehr Möglichkeiten zu erarbeiten, zwischen guten und schlechten Früchten der menschlichen Arbeit unterscheiden zu können.

"Die Prognose und Projektionsfähigkeit der Gattung halte ich für überschätzt."

Das verstehe ich allein deshalb nicht, weil Gattungen in meinen Augen weder etwas prognostizieren noch projizieren können. Kern des Problems ist m.E. gerade, dass eine als solche handlungsfähige Menschheit, erst geschaffen werden müsste. Im Pukt "Klimawandel" sind die Prognosefähigkeiten immerhin schon recht ausgereift finde ich.

"Daher mein Wunsch, mein Hoffen, es bliebe noch genügend nicht gärtnerisch überformte, unbehauene Natur über. Zumindest müsste die Einsicht so weit kommen, dies als nötig zu erachten."

Überformung ist nicht gleich Überformung. Wie du weißt, ist der Amazonasregenwald in weiten Teilen eine - in Jahrtausenden gewachsene - Kulturlandschaft aus Waldgärten und entlang von Waldpfaden angelegte Proviantkultureninseln - soweit nicht alles bereits vermöbelt und zu Hackfleisch gemacht wurde oder Soyaplantagen weichen musste.

Aber auch zum Schutz von ganz separaten Selbstorganisationsräumen der Natur wäre die Möglichkeit eines zielstrebig auf diesen Schutz hin ausgerichteten Weltwirtschaftens notwendig. Was im Übrigen den selbstbewussten Auszug aus der einkaufsparadiesichen Unschuld einschließt.

"Bisher ist Forschung, Wissen und humane Kreation, bei aller bewundernswerten Fantasie, in erschreckender Weise auf Reduktion von Möglichkeiten aus...."

Und genau deshalb brauchen wir ein globales Miteinander das auf Basis eines - am Ende weltgemeinschaftlichen - Nachhaltigkeitsmanagements funktioniert.

Gruß hh
Columbus schrieb am 28.12.2011 um 21:27
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Hans Hirschel schrieb am 26.12.2011 um 00:19

Lieber Herr Hirschel,

Da spalten Sie jetzt aber die Worthölzer in ganz feine Späne. Die Bibelsprache sagt schon, Gott verweist das Urpaar aus dem Paradies und meine Wende betont eher den Willen der beiden, sich der Furcht und Angst im gar nicht-paradiesischen Zustand zu stellen. Weltsucht, statt Weltflucht.

Dazu, ganz modern und materialistisch, als Sapiens, eben die Verpflichtung, die Erde so schonend zu behandeln, wie es einem Wesen ansteht, welches eben nicht göttlich ist. Die Gegenthese, auch von Zukunftsforschern vertreten: Der Mensch schafft sich mit dem technologischen Fortschritt eine eigene "Humanosphäre" und weil sie dann komplett von ihm ist, empfindet er sie als lebens- und liebenswert, als seine Natur. In diesem utopischen Zustand braucht es keine Restnatur und die beständigen Komplexitätsreduktionen, werden ganz im Sinne Gehlens als entängstigend erlebt.
Die neue Humanosphäre wäre dann eine widerstands- und lückenlos gestaltet Nova terra.

Materialistisch gedacht geht es nie wieder, jedenfalls so lange es Menschen gibt, zu einem Urzustand der Erde zurück und folgt jemand den großen Glaubenlehren, dann gibt es das Paradies nur aus göttlichem Willen, am Ende der Tage, wenn der Messias kommt, nach dem Gerichtstag.
- Ich weiß gar nicht, welche Vision am Ende mehr Grauen bereit hält. Die religiöse, die an eine Endzeit mahnt, die rein materielle Auffassung, die aus der durchgearbeiteten Natur am Ende ein vollständiges Kunstprodukt macht.

Meine These: Es muss Natur bleiben, um die Differenz überhaupt noch zu verstehen. Die Kunstwelten, jedenfalls jene die bisher existieren und jene zu denen Si-Fi Projektionen entwickelten, sind letztlich zwar menschlich, aber eben unterkomplex. Das könnte bedeuten, dass aus der zunehmenden Einengung der natürlichen Möglichkeiten im Biosystem Erde eine Sackgasse entsteht.

Den indianischen Einfluss in den südamerikanischen Urwäldern überschätzen Sie. Es ist ja eher so, dass die Urvölker am Ökosystem wenig bis nichts änderten, auch an Biomasse wenig bewegten und weder bei der Entnahme, noch bei der Abgabe an das Biom wesentlich ins Gewicht fielen. Das lässt sich ja nun schön an den sofort geänderten Verhältnissen unter der Kolonisation belegen. Paraguay z.B., war bis zur Ankunft und Ausbreitung der Europäer fast völlig bewaldet.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Hans Hirschel schrieb am 06.01.2012 um 23:21
Was das Ausmaß der indigenen Kulturlandschaft Amazoniens betrifft, kann ich aktuell keine Quellen nennen. Clarita Müller Plantenberg berichtete davon in einem Vortrag, den sie Anfang der 1990er Jahre in der Urania hielt. Es gibt allerdings eine aktuelle Ausstellung zu dem Thema. www.vfsoe.de/amazonien/Flyer4Sberlin.pdf und ein von ihr mit herausgegebenes Buch über "Gesellschaftliche Bündnisse zur Rückgewinnung des Naturbezugs"
aus Anlass von 20 Jahren Klimabündnis.
www.uni-kassel.de/upress/online/frei/978-3-89958-788-3.volltext.frei.pdf

Dort findet sich u.a. dieses schöne Zitat

"Die vergesellschaftete Menschheit im Bund
mit einer ihr vermittelten Natur
ist der Umbau der Welt zur Heimat"
Ernst Bloch

Ich würde aber eher von einer "ökohumanistisch vergemeinschafteten menschheit" sprechen, denn (weltweit) vergesellschaftet sind wir ja bereits - nur auf kapitalistische Art als vereinzelte Einzelne.

Vorstellungen einer Umwandlung der Natur in eine reine "Humanosphäre" sind natürlich der ebenso reine Blösinn. Materialistisch gedacht sollte es uns um die Möglichkeit (!) eines ökologisch bewussten Miteinanders auf Basis eines - am Ende weltgemeinschaftlichen - Welt-Ressourcenmanagement gehen.

Das wäre nicht "das Paradies" sondern im Gegenteil das Ende der regressiven Sehnsucht nach einem Leben in Unschuld.
Columbus schrieb am 07.01.2012 um 01:30
Ja, da folge ich Ihnen gerne. Denn auch ich sehe das Bild vom Paradies nicht als Handlungsanleitung, in eine unberührte Natur zurück zu kehren und natürlich wäre mir eine völlige Humanowelt, in der alles aus Zucht und evtl. totem Material besteht, genau so ein Grauen.

Das deutet ja schon der Begriff Widerstand der Natur an. Ist der aber gegen Null gehend, entweder weil man ihn nicht mehr wirklich akzeptieren möchte, in der völlig durchgearbeiteten Welt, oder weil Menschen ihre Fähigkeiten überschätzen, dann geht das bestimmt schief.

Zwei Quellen, die ihre Inselthese stützen, aber auch benennen, wie unsicher die Ergebnisse sind ( news.mongabay.com/2005/1017-amazon.html , news.stanford.edu/pr/92/920212Arc2422.html ).

Wenn ich mir durchlese, was die Archäologie da aufbietet, glaube ich höchstens an viele Millionen Indios über die Generationen und auch an begrenzte Waldnutzung, aber eben nicht an eine intensive Überformung des Hauptteils des Regenwaldes. Der erste Artikel spricht von 0,1-10% des ehemals existierenden Waldes, vor der Kolonisation. Ich denke das ist mit der oberen Grenze etwas zu hoch geschätzt und es widerspricht auch den zahlreichen Schilderungen der Eroberer, die es ja zunehmend schwer hatten, indigene Stämme im tiefen Regenwald zu finden, weil die keine Spuren hinterließen. Man musste praktisch in die Dörfer hinein laufen, um zu wissen, man ist da irgendwo angekommen. Es gibt natürlich geografisch begünstigte Stellen, an den Flussläufen, an denen schon in der Jungsteinzeit relativ mehr Menschen lebten und die Landschaft überformten, aber in einer nachhaltigen Art und Weise. - So, wie in Mitteleuropa artenreiche Landschaften über Jahrtausende durch den Menschen erst kultiviert wurden.

Danke für die Tipps zu Frau Plantenberg.

Liebe Grüße und gutes neues Jahr 2012
Christoph Leusch
DandelionWine schrieb am 25.12.2011 um 11:29
Die mehrfache Betonung auf die linke Hand von Eva finde ich besonders interessant... da die Hände von Adam unberücksichtigt bleiben und nichts tun, was eine Erwähnung wert wäre, gehe ich davon aus, dass die eine seiner Händen christlich-demokratisch war und die andere sozialdemokratisch.
Columbus schrieb am 25.12.2011 um 16:59
Bingo! DandelionWine. Linkshändigkeit, Herz, Mitte links, linksdrehend, s.o. bei Petrick und Hirschel, links gewendet, ist Arbeit. Genau diese linkshändige Frau ist nicht so motivlos plötzlich anders und aktiv. Eher selbstbewusst und gegenüber Gott, allem was Gott genannt wird, werden könnte, schrecklich pragmatisch. Widerstand ist nicht möglich, also gehen wir.
Grüße
Christoph Leusch
Joachim Petrick schrieb am 25.12.2011 um 17:12
@DandelionWine

Während Adam das Wort Gottes hinsichtlich der Apfelwirtschaft als Sache der
"unsichtbaren Hand"
versteht ( s. Adam Smith),
demonstriert Eva ihr Verständnis des Wortes Gottes hinsichtlich der Apfelwirtschaft als
"sichtbare Hand",
die linksgedreht unterwegs zu Adam ist?
DandelionWine schrieb am 25.12.2011 um 21:51
@Columbus schrieb am 25.12.2011 um 16:59

Wieso schrecklich und wieso pragmatisch?
DandelionWine schrieb am 25.12.2011 um 22:01
@Joachim Petrick schrieb am 25.12.2011 um 17:12

Also ich habe, ehrlich gesagt, gewisse Zweifel, ob Eva überhaupt daran interessiert ist, dem Adam die linksgedrehte Äpfel der Weisheit zu verfüttern. Na ja, am Anfang halt schon... aber wenn sie dann im Endeffekt merkt, dass das Zeug bei ihm nicht zieht... ich meine, versuch mal z.B. Streifzug auf die Barrikaden zu schieben, das ist schon ein Stück Arbeit und ich denke mal, es ist viel effizienter, ihn einfach links liegen zu lassen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen... was ist aber ""sichtbare Hand",
die linksgedreht unterwegs zu Adam ist"
?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.12.2011 um 15:37
Lieber Columbus,
recht herzlichen Dank für diesen schönen Hinweis.

Was ich ungemein pfiffig an Schneyder-Manzells Arbeit finde ist doch, dass der Künstler ausgerecht ein Tor wählte, sinnigerweise - schwere Türen: So wie Adam und Eva herausgefunden haben aus einem als zoffenkundig langweilig empfundenen Paradies, so könnten sie auch wieder hineinfinden - nach langen Entdeckungsreisen. Sie sind eben doch nicht verloren gegangen; wollten ein wenig Abwechselung; ein paar gefahrenvolle Umwege ablaufen die beiden, oder?

Das ist nicht ohne Humor! Aber diese Skulpturen an Mittelalterlichen Kathedralen sind ja immer auch theologische Aussage. Das hat dieser Zeitgenosse wunderbar verstanden. Das Sie das an Weihnachten eingestellt haben, stimmt, Atheist hin oder her, fröhlich.

Ich wünsche Ihnen lieber Columbus,
einen guten Rutsch ins neue Jahr und mir als Ihre Leserin, dass Sie weiter so geistreiche Blogs einstellen, wie diesen.

Salut
Ihre
Helena Neumann
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.12.2011 um 16:11
Peinlich! Schneider nicht Schneider-Manzell
Columbus schrieb am 28.12.2011 um 21:52
Also, bei christlichen Kirchen gehen die Auftraggeber auf die Suche nach einem Künstler der zu ihnen passt. Bei den Motiven gibt es da dann eine gewisse Beschränkung, denn die Themen werden religiös vorgeschrieben.

Trotzdem ist der Schneider-Manzell, er verwendete seinen Geburtsort als Namenszusatz, wohl um sich abzuheben von so vielen Schneiders und um seine Herkunft vom Bodensee zu betonen, tatsächlich witzig und abweichend kreativ, in dem er diese Eva selbstbewusster macht, als es die Theologie her gibt.

Bei den mittelalterlichen Skulpturen in Portalgewänden handelt es sich zumeist um Figurenreihen aus AT und NT, um damit eine Analogie der Geschichten herzustellen, also alter und neuer Bund. Z.B. Propheten und AT-Könige und dazu die Apostel. Leben Jesu parallelisiert mit At-Geschichten. Dazu ein paar Standardprogramme, meist am Mittelpfeiler oder im Tympanon, wie Maria mit dem Kind, Weltgericht, Evangelisten, Gott-Christus als Pantokrator, dazu Ecclesia und Synagoge, gute und schlechte Herrschaft und Heiligenlegenden. Später dann, an nicht ganz so prominenter Stelle, Darstellungen der Schöpfungsgeschichte und der damaligen Gesellschaft, durch Bibelstellen in Bildsprache, die Berufe, Stände und Personen verkörpern.

Eva ist hemmungslos pragmatisch. Mit Göttern zu diskutieren, bringt nicht viel, also, Sterblichkeit, Furcht und Zittern, den Schweiß des Angesichts, ertragen, dafür aber auch Liebesfähigkeit, Wahlmöglichkeit und eigene Entscheidungen (Freiheitsgrade) gewinnen.
Adam ist eher der Geschlagene und er steht auch, mit den Händen nach unten, ungelenk und etwas starr da. Er ist der von Gott geschlagene, der es seinem Schöpfer nicht einmal übel nimmt, sondern sich sehr passiv drein schickt. - Das fand ich sehr witzig und gerade zur Weihnacht diskussionswürdig. Gerade weil unsere Weihnacht zur großen Produktionsschlacht wurde, bei der an jedem Tag der Umsatz des Einzelhandels, u.a. im Vordergrund steht, wird an den spärlicher werdenden Ausführungen und den ewig wiederholten Auslegungen der Schrift die Hohlheit deutlich, mit der sich so viele ev. und kath. Geistliche zur Wehr setzen, ohne einmal diesen selbstbewussten Bezug mehr heraus zu arbeiten, der nämlich Gott vom Menschen abhängig macht.

Einen Teil der christlichen Anstrengungslosigkeit erklärte ich bereits mit der ubiquitären Verbreitung der Bekenntnisse, die soziale Stabilität und Einbindung sichern, selbst wenn sich niemand mehr an die gepredigten Glaubeninhalte und ihre Ableitungen hält.
- Ja, es ist ein wenig wie eine Meeresauspeitschung. Letzlich bleibt der Widerstand dagegen ein zweckloses Unterfangen, angesichts der Mehrheitsverhältnisse und aus dem hier erkennbaren "Eva-Prinzip", nämlich Pragmatismus, kann auch Adam lernen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Columbus
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