Columbus

Händler&Helden mbH

02.05.2011 | 13:44

Bin Laden ist tot, zentralasiatische Terroristen kommen ohne ihn aus

Bin Laden ist tot. - Das Netzwerk des zentralasiatischen, radikalislamischen Terrorismus funktioniert längst ohne ihn.

In Usbekistan finden sich nicht weniger radikale Kräfte, ebenso in Belutschistan und Südwaziristan. Die genannten pakistanischen Provinzen sind von grundsätzlich gewalt- und terrorgeneigten Gruppen der Taliban und der Paschtunen durchsetzt, die Madrassas (Religionsschulen) in den Hauptstädten Islamabad, Quetta, Peschawar, Kohat, gelten als geschützte Orte für Radikale, von denen aus sogar der pakistanische Staat und dessen höchste Repräsentanten angegriffen werden.

Vieles an diesem Netzwerk existiert erst gar nicht als fester Zusammenschluss. Nicht einmal feste Kommunikationsleitungen sind noch wirklich notwendig. Zusammenhänge wurden auf Seiten der Terroristen behauptet, um sich auf das Charisma des prominenten Flüchtlings beziehen zu können, oder, um auf der Gegenseite weltweit den Willen der demokratischen Regierungen, sich schärfere Sicherheits- und Überwachungsgsetze geben zu können, zu legitimieren.

 

Polizeiaktion, oder wieder ein Schritt im alten "Great Game"?

Trotzdem ist die Aktion gegen Bin Laden ein großer und begrüßenswerter Gewinn für die Glaubwürdigkeit der USA. Die hat unter Präsident Obama das ursprüngliche Ziel, nämlich den politischen Befürworter und Antreiber der Anschläge vom 11. September 2001 und weiterer Terrortaten davor, wie danach, endlich dingfest zu machen, oder ihn auszuschalten, also eine Polizeiaktion zum Abschluss zu bringen, erreicht.

Eine Sache wird im eher unvorsichtigen und gar nicht angebrachten, lauten Jubel untergehen: Offenbar saß Osama bin Laden in Pakistan auf einem Anwesen, das unmöglich ohne die Einwilligung und Zustimmung des pakistanischen Militärs und des pakistanischen Geheimdienstes ISI, ohne das Wissen hoher pakistanischer Behörden, sein Wohnsitz hätte werden können.

Pakistan erweist sich einmal mehr als zerfallener, zumindest schwacher Staat, der über weite Gebiete (sogar per Gesetz!) die Kontrolle an Stämme und Clans abgegeben hat, bzw. Teile des Staates (Militär, Geheimdienste, Grenztruppen) als eigenmächtige Institutionen existieren lässt.

Einflussreiche Leute (Händler), Provinzgouverneure und radikalislamische Politiker sind dort in ein weitreichendes Geldbeschaffungs- und Korruptionswesen eingebunden, das sowohl die Transportwege für Waren aus und nach Zentralasien, als auch die Drogenhandelswege und Waffengeschäfte mit kontrolliert und die Gewinne aus diesen Geschäften abschöpft. Daraus lässt sich der Terrorismus immer finanzieren. Als letzte Sicherheit existiert weiterhin der stehte Strom an privatem Kapital und Stiftungsgeldern aus dem whabbitischen Saudi-Arabien, dessen Hauptprotektor die USA weiterhin sind. 

 

Die Operation in Abbottabad, ungefähr 100 Kilometer von Islamabad entfernt gelegen, konnte nur ohne Information der pakistanischen Regierung erfolgen, weil dort zu viele Leute nichts Besseres zu tun gehabt hätten, als Bin Laden rechtzeitig zu warnen. - So steht es im eigentlichen Kernland der ganzen Destabilisierung am Hindukusch und Kaschmirgebirge, so sind die Verältnisse in diesem modernen Heart of Darkness, ganz in der Nähe atomarer Sprengköpfe. - Letztere können von den Militärs und Geheimdienstlern dieses Landes weiterhin als Faustpfand ihrer Unabhängigkeit und Unkontrollierbarkeit eingesetzt werden. Denn sie müssen nicht einmal laut damit drohen, ihr Wissen und ihre Möglichkeiten einfach nur über irgend eine weißgetünchte Mauer irgend einer der zahlreichen Luxuseinfriedungen, weiter zu reichen.

Christoph Leusch

 

 
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Kommentare
paulart schrieb am 02.05.2011 um 14:19
Was der Tod Osama bin Ladens für den weltweiten Terror bedeutet, sollte weder unter- noch überschätzt werden.

Auch ich glaube, dass die verschiedenen extremistischen Netzwerke unabhängig voneinander agieren können. Ja, vielleicht war das sogar Osama bin Ladens Gedanke: Eine zentrale Figur sei einfacher auszuschalten als diverse autonome Gruppen.

Andererseits darf man den "Märtyrer" Bin Laden als "Symbol" nicht unterschätzen. Er war es, der den Amerikanern und der weiteren "westlichen Dekadenz" den Krieg erklärte. Und er war wohl auch - bis zuletzt - der Kopf der "al-Qaida".
Columbus schrieb am 02.05.2011 um 18:10
ad paulart schrieb am 02.05.2011 um 14:19

Stimmt. Symbolfigur bleibt er. Aber wohl nur für die böswilligen und terroristischen Kräfte, nicht für den modernen Islam, der derzeit überall einen Aufschwung erlebt.

Die Menschen wollen endlich etwas haben, von ihrem Glauben, von ihren politischen Führern und von den Kulturen in denen sie leben und auf die sie stolz sein wollen. Staub, Steine, Blut und Tod reichen nicht mehr und "Helden" (m/w) gelten nur noch etwas, wenn sie sich für produktive Dinge wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Mitbestimmung, wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung einsetzen. Das ist eine Botschaft an alle Bombenwerfer und Terroristen, dass selbst die Muslime erleichtert aufatmen, von diesen Geißlern der Menschheit befreit zu sein.

Dort, wo das lange behindert wird, wo sich Cliquen bereichern, wo Leute nur ihre Macht durch Tötungen anstreben und erlangen, blüht der Zerfall und die Armut. Pakistan ist seit mehreren Jahrzehnten nahe am Abgrund und Afghanistan ein ganz unrühmliches Vorspiel dazu.

Hoffentlich denken auch in Washington die politisch Verantwortlichen nicht nur an die anstehende Wahl. Obama hat nun Handlungsspielraum durch einen angestrebten Glücksfall zurückgewonnen. Er kann wieder strategisch denken und sollte die Chance nutzen, sich für die selbstständigen und unabhängigen Befreiungsbewegungen in der muslimischen Welt mehr einzusetzen.

Meine Meinung: Die nächste schwere Krise droht trotzdem nicht mehr aus dem Bereich des hochgeschriebenen Nord-Süd, Westen-Islam Konfliktes, nicht aus dem Clash of Civilizations, sondern aus der derzeit gerade neu entstehenden Hausse am Finanzmarkt und dem Ressourcenproblem.

Der doppelte Boden, nämlich Staatsgarantien für die windigen Spekulationen privater Finanziers und Sicherungsfonds für notleidende Staaten auf die auch noch privat spekuliert werden kann, reicht nämlich dann nicht mehr aus.

Buchempfehlung:

Wer etwas Fundiertes zum Hintergrund Pakistan-Afghanistan-Zentralasien und Terrorismus lesen möchte, dem empfehle ich
Ahmed Rashid, Taliban, Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch, bsr 1958, München 2010, ca. 15,- €

Die akutalisierte und korrigierte deutsche Ausgabe verdeckt durch den Titel ein wenig wie weitgefasst und sehr detailreich die Darstellung ist, die die ganze Region abdeckt und die historischen, sozialen, politischen und religiösen Hintergründe ausleuchtet. Dazu gibt es Kartenskizzen und eine gute Aufstellung zur Organisationsstruktur der Taliban, sowie eine Chronologie der Geschehnisse bis 2009. Ausführlich wird auch der Hintergrund Öl-und Gaspipelines abgehandelt.

Bezüglich der Al-Qaida berichtet BBC-News aktuell zu den verbleibenden "Persönlichkeiten" des Netzwerks:

www.bbc.co.uk/news/world-south-asia-11489337

Das ist journalistische Schweißarbeit im besten Sinne, ganz ohne viel Schwafelei.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Columbus
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